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Pyrotechnik legalisieren!?

Wohl inspiriert von der österreichischen Kampagne „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ gibt es nun auch in der BRD eine Kampagne für die Verwendung von Pyrotechnik in den Stadien. Informationen und massig Fotos gibt es auf pyrotechnik-legalisieren.de.

Dass unter den Unterstützer_innen auch wieder reichlich unsympathische rechtsoffene Gruppen sind, dafür aber etliche namhafte linke Ultragruppen fehlen, war natürlich klar. Im Grunde zeichnet sich das gleiche Bild wie bei der Fandemo vor ein paar Monaten. Wer also kein Problem damit hat für eine im Grunde gute Sache notfalls auch mit Nazis, Männermobs und anderen reaktionären Spinner_innen zu kämpfen, kann sich hier gerne beteiligen…

Männermob für Männerkultur

In der aktuellen Jungle World findet ihr einen Artikel zur Demo „Zum Erhalt der Fankultur“ in Berlin am vergangenen Wochenende. Den ganzen Artikel findet ihr [hier] und hier gibt’s einen Appetithappen:

Für Samstag hatten die drei großen Fanorganisationen Pro Fans, Baff (Bündnis aktiver Fußballfans) und Unsere Kurve zu einer Demonstration »zum Erhalt der Fankultur« aufgerufen. Insgesamt kamen mehr als 4 000 Fußballanhänger nach Berlin, um nach Vereinen sortiert unter anderem gegen personalisierte Tickets, Verbote von Fanutensilien und Choreografien sowie eigener Fanzines zu protestieren.

Doch ebenso interessant wie die Frage, wer alles da war, war auch die, wer aus welchen Gründen nicht gekommen war. Gleich mehrere Ultragruppierungen hatten öffentlich angekündigt, nicht an der Demonstration teilzunehmen. So erklärten etwa Ultras aus Leverkusen, Ahlen und Mönchengladbach, dass sie es scheinheilig fänden, in Berlin gemeinsam mit Gruppen auf die Straße zu gehen, von denen sie erst vor kurzem noch angegriffen und beraubt worden seien. Auch auf der Demonstration selbst war die Gewalt in der Ultraszene eines der großen Themen. So forderte ein Vertreter der Herthaner Ultragruppe Harlekins in seinem Redebeitrag von den Anwesenden, mehr Verantwortung zu übernehmen und einen Selbstreinigungsprozess einzuleiten. Ähnlich äußerte sich auch Steffen Toll, der Pressesprecher der Demonstration. Für die Absage einzelner Gruppen äußerte er Verständnis, doch würden viele der anwesenden Gruppen deren Kritik im Grunde teilen. Es scheint jedoch mehr als wahrscheinlich, dass gerade die Absagen einiger Gruppen sehr dazu beigetragen haben, szene­interne Diskussionsprozesse in Gang zu setzen…

Bestes Transpi auf der Fandemo!

Die Saarbrücker_innen aus der Virage Est haben da wirklich einen feinen Rip Off des alten SSD-Covers hingelegt. Respekt!

Diskussionsveranstaltung zur Fandemo in Berlin

Es gibt mal wieder eine interessante Veranstaltung anzukündigen. an diesem Freitag, dem Vorabend der Fandemo in Berlin, findet im „We save TeBe“-Büro eine Diskussionsveranstaltung zu eben jenem Thema statt:

Am 9. Oktober wollen Fußballfans aus der ganzen Republik, viele von ihnen Ultra-Gruppierungen zugehörig, in Berlin auf die Straßen gehen, um für „den Erhalt der Fankultur“ zu demonstrieren.
Die OrganisatorInnen verweisen in ihrem Aufruf zum einen auf eine zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs, wie sie sich unter anderem in überteuerten Ticketpreisen und fernsehfreundlichen, aber fanunfreundlichen Anstoßzeiten ausdrückt, zum anderen thematisieren sie Repressionen seitens der Vertreter der Verbände und der Polizei, die sich unter anderem in willkürlichen Stadionverboten zeigt.

Offen bleibt allerdings die Frage danach, was mit „Fankultur“ eigentlich gemeint ist, ob es einen solchen gemeinsamen Nenner der vielen verschiedenen Fan-Szenen überhaupt geben kann.

Nicht zuletzt nach sich häufenden Vorfällen in den letzten Monaten und Jahren, bei denen TeBe-Fans immer wieder von körperlicher Gewalt, Antisemitismus, Homophobie und ähnlichem betroffen waren, hat sich eine gewisse Skepsis breitgemacht. Denn inwiefern die teilnehmenden Gruppen der besagten Demonstration in der Lage sind, neben den berechtigten Kritikpunkten auch Selbstkritisches anzubringen, bleibt aus der Sicht vieler TeBe-Fans fraglich. Sie haben deshalb angekündigt, nicht an der Demonstration teilnehmen zu wollen.

In unserer Diskussionsveranstaltung am Vorabend der Demonstration soll es deshalb darum gehen, Differenzen aufzuzeigen und die verschiedenen Arten zu diskutieren, wie man Fußball genießen und zelebrieren kann – ohne eben diese Differenzen in einem schwammigen Begriff von „Fankultur“ untergehen zu lassen, der häufig genug mit „Ultrá“ gleichgesetzt wird.

Kann es so etwas wie eine gemeinsame „Fankultur“ mit anderen Gruppen geben?

Über dieses Thema möchten wir mit unseren Diskussionsteilnehmern sprechen. Dazu haben wir u.a. einen Vertreter von BAFF (Bündnis aktiver Fußball-Fans) sowie von der Bremer Ultra-Gruppierung „Infamous Youth“ eingeladen, weitere Gäste sind angefragt.

Wo: Im Büro der Fan-Initiative „We save TeBe“ in der Haeselerstr. 20 in 14050 Berlin-Charlottenburg
Wann: Am Freitag, den 8.10. um 19 Uhr

Für den Erhalt der Fankultur demonstrieren?

Am 09.10.2010 soll in Berlin eine Demonstration für den „Erhalt der Fankultur“ stattfinden. Neben diversen Fangruppen stehen mit BAFF, Pro Fans und Unsere Kurve auch drei große Fanbündnisse hinter der Demonstration. Ein Blick in und um die Stadien der Republik lässt dieses Anliegen sehr wohl äußerst dringlich erscheinen. Überwachungskameras und Polizei überall, Drangsalierung von Auswärtsfans bis hin zu krasser Reduzierung des Kartenkontingents (wie beim Spiel St. Pauli – Hansa Rostock letzte Saison) und Stadionverbot auf bloßen Verdacht hin liefern ebenso Anlass zu legitimer Aufregung wie die immer stärkere Zerstückelung der Spieltage, die zu immer fanunfreundlicheren Anstosszeiten führt. Die gerade im Vorfeld der möglichen Regionalligareform wieder hochkochende Aufregung über die vielen Reserveteams in den nächsthöheren Ligen unterhalb der Zweiten Bundesliga und die generell schwer zu wuppenden finanziellen Anforderungen der Regionalligen, der immer wieder auch recht prominente Vereine wie zuletzt Tennis Borussia Berlin, Rot-Weiss Essen oder der SV Waldhof Mannheim zum Opfer fallen, tun ihr Übriges zum generellen Unwohlsein der Fußballfans in diesem Land. Grund genug also, um die Wut auch mal nicht nur in die Kurven, sondern auch auf die Straße zu tragen. Wenn mensch jedoch etwas näher hinsieht, lässt sich erkennen, dass auch hier lange nicht alles Gold ist. Ein Blick auf die Unterzeichner_innen des Aufrufs genügt, um einer_m einen Schauer über den Rücken zu jagen.

Dass das Logo von Unsere Kurve schwarz-rot-gelb ist, mag vielleicht keine böse Absicht sein, ist aber dennoch gerade in Verbindung mit dem Wort „unsere“ echt widerlich. Wirklich schlimm wird es aber erst auf Fangruppierungsebene. Da wären zum einen die Beckumer Jungs, die sich in ihrem Selbstverständnis explizit gegen Politik im Stadion aussprechen und allen Ernstes extra darauf hinweisen, dass die „Rot-Weissen“ aus Ahlen“ ihre „Feinde“ sind. Auch Collettivo Wuppertal stellen fest: „Mit Politik haben wir nichts am Hut.“ Mit an Bord sind auch die Harlekins von Hertha BSC, die in einer Erklärung vom 04.06.2010 sogar zugeben, dass einige von ihnen zumindest indirekt am Überfall auf den TeBe-Truck beim Karneval der Kulturen in Berlin-Kreuzberg beteiligt waren. Überhaupt fällt auf, dass viele der Gruppen eine auffallende Offenheit für „traditionelle Rivalitäten“ und Fanfeindschaften pflegen. Ein Klicken durch die jeweiligen Fotogalerien zeigt neben schönen Fahnen, Doppelhaltern und Choreographien auch immer wieder vor allem eines: Horden junger, weißer Männer (gerne auch Oberkörper frei) beim Aufgehen in der Masse. Dass sich gleich mehrere der aufrufenden Gruppen Namen mit explizit männlichen Namensteilen wie „Boyz“, „Brothers“ oder „Jungs“ geben passt da wie Arsch auf Eimer. Was ist also diese Fankultur zu erhalten gilt?

Das allermeiste, was im Aufruf zu der Demonstration geschrieben wird, ist sehr richtig oder zumindest nicht weit entfernt von der Wahrheit. Was jedoch fast vollkommen fehlt, ist die Selbstreflektion, die Beschäftigung mit den Ursachen all der Repression. Nirgendwo ein ehrliches Wort davon, dass viele – wenn auch bei weitem nicht alle – Stadionverbote vollkommen zurecht verhängt werden, weil sie sich eben gegen wirkliche Gewalttäter_innen richten, die aus bescheuerten Motivationen heraus Menschen, die einfach nur andere Fußballteams als sie selbst gut finden, angreifen. Auch die starke Polizeipräsenz stellt bei vielen Spielen keine Repression, sondern eine traurige Notwendigkeit dar. Wenn in Rostock oder Magdeburg sich nicht Hunderte Cops zwischen die heimischen Fans und jene des gastierenden FC St. Pauli gestellt hätten, wären beide Seiten mit Dutzenden Schwerverletzten wahrscheinlich noch gut bedient gewesen. Ähnliches gilt für jedes Aufeinandertreffen von TeBe und BFC Dynamo, Nürnberg und Bayern, Schalke und BVB, Bremen und dem HSV, Lok Leipzig und Dynamo Dresden. Wer hier von bösen Polizist_innen und guten Fans redet, verschließt die Augen vor der Realität. Der Kern des Problems sind nicht ein repressiver Polizeiapparat (den es zweifelsohne gibt) oder irgendeine Verschwörung gegen Fußballfans (die es zweifelsohne nicht gibt), sondern die Tatsache, dass in fast jedem größeren Stadion des Landes gruppenweise junge Männer rumhängen, die bereit sind sich „für ihren Verein“ zu prügeln. Die Polizist_innen der Bereitschaftshundertschaften würden sicher tausendmal lieber am Wochenende frei oder nur Bereitschaft haben, als immer und immer wieder stumpf besoffene, identitär lokalpatriotische Männerhorden auf dem Weg zwischen Bahnhof und Stadion davon abzuhalten allen, die andersfarbige Schals tragen auf’s Maul zu hauen. DAS ist leider auch Teil der gegenwärtigen Fankultur!

Ein Demoaufruf, der sich nicht explizit zu diesem Problem positioniert, sondern sich mit einem einzigen floskelhaften Satz zum Thema begnügt und der von Gruppen unterzeichnet wird, die Teil dieses Problems sind, muss notwendigerweise zu kurz greifen. Auch die Kritik an den zugegebenermaßen teilweise wirklich beschissenen Anstosszeiten lässt außer Acht, dass der Aufstieg der allgegenwärtigen Fußballliveübertragungen in ursächlichem Zusammenhang mit dem Hooliganproblem der 1980er Jahre steht. Weil damals viele Stadien für alle nicht gewaltaffinen Fußballfans immer unattraktiver wurden, entstand ja gerade erst der Markt von Leuten, die sich das ganze lieber zu Hause vom sicheren und gemütlichen Sofa aus ansehen wollten. Im Übrigen sind Fernsehübertragungen ja nichts prinzipiell Schlechtes. All diejenigen, die nicht genug Geld haben, ihren Leib- und Magenverein bei jedem Spiel live zu supporten, werden sicher genau wie ich glücklich darüber sein, dass sie so wenigstens in einer Kneipe ihrer Wahl zusammen mit Gleichgesinnten die Spiele ihres Teams verfolgen können. Dieses gemeinsame Fußballgucken in der Kneipe, im Pub oder im Clubheim ist eben auch Teil des Fußballkultur und nicht der unwichtigste.

Natürlich muss sich etwas ändern an der Fußballlandschaft. Natürlich muss Polizeigewalt endlich geahndet werden (wozu eine individuelle Kennzeichnung der Beamt_innen sicher beitragen würde). Natürlich sollten Fanbelange im Fußball keinen nachrangigen Status haben. Natürlich sollten Fans das Recht haben jede Form von Fahnen oder Transparenten (sofern sie nicht menschenfeindlich sind) verwenden dürfen. Aber auch gerade hierzu wird sich in dem Aufruf nur unzureichend positioniert, wahrscheinlich weil mensch es sich sonst mit den vielen ach so unpolitischen Fangruppen verscherzen würde. Für mich persönlich ist es ein Problem, wenn bei Fußballspielen keine politischen Statements wie Antifafahnen, Transpis mit politischen Inhalten oder auch „Good Night White Pride“-T-Shirts erlaubt sind. Wenn ich zu einem Fußballspiel gehe, gebe ich doch nicht mein politisches Bewusstsein an der Kasse ab. Und wenn wie an diesem Samstag beim Spiel von TeBe in Torgelow zur gleichen Zeit Nazis durch Dortmund und Islamist_innen durch Berlin marschieren, dann möchte ich auch das Recht haben, dazu meine Meinung zu äußern. Im Stadion genauso wie außerhalb des Stadions. Wer solche Meinungen zensiert mit dem Verweis darauf, dass Fußball und Politik nichts miteinander zu tun hätten oder haben sollten, der_die handelt damit explizit politisch! Und zwar im Sinne einer antiemanzipatorischen, dem Weg zu einer freieren Gesellschaft entgegenstehenden Sinne…

Wer identitäre Ultragruppen mit Nachwuchsorganisationen, oftmals hierarchischen Strukturen und fast genauso oft latenter bis expliziter Rechtsoffenheit zu Verhandlungspartner_innen in einer Diskussion um Fanbelange macht, macht einen der Böcke zum Gärtner. Ultra ist nicht die ganze Wahrheit. Die Mehrheit des Fans tickt anders und hat dementsprechend auch weit weniger Probleme mit Polizei und Repression. Viele von ihnen werden sogar dankbar sein, dass die Polizeibeamt_innen für sie die Köpfe hinhalten, wenn mal wieder „paramilitärische Supporteinheiten“ auf sie zustürmen. Die allermeisten Polizist_innen stehen mir wahrscheinlich auch sowohl politisch wie menschlich näher als das Nazigesocks, das in vielen Kurven zwischen Cottbus und Dortmund geduldet wird. Fankultur an sich ist nichts Erhaltenswertes. Vielleicht wäre es sinnvoller für eine andere Fankultur zu demonstrieren, als für den Erhalt einer Fankultur, an der viel zu vieles Scheiße ist…

Für eine Fankultur ohne Gewalt, identitäres Rumgeprolle und Mackertum!
Für pro-queere, antifaschistische Kurven, in denen und von denen niemand diskriminiert wird!
Für Auswärtsfahrten, die keinen Polizeischutz brauchen!
Für eine Fankultur, für die zu demonstrieren, sich lohnen würde!

Red Bull verleiht Prügel!

Im Großraum Halle-Leipzig hat es mal wieder eine schöne Aktion gegeben. Die fiktive Ultragruppe von RB Leipzig hat schwer bewaffnet das Stadion des Hallischen FC geentert und wild gepost. Zur Belohnung gibt’s ein sehr gelungenes Interview in der Jungle World, das hier in einigen Auszügen zitiert werden soll:

Die Kampagne vereint so verfeindete Fanszenen wie die eher linken Anhänger der BSG Chemie Leipzig und die – vorsichtig formuliert – nach rechts ziemlich offenen Fans des 1. FC Lokomotive Leipzig sowie des Halleschen FC. Was die Ressentiments gegen RB Leipzig so widerwärtig macht, ist vor allem der gegen diesen Verein gerichtete Heuschrecken-Vergleich und die dazu gehörige Rhetorik…

Sieht man sich außerdem das klassische Publikum etwa des HFC oder von Lok Leipzig an, so braucht es einem nicht leid zu tun, wenn es sich auf ewig Spiele in Auerbach oder Meuselwitz anschauen muss…

… zumal wir die friedliche, familientaugliche Atmosphäre bei RB Leipzig sehr viel angenehmer finden als die wöchentlichen Räuber-und-Gendarm-Spiele im Umfeld der »Traditionsvereine«. Und dass Kommerz und Fußball nichts miteinander zu tun haben, war vielleicht noch in den dreißiger Jahren so…

Das wären Gründe dafür, privat und unorganisiert ins Stadion zu gehen, ganz ohne schwarze Kapuzenjacken, Jugendorganisationen, Capos und Banner mit Gruppennamen – und ohne die Angst, von anderen Ultragruppen überfallen und ausgeraubt zu werden. Leidenschaft als Programm und das »Verteidigen der eigenen Farben und des eigenes Reviers« finden wir nicht besonders ansprechend…

Dem ist wenig hinzuzufügen. Außer, dass ich die Idee mit „Für den modernen Fußball“ als Erste_r hatte! ;)

rbl