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Die FDP und die „Einheitsliga“


Es ist mal wieder Wahlkampf in Berlin und nicht nur die NPD versucht mit unwahrscheinlich bescheuerten Plakaten zu punkten, auch die FDP hat wohl mal wieder ein paar Flitzpiepen mit der Konzeption ihrer Wahlplakate beauftragt.

Klar, die gelbe Spaßpartei muss dick auftragen, denn momentan weist alles darauf hin, dass sie nicht wieder ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen wird. Auch in Mecklenburg-Vorpommern zwei Wochen zuvor stehen die Chancen schlecht. Nach dem Höhenflug, der sie bis in die Regierung getragen hat und die Möllemannschen 18% beinahe greifbar erscheinen ließ, ist die Partei gerade mit Volldampf auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Eigentlich war es ja auch schon immer äußerst merkwürdig, dass mehr als 5% eine Partei wählen, die ganz explizit Politik im Interesse von deutlich weniger als 5% der Bevölkerung macht. Dahinter konnte nur geschicktes Marketing stecken. Das und eine gehörige Portion Verrat an liberalen Idealen…

Neben einem mehr als nur subtil fremdenfeindlichen Plakat, das von Schrippen und Croissants spricht und dabei nichts anderes meint als „Die Ausländer sollen sich gefälligst anpassen!“, gibt es noch ein anderes Plakat, das inhaltlich ziemlich fragwürdig erscheint. Auf diesem erklärt die Partei, sie sei gegen die „Einheitsschule“ wie sie auch beim Fußball gegen eine „Einheitsliga“ wäre. Dabei geht es mir weniger darum, dass ein mehrgleisiges Schulsystem nicht eben gut zu den ursprünglichen liberalen Werten und Idealen von gleichen Rechten und Chancen für alle passt. Dass die FDP mit derlei Menschlichkeiten nichts am Hut hat, ist ja landläufig bekannt. Es geht mir viel mehr darum, dass die FDP den Fußball offenbar für ein adäquates Gesellschaftsmodell hält.

Die FDP findet also offenbar, dass in einer Gesellschaft, in der eigentlich alle das gleiche Spiel spielen, diejenigen in unteren Spielklassen für höchstens eine kleine Aufwandsentschädigung auflaufen sollten, während diejenigen in der Bundesliga mit Fug und Recht ein Vielfaches dessen für die gleiche Tätigkeit bekommen. Sie findet demnach auch, dass es richtig ist, wenn ein Teil der Gesellschaft kommerziellen Vermarktungsinteressen untergeordnet wird, während der Großteil der Beteiligten nicht die geringste Chance hat, an den daraus gezogenen Profiten teilzuhaben. Vielmehr sollten diese, während sie in unteren Klassen selbst gegen den Ball treten, die Profis in den höheren Ligen sogar noch finanzieren, indem sie Geld dafür bezahlen ihnen bei ihrer Tätigkeit zusehen zu dürfen.

Ganz einfach ausgedrückt: Was die FDP möchte, ist eine Gesellschaft, in der oben sehr viel mehr verdient wird als unten und in der diejenigen, die unten sind, dieses Mehr für die, die oben sind, erwirtschaften. Das ist doch wenigstens mal ehrlich!

Dass die FDP alles strikt und erbarmungslos hierarchisch und nach dem Leistungsprinzip ausrichten möchte, dürfte niemanden wundern. Dass sie jedoch wirklich für eine strikte Geschlechtertrennung eintritt, wie es ihre Allegorie logischerweise nahelegt, scheint ihr dann doch nicht so ganz zuzutrauen. Wahrscheinlich haben die Verantwortlichen in der FDP wie so oft und eigentlich fast immer nicht richtig nachgedacht. Dann wären sie ja aber auch wahrscheinlich gar nicht mehr bei der FDP…

Fußball muss wie Plenum sein!?


Fußball ist und bleibt in meinen Augen die beste und interessanteste Teamsportart der Welt. Was an ihm stört ist eigentlich nur eins: Die sogenannte Fankultur.

Es ist nichts oder wenig dagegen einzuwenden, wenn Menschen für ein oder mehrere Teams eine besondere Sympathie pflegen und versuchen möglichst häufig die Spiele des- bzw. derselben zu verfolgen. Problematisch wird es offenbar erst, wenn dies in Gruppen passiert.

Fußball, zumindest Männerfußball, wird noch immer mehrheitlich von Männern geguckt. In organisierten Fankreisen ist ihre Dominanz sogar noch größer als beim Rest. Wie sich Männer in größeren Gruppen verhalten, zumal wenn dann noch Alkohol am Start ist, ist weithin bekannt. Jeder scheiß Junggesellenabschied und jeder bekackte Vatertagsausflug sind mahnende Bilder des Schreckens. Männergruppen unter Alkoholeinfluss sind in den allerseltensten Fällen erträglich, selbst wenn sie aus an sich vollkommen sympathischen Individuen bestehen. Solange sie dabei unter sich bleiben, ist das auch völlig in Ordnung bzw. ihr Bier. Im Fußballstadion und auf dem Weg dahin und von da zurück, wird mensch dann allerdings fast zwangsläufig mit ihnen konfrontiert und kann dabei zusehen wie Hemmschwelle und Niveau um die Wette purzeln. Der nette junge Mann, der eben noch eloquent über Adorno parlierte, beschimpft dann plötzlich den Schiedsrichter als Hurensohn, und der Typ mittleren Alters mit dem Schal von Anno Dazumal brüstet sich mit Heldengeschichten von als der Schal noch neu war und alles viel echter und gefährlicher und besser sowieso. Er sagt „Scheiß Kommerzialisierung!“ und meint damit wahrscheinlich steigende Bierpreise…

Bei Heimspiel lässt sich all dem auch häufig noch entgehen. Auf Auswärtsfahrten sieht es aufgrund der meist notgedrungen gemeinsamen An- und Abreise und der in vielen Stadien nicht eben geräumigen Gästeblocks meist etwas anders aus. Vor allem die Rückreise ist meist nur ein einziger Alkoholexzess mit einer Extraportion Niveaulimbo. Entweder muss der Sieg gefeiert werden oder die Niederlage verdrängt oder das Unentschieden… ja was eigentlich? Das Geld, das bei einem durchschnittlichen Fünft- oder Sechstligisten vom Anhang rund um die Spiele des Teams in Bier investiert wird, dürfe locker ausreichen um einen regionalligatauglichen Kader zu finanzieren. Aber vielleicht wäre das auch scheiß Kommerzialisierung…

Da all das noch nicht kacke genug ist, kommt oben drauf noch mal ein großer Haufen Gewalt und Identitätsgeprolle. Bei fast jedem Verein, der irgendwie relevant ist, finden sich Menschen (fast nur Männer komischerweise…), die bereit dazu und oft sogar regelrecht geil darauf sind, sich für ihren Verein zu kloppen. Archaischen und vormodernen Konzepten wie „Ehre“ folgend verteidigen sie mannhaft ihren Verein, dessen Farben, ihre Stadt, ihren Stadtteil, ihr Bundesland, ihr Land oder was auch immer sonst grad zu verteidigen ist. Schals und Banner zocken und an Zäunen verbrennen ist da schon lange nicht mehr das Ende der Fahnenstange. Die Fans des BFC Dynamo haben gerade mal wieder gezeigt, wie toll sie im Stürmen von Gästeblocks sind und darin wahllos alles zu vertrimmen, was ihnen vor die Flinte kommt, während sich Ultras des Halleschen FC und Eintracht Frankfurts darum battleten, wer denn jetzt martialischer sei. Von Hallenser Seite wurde das Ganze natürlich wie üblich noch mit einer ordentlichen Portion Antisemitismus gewürzt… Offenbar sind sogar extra Leute aus Halle nach Frankfurt gefahren, um dort ein Eintracht-Graffiti zu crossen. Die Botschaft ist angekommen. Frankfurter Ultras fühlten sich provoziert und mackerten zurück. Es ist immer dasselbe. Ehre, Treue, Fahneneid… Beim Fußball hört es mit der Aufklärung halt auf und das Patriarchat zeigt allen progressiven Ansätzen den Mittelfinger. Wieso regen sich hierzulande eigentlich Menschen ernsthaft über „Ehrenmorde“ auf, wenn das beschissene Konzept „Ehre“ bei der Sportart Nummer 1 hierzulande offenbar auch noch immer wichtig genug ist, als dass Menschen bereit sind dafür Gewalt anzuwenden?

Dieses verkackte identitäre Rumgeprolle nervt mich zutiefst und verdirbt mir regelmäßig jeden Spaß am Fußball. Vielleicht sollte ich dankbar dafür sein, weil mir so mehr Zeit für Wichtigeres bleibt (Kochen, Wolken Zählen, Zehennägel Lackieren…), aber irgendwie fällt es mir schwer diese Dankbarkeit aufzubringen…

PS: Natürlich ist körperliche Gewalt als Form bewaffneter Kritik vollkommen legitim, wenn sie sich gegen Nazis, Rassist_innen, Sexist_innen, Antisemit_innen, homophobe Hackfressen oder ähnliches richtet, aber halt weil sie menschenverachtende Ideologeme verbreiten und nicht weil sie den falschen Schal tragen…

Union Berlin-Präsident war bei der Stasi


Wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, läuft Gefahr hinaus zu fallen. Das ist eine ebenso alte wie wahre Weisheit. Das bekam jetzt auch Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union Berlin, zu spüren. Sein Verein umgibt sich seit langem mit einer Aura vermeintlicher Andersartigkeit und legt Wert darauf, zu DDR-Zeiten eher oppositionell gewesen zu sein. Da ist mit ziemlicher Sicherheit auch etwas dran. So gibt es viele Geschichten und Geschichtchen über Kontakte von Union-Fans zu Hools der West-Berliner Hertha und auch polizeiliche Berichte über Ausschreitungen und Provokationen. So richtig ins Bild passen mag es da nicht, dass Zingler, wie verschiedene Zeitungen berichteten, seinen Armeedienst ausgerechnet beim Wachregiment des Ministeriums für Staatssicherheit abgeleistet hat.

Nun wäre es nicht wirklich fair, ihm daraus einen Strick zu drehen. Immerhin waren nicht wirklich wenige Menschen irgendwie mit der Stasi verzwurbelt. Im Schnitt kam auf 180 DDR-Bürger_innen ein_e hauptamtliche Stasimitarbeiter_in. Hinzu kommt noch eine beständig im sechsstelligen Bereich liegende Zahl informeller Mitarbeiter. Dass es da immer wieder, wie zuletzt mehrfach in Brandenburg, zu Stasi-Outings kommt, ist nicht verwunderlich. Noch weniger, da die selbsternannte Mitte der Gesellschaft in der DDR gerne etwas sieht, was fast genauso schlimm wenn nicht schlimmer war als der Nationalsozialismus. In einem solchen gesellschaftlichen Klima die eigene Stasi-Vergangenheit einzuräumen verlangt schon Mut… Außerdem ist Zinglers Argumentation, er sei eben jenem Armeeteil nur beigetreten, weil er andernfalls nicht in Berlin hätte bleiben können, was für ihn, der damals schon Union-Fan war, die Hölle gewesen wäre, jeder_m Fußballfan eigentlich einleuchten sollte.

Was sich aus der Geschichte jedoch lernen lässt, ist, dass Union auch nur ein Verein wie jeder andere Verein mit DDR-Vergangenheit ist. Das ist weder schlimm noch tragisch. Nur sollte der Verein um seiner eigenen Glaubwürdigkeit Willen nicht versuchen, seine Weste noch blütenweißer zu waschen, als sie ist. Denn eines ist doch klar: Verglichen mit Vereinen wie dem BFC war Union zu DDR-Zeiten ein wahrer Hort widerständigen Gedankenguts. Und auch heute noch stehen trotz der fußballbedingt hohen Idiot_innenquote noch immer etliche sympathische Menschen hinter dem Verein. Die militanten Antikommunist_innen, für die die Stasi beinahe die SS war, gehören allerdings nicht dazu…

Jungs, wir rächen euch!


ARD und ZDF zeigen die Fußball-WM der Frauen in Farbe und in voller Länge. Das ist zunächst einmal eine gute Sache. Fußball Gucken ist ja in der Sommerpause eher Mangelware und da ist es schön, wenn die Spiele, die es gibt, auch im Free-TV zu sehen sind. Doch was zur Hölle soll dieser Slogan: „Jungs, wir rächen euch!“?!? Das mit den Jungs die männliche DFB-Elf gemeint ist, leuchtet noch ein. Was es aber zu rächen gibt, wenn ein Team einem anderen simpel und einfach sportlich unterlegen ist und zwar zurecht, bleibt schleierhaft. Wie diese Rache vonstatten gehen soll, wo doch diejenigen, die Löws Kicker aus dem Turnier in Südafrika geschossen haben, nämlich das Männerteam des spanischen Verbandes, gar nicht am Turnier teilnehmen. Spanien ist bei der WM in Deutschland überhaupt mit gar keinem Team egal welchen Genders vertreten. Dass Rache für sich genommen auch nicht unbedingt das vernünftigste aller Ansinnen ist, kommt hinzu…

Die größte Frage jedoch ist, wer mir „wir“ gemeint ist. ARD und ZDF vielleicht? Immerhin sind sie ja diejenigen, die diese Werbung in Auftrag gegeben haben. Aber die spielen ja auch nicht mit. Vielleicht werde ja die Kommentator_innen permanent die Ehre der männlichen DFB-Auswahl retten in dem sie im Chor und um die Wette lobhudeln. Wir dürfen gespannt sein… Wahrscheinlicher ist jedoch, dass dieser Satz ungefragt den DFB-Spielerinnen in den Mund gelegt worden ist. Aber ob deren Motivation wirklich irgendwas mit Schweini undsoweiter zu tun hat? Immerhin sind sie seit Jahren deutlich erfolgreicher als die A-Nationalmannschaft der Männer. Die Typen können ihnen eigentlich mal völlig schnurz sein. Bestimmt hat hier nur mal wieder jemand nicht nachgedacht, sondern sich ganz dem Schlandrausch und dem Partypatriotismus hingegeben. Immerhin sind wir alle Deutschland. Da kann auch Birgit Prinz die Ehre von Mario Gomez retten, indem sie massig Tore schießt. Und als nächstes macht dann Angela Merkel mit dem Atomausstieg die andauernde Niederlagenserie von Michael Schuhmacher vergessen, während der Buxtehuder SV in der Frauen Handball Champions League das Vorrundenaus der Männer vom VfB Friedrichshafen in der letztjährigen Auflage der Volleyball Chamions League rächen. Na hoffentlich!

Rudi Völler und die Frauen

Rudi Völler war offenbar unzufrieden mit der Leistung von Schiedsrichter Deniz Aytekin, der in dieser Saison auch schon mit dem von ihm verhängten Spielabbruch auf St. Pauli Schlagzeilen gemacht hatte. Das ist legitim. Immerhin war seine Werkself aus Leverkusen dabei beim Lokalrivalen 1. FC Köln mit 0:2 zu verlieren. Seine Wortwahl jedoch ließ tief blicken und was dabei zum Vorschein kam war alles andere als schön:

Pfeif doch Frauenfußball! So ein Mist, jeden Mückenstich pfeift der, das ist doch unfassbar…

Vielleicht hatten die Fans der SG Dynamo Dresden doch Recht, als sie behaupteten, Sexismus sei ein Fangesang. Wahrscheinlicher aber ist, dass Tante Käthe einfach genauso ein sexistischer Depp ist wie der Großteil derer, die sich Männerfußball reinziehen. Sonst Frank Rijkaard ihn ja bestimmt auch nicht angespuckt damals…

Ben Nenbroock ist schwul!

Das Flaggschiff der sonntäglichen Fernsehunterhaltung nimmt sich des Themas Homosexualität im Profifußball an und zieht sich achtsam aus der Affäre. Im aktuellen Tatort mit dem Titel „Mord in der ersten Liga“, der heute Abend in der ARD lief, geht es vordergründig um den Mord an dem Hannoveraner Fußballprofi Kevin Faber. Die Themen, die wirklich verhandelt werden, sind Hooliganismus und wie bereits erwähnt Homosexualität im Fußball.

Während ersteres Thema sicher schon bessere Zeiten gesehen hat, ist letzteres derzeit ein absolutes Hypethema. Nicht nur wegen des Coming-outs von Anton Hysén in Schweden, mit dem die Macher_innen des Tatorts wohl auch kaum gerechnet haben konnten, als sie an dem Drehbuch saßen, auch sonst scheint die Medienrepublik nur darauf zu warten, dass es endlich soweit ist, dass sich endlich der erste männliche Fußballprofi hierzulande outet. In der Fernsehwelt ist es nun geschehen. Der Tatort stützt sich dabei durchaus auf aktuelle Erkenntnisse, etwa wenn er nahe legt, dass Ben Nenbroock, derjenige um dessen Coming-out es hier geht, durch das Doppelleben, das er gezwungen ist zu führen, Probleme hat, weiterhin Spitzenleistungen zu bringen. Ähnliches berichtet zum Beispiel Marcus Urban in Ronny Blaschkes Buch „Versteckspieler“. In der Fernsehrealität braucht es allerdings den tragischen Tod des besten Freundes, um den Leidensdruck derart zu erhöhen, dass Nenbroock sich dazu entschließt sich zu outen. Ob es nun cleveres Marketing oder doch eher schlechter Geschmack ist, diese Geschichte ausgerechnet in Hannover, der letzten sportlichen Station Robert Enkes, spielen zu lassen, ist eine Frage, die jede_r für sich selbst klären muss.

Interessant auch die Anlage der Rolle von Kommissarin Lindholms Kollegen Paul Näter, der als beinharter Hannover 96-Fan zuerst nicht wahrhaben will, dass einer der Spieler „seines“ Vereins schwul sein könnte, sich aber irgendwann damit abfindet. Was bliebe ihm auch anderes übrig? Homosexualität ist eine Tatsache und schwule Fußballprofis gibt es wahrscheinlich mehr als Deutsche, die „damals“ wirklich von nichts gewusst haben…

ben nenbroock

St. Pauli und der Derbysieg – Ein Kommentar

Auf SportsWire findest sich (m)ein Kommentar zum Derbysieg des FC St. Pauli über den Hamburger SV und zwar [hier]. Hier ein Auszug:

Die Bedeutung des Derbysieges des FC St. Pauli über den Hamburger SV am vergangenen Mittwoch ist kaum zu überschätzen. Es gibt viele Derbys und sicher sind auch einige davon traditionsreicher oder wichtiger als das in Hamburg, aber es gibt wohl kaum eines, bei dem zwei Teams mit derart großer Anhängerschaft aufeinander treffen, das in der Vergangenheit so unglaublich einseitig gewesen ist.

Überhaupt erst ein einziges Mal hatte der FC St. Pauli gegen den HSV in einem Pflichtspiel gewinnen können und das war im September 1977, also vor mehr als 33 Jahren. Die Mehrzahl derjenigen, die am Mittwoch in der Gästekurve der Arena im Hamburger Nordwesten standen, dürfte da noch nicht einmal geboren gewesen sein. Diese lange Durststrecke ist in der Tat ziemlich außergewöhnlich, haben Derbys doch ähnlich wie Pokalspiele , so eine allgemein akzeptierte Fußballweisheit, ihre eigenen Gesetze. Zwar ist der Hamburger SV eindeutig der Verein mit den größeren Erfolgen und dem deutlich dickeren Portemonnaie und hat von daher quasi ein Abonnement auf die Favoritenrolle, doch gibt es auch andere traditionsreiche Derbys mit äußerst ungleichen Gegnern, und keines von ihnen hat eine derart einseitige Geschichte wie das zwischen dem Stadtteilclub und dem Verein vom Rothenbaum…

Tariq Ramadan über Fußball

People say you are not loyal to your country if you don‘t support the football team of the country you live in. I think people have very narrow understanding of what it means to be loyal to your country. I mean, what should I say? I am Egyptian and I am Swiss but when Egypt or Switzerland plays against Brazil I am for Brazil…

Tariq Ramadan in einem Vortrag im haus der Kulturen der Welt in Berlin.

Fanon gegen den modernen Fußball oder so…

„…Wenn der Sport nicht in das nationale Leben, das heißt in den nationalen Aufbau integriert ist, wenn man Nationalspieler ausbildet statt bewusste Menschen, wird man bald das Absinken des Sports in Professionalismus und Kommerzialismus erleben. Sport darf kein Spiel sein, keine Zerstreuung, die sich das Bürgertum in desn Städten gewährt…“ (Frantz Fanon in „Die Verdammten dieser Erde“)

Für den Erhalt der Fankultur demonstrieren?

Am 09.10.2010 soll in Berlin eine Demonstration für den „Erhalt der Fankultur“ stattfinden. Neben diversen Fangruppen stehen mit BAFF, Pro Fans und Unsere Kurve auch drei große Fanbündnisse hinter der Demonstration. Ein Blick in und um die Stadien der Republik lässt dieses Anliegen sehr wohl äußerst dringlich erscheinen. Überwachungskameras und Polizei überall, Drangsalierung von Auswärtsfans bis hin zu krasser Reduzierung des Kartenkontingents (wie beim Spiel St. Pauli – Hansa Rostock letzte Saison) und Stadionverbot auf bloßen Verdacht hin liefern ebenso Anlass zu legitimer Aufregung wie die immer stärkere Zerstückelung der Spieltage, die zu immer fanunfreundlicheren Anstosszeiten führt. Die gerade im Vorfeld der möglichen Regionalligareform wieder hochkochende Aufregung über die vielen Reserveteams in den nächsthöheren Ligen unterhalb der Zweiten Bundesliga und die generell schwer zu wuppenden finanziellen Anforderungen der Regionalligen, der immer wieder auch recht prominente Vereine wie zuletzt Tennis Borussia Berlin, Rot-Weiss Essen oder der SV Waldhof Mannheim zum Opfer fallen, tun ihr Übriges zum generellen Unwohlsein der Fußballfans in diesem Land. Grund genug also, um die Wut auch mal nicht nur in die Kurven, sondern auch auf die Straße zu tragen. Wenn mensch jedoch etwas näher hinsieht, lässt sich erkennen, dass auch hier lange nicht alles Gold ist. Ein Blick auf die Unterzeichner_innen des Aufrufs genügt, um einer_m einen Schauer über den Rücken zu jagen.

Dass das Logo von Unsere Kurve schwarz-rot-gelb ist, mag vielleicht keine böse Absicht sein, ist aber dennoch gerade in Verbindung mit dem Wort „unsere“ echt widerlich. Wirklich schlimm wird es aber erst auf Fangruppierungsebene. Da wären zum einen die Beckumer Jungs, die sich in ihrem Selbstverständnis explizit gegen Politik im Stadion aussprechen und allen Ernstes extra darauf hinweisen, dass die „Rot-Weissen“ aus Ahlen“ ihre „Feinde“ sind. Auch Collettivo Wuppertal stellen fest: „Mit Politik haben wir nichts am Hut.“ Mit an Bord sind auch die Harlekins von Hertha BSC, die in einer Erklärung vom 04.06.2010 sogar zugeben, dass einige von ihnen zumindest indirekt am Überfall auf den TeBe-Truck beim Karneval der Kulturen in Berlin-Kreuzberg beteiligt waren. Überhaupt fällt auf, dass viele der Gruppen eine auffallende Offenheit für „traditionelle Rivalitäten“ und Fanfeindschaften pflegen. Ein Klicken durch die jeweiligen Fotogalerien zeigt neben schönen Fahnen, Doppelhaltern und Choreographien auch immer wieder vor allem eines: Horden junger, weißer Männer (gerne auch Oberkörper frei) beim Aufgehen in der Masse. Dass sich gleich mehrere der aufrufenden Gruppen Namen mit explizit männlichen Namensteilen wie „Boyz“, „Brothers“ oder „Jungs“ geben passt da wie Arsch auf Eimer. Was ist also diese Fankultur zu erhalten gilt?

Das allermeiste, was im Aufruf zu der Demonstration geschrieben wird, ist sehr richtig oder zumindest nicht weit entfernt von der Wahrheit. Was jedoch fast vollkommen fehlt, ist die Selbstreflektion, die Beschäftigung mit den Ursachen all der Repression. Nirgendwo ein ehrliches Wort davon, dass viele – wenn auch bei weitem nicht alle – Stadionverbote vollkommen zurecht verhängt werden, weil sie sich eben gegen wirkliche Gewalttäter_innen richten, die aus bescheuerten Motivationen heraus Menschen, die einfach nur andere Fußballteams als sie selbst gut finden, angreifen. Auch die starke Polizeipräsenz stellt bei vielen Spielen keine Repression, sondern eine traurige Notwendigkeit dar. Wenn in Rostock oder Magdeburg sich nicht Hunderte Cops zwischen die heimischen Fans und jene des gastierenden FC St. Pauli gestellt hätten, wären beide Seiten mit Dutzenden Schwerverletzten wahrscheinlich noch gut bedient gewesen. Ähnliches gilt für jedes Aufeinandertreffen von TeBe und BFC Dynamo, Nürnberg und Bayern, Schalke und BVB, Bremen und dem HSV, Lok Leipzig und Dynamo Dresden. Wer hier von bösen Polizist_innen und guten Fans redet, verschließt die Augen vor der Realität. Der Kern des Problems sind nicht ein repressiver Polizeiapparat (den es zweifelsohne gibt) oder irgendeine Verschwörung gegen Fußballfans (die es zweifelsohne nicht gibt), sondern die Tatsache, dass in fast jedem größeren Stadion des Landes gruppenweise junge Männer rumhängen, die bereit sind sich „für ihren Verein“ zu prügeln. Die Polizist_innen der Bereitschaftshundertschaften würden sicher tausendmal lieber am Wochenende frei oder nur Bereitschaft haben, als immer und immer wieder stumpf besoffene, identitär lokalpatriotische Männerhorden auf dem Weg zwischen Bahnhof und Stadion davon abzuhalten allen, die andersfarbige Schals tragen auf’s Maul zu hauen. DAS ist leider auch Teil der gegenwärtigen Fankultur!

Ein Demoaufruf, der sich nicht explizit zu diesem Problem positioniert, sondern sich mit einem einzigen floskelhaften Satz zum Thema begnügt und der von Gruppen unterzeichnet wird, die Teil dieses Problems sind, muss notwendigerweise zu kurz greifen. Auch die Kritik an den zugegebenermaßen teilweise wirklich beschissenen Anstosszeiten lässt außer Acht, dass der Aufstieg der allgegenwärtigen Fußballliveübertragungen in ursächlichem Zusammenhang mit dem Hooliganproblem der 1980er Jahre steht. Weil damals viele Stadien für alle nicht gewaltaffinen Fußballfans immer unattraktiver wurden, entstand ja gerade erst der Markt von Leuten, die sich das ganze lieber zu Hause vom sicheren und gemütlichen Sofa aus ansehen wollten. Im Übrigen sind Fernsehübertragungen ja nichts prinzipiell Schlechtes. All diejenigen, die nicht genug Geld haben, ihren Leib- und Magenverein bei jedem Spiel live zu supporten, werden sicher genau wie ich glücklich darüber sein, dass sie so wenigstens in einer Kneipe ihrer Wahl zusammen mit Gleichgesinnten die Spiele ihres Teams verfolgen können. Dieses gemeinsame Fußballgucken in der Kneipe, im Pub oder im Clubheim ist eben auch Teil des Fußballkultur und nicht der unwichtigste.

Natürlich muss sich etwas ändern an der Fußballlandschaft. Natürlich muss Polizeigewalt endlich geahndet werden (wozu eine individuelle Kennzeichnung der Beamt_innen sicher beitragen würde). Natürlich sollten Fanbelange im Fußball keinen nachrangigen Status haben. Natürlich sollten Fans das Recht haben jede Form von Fahnen oder Transparenten (sofern sie nicht menschenfeindlich sind) verwenden dürfen. Aber auch gerade hierzu wird sich in dem Aufruf nur unzureichend positioniert, wahrscheinlich weil mensch es sich sonst mit den vielen ach so unpolitischen Fangruppen verscherzen würde. Für mich persönlich ist es ein Problem, wenn bei Fußballspielen keine politischen Statements wie Antifafahnen, Transpis mit politischen Inhalten oder auch „Good Night White Pride“-T-Shirts erlaubt sind. Wenn ich zu einem Fußballspiel gehe, gebe ich doch nicht mein politisches Bewusstsein an der Kasse ab. Und wenn wie an diesem Samstag beim Spiel von TeBe in Torgelow zur gleichen Zeit Nazis durch Dortmund und Islamist_innen durch Berlin marschieren, dann möchte ich auch das Recht haben, dazu meine Meinung zu äußern. Im Stadion genauso wie außerhalb des Stadions. Wer solche Meinungen zensiert mit dem Verweis darauf, dass Fußball und Politik nichts miteinander zu tun hätten oder haben sollten, der_die handelt damit explizit politisch! Und zwar im Sinne einer antiemanzipatorischen, dem Weg zu einer freieren Gesellschaft entgegenstehenden Sinne…

Wer identitäre Ultragruppen mit Nachwuchsorganisationen, oftmals hierarchischen Strukturen und fast genauso oft latenter bis expliziter Rechtsoffenheit zu Verhandlungspartner_innen in einer Diskussion um Fanbelange macht, macht einen der Böcke zum Gärtner. Ultra ist nicht die ganze Wahrheit. Die Mehrheit des Fans tickt anders und hat dementsprechend auch weit weniger Probleme mit Polizei und Repression. Viele von ihnen werden sogar dankbar sein, dass die Polizeibeamt_innen für sie die Köpfe hinhalten, wenn mal wieder „paramilitärische Supporteinheiten“ auf sie zustürmen. Die allermeisten Polizist_innen stehen mir wahrscheinlich auch sowohl politisch wie menschlich näher als das Nazigesocks, das in vielen Kurven zwischen Cottbus und Dortmund geduldet wird. Fankultur an sich ist nichts Erhaltenswertes. Vielleicht wäre es sinnvoller für eine andere Fankultur zu demonstrieren, als für den Erhalt einer Fankultur, an der viel zu vieles Scheiße ist…

Für eine Fankultur ohne Gewalt, identitäres Rumgeprolle und Mackertum!
Für pro-queere, antifaschistische Kurven, in denen und von denen niemand diskriminiert wird!
Für Auswärtsfahrten, die keinen Polizeischutz brauchen!
Für eine Fankultur, für die zu demonstrieren, sich lohnen würde!