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No Wiesenhof!

Es ist bis jetzt nicht einmal mehr als nur ein Gerücht und doch ist das Entsetzen an der Weser und nicht nur da groß. Ausgerechnet der Geflügelkonzern Wiesenhof soll angeblich neuer Trikotsponsor des SV Werder Bremen werden. Viele Fans fragen sich zurecht, was da bitte schön in den Köpfen der Verantwortlichen los ist. Haben sie sich allen Ernstes zum Ziel gesetzt die Marke Werder Bremen nachhaltig und langfristig zu schädigen?

Nicht nur Tierschutzorganisationen kritisieren seit langem die Praktiken der Firma. Auch ideologisch wenig verdächtige Medien wie die ARD ([hier] ein Video) berichteten bereits mehrfach über skandalöse Zustände im Hause Wiesenhof, in dem nicht nur gesellschaftliche Standards den wenigstens halbwegs respektvollen Umgang mit anderen Lebewesen weit unterschritten werden, sondern auch Arbeitnehmer_innen unter Bedingungen arbeiten, die – um im Jargon zu bleiben – nicht artgerecht sind.

Sollte das Gerücht sich bewahrheiten und der SVW in der kommenden Saison tatsächlich mit Wiesenhof als Trikotsponsor auflaufen, wird die Führungsetage um Klaus Allofs sicher Schwierigkeiten haben, in Zukunft andere Sponsor_innen zu finden, die zum neuen Image des Vereins passen. Hier daher ein paar unverbindliche Vorschläge:

- Die japanische Walfangflotte
- Der Tierversuchskonzern Huntingdon Life Sciences
- Der Zentralverband Deutscher Pelztierzüchter
- Oder einfach gleich irgendeine Firma, die Landminen herstellt (kommt sicher auch gut an!)

[Quelle facebook]

Ein kurzer Rundumschlag zum Thema EM


Kaum eine Woche in so was ähnlichem wie Urlaub überschlägt sich die Rassismusmaschine Deutschland mal wieder. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Ungeheuerlichkeiten, mit denen dann aber irgendwie doch zu rechnen war. Mal kommt heraus, dass – Oh Wunder! – auch bei der Nationalelf Nazis mit im Fanblock stehen. Mal wird der deutsch-italienische Tagesthemensprecher Ingo Zamperoni bepöbelt, weil er im Halbfinale zwischen Deutschland und Italien nicht voll und ganz hinter dem Deutschen Reich, pardon, der Bundesrepublik Deutschland bzw. der Auwahlmannschaft des DFB stehen mochte und dann auch noch statt Goethe oder Schiller den Ausländer Dante zitierte. Zum gleichen Anlass entlud sich der rassistische deutsche Volkszorn dann wahlweise darüber, dass es mit Mario Balotelli ausgerechnet der einzig Nicht-Weiße Spieler der Italiener war, der die Deutschen mit zwei Traumtoren rausschoß, oder aber darüber, dass die deutsche Elf nicht deutsch genug war und bestimmt genau deshalb nicht ins Finale gekommen ist, was sich auch in der „Twitter-Affäre“ um Mesut Özil äußerte. Dass dann aber auch noch die italienische Gazetta dello Sport Balotelli mit einer rassistischen Karikatur, die ihn als King Kong zeigte, verhöhnen musste, hinterlässt dann nur noch Kopfschütteln. Offenbar ist Rassismus auch außerhalb Deutschlands mal wieder sehr en vogue, was sich ja aber auch schon in den rassistischen Attacken kroatischer Fans gegenüber Balotelli und den „Affenlauten“ polnischer Fans gegenüber Spielern aus den Niederlanden gezeigt hatte, während russische Fans eher einen auf nationalistisch machten und per Choreographie mal eben Polen annektierten, wenn sie nicht gerade den einzigen Schwarzen Spieler auf Seiten Tschechiens mit Rassismus überziehen. Dass bei all dem viele keine große Lust auf Europameisterschaften haben, ist irgendwie naheliegend. Da braucht es dann nicht einmal mehr die Angriffe deutscher Fans auf feiernde Italiener_innen und Polizist_innen, die zumindest aus Nordrhein-Westfalen gemeldet wurden und auch die homophoben Ausfälle des italienischen Spielers Cassano verwundern eigentlich niemanden mehr. Umso erfreulicher, dass im Tagesspiegel mal etwas halbwegs Vernünftiges zum Thema Homophobie im Fußball steht, während in der Jungle World ein wenig dem Verhältnis expliziter Neonazis zur deutschen Nationalmannschaft auf den Grund gegangen wird. Es ist ja eigentlich schwer zu glauben, weil im Vereinsfußball ja nun wirklich nicht alles geil ist, aber Länderspielfußball ist tatsächlich nochmal um einiges widerlicher. Echt beeindruckend, wie Fußballfans es immer wieder schaffen einander in Beschissenheit zu überbieten…

Der Form halber und weil es ja irgendwo auch um Fußball geht sei aber auch noch angemerkt, dass die deutsche Elf im Halbfinale wirklich schlecht gespielt hat und dass das zu einem Gutteil an der völlig unverständlichen Aufstellungspolitik Jogi Löws lag. Schweinsteiger wird langsam aber sicher zu einer ähnlichen Altlast für das Team, wie es neulich Michael Ballack war und die einzigen zwei Spieler der DFB-Elf, die wirklich überzeugen konnten, waren die, die bei Real Madrid spielen: Özil und Khedira. Der zentrale Fehler Löws war es, die Taktik des FC Bayern zu kopieren, denn wenn ein Team keinen Messi oder Ronaldo hat, dann ist dieses Gomez-wird’s-schon-richten-System schlicht noch einfacher auszurechnen als durchschnittliche Matheaufgaben in der Grundschule. In der Bundesliga mag so etwas vielleicht funktionieren, aber gegen ein Team wie Italien kann so etwas fast nur in die Hose gehen. Auch wenn Fußballdeutschland es nicht wahrhaben will: Dieses Team hat keine Weltklasse und höchsten vier oder fünf Spieler können bei gegenwärtiger Form auf höchstem Niveau wirklich mithalten. Der Rest ist gute Dutzendware, mehr aber auch nicht. Eigentlich könnte mensch ja sagen: „Klasse, mit einem durchschnittlichen Team bis ins Halbfinale gekommen“, aber in diesem Land wurde sich ja noch nie mit weniger als der Weltherrschaft zufrieden gegeben…

Antonio Cassano ist ein homophobes Arschloch

Wie Spiegel Online berichtet, hat sich der italienische Nationalspieler Antonio Cassano als homophob geoutet:

„Ich hoffe, dass keine Schwulen in der Mannschaft sind“, antwortete der italienische Nationalstürmer am Dienstagnachmittag bei einer Pressekonferenz in Krakau auf die Frage eines Reporters. „Wenn es Schwule in unserem Team gibt, ist es ihre Sache.“ Anschließend sagte der 29-Jährige zum Dolmetscher: „Das werden Sie aber nicht übersetzen, oder?“

Wenn Cassano nach so einer Aussage auch nur noch ein einziges Spiel für die Squadra Azzurra oder auch sonstwen macht, dann möchte ich gerne mal hören, wie das legitimiert wird. „Freie Meinungsäußerung“? Wer keine Schwulen im Team haben möchte, die_den möchte ich nicht im Fußball haben…

Die EM, der „wilde Osten“ und der Rassismus


In den letzten Tagen und Wochen ist viel geschrieben und geredet worden darüber, ob Polen und die Ukraine, die Gastgeberländer der EM 2012, ein Problem mit Rassismus und Antisemitismus in den Fußballstadien haben bzw. welches Ausmaß dieses Problem hat. Wirklich beantworten lässt sich diese Frage vom Berliner Schreibtisch aus und ohne sich ins Feld zu begeben sicher nicht, aber für ein paar Gedanken zum Thema reicht es dann doch.

Zunächst einmal dürfte klar sein, dass es dieses Problem in der Tat gibt. Ich würde sogar sagen, dass es zumindest in Europa überall existiert, wo nur genügend Menschen zusammenkommen. Rassistische, homophobe, antiziganistische, sexistische und anderweitig diskriminierende Äußerungen gibt es auch in der Bundesliga mit höchster Wahrscheinlichkeit an jedem Spieltag in jedem Stadion, in dem gespielt wird. Meist bleibt es bei Äußerungen Einzelner oder Weniger und nicht selten äußern Umstehende auch Dissens. Es gibt jedoch auch an fast jedem Spieltag einen Fall in den oberen Ligen, bei dem ganze Gruppen oder eine größere Anzahl Fans sich diskriminierend äußern oder verhalten. Meist handelt es sich dabei um Rufe, Transparente oder sogenannte „Tapeten“. Wer problematische Fans sehen wil, braucht also nicht zwingend jenseits der Oder nach ihnen zu suchen. Dass gerade deutsche Medien aber eben doch genau das tun, verwundert allerdings kein Stück. Zum einen werden sie sicher wie andere Medien auch von der reißerisch aufmachbaren Story selbst angezogen, weil sie halt Auflage bzw. Einschaltquote verspricht. Zum anderen fühlen sich aber auch gerade viele Deutsche, seit dem deutschen Eingreifen im Kosovokrieg und dessen Legitimierung durch Auschwitz, zunehmend dazu berufen, stets wachsam und kritisch gegenüber Rassismus und Antisemitismus zu sein – dem der anderen natürlich…

Wenn wir also nach Rassismus und Antisemitismus in polnischen und ukrainischen Stadien fragen, dann ist es keine Frage des ob, sondern des wie viel. Im aktuellen Ballesterer sagt ein führender Kopf der Ultras von Polonia Warszawa dazu:

Wir sind Patrioten, politisch rechts einzuordnen wie alle organisierten Fangruppen.

Auch wenn in dieser Aussage ein gewisses Maß an selektiver Wahrnehmung mitschwingen dürfte und es vielleicht hier und dort Ausnahmen gibt, so dürfte diese Aussage zumindest für Polen, wahrscheinlich auch für einen Großteil der Ukraine richtig sein. Und das hat vor allem historische Gründe.

Was beiden Ländern gemein ist, ist die Tatsache, dass sie zumindest in der Neuzeit die längste Zeit nicht unabhängig waren und das beide abwechselnd und mehrfach mal unter deutscher, mal unter russischer Vorherrschaft standen. Da die russische Vorherrschaft – denn die Sowjetunion war ganz klar russisch dominiert – die am wenigsten lang zurück liegende Besatzung (als genau das wird diese Epoche in beiden Ländern meist empfunden) ist, haben die meisten Leute dort an sie viel eher und viel mehr negative Erinnerungen als an alles, was davor war und von den wenigsten noch Lebenden überhaupt noch miterlebt worden ist. Die Unabhängigkeitsbewegungen in der Ukraine und noch mehr in Polen in den 1980ern waren explizit antirussisch und antikommunistisch, und natürlich waren sie auch nationalistisch. Wenn sich Pol_innen und Ukrainer_innen nun auf die Suche nach historischen Referenzpunkten innerhalb ihrer geographischen Region machen, bei denen genau diese drei Punkte auch eine Rolle spielten, dann landen sie sehr schnell beim nationalsozialistischen Deutschland. Es mag verwundern, aber es gibt Tausende polnische Nazis, die es fertig bringen, etwas abzuhypen, was ihr eigenes Land mit Krieg und Terror überzogen hat, aber ohne Frage geschieht genau das. Der Feind meines Feindes ist mein Freund oder so… In der Ukraine dagegen lässt sich explizit an nationalistische und antirussische Truppenverbände anknüpfen, die mit den Deutschen kollaboriert haben. Wenn polnische und ukrainische Fußballfans stark nach rechts tendieren, dann ist das vor allem Produkt eines rigorosen Antikommunismus, der in beiden Gesellschaften vorherrscht und auf den der Gang nach weit rechts eine probate Antwort zu sein scheint. Wenn sie dabei auf Symbole des Nationalsozialismus zurückgreifen, so liegt das schlicht daran, dass sich die deutschen Nazis leicht als „Kämpfer gegen den Kommunismus“ verbrämen lassen. Die Frage, wie etwas Fans von Polonia Warszawa es schaffen, sich dennoch und gleichzeitig positiv auf den Aufstand von Warschau zu beziehen, lässt sich wohl nur mit dem Allgemeinplatz beantworten, dass rechte Ideologien oft halt explizit unlogisch sind.

Das wirkliche Problem jedoch ist, dass Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Antiziganismus und andere Formen der Diskriminierung in Polen und der Ukraine als Einstellungsmuster weit verbreitet sind, weil sie zu keinem Zeitpunkt effektiv bekämpft wurden. Das gilt für die Gesamtgesellschaften, aber es gilt für den Fußball noch einmal besonders. Wenn wir den Teilbereich Fußball aus deutscher Sicht betrachten, haben wir es hier mit einer Ungleichzeitigkeit zu tun. Einerseits dominieren wie anderswo auch Ultras die Fankultur und die Kommerzialisierung des Fußballs ist weit vorangeschritten. Gleichzeitig hat es jedoch bis jetzt keinen Selbstreinigungsprozess gegeben, wie er in England oder Deutschland irgendwann Ende der 1980er, Anfang der 1990er einsetzte, als die Interessen antirassistischer Faninitiativen und die Vermarktungsinteressen von Vereinen und Verbänden zusammenkamen. Wir haben in der Ukraine und in Polen quasi die Einstellungsmuster der Kurven der 1980er gepaart mit der medialen Präsenz und der ultraesquen Organisationsfähigkeit der Jetztzeit. Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus waren in bundesdeutschen Stadien in den 1980ern mit Sicherheit noch weiter verbreitet, als sie es jetzt in Polen und der Ukraine sind. Sie waren damals geradezu hegemonial. Doch da es kaum Liveübertragungen und keine Initiativen gab, die all das dokumentierten, fehlen uns dazu weitestgehend die Bilder. In Polen und der Ukraine sind in jedem Stadion X Kameras des Pay TV, zig Journalist_innen und dazu noch ehrlich empörte Fans mit Smartphones, die all die Scheiße, die ja tatsächlich geschieht, auch dokumentieren. Hätte es all das schon in der BRD der 1980er gegeben, könnten wie heute wohl alleine mir Fotos von Reichskriegsflaggen ganze Bibliotheken füllen.

Die Aufregung über Rassismus und Antisemitismus in Polen – die oft fälschlicherweise in einen Topf geworfen wird mit der Gewaltdiskussion – ist also einerseits berechtigt, andererseits ist sie aber auch gezeichnet von Externalisierung und Projektion oder einfacher ausgedrückt: Da zeigen Leute mit Fingern auf andere, während sie selbst noch halb im Glashaus stehen. Anstatt in diesen Chor mit einzustimmen, sollten wir vielmehr internationale Organisationen wie FSE oder FARE in ihren Osteuropabestrebungen unterstützen und emanzipatorische Kampagnen vor Ort wie etwa die Kampagne „Wykopmy Razism ze Stadionów“ supporten. Denn wie Karl Marx schon sagte: „Philosophen haben viel Zeit damit verbracht, die Scheiße zu benennen. Es kommt aber darauf an, sie auch wegzuwischen!“

Düsseldorf gestern Abend – Untergang des Abendlandes live im Fernsehen


Es ist eine alte Weisheit, dass Objektivität ein Ding der Unmöglichkeit ist. Das gilt auch und insbesondere für den Journalismus. Wenn Journalist_innen behaupten, sie würden „objektiv berichten“, dann ist das entweder dumm oder gelogen oder beides. Was hingegen möglich ist, ist kritischer Journalismus. Journalist_innen können und sollten Kritik üben an den Gegenständen ihrer Berichterstattung. Andernfalls kommt solche Grütze wie dabei heraus wie das völlig missratene Ahmadinedschad-Interview von Klaus Cleber für das ZDF.

Wenn es um Fußball, seine Fans und ihr Verhalten im Stadion geht, geben Journalist_innen hierzulande sich auch gerne kritisch. Wenn irgendwo ein Bengalo brennt oder es ein wenig raucht, ist sofort von „Chaoten“ die Rede, von „Randale“, „Schande“ oder ganz allgemein vom Untergang des Abendlands oder zumindest des Sports an sich. Dass diese Haltung bei genauerer Betrachtung jedoch mitnichten kritisch ist, sondern viel mehr das genaue Gegenteil, wird deutlich, wenn mensch einen Blick darauf wirft, was Vereine und Verbände derzeit für eine Linie fahren. Diese sind nämlich sein Jahren oder fast schon Jahrzehnten nach Kräften darum bemüht die Fans des Fußballs und ihre Kultur zu befrieden und zu zivilisieren. Da sie damit im Großen und Ganzen auch durchaus erfolgreich sind, reichen mittlerweile immer kleinere Anlässe aus, um einen regelrechten Shitstorm von Seiten der Medien losbrechen zu lassen.

Natürlich kommt es vor, dass beim Abbrennen von Pyrotechnik Menschen verletzt werden. Genau aus diesem Grunde bemühen Fans und Ultras sich seit Jahren eine einvernehmliche Lösung zu finden, die das sichere Abbrennen von Feuerwerk ermöglichen würde. Selbst verständlich ist auch, dass Gewalt gegen Spieler_innen, Schiedsrichter_innen, Fans oder überhaupt irgendwen zu verurteilen ist. Allerdings vergessen Presse, Vereine und Verbände dabei in der Regel systematisch eine Gruppe Gewalttäter_innen. Die seit Jahren immer stärker eskalierende Gewalt von Seiten der Polizei wird zwar von mittlerweile von Amnesty International regelmäßig scharf kritisiert. Medien und verantwortliche Stelle innerhalb des Sports scheinen jedoch wenig Probleme damit zu haben, dass Woche für Woche uniformierte Hooligans Pfefferspray, Tränengas und Schlagstöcke auch gegen völlig Unbeteiligte einsetzen. So schwerwiegend das Gewaltproblem beim Anhang zumindest einiger Vereine auch ist, kann keine Ultragruppe mit der geballten und staatliche legitimierten Gewalt von Seiten der Polizei mithalten.

Wenn nun wie gestern in Düsseldorf Pyrotechnik abgebrannt wird und wie von Seiten des Hertha-Anhangs geschehen auf das Spielfeld geworfen wird, dann kann und muss das sicher kritisiert werden. Das Werfen von Bengalos aufs Spielfeld gehört ganz sicher zu den Dingen, die auch Befürworter_innen von Pyrotechnik im Stadion für problematisch halten. Es sollte jedoch auch bedacht werden, dass Relegationsspiele besondere Spiele sind, die enorm wichtig sind und deshalb auch enorm starke Emotionen auf Seiten der Fans hervorrufen. Wenn dann jedoch Hunderte oder gar Tausende Fans von Fortuna Düsseldorf das Spielfeld stürmen, weil sie irrigerweise annehmen, dass das Spiel abgepfiffen und sie damit aufgestiegen seien, dann ist es vollkommen unangebracht, sie als „Chaoten“ (Bild) oder „Idioten“ (Welt) zu bezeichnen. So etwas kann einfach passieren und ist vollkommen menschlich. Es wurde doch schließlich niemand ermordet. Die Leute wollten einfach feiern.

Es ist ganz offensichtlich bei vielen der Bezugsrahmen verlorengegangen in den letzten Jahren. Noch vor zwanzig Jahren etwa waren Schlägereien zwischen aber auch innerhalb von Fangruppen sogar im Stadion noch die Regel. Schwere Gewalt war an der Tagesordnung und mit dem Bremer Adrian Maleika, der 1982 von rechten HSV-Hools totgeprügelt wurde und dem BFC Dynamo-Fan Mike Polley, der 1990 in Leipzig von einem Polizisten erschossen wurde, gab es sogar Tote. Dagegen ist das, was heute passiert, auch wenn es in den letzten ein, zwei Jahren sicher eine gewisse Zunahme an schwereren Vorfällen gab, nichts als Pipifax. Selbst die heutigen Ultras von „Randalemeister“ Eintracht Frankfurt oder die Wilde Horde aus Köln, die ja in letzter Zeit öfters Schlagzeilen gemacht hat, würden von jeder Durchschnittsfankurve eines 1980er Jahre Bundesligavereins ohne viel Gesabbel zu Mus gekloppt werden. Fans und Ultras von heute sind unsagbar viel friedlicher als die rechtsoffenen bis offen neonazistischen Männerbünde, die in den 1980ern in jeder Kurve tonangebend waren. Das ständige, sensationsgeile Gefasel der Medien und Verbände, die sich permanent bei FC Sodom gegen Eintracht Gomorrha wähnen, trägt nicht nur keinerlei Rechnung, es schreibt eine mögliche neuerliche Eskalation sogar aktiv herbei. Wenn junge Kids heute im Internet gucken, was „Ultra“ denn eigentlich bedeutet, weil sie auch gern eine_r sein wollen, dann finden sie in den Standardmedien detaillierte Anleitungen dazu, die sich vor allem aus Gewalt, Schal- und Fahnenklau, Pyrotechnik und Randale zusammensetzt. Dass Ultra jedoch vor allem bedeutet sich mit anderen zusammen zu Tun und gemeinsam etwas auf die Beine zu Stellen, steht da nicht. Kein Wort von Choreos oder von Aktionen gegen Rassismus und Homophobie. Kein Wort von Street Art, selbstorganisierten Fanturnieren oder Freundschaften über Ländergrenzen hinweg. Kein Wort von Do It Yourself, Solidarität mit Stadionverbotler_innen oder sozialem Engagement im eigenen Stadtteil. Dabei ist für Ultra genau das. Gewalt kommt vor. Das darf nicht verschwiegen werden, aber erstens ist sie für die allerallermeisten Ultras nicht das, worum es eigentlich geht und zweitens – und das sollten Medien, Vereine und Verbände sich bitte mal hinter die Ohren schreiben – sind Bengalos, Rauchtöpfe und Platzstürme vieles, aber ganz, ganz sicher keine Gewalt und folglich sollten sie auch nicht so behandelt werden, als seien sie es, sondern als das was sie sind – nämlich Ausdruck von Leidenschaft, Emotion und Fußballverrücktheit. Drei Dinge, die den meisten, die sich über Ultra- und Fankultur das Maul zerreißen, in den allermeisten Fällen nicht zu bieten haben.

Wo Recht zu Unrecht wird oder so


Nach oben Bücken, nach unten Treten. Es ist immer wieder das Gleiche. Der FC St. Pauli hat mal wieder vom DFB eine Strafe aufgebrummt bekommen und gibt den Druck postwendend nach unten – sprich zu den eigenen Fans – weiter. Diesmal gab es eine Strafe von 15.000 Euro, weil die Fans des FC St. Pauli sich beim Hallenturnier im Wintern nicht anstandslos von Polizei und Lübecker Nazihools verprügeln ließen und weil in einer Choreo, die die verzerrte Außenwahrnehmung der Fans des Vereins darstellte, das Wort „Bullenschweine“ vorkam.

Wir sind es langsam leid. Eine Strafe hier, eine Strafe dort. Das läppert sich zusammen und wird von uns nicht mehr tatenlos hingenommen.

, sagt Präsident Stefan Orth. Doch meint er damit nicht die Willkür des DFB, sondern die Anhänger_innen seines eigenen Vereins. Es ist versatändlich, dass Orth und der Verein angepisst sind von den ständigen sinnfreien Strafen des DFB, doch die Schuld dafür bei den Fans statt beim Verband zu suchen ist einfach falsch.

Es ist mehr als offensichtlich, dass die Rechtsprechung des DFB vollkommen willkürlich ist. Vergehen von der Schwere der hier bestraften Fälle gibt es an jedem Spieltag in oder vor so gut wie jedem Stadion. In einer Vielzahl von Fällen geschieht sogar noch weit Schlimmeres. Immer und immer wieder kommt es zu homophoben und sexistischen Beleidigungen in verbaler oder schriftlicher Form. Wenn der DFB das gleiche Maß an Vereine wie Dynamo Dresden oder Hansa Rostock anlegen würde, dann müssten sie – auch wenn es dort jede Menge mehr oder minder korrekte Fans gibt – konsequenterweise auf Generationen hinweg von jeglichem Spielbetrieb ausgeschlossen werden. Alleine die antisemitische Scheiße, die einige Anhänger_innen beider Vereine bei den Matches beider Teams gegeneinander abgezogen haben, sind um ein solches Maß heftiger als ein einzelnes „Bullenschweine“, dass die Geldstrafe im Millionenbereich liegen müsste. Und was ist mit der Tatsache, dass neulich im Ostseestadion Tausende Rostocker_innen „Schwule! Schwule!“ in Richtung St. Pauli-Block riefen? Wo ist hier der entschiedene Kampf des DFB gegen Homophobie? Oder das „Dönerverkäufer“ von Seiten des SGD gegen Frankfurt? Wo war da das Engagement gegen Rassismus? Wahrscheinlich gelten Menschenrechte beim DFB einfach ausschließlich für Polizist_innen…

Vor solch willkürlicher Bestrafung seitens eines Verbandes, der fast sein ganzes Bestehen lang von (Ex-)Nazis geführt wurde und noch immer nur sehr larifari gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vorgeht und auch das nur, wenn jemand rechtzeitig aufschreit und es skandalisiert, zu kuschen bedeutet sich mitschuldig machen. Autoritärer Charakter ahoi!

Es ist okay, wenn der Verband Strafen ausspricht. Das ist Teil des Deals, wenn Vereine an seinen Wettbewerben teilnehmen. Doch muss das dann auch konsequent geschehen und es muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Hier gab und gibt es enorme strukturelle Defizite. Manche Geschehnisse werden enorm hart betraft und manche Menschen bekommen für den bloßen Verdacht, etwas gemacht zu haben, ein Stadionverbot. Anderes wird jedoch absichtlich übersehen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Wenn der DFB wirklich jeden Fall gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ahnden würde, dann würde durch die schiere Menge der Fälle (geschätzt von Bundes- bis Kreisliga mehrere Hundert pro Woche) offenbar werden, dass die Antidiskriminierungsarbeit des DFB bei aller guter Intention eigentlich ein schlechter Witz ist. Wer heute im Stadion oder auf dem Sportplatz jemand anderen als „Jude“, „Hurensohn“ oder „Zecke“ beschimpft kann nahezu sicher sein, niemals dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Außer vielleicht durch Selbstjustiz…

Der DFB will den klinisch reinen Fußball. Deshalb sollen Hässlichkeiten wie Gewalt und Pyrotechnik möglichst effektiv bekämpft werden. Genauso aber müssen rassistische, sexistische, homophobe etc. Vorkommnisse möglichst effektiv vertuscht werden, denn das Image können sie ja nur schädigen, wenn sie öffentlich werden. Das Problem für den DFB ist nicht, dass diese Dinge geschehen, sondern, dass sie skandalisiert werden, weil das die Marke Fußball schädigen könnte, die die ökonomische Grundlage des Verbandes bildet. Es geht und ging dem DFB, wenn es hart auf hart kommt, nie um die Menschen, sondern immer ums Geschäft. Solange es das Geschäft nicht störte (in den 1980ern z.B.) durften Hools und Nazis im Stadion vollkommen frei drehen. Heute wären sie imageschädigend und deshalb muss dafür gesorgt werden, dass sie nicht mehr so auffallen. Als Kund_innen sind sie aber natürlich weiter willkommen.

Es gibt im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder der DFB und seine Regionalverbände ahnden in Zukunft konsequent „Zigeuner“-, „“Arbeit macht frei, Babelsberg 03“-, „Schwule“- oder sonstwie faschistische oder diskriminierende Rufe, Transpis und Aussagen von Seiten der Fans, der Spieler_innen und der Funktionär_innen (wurde Leverkusen jemals für Völlers „Der Schiri soll Frauenfußball pfeifen“-Aussage bestraft?!?) oder aber die Verbände haben keinerlei Respekt verdient und gehören selbst auf allen Ebenen und mit allen Mitteln kritisiert, weil sie – entgegen ihrer Außendarstellung – durch ihre Willkür und Inkonsequenz menschenfeindlichen Umtrieben im Fußball nachdrücklich Vorschub leisten. Folglich muss auch seine Rechtsprechung kritisiert werden und darf nicht unwidersprochen hingenommen werden. Der FC St. Pauli würde gut daran tun, das Urteil nicht zu akzeptieren und stattdessen darauf hinzuweisen, dass es undemokratisch wäre sich einer willkürlichen Justiz zu beugen. Noch dazu, wenn diese ganz offensichtlich aus dem Nationalsozialismus nichts oder zumindest nicht genug gelernt hat.

Hamburg City Ausnahmezustand


Na, das kann ja was werden. Frankfurt kann den Aufstieg klarmachen. Sandhausen in Liga 3 genauso. Falls Babelsberg in Darmstadt gewinnt und Jena in Bielefeld nicht, steht der FCC als zweiter Absteiger fest. In der ersten Liga kann dagegen nur Kaiserslautern den Abstieg endgültig in trockene Tücher bringen. Sollten sie jedoch gegen Hertha gewinnen und Köln gegen Stuttgart verlieren, dann müssten Augsburg und der HSV nur noch gewinnen, um den möglichen Abstieg endgültig abzuhaken. Hertha und Köln hätten dann noch zwei Spieltage, um sich um den Relegationsplatz zu balgen. Sollte Stuttgart allerdings in Köln verlieren, könnte sich Gladbach zumindest schon mal über die Champions League-Qualifikation freuen – selbst wenn sie gegen Dortmund patzen sollten. Der BVB wiederum muss nur gewinnen und der zweiter Meistertitel in Folge ist ihnen sicher. Sollte der SV Werder Bremen am Samstag Nachmittag den FC Bayern gewinnen, so würde er nicht nur die Tür zum europäischen Geschäft weiter offen halten, die Dortmunder wären auch automatisch Deutscher Meister und das sogar bevor sie abends im heimischen Westfalenstadion auflaufen. Verrückt!

Persönlich ist mir das aber alles halbwegs egal im Vergleich zu dem, was am Sonntag auf St. Pauli passieren wird. Nachdem alle Versuche gescheitert sind und der Verein keine Tickets an Gästefans verkaufen darf, haben Anhänger_innen des FCH als auch Fans und Ultras von St. Pauli angekündigt in Altona gegen diese Entscheidung zu demonstrieren. Die Mopo rechnet mit mindestens 2.000 Menschen. USP und andere Fans haben zudem angekündigt ebenfalls nicht ins Stadion zu gehen. Hier ein Zitat vom Basch-Blog:

Als Re­ak­ti­on wird es am Sonn­tag kei­nen or­ga­ni­sier­ten Sup­port oder Ak­tio­nen im Sta­di­on geben. Ein sol­ches Spiel ist nichts wert – es ist eine Farce und eine Ge­fahr! Der Treff­punkt für alle, die sich gegen die Maß­nah­men aus­spre­chen ist der Süd­kur­ven­vor­platz! Die Mann­schaft wird Hansa in die drit­te Liga schie­ßen, den Kampf um den Re­le­ga­ti­ons­platz span­nend hal­ten und wir wer­den drau­ßen dafür ein­ste­hen, dass wir auch in Zu­kunft dahin fah­ren kön­nen, wo un­se­re Mann­schaft spielt.

Solidarität ist die Zärtlichkeit zwischen den Kurven, hätte Ché Guevara wohl gesagt. Die Boykotierenden wollen sich stattdessen am AFM-Container vor der Südkurve und in umliegenden Kneipen treffen, um das Spiel zu verfolgen. Immerhin geht es für beide Teams um sehr, sehr viel. Wenn es scheiße läuft, kann entweder St. Pauli den Aufstieg quasi vergessen, Hansa hingegegen kann sogar, wenn Cottbus und Aue beide gewinnen zusammen mit Aachen für die dritte Liga planen.

Dabei könnte jetzt ironsicher- wie logischerweise genau die Entscheidung die Rostocker Fans nicht ins Stadion zu lassen, der Polizei jetzt auf die Füße fallen. Nicht nur der Fanclubsprecherrat des FC St. Pauli rechnet mit der Möglichkeit von Ausschreitungen und rät den Fans des FCSP zur Vorsicht:

- Meidet das Domgelände.
- Lasst euch nicht provozieren.
- Helft anderen Fans, wenn sie in Auseinandersetzungen verwickelt sind.
- Lasst Kleinkinder an diesem Tag zu Hause.
- Und vor allem versucht nicht, die Fandemo der Rostocker in irgendeiner Art zu stören oder zu begleiten. Es ist ihr gutes Recht ihren Unmut über die Verfügung der Polizei kundzutun. Es ist aber auch unser gutes Recht, unsere eigenen Wege zu finden, unseren Unmut darüber auszudrücken.

Auch andere Stimmen aus beiden Hansestädten gehen davon aus, dass die Situation unter Umständen unkontrollierbar werden wird. Wer sicher gehen will, sollte am Sonntag die gesamte Hamburger Innenstadt von St. Georg bis Altona meiden. Alleine oder mit deutlich sichtbaren Fanutensilien herumlaufen ist mit Sicherheit auch keine gute Idee. Das gilt im Zweifelsfall auch für Rostocker_innen oder Fans anderer Vereine, die sich verlaufen haben. Wer dennoch vor Ort ist, sollte sich auch darauf gefasst machen, dass Teile der Polizei stinksauer sind, weil ihre Vorgesetzten mal wieder riesige Scheiße verzapft haben. Und wie Polizist_innen reagieren, wenn sie sauer sind, wissen wir ja…

Passt auf euch auf!

Kölner Verhältnisse


Weil die Kölner Ultragruppe „Wilde Horde 1996″ sich aus Sicht des 1. FC Köln nicht in ausreichender Weise von den Angriffen auf Gladbacher Fans an einer Autobahnraststätte am vergangenen Wochenende distanziert hat, hat der Verein der ihr bis auf Weiteres und per sofort sämtliche Heimspielprivilegien entzogen. Ferner wurde ihr, wie der Kicker berichtet, für das kommende Heimspiel gegen Hertha verboten, das Gruppenbanner in die Kurve zu hängen.

Claus Horstmann, Geschäftsführer des 1. FC Köln, erklärte zudem: „Die uns durch die Polizei bekannt gemachten verdächtigen Personen schließen wir aus dem Verein aus und haben langjährige Stadionverbote gegen sie verhängt.“

Dass Stadionverbote ohnehin ein Mittel sind, über dessen Sinn und Zweck sich reiflich diskutieren lässt, soll hier nur am Rande erwähnt werden. Dass es aber, auch wenn der Angriff auf Gladbacher Fans ein großer Haufen Scheiße war, nicht angehen kann, dass der Verein ohne weitere Prüfung gegen alle und jede_n, die von der Polizei verdächtigt werden, sofort ein Stadionverbot verhängt, muss auch kritisiert werden. Zwar ist diese Praxis nicht unüblich, aber das macht es ja nicht besser… Auch eine Kollektivstrafe gegen eine große Fangruppe, die wie der FC selbst sagt in ihrer „Mehrheit der Mitglieder der Organisation nicht als gewaltbereit einzustufen ist“, scheint ein eher fragwürdiges Mittel der Gewaltprävention zu sein.

Vielleicht sollte mensch sich in Köln noch einmal überlegen, welche Botschaft damit an die eigenen Fans vermittelt wird. Von hier aus besehen klingt sie in etwa so: „Wir wissen, dass nahezu alle von euch nichts mit der Sache zu tun haben, aber wir bestrafen euch trotzdem, weil wir nach außen den Eindruck vermitteln wolle, wir wären megaengagiert gegen Gewalt und total schockiert von dem, was geschehen ist. Die Außenwirkung gegenüber Verband, Medien und Sponsor_innen ist uns ohnehin wichtiger als ihr, denn ihr seid ja nur dumme Fans, die sowieso ins Stadion kommen, egal wie scheiße wir euch behandeln, ihr Trottel…“

Toronto liegt nicht an der Elbe

Wie die B.Z. berichtet, flogen beim CONCACAF-Champions League-Spiel zwischen Thorsten Frings‘ Toronto FC und David Beckhams L. A. Galaxy (2:2) mit Papierrollen und einer Bierdose geworfen. Zum Glück für die Kanadier_innen ist Toronto kein Stadtteil von Hamburg. Bei DFL und DFB hätte es jetzt wahrscheinlich Geisterspiele gehagelt…

Philipp Lahm und die Homophobie


Die Gesellschaft zeigt sich betroffen und schockiert. Philipp Lahm, Kapitän der DFB-Auswahl, rät in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau schwulen Fußballprofis davon ab sich zu outen.

Christine Lüders von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zum Beispiel gibt sich enttäuscht bis vorwurfsvoll: „Wir hätten uns gewünscht, dass Herr Lahm motiviert hätte, solche Tabus zu brechen und gesagt hätte: Outet Euch, wir als Team fangen euch auf. Das wäre ein Symbol gewesen.” Auch der schwule Ex-NBA-Profi John Amaechi, meint Lahm angreifen zu müssen, als er von deutschen Journalist_innen darauf angesprochen wird: „Er muss doch ein Vorbild sein in seinen Äußerungen, oder er muss den Mund halten.“ Dutzende andere stoßen in das gleiche Horn. Was jedoch nahezu niemand tut, ist sich oder andere oder am besten Lahm selber nach seinen Beweggründen zu fragen.

Philipp Lahm engagiert sich seit Jahren gegen Homophobie und für die Aidshilfe. Es hat sich damit für einen Fußballprofi sehr weit aus dem Fenster gelehnt, denn für gewöhnlich engagieren die sich nur für schnelle Autos und hübsche Modelfreundinnen. Jedenfalls die, die es bis in die Zeitungen schaffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lahm, wenn er schwulen Profis von einem Coming Out abrät, aus eigener Erfahrung spricht ist doch sehr hoch. Egal wie hetero er auch sein mag, für echte Mackertypen ist er mit seinem Engagement gegen Homophobie schon viel zu schwul. Dass er selbst schon homophob beleidigt wurde, kann als sicher angenommen werden. Wer bei Google „Philipp La…“ eingibt bekommt als einen der ersten Vorschläge „Phillip Lahm schwul“ angeboten. Ein Mann muss nicht schwul sein, um unter Homophobie zu leiden. Homophobie richtet sich genauso gegen nicht-schwule Männer, die nicht in die Passform hegemonialer Männlichkeit(en) passen oder passen wollen.

Wenn Philipp Lahm sagt, er würde keinem seiner Kollegen zum Coming Out raten, dann nehme ich das ernst. Sehr viel ernster jedenfalls als wenn Theo Zwanziger oder irgendwelche Politiker_innen sensationslüstern nach dem ersten schwulen Fußballprofi in Deutschland rufen. Im Gegensatz zu ihnen weiß Philipp Lahm nämlich wovon er spricht, denn immerhin bewegt er sich als Fußballprofi selbst jeden Tag in der homosozialen, männerbündischen Welt des Männerfußballs. Er hört, was in der Kabine geredet wird. Er wird auf dem Spielfeld beleidigt. Er sieht, wie im Fußball Hackordnungen durch Härte, Stärke und anderen Männlichkeitskram organisiert werden.

Vielleicht hat er ganz einfach recht. Vielleicht ist die Zeit wirklich noch nicht reif für einen schwulen Fußballprofi in diesem Land. Mensch denke nur an die „Schwule, Schwule“-Gesänge Tausender Hansa-Fans gegen St. Pauli (und sicher auch bei X anderen Spielen), die im Fernsehen mehr als deutlich zu hören waren, aber von niemandem bei DFB oder in den Medien groß thematisiert wurden. Ganz so als gehörte so etwas halt dazu. Oder als würde es weg gehen, wenn nicht drüber geredet wird… Wenn es so ist, wenn die Zeit wirklich noch nicht reif ist, dann ist Philipp Lahm jedenfalls einer der letzten, die dafür verantwortlich ist. Verantwortlich sind nicht die Schwulen und nicht die, die sich gegen Homophobie engagieren. Verantwortlich sind die homophoben Menschen in den Vereinen und Verbänden, auf dem Spielfeld und auf den Rängen der Stadien.