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Interview mit Marienthal United

Überall in der Republik und anderswo entstehen derzeit neue Fußball- und Sportvereine, die versuchen, eine Alternative zu typisch deutscher Vereinsmeierei und rechtem Mainstream zu sein. Der Rote Stern Leipzig ist sicher der bekannteste von ihnen, doch ist etwas Vergleichbares überall möglich, wo es nur genügend Menschen mit ausreichend Engagement gibt. So auch in Zwickau, wo es seit einiger Zeit den Verein Marienthal United gibt, den ich hiermit in einem kurzen Interview vorstellen will:

Erzählt doch mal, wie es zur Gründung von Marienthal United gekommen ist. Wo kam die Idee her und wie einfach oder kompliziert war die Umsetzung?

United entstand doch eher aus einer Bierlaune heraus. In aller erste Linie hatten viele Leute Lust wieder Fußball zu spielen. Niemand wollte aber wieder in einem „normalen“ Verein spielen mit komischen braunen Vereinskameraden (ist ja vereinzelt so in unterklassigen Ligen) oder mit Discoprolls die nur Titten und Tuning in der Birne haben. Also wollten wir einen eigenen Verein gründen. Über die Formalitäten haben wir uns relativ schnell informiert, und die Pflichttermine wie Amtsgänge und Anmeldungen beim Sächsischen Fußball Verband wurden schnell erledigt. Über den Namen wurde natürlich auch diskutiert. Viele Vorschläge wurden aber auch sehr schnell wegen Unbrauchbarkeit verworfen. „United“ war dann doch der konsensfähigste Vorschlag.

War es schwierig Trainingszeiten und -plätze zu bekommen?

Ein Platz zu finden ist nicht die einfachste Aufgabe. Da in Marienthal nur ein Platz vorhanden ist und dieser auch noch vom größten Verein der Stadt genutzt wird, war das Thema Platz in M-Thal passé. Weil das liebe gute Geld nun auch knapp war/ist, musste man nach anderen billigen Alternativen suchen. Der Ernst-Grube-Sportplatz in Pölbitz war dann unsere Wahl. Heimat vieler lokaler Vereine und nun auch unserer. Mittlerweile haben wir diesen Platz lieben gelernt, gerade die Umgebung und Atmosphäre dort passen einfach gut zu uns! Die Trainingszeiten mussten wir bei der Stadt beantragen, aber wir haben eigentlich sehr gute Zeiten erwischt.

Warum Marienthal? Was ist das besondere an diesem Stadtteil?

Es ist nur ein Stadtteil von Zwickau. Weder gibt es dort ein AJZ noch ein Kiez. Dafür einen Asiamarkt und alte Leute. Die meisten von uns kommen einfach aus diesem Stadtteil und daher kam auch die Idee für den Namen. Jedoch sieht man in Marienthal schon eine gewisse alternative Entwicklung, gerade wenn man mal mit offenen Augen durch die Straßen läuft.

Was für Menschen spielen bei Marienthal United bzw. stehen als Fans am Spielfeldrand?

Bei United spielen hauptsächlich Leute die Lust auf Fußball haben und eine sicherlich eine linke politische Richtung verfolgen. Aus unserer Einstellung wird ja nun auch kein Geheimnis gemacht. Manche Spieler oder Fans anderer Mannschaften sagen da schon im Vorfeld: „Uhh… Die Zecken kommen.“ Unser Ruf eilt uns also voraus. United steht gewissermaßen als Aushängeschild einer noch relativ jungen antifaschistischen bzw. emanzipatorischen Szene in Zwickau, dementsprechend gestaltet sich auch das Besucherbild.

Wie ist euer Verhältnis zum größten Verein vor Ort, dem FSV Zwickau, und seiner Fanszene?

Der FSV ist immer ein Teil von Zwickau gewesen und so kommt auch der ein oder andere von United nicht darum herum, gewisse Sympathien für den FSV zu pflegen. Im Stadion gab es deshalb noch nie Probleme, im Gegenteil, man wird meist gern gesehen. Und klar ist auch, dass sich engagierte Jugendliche untereinander kennen und sich da auch die ein oder andere persönliche Freundschaft entwickelt hat. Gerade im kleinen Zwickau ist es da schon schwer aneinander vorbei zu gehen.

Wir werdet ihr von den anderen Vereinen aufgenommen und behandelt? Hattet ihr bei euren Spielen schon Probleme mit Spielern oder Anhänger_innen anderer Vereine? Der Rote Stern Leipzig bei euch um die Ecke hat da ja zum Beispiel schon etliche schlechte Erfahrungen gemacht…

„Ja ja, die Zecken kommen…“ Das ist wohl der Satz, der gern mal gesagt wird, wenn wir Auswärts fahren. Einige unangenehme Spiele gab es schon. Einmal wollten uns Ordner einer gegnerischen Mannschaft ein Transparent gegen Rassismus abnehmen. Politik hätte nichts beim Fußball verloren, war da die relativ dümmliche Begründung! Teilweise gab es auch schon Sprüche in Richtung „Scheiß Zecken“. Auch die Spiele gegen andere bekannte braune Vereine waren relativ spannungsgeladen. Aber so etwas war bis jetzt zum Glück die Ausnahme. Naja, die ein oder anderen Nasen gibt es eben immer. Aber von vielen werden wir auch sehr freundlich aufgenommen.

Was sind eure Pläne für die nähere und weitere Zukunft? Wollt ihr auch in andere Sportarten expandieren?

Oberstes Ziel ist Spaß am Spiel zu haben und der Versuch weiterhin Alternativen zum gängigen Fußball-Vereinsleben aufzuzeigen. Das beginnt schon in der Zusammenarbeit mit dem Jugendverein Roter Baum Zwickau. Mit diesem zusammen konnten wir letztes Jahr auch den Antifa Streetsoccer Cup auf dem Hauptmarkt von Zwickau veranstalten. Dieses Jahr ist eine Wiederholung in Planung. Aber auch außerhalb des Sports wird versucht ein anderen Weg einzuschlagen. Teilweise werden Partys in leeren Häusern veranstaltet, um auf die Freiraumproblematik in Zwickau aufmerksam zu machen. Klar für andere Städte ist so etwas nichts Besonderes und das Normalste der Welt. Aber gerade für die Provinz, die Zwickau ja nun immer noch darstellt und sicher auch bleiben wird, war es ein seit langen nicht dagewesenes Erlebnis. Dieser Weg soll auch konsequent weitergeführt werden. Naja, und dann sollte es auch langsam mit dem Aufstieg klappen. Seit einigen Monaten haben wir auch eine Frauentruppe die immer parallel zu den Herren trainiert. Also egal wo und wie, über neue Gesichter freuen wir uns immer. Ein Volleyballteam war auch mal im Gespräch, doch dazu kam es noch nicht. Aber wir sind immer für gute Ratschläge zu haben, wer mitmachen oder sich einbringen will wird immer gerne gesehen.

united schal