Thein und Linkelmann – Ultras im Abseits?


Die Sozialwissenschaften haben die Ultras entdeckt. Bereits seit geraumer Zeit flattern immer wieder Bücher auf meinen Schreibtisch, die sich entweder explizit mit Ultras befassen oder aber sie zumindest nach immerhin 15 Jahren mal als wichtigen Faktor zur Kenntnis nehmen. Ein gerade erschienener Sammelband, herausgegeben von Martin Thein und Jannis Linkelmann ,hebt den Diskurs über Ultras nun auf ein völlig neues Niveau.

Schon die Tatsache, dass es sich um einen Sammelband handelt, also um eine Bündelung vieler verschiedener Stimmen an Stelle einer mehr oder weniger fundierten Einzelmeinung, verleiht dem Buch ein Maß an Repräsentanz, das es in diesem Bereich bis jetzt schlicht nicht gab. Erstmals kommen wirklich fast alle zu Wort – die Ultras selbst genauso, wie die Wissenschaft, die Funktionär_innen, die Sozialarbeiter_innen und auch die Polizei. Was hingegen fehlt – und das ist sicher die größte und im Grunde unverzeihliche Schwäche des Buches – ist die Stimme der Frauen.

Nur ein einziger Text, nämlich der der Juristin Alexandra Schröder über die polizeistaatliche Repression, die Fans des BVB in Sevilla erleiden mussten, ist von einer Frau verfasst worden, doch thematisiert dieser die weibliche Sicht genauso wenig wie alle anderen Texte. Das Thema Gender findet schlicht nicht statt. Männer reden mit Männern über Fußball und wundern sich nicht einmal darüber, dass nur Männliches dabei herauskommt. Aus feministischer Sicht taugt dieser Buch daher höchstens als abschreckendes Beispiel dafür, wie mann es leider allzu oft macht in den Wissenschaften.

Doch wenn wir diese richtige und wichtige Kritik einmal beiseite lassen, lässt sich in dem Sammelband dennoch einiges Gutes entdecken. Sicher sind nicht alle Text gut. Das wäre auch zu viel verlangt. Doch gerade auch der unsagbar schlechte und fast schon grotesk weltfremde Text des Polizisten Udo Tönjann trägt in seiner entlarvenden Unbedarftheit bei der Affirmation der rechtstaatlichen Law-and-Order-Grütze und seiner wohl berufstypischen Blindheit für das noch immer unterschätzte Problem der Polizeigewalt einiges zum Diskurs bei, denn, wenn mensch erst einmal weiß, wie ein Teil der Polizei offenbar tickt, wird auch klar, warum sie für logische Argumente nicht zugänglich sind.

Wirklich gut hingegen ist das von Martin Thein geführte Gespräch mit Commando Cannstadt aus Stuttgart, das tatsächlich bis dato unbekannte Einblicke in das Innere einer Ultragruppe liefert. Genauso gut ist auch das Gespräch, das er und Jannis Linkelmann mit Helmut Spahn, dem ehemaligen Sicherheitsbeauftragten des DFB, geführt haben und in dem Spahn sich als Mensch mit für den DFB völlig untypischem Weitblick sowie enormen und Einfühlungs- und Abstraktionsvermögen zeigt. Wahrscheinlich ist er deshalb auch nicht mehr beim DFB…

Ebenfalls positiv hervorzuheben sind Thomas Feltes‘ statistische Erhebungen unter Fanbeauftragten und Gerd Dembowskis Gedanken zum Thema Identität, bei denen abermals seine Vorliebe für Gilles Deleuze zum Vorschein kommt. Amüsiert hingegen hat mich Mike Glindmeiers Annekdote, wie er uns der spätere St. Pauli-Profi Markus Ahlf als Jungspunde Pyrotechnik ins Stadion geschmuggelt und recht dilettantisch gezündet haben. Das hat meinen Blick auf Markus Ahlf, als etwas farblosen Kicker doch nachträglich etwas relativiert.

Alles in allem ist dieses Buch ungemein wichtig und wird meiner Einschätzung nach die Debatten rund um die Fankultur sicher voranbringen. Solange dabei allerdings weiterhin Männer über die Jungs schreiben, die sie selbst gerne noch wären, werden Nostalgie und romantische Verklärung dem Erkenntnisgewinn sicher weiter im Weg stehen. Genau das nämlich schlillert zwischen den Zeilen immer wieder durch. Viele derer, die hier schreiben, lieben Fußball und das ja auch zurecht, doch darf ihnen das nicht das Hirn vernebeln. Sonst werden sie zwangsläufig so blind sein für die Probleme der männerbündischen und sexistisch aufgeladenen Fankultur wie Udo Tönjann es dank Korpsgeist und ideologischer Verblendung für die für andere offenkundigen Verfehlungen seitens der Polizei ist. Schon den Untertitel „Portrait einer verwegenen Fankultur“ umweht der Hauch von Faszination und Träumerei. Dazu das Coverfoto, das einen in das Rot von Bengalos getauchten und vernebelten Fanblock zeigt. Da kann mensch (oder Mann?) schon ins Träumen geraten. Das sit auch legitim, doch sollte sich derlei Liebhaberei in der Belletristik, da irgendwo zwischen „Fever Pitch“ und „Football Factories“ austoben und nicht im Reich der Wissenschaft. Diese nämlich ist verpflichtet, sich nicht blenden zu lassen, sondern „Scheiße beim Namen zu nennen“. Doch wer nicht mal wahrnimmt, das Fankultur männlich geprägt ist, scheitert wohl zwangsläufig schon am „Scheiße erkennen“…

„Ultras im Abseits? – Portrait einer verwegenen Subkultur“ von Martin Thein und Jannis Linkelmann ist im Verlag die Werkstatt erschienen.

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2 Antworten auf „Thein und Linkelmann – Ultras im Abseits?“


  1. 1 Thein und Linkelmann – Ultras im Abseits? « LOVE FOOTBALL, HATE RACISM! Pingback am 17. Juni 2012 um 7:23 Uhr
  2. 2 Best Of Kommentarfunktion « fussball von links Pingback am 28. August 2012 um 13:24 Uhr
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