Die EM, der „wilde Osten“ und der Rassismus


In den letzten Tagen und Wochen ist viel geschrieben und geredet worden darüber, ob Polen und die Ukraine, die Gastgeberländer der EM 2012, ein Problem mit Rassismus und Antisemitismus in den Fußballstadien haben bzw. welches Ausmaß dieses Problem hat. Wirklich beantworten lässt sich diese Frage vom Berliner Schreibtisch aus und ohne sich ins Feld zu begeben sicher nicht, aber für ein paar Gedanken zum Thema reicht es dann doch.

Zunächst einmal dürfte klar sein, dass es dieses Problem in der Tat gibt. Ich würde sogar sagen, dass es zumindest in Europa überall existiert, wo nur genügend Menschen zusammenkommen. Rassistische, homophobe, antiziganistische, sexistische und anderweitig diskriminierende Äußerungen gibt es auch in der Bundesliga mit höchster Wahrscheinlichkeit an jedem Spieltag in jedem Stadion, in dem gespielt wird. Meist bleibt es bei Äußerungen Einzelner oder Weniger und nicht selten äußern Umstehende auch Dissens. Es gibt jedoch auch an fast jedem Spieltag einen Fall in den oberen Ligen, bei dem ganze Gruppen oder eine größere Anzahl Fans sich diskriminierend äußern oder verhalten. Meist handelt es sich dabei um Rufe, Transparente oder sogenannte „Tapeten“. Wer problematische Fans sehen wil, braucht also nicht zwingend jenseits der Oder nach ihnen zu suchen. Dass gerade deutsche Medien aber eben doch genau das tun, verwundert allerdings kein Stück. Zum einen werden sie sicher wie andere Medien auch von der reißerisch aufmachbaren Story selbst angezogen, weil sie halt Auflage bzw. Einschaltquote verspricht. Zum anderen fühlen sich aber auch gerade viele Deutsche, seit dem deutschen Eingreifen im Kosovokrieg und dessen Legitimierung durch Auschwitz, zunehmend dazu berufen, stets wachsam und kritisch gegenüber Rassismus und Antisemitismus zu sein – dem der anderen natürlich…

Wenn wir also nach Rassismus und Antisemitismus in polnischen und ukrainischen Stadien fragen, dann ist es keine Frage des ob, sondern des wie viel. Im aktuellen Ballesterer sagt ein führender Kopf der Ultras von Polonia Warszawa dazu:

Wir sind Patrioten, politisch rechts einzuordnen wie alle organisierten Fangruppen.

Auch wenn in dieser Aussage ein gewisses Maß an selektiver Wahrnehmung mitschwingen dürfte und es vielleicht hier und dort Ausnahmen gibt, so dürfte diese Aussage zumindest für Polen, wahrscheinlich auch für einen Großteil der Ukraine richtig sein. Und das hat vor allem historische Gründe.

Was beiden Ländern gemein ist, ist die Tatsache, dass sie zumindest in der Neuzeit die längste Zeit nicht unabhängig waren und das beide abwechselnd und mehrfach mal unter deutscher, mal unter russischer Vorherrschaft standen. Da die russische Vorherrschaft – denn die Sowjetunion war ganz klar russisch dominiert – die am wenigsten lang zurück liegende Besatzung (als genau das wird diese Epoche in beiden Ländern meist empfunden) ist, haben die meisten Leute dort an sie viel eher und viel mehr negative Erinnerungen als an alles, was davor war und von den wenigsten noch Lebenden überhaupt noch miterlebt worden ist. Die Unabhängigkeitsbewegungen in der Ukraine und noch mehr in Polen in den 1980ern waren explizit antirussisch und antikommunistisch, und natürlich waren sie auch nationalistisch. Wenn sich Pol_innen und Ukrainer_innen nun auf die Suche nach historischen Referenzpunkten innerhalb ihrer geographischen Region machen, bei denen genau diese drei Punkte auch eine Rolle spielten, dann landen sie sehr schnell beim nationalsozialistischen Deutschland. Es mag verwundern, aber es gibt Tausende polnische Nazis, die es fertig bringen, etwas abzuhypen, was ihr eigenes Land mit Krieg und Terror überzogen hat, aber ohne Frage geschieht genau das. Der Feind meines Feindes ist mein Freund oder so… In der Ukraine dagegen lässt sich explizit an nationalistische und antirussische Truppenverbände anknüpfen, die mit den Deutschen kollaboriert haben. Wenn polnische und ukrainische Fußballfans stark nach rechts tendieren, dann ist das vor allem Produkt eines rigorosen Antikommunismus, der in beiden Gesellschaften vorherrscht und auf den der Gang nach weit rechts eine probate Antwort zu sein scheint. Wenn sie dabei auf Symbole des Nationalsozialismus zurückgreifen, so liegt das schlicht daran, dass sich die deutschen Nazis leicht als „Kämpfer gegen den Kommunismus“ verbrämen lassen. Die Frage, wie etwas Fans von Polonia Warszawa es schaffen, sich dennoch und gleichzeitig positiv auf den Aufstand von Warschau zu beziehen, lässt sich wohl nur mit dem Allgemeinplatz beantworten, dass rechte Ideologien oft halt explizit unlogisch sind.

Das wirkliche Problem jedoch ist, dass Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Antiziganismus und andere Formen der Diskriminierung in Polen und der Ukraine als Einstellungsmuster weit verbreitet sind, weil sie zu keinem Zeitpunkt effektiv bekämpft wurden. Das gilt für die Gesamtgesellschaften, aber es gilt für den Fußball noch einmal besonders. Wenn wir den Teilbereich Fußball aus deutscher Sicht betrachten, haben wir es hier mit einer Ungleichzeitigkeit zu tun. Einerseits dominieren wie anderswo auch Ultras die Fankultur und die Kommerzialisierung des Fußballs ist weit vorangeschritten. Gleichzeitig hat es jedoch bis jetzt keinen Selbstreinigungsprozess gegeben, wie er in England oder Deutschland irgendwann Ende der 1980er, Anfang der 1990er einsetzte, als die Interessen antirassistischer Faninitiativen und die Vermarktungsinteressen von Vereinen und Verbänden zusammenkamen. Wir haben in der Ukraine und in Polen quasi die Einstellungsmuster der Kurven der 1980er gepaart mit der medialen Präsenz und der ultraesquen Organisationsfähigkeit der Jetztzeit. Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus waren in bundesdeutschen Stadien in den 1980ern mit Sicherheit noch weiter verbreitet, als sie es jetzt in Polen und der Ukraine sind. Sie waren damals geradezu hegemonial. Doch da es kaum Liveübertragungen und keine Initiativen gab, die all das dokumentierten, fehlen uns dazu weitestgehend die Bilder. In Polen und der Ukraine sind in jedem Stadion X Kameras des Pay TV, zig Journalist_innen und dazu noch ehrlich empörte Fans mit Smartphones, die all die Scheiße, die ja tatsächlich geschieht, auch dokumentieren. Hätte es all das schon in der BRD der 1980er gegeben, könnten wie heute wohl alleine mir Fotos von Reichskriegsflaggen ganze Bibliotheken füllen.

Die Aufregung über Rassismus und Antisemitismus in Polen – die oft fälschlicherweise in einen Topf geworfen wird mit der Gewaltdiskussion – ist also einerseits berechtigt, andererseits ist sie aber auch gezeichnet von Externalisierung und Projektion oder einfacher ausgedrückt: Da zeigen Leute mit Fingern auf andere, während sie selbst noch halb im Glashaus stehen. Anstatt in diesen Chor mit einzustimmen, sollten wir vielmehr internationale Organisationen wie FSE oder FARE in ihren Osteuropabestrebungen unterstützen und emanzipatorische Kampagnen vor Ort wie etwa die Kampagne „Wykopmy Razism ze Stadionów“ supporten. Denn wie Karl Marx schon sagte: „Philosophen haben viel Zeit damit verbracht, die Scheiße zu benennen. Es kommt aber darauf an, sie auch wegzuwischen!“


4 Antworten auf „Die EM, der „wilde Osten“ und der Rassismus“


  1. 1 Pole 08. Juni 2012 um 13:41 Uhr

    „Wilder Osten“ = rassistischer Ausdruck

  2. 2 fussballvonlinks 09. Juni 2012 um 11:52 Uhr

    ja, eben. darum geht’s ja. aber ich kann es auch in anführungszeichen setzen, wenn’s beliebt.

  1. 1 Gelesen und als interessant befunden | 13.06.2012 « Linksaußen Pingback am 13. Juni 2012 um 9:51 Uhr
  2. 2 Die EM, der „wilde Osten“ und der Rassismus « LOVE FOOTBALL, HATE RACISM! Pingback am 17. Juni 2012 um 7:16 Uhr
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