Düsseldorf gestern Abend – Untergang des Abendlandes live im Fernsehen


Es ist eine alte Weisheit, dass Objektivität ein Ding der Unmöglichkeit ist. Das gilt auch und insbesondere für den Journalismus. Wenn Journalist_innen behaupten, sie würden „objektiv berichten“, dann ist das entweder dumm oder gelogen oder beides. Was hingegen möglich ist, ist kritischer Journalismus. Journalist_innen können und sollten Kritik üben an den Gegenständen ihrer Berichterstattung. Andernfalls kommt solche Grütze wie dabei heraus wie das völlig missratene Ahmadinedschad-Interview von Klaus Cleber für das ZDF.

Wenn es um Fußball, seine Fans und ihr Verhalten im Stadion geht, geben Journalist_innen hierzulande sich auch gerne kritisch. Wenn irgendwo ein Bengalo brennt oder es ein wenig raucht, ist sofort von „Chaoten“ die Rede, von „Randale“, „Schande“ oder ganz allgemein vom Untergang des Abendlands oder zumindest des Sports an sich. Dass diese Haltung bei genauerer Betrachtung jedoch mitnichten kritisch ist, sondern viel mehr das genaue Gegenteil, wird deutlich, wenn mensch einen Blick darauf wirft, was Vereine und Verbände derzeit für eine Linie fahren. Diese sind nämlich sein Jahren oder fast schon Jahrzehnten nach Kräften darum bemüht die Fans des Fußballs und ihre Kultur zu befrieden und zu zivilisieren. Da sie damit im Großen und Ganzen auch durchaus erfolgreich sind, reichen mittlerweile immer kleinere Anlässe aus, um einen regelrechten Shitstorm von Seiten der Medien losbrechen zu lassen.

Natürlich kommt es vor, dass beim Abbrennen von Pyrotechnik Menschen verletzt werden. Genau aus diesem Grunde bemühen Fans und Ultras sich seit Jahren eine einvernehmliche Lösung zu finden, die das sichere Abbrennen von Feuerwerk ermöglichen würde. Selbst verständlich ist auch, dass Gewalt gegen Spieler_innen, Schiedsrichter_innen, Fans oder überhaupt irgendwen zu verurteilen ist. Allerdings vergessen Presse, Vereine und Verbände dabei in der Regel systematisch eine Gruppe Gewalttäter_innen. Die seit Jahren immer stärker eskalierende Gewalt von Seiten der Polizei wird zwar von mittlerweile von Amnesty International regelmäßig scharf kritisiert. Medien und verantwortliche Stelle innerhalb des Sports scheinen jedoch wenig Probleme damit zu haben, dass Woche für Woche uniformierte Hooligans Pfefferspray, Tränengas und Schlagstöcke auch gegen völlig Unbeteiligte einsetzen. So schwerwiegend das Gewaltproblem beim Anhang zumindest einiger Vereine auch ist, kann keine Ultragruppe mit der geballten und staatliche legitimierten Gewalt von Seiten der Polizei mithalten.

Wenn nun wie gestern in Düsseldorf Pyrotechnik abgebrannt wird und wie von Seiten des Hertha-Anhangs geschehen auf das Spielfeld geworfen wird, dann kann und muss das sicher kritisiert werden. Das Werfen von Bengalos aufs Spielfeld gehört ganz sicher zu den Dingen, die auch Befürworter_innen von Pyrotechnik im Stadion für problematisch halten. Es sollte jedoch auch bedacht werden, dass Relegationsspiele besondere Spiele sind, die enorm wichtig sind und deshalb auch enorm starke Emotionen auf Seiten der Fans hervorrufen. Wenn dann jedoch Hunderte oder gar Tausende Fans von Fortuna Düsseldorf das Spielfeld stürmen, weil sie irrigerweise annehmen, dass das Spiel abgepfiffen und sie damit aufgestiegen seien, dann ist es vollkommen unangebracht, sie als „Chaoten“ (Bild) oder „Idioten“ (Welt) zu bezeichnen. So etwas kann einfach passieren und ist vollkommen menschlich. Es wurde doch schließlich niemand ermordet. Die Leute wollten einfach feiern.

Es ist ganz offensichtlich bei vielen der Bezugsrahmen verlorengegangen in den letzten Jahren. Noch vor zwanzig Jahren etwa waren Schlägereien zwischen aber auch innerhalb von Fangruppen sogar im Stadion noch die Regel. Schwere Gewalt war an der Tagesordnung und mit dem Bremer Adrian Maleika, der 1982 von rechten HSV-Hools totgeprügelt wurde und dem BFC Dynamo-Fan Mike Polley, der 1990 in Leipzig von einem Polizisten erschossen wurde, gab es sogar Tote. Dagegen ist das, was heute passiert, auch wenn es in den letzten ein, zwei Jahren sicher eine gewisse Zunahme an schwereren Vorfällen gab, nichts als Pipifax. Selbst die heutigen Ultras von „Randalemeister“ Eintracht Frankfurt oder die Wilde Horde aus Köln, die ja in letzter Zeit öfters Schlagzeilen gemacht hat, würden von jeder Durchschnittsfankurve eines 1980er Jahre Bundesligavereins ohne viel Gesabbel zu Mus gekloppt werden. Fans und Ultras von heute sind unsagbar viel friedlicher als die rechtsoffenen bis offen neonazistischen Männerbünde, die in den 1980ern in jeder Kurve tonangebend waren. Das ständige, sensationsgeile Gefasel der Medien und Verbände, die sich permanent bei FC Sodom gegen Eintracht Gomorrha wähnen, trägt nicht nur keinerlei Rechnung, es schreibt eine mögliche neuerliche Eskalation sogar aktiv herbei. Wenn junge Kids heute im Internet gucken, was „Ultra“ denn eigentlich bedeutet, weil sie auch gern eine_r sein wollen, dann finden sie in den Standardmedien detaillierte Anleitungen dazu, die sich vor allem aus Gewalt, Schal- und Fahnenklau, Pyrotechnik und Randale zusammensetzt. Dass Ultra jedoch vor allem bedeutet sich mit anderen zusammen zu Tun und gemeinsam etwas auf die Beine zu Stellen, steht da nicht. Kein Wort von Choreos oder von Aktionen gegen Rassismus und Homophobie. Kein Wort von Street Art, selbstorganisierten Fanturnieren oder Freundschaften über Ländergrenzen hinweg. Kein Wort von Do It Yourself, Solidarität mit Stadionverbotler_innen oder sozialem Engagement im eigenen Stadtteil. Dabei ist für Ultra genau das. Gewalt kommt vor. Das darf nicht verschwiegen werden, aber erstens ist sie für die allerallermeisten Ultras nicht das, worum es eigentlich geht und zweitens – und das sollten Medien, Vereine und Verbände sich bitte mal hinter die Ohren schreiben – sind Bengalos, Rauchtöpfe und Platzstürme vieles, aber ganz, ganz sicher keine Gewalt und folglich sollten sie auch nicht so behandelt werden, als seien sie es, sondern als das was sie sind – nämlich Ausdruck von Leidenschaft, Emotion und Fußballverrücktheit. Drei Dinge, die den meisten, die sich über Ultra- und Fankultur das Maul zerreißen, in den allermeisten Fällen nicht zu bieten haben.


1 Antwort auf „Düsseldorf gestern Abend – Untergang des Abendlandes live im Fernsehen“


  1. 1 c. 20. Mai 2012 um 12:15 Uhr
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