Tschüüüüüüüß Gegengerade!


FC St. PauliSC Paderborn 07 5:0 (2:0)

Sonntag, 06.05.2012, 13.30 Uhr, Millerntorstadion, 2. Bundesliga (Männer)

Für Fans im Exil ist jedes Heimspiel ein Auswärtsspiel. Das heißt dann also Sonntagmorgen um Sechs nach viel zu wenig Schlaf Aufstehen und ab auf die Autobahn. In Hamburg dann erstmal zweites Frühstück und starker Kaffee. Dazu die Info, dass gerade ein Bus mit Paderborner Nazis vor dem Jolly Roger gehalten haben soll, um sich eine Tüte Auf’s Maul abzuholen. Aber von Faschos erwarten dass sie keine dummen Sachen machen sollen, wäre wohl auch irgendwie widersinnig.

Im Stadion dann eine Mischung aus Euphorie, Anspannung und Wehmut. Irgendwie rechnen fast alle damit, dass St. Pauli heute eine gute Leistung zeigen wird und der Relegationsplatz scheint durchaus noch in Reichweite. Dafür muss nur Duisburg gegen Düsseldorf gewinnen, was dann auch immer wieder zu „MSV“-Rufen führt. Gleichzeitig hieße ein verpassen der Relegation nicht nur ein weiteres Jahr in Liga 2, sondern auch, dass heute das letzte Spiel der alten Gegengerade sein wird. Als jemand, der seit vielen Jahren dort zu Hause ist, lässt mich das natürlich alles andere als kalt. Den Menschen um mich herum scheint es ähnlich zu gehen. Außerdem dann noch die Gerüchte, dass Trainer Schubert sich mehrfach scheiße verhalten hat und vor dem Rausschmiss steht, und vor allem der mehr als traurige Abschied von Deniz Naki. Selten hat einem einzelnen Spieler am Millerntor so viel Wohlwollen entgegengeschlagen wie Naki an diesem Tag. Als er später eingewechselt wird und sogar noch in der Naxchspielzeit sein Tor macht, wird jede Aktion von ihm vom Publikum mit dem Rufen seines Namens bejubelt. Ich werde diese herzuallerliebste Drecksau echt vermissen. Junge, komm bald wieder!

Auf dem Rasen läuft es dann auch wirklich formidabel. Paderborn ist nahezu chancenlos und fünf Tore sprechen an sich ja auch schon eine deutliche Sprache. Allerdings stellt sich da auch schon die Frage, warum St. Pauli diese Abwehr aufkauft, wenn sie offenbar nicht wirklich die Stabilste ist. Kruse war bestens in Form und macht seine Abgang so noch um einiges schwerer zu verdauen als ohnehin schon. Ebbers bereitet drei Tore vor und bestätigt damit seine starke Form der letzten Wochen. Der Rest des Teams weiß ebenfalls zu überzeugen. Mit einer solchen Leistung in jedem Spiel wäre der Aufstieg nicht nur gerechtfertigt, sondern auch eigentlich unvermeidlich gewesen. Bleibt natürlich die Frage, wieso sie so oft ausgeblieben ist und wieso sie jetzt dann doch erbracht wird. Liegt es daran, dass die Causa Schubert endlich öffentlich ist? Darüber lässt sich nur spekulieren. Ich persönlich fände das jedenfalls einleuchtend.

Wenig einleuchtend hingegen, um es vorsichtig auszudrücken, fand ich das, was sich in den ersten Minuten des Spiels auf den Rängen abgespielt hat. USP auf der Süd bringt den auch schon in Dresden gebrachten neuen Opener mit „Ganz Hamburg hasst die Polizei“. Auf der Gegengerade versuchen mehrere Grüppchen gleichzeitig „Aux Armes“ anzustimmen und wundern sich dann auch noch, wenn es ein heilloses Durcheinander gibt. Schuld daran ist aus Sicht der meisten natürlich USP. In den ersten rund fünf Minuten wird auch tatsächlich in diversen Ecken der Gegengerade so mancher Gesang angestimmt, doch endet das meiste in Kanon und Kakophonie. Gesänge von USP hingegen werden weitgehend boykottiert. Mich überkommt das Gefühl, in diesem doch irgendwie potentiell wichtigen und durch den kommenden Abriss der Gegengerade auch sehr emotionalen Spiel, fast nur von Trotzköpfen und zickigen Kleinkindern umgeben zu sein. Wenn dabei wenigstens tatsächlich so etwas wie ein Roar entstanden wäre, dann könnte ich die Fraktion Anti-USP ja sogar noch verstehen. Stattdessen herrschte weitgehend Schweigen und Diskussion darüber, wenn jetzt Bier holen geht. Einzig der kleine Haufen Kutten und hier und da mal kleine Grüppchen scheinen überhaupt an so etwas wie Support interessiert zu sein. Bei so einer Scheiße gehe ich nächste Saison echt lieber auf die Süd, auch wenn die Gegengerade mir eigentlich sehr am Herzen liegt.

Erst später, als St. Pauli sicher führt und noch mehr als das Gerücht durch das Stadion eilt, Duisburg wäre in Führung gegangen, wird es auch auf der Gegengeraden laut. Noch ironischer freilich ist die Tatsache, dass von Seiten der Ultragegner_inmen fast ausschließlich Besinnliches und Melodisches Marke „Que sera sera“ und „Tüdelband“ angestimmt wurde. Ich dachte immer Schalala wäre scheiße…

Am Ende jedoch bin ich irgendwie wieder versöhnt. Diese Reibung aneinander gehört wohl auch irgendwie dazu bei St. Pauli. Und das kollektive Rausreißen der Plastikschalensitze und der verkehrtrume Blocksturm, als Ordner_innen verhindern wollen, dass die Anwesenden die Sitze einfach so mitnehmen statt sie zu bezahlen, wie der Verein in seiner Dreistigkeit es wünscht, hat auch irgendwie Charme. Und dann ist Sommerpause. Irgendwie schade. Irgendwie aber auch egal, denn bald ist ja auch Antira-Trunier und überhaupt…


1 Antwort auf „Tschüüüüüüüß Gegengerade!“


  1. 1 34.Spieltag (H) – SC Paderborn | Übersteiger-Blog Pingback am 08. Mai 2012 um 10:35 Uhr
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