Wo Recht zu Unrecht wird oder so


Nach oben Bücken, nach unten Treten. Es ist immer wieder das Gleiche. Der FC St. Pauli hat mal wieder vom DFB eine Strafe aufgebrummt bekommen und gibt den Druck postwendend nach unten – sprich zu den eigenen Fans – weiter. Diesmal gab es eine Strafe von 15.000 Euro, weil die Fans des FC St. Pauli sich beim Hallenturnier im Wintern nicht anstandslos von Polizei und Lübecker Nazihools verprügeln ließen und weil in einer Choreo, die die verzerrte Außenwahrnehmung der Fans des Vereins darstellte, das Wort „Bullenschweine“ vorkam.

Wir sind es langsam leid. Eine Strafe hier, eine Strafe dort. Das läppert sich zusammen und wird von uns nicht mehr tatenlos hingenommen.

, sagt Präsident Stefan Orth. Doch meint er damit nicht die Willkür des DFB, sondern die Anhänger_innen seines eigenen Vereins. Es ist versatändlich, dass Orth und der Verein angepisst sind von den ständigen sinnfreien Strafen des DFB, doch die Schuld dafür bei den Fans statt beim Verband zu suchen ist einfach falsch.

Es ist mehr als offensichtlich, dass die Rechtsprechung des DFB vollkommen willkürlich ist. Vergehen von der Schwere der hier bestraften Fälle gibt es an jedem Spieltag in oder vor so gut wie jedem Stadion. In einer Vielzahl von Fällen geschieht sogar noch weit Schlimmeres. Immer und immer wieder kommt es zu homophoben und sexistischen Beleidigungen in verbaler oder schriftlicher Form. Wenn der DFB das gleiche Maß an Vereine wie Dynamo Dresden oder Hansa Rostock anlegen würde, dann müssten sie – auch wenn es dort jede Menge mehr oder minder korrekte Fans gibt – konsequenterweise auf Generationen hinweg von jeglichem Spielbetrieb ausgeschlossen werden. Alleine die antisemitische Scheiße, die einige Anhänger_innen beider Vereine bei den Matches beider Teams gegeneinander abgezogen haben, sind um ein solches Maß heftiger als ein einzelnes „Bullenschweine“, dass die Geldstrafe im Millionenbereich liegen müsste. Und was ist mit der Tatsache, dass neulich im Ostseestadion Tausende Rostocker_innen „Schwule! Schwule!“ in Richtung St. Pauli-Block riefen? Wo ist hier der entschiedene Kampf des DFB gegen Homophobie? Oder das „Dönerverkäufer“ von Seiten des SGD gegen Frankfurt? Wo war da das Engagement gegen Rassismus? Wahrscheinlich gelten Menschenrechte beim DFB einfach ausschließlich für Polizist_innen…

Vor solch willkürlicher Bestrafung seitens eines Verbandes, der fast sein ganzes Bestehen lang von (Ex-)Nazis geführt wurde und noch immer nur sehr larifari gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vorgeht und auch das nur, wenn jemand rechtzeitig aufschreit und es skandalisiert, zu kuschen bedeutet sich mitschuldig machen. Autoritärer Charakter ahoi!

Es ist okay, wenn der Verband Strafen ausspricht. Das ist Teil des Deals, wenn Vereine an seinen Wettbewerben teilnehmen. Doch muss das dann auch konsequent geschehen und es muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Hier gab und gibt es enorme strukturelle Defizite. Manche Geschehnisse werden enorm hart betraft und manche Menschen bekommen für den bloßen Verdacht, etwas gemacht zu haben, ein Stadionverbot. Anderes wird jedoch absichtlich übersehen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Wenn der DFB wirklich jeden Fall gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ahnden würde, dann würde durch die schiere Menge der Fälle (geschätzt von Bundes- bis Kreisliga mehrere Hundert pro Woche) offenbar werden, dass die Antidiskriminierungsarbeit des DFB bei aller guter Intention eigentlich ein schlechter Witz ist. Wer heute im Stadion oder auf dem Sportplatz jemand anderen als „Jude“, „Hurensohn“ oder „Zecke“ beschimpft kann nahezu sicher sein, niemals dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Außer vielleicht durch Selbstjustiz…

Der DFB will den klinisch reinen Fußball. Deshalb sollen Hässlichkeiten wie Gewalt und Pyrotechnik möglichst effektiv bekämpft werden. Genauso aber müssen rassistische, sexistische, homophobe etc. Vorkommnisse möglichst effektiv vertuscht werden, denn das Image können sie ja nur schädigen, wenn sie öffentlich werden. Das Problem für den DFB ist nicht, dass diese Dinge geschehen, sondern, dass sie skandalisiert werden, weil das die Marke Fußball schädigen könnte, die die ökonomische Grundlage des Verbandes bildet. Es geht und ging dem DFB, wenn es hart auf hart kommt, nie um die Menschen, sondern immer ums Geschäft. Solange es das Geschäft nicht störte (in den 1980ern z.B.) durften Hools und Nazis im Stadion vollkommen frei drehen. Heute wären sie imageschädigend und deshalb muss dafür gesorgt werden, dass sie nicht mehr so auffallen. Als Kund_innen sind sie aber natürlich weiter willkommen.

Es gibt im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder der DFB und seine Regionalverbände ahnden in Zukunft konsequent „Zigeuner“-, „“Arbeit macht frei, Babelsberg 03“-, „Schwule“- oder sonstwie faschistische oder diskriminierende Rufe, Transpis und Aussagen von Seiten der Fans, der Spieler_innen und der Funktionär_innen (wurde Leverkusen jemals für Völlers „Der Schiri soll Frauenfußball pfeifen“-Aussage bestraft?!?) oder aber die Verbände haben keinerlei Respekt verdient und gehören selbst auf allen Ebenen und mit allen Mitteln kritisiert, weil sie – entgegen ihrer Außendarstellung – durch ihre Willkür und Inkonsequenz menschenfeindlichen Umtrieben im Fußball nachdrücklich Vorschub leisten. Folglich muss auch seine Rechtsprechung kritisiert werden und darf nicht unwidersprochen hingenommen werden. Der FC St. Pauli würde gut daran tun, das Urteil nicht zu akzeptieren und stattdessen darauf hinzuweisen, dass es undemokratisch wäre sich einer willkürlichen Justiz zu beugen. Noch dazu, wenn diese ganz offensichtlich aus dem Nationalsozialismus nichts oder zumindest nicht genug gelernt hat.