Ganz Hamburg und Rostock hassen die Polizei


FC St. Pauli FC Hansa Rostock 3:0

Sonntag, 22.04.2012, 13.30 Uhr, Millerntorstadion, 2. Bundesliga (Männer)

Wenn St. Pauli und Rostock aufeinander treffen, dann ist immer Pfeffer drin, doch in diesem Fall bemühte sich die Hamburger Polizei durch das Verbot des Ticketverkaufs an Gästefans noch einmal nach Kräften nachzuwürzen. Der Plan, die Lage enspannter und leichter zu kontrollierbar zu machen, ist jedenfalls mal kräftig in die Hose gegangen. Geschehen ist einiges. Deshalb hier ein Versuch der schematischen Aufarbeitung:

1. Auf dem Spielfeld

St. Pauli war von Beginn an überlegn und siegte verdient 3:0 gegen Rostocker, von denen zuminest gegen Ende aufgegeben zu haben schienen. Eine Einstellung, die weder der Verein noch seine Fans geschweige denn die eigenen Mitspieler verdient haben, auch wenn es in der Tat sehr schwer werden dürfte für Hansa, doch noch die Klasse zu halten. Spieler des Spiels war zweifelsohne Marius Ebbers der zwei Tore selbst erzielte (12. und 49. Minute) und das dritte für Bartels auflegte (79. Minute). Viel besser kann ein Spieler in einem Zweitligaspiel nicht spielen – und das nach der doch recht langen Durststrecke in Teilen der Saison. Tiefster Respekt!

2. Vor dem Spiel

Für einen Teil der beiden Fanszenen egann der Tag sehr früh. Etwa 1.700 Rostocker_innen trafen sich um 11 Uhr am Bahnhof Altona und zogen von dort aus Medienangaben zufolge friedlich in einer angemeldeten Demonstration durch die Straßen Altonas. Um 10.30 Uhr, also sogar noch etwas früher, aber ebenso friedlich zogen etwa 300 Anhänger_innen des FC St. Pauli vom Schanzenviertel aus in einem Trauermarsch zum Südkurvenvorplatz. Mit Sarg, Kranz, Blumen und Kerzen wurde dort symbolisch die Fankultur zu Grabe getragen. Die Rufe, die den Zug begleiteten richteten sich ausschließlich gegen die Polizei, deren Führung ja durch ihre polizeistaatliche Anordnung des Ausschlusses einer ganzen Fanszene, die dadurch mal ganz nebenbei auch noch unter Generalverdacht gestellt wird, den ganzen Schlamassel ja überhaupt erst ausgelöst hatte.

3. Vor der Südkurve

Etliche – die Zahlen reichen von 800 bis 2.000 – St. Pauli-Fans, die überwiegend aus den Spektren Ultras und organisierte Fans kamen hatten sich darüber hinaus vor dem AFM-Container auf dem Südkurvenvorplatz getroffen, um dort kollektiv die Radioübertragung des Spiels zu hören und durch den Boykott des Stadionbesuchs ihren Protest auszudrücken. Die Stimmung dort war gut, die Übertragung aber leider nicht wirklich laut genug, um dem Spiel effektiv folgen zu können. Gejubelt und ab und an auch gerufen wurde trotzdem. In der Halbzeitpause kam es dann noch zu einem Tumult direkt vor der Südkurve. Ein junger Mann mit hellem Haar und blutigem Gesicht wurde von St. Pauli-Fans verfolgt und konnte in den Bürotrakt des Stadions fliehen. Er soll eine Thor Steinar-Jacke getragen haben. Das wäre dann aber auch wirklich ziemlich fahrlässig gewesen. Dass die Dinger in gewissen Gegenden, zu denen St. Pauli sicher gehört, gesundheitsschädigend sein können, ist schließlich weithin bekannt…

4. Auf den Rängen

Ich war in der zweiten Hälfte kurz drin, um mir selbst ein Bild zu machen und mitredcn zu können bei den zu erwartenden Diskussionen. Dass ich dadurch auch das 3:0 live gesehen habe, ist natürlich ein netter Bonus. Mir war aber auch sofort klar, dass die üblichen Verdächtigen im stpauli-forum sich ihre Münder zerreißen würden, wie megageil das war ohne USP und ohne Schalala. Endlich wieder so wie früher, denn da war ja bekanntlich alles besser… In der Tat wurde auf der Gegengerade ziemlich viel gesungen und auch auf der Süd gab es halbwegs okayen Support. Dem unkoordinierten Singsang seinen anarchischen Charme absprechen läge mir auch fern, doch was wirklich Bände sprach, was was das gesungen wurde. Nahezu jeder Gesang, der da kam – von Reeperbahn bis XY Fußballgott – wurde exakt so schon vor zwanzig Jahren gesungen. Einzig der Block 1 brachte hin und wieder auch mal etwas interessanteres zu Stande. Wo sind all die tollen Lieder mit mehr als fünf Wörtern im Text hin, die wir alle noch vor zwei Wochen gesungen – und auch gerne gesungen – haben? Vielleicht hilft ein wenig Koordination da doch… Ich würde jedenfalls diverse Körperteile darauf verwetten, dass mit den Leuten die draußen standen, mit USP und Trommel und Megaphon ein Spiel wie dieses 3:0 gegen Rostock der schiere Wahnsinn mit Gänsehaut bis Mittwoch gewesen wäre. So aber war es halt ein gutes Spiel mit guter Stimmung. Mehr aber auch nicht. Vor allem aber möchte ich mal die Frage in den Raum werfen, was wohl gewesen wäre, wenn nicht alles eitel Sonnenschein gewesen wäre, wenn Rostock nach 20 Minuten 2:0 geführt hätte. Dann erst hätten wir sehen können, wie viel das Publikum ohne Ultras und ohne die anderen aktiven Fans, die draußen standen, gebacken bekommt. Bei Siegen jubeln kann jede_r…

5. Rostocker im Stadion

Ungefär vierzig Rostocker_innen haben es doch irgendwie ins Stadion geschafft, ein blaues Banner mit „Ganz Rostock hasst die Polizei“ enrollt und ihr Team nach Kräften unterstützt, was von der Mehrheit der St. Paulianer_innen mit Wohlwollen aufgenommen wurde. Bei aller Rivalität ist polizeiliche Repression halt doch noch schlimmer als der Verein mit der Kogge im Wappen.

6. Hinterher

Schon kurz vor Schlusspfiff hatte das Geschehen draußen sich zunehmend auf die Budapester Straße und vor das Jolly Roger verlegt. Polizeifahrzeuge wurden beworfen und die Polizei reagierte entsprechend. Über 1.500 Polizist_innen im Einsatz sind immerhin schon eine kleine Armee. Trotzdem wurde auch der HSV-Treffpunkt Tankstelle nahe dem Hans-Albers-Platz entglast und die Polizei immer wieder und an verschiedenen Orten angegriffen. Es gab zehn Fest- und sieben Gewahrsamnahmen. Ob das jetzt nötig oder zielführend war, mag jede_r für sich entscheiden. Ich würde ja sagen, dass derart viel Polizei wahrscheinlich so ziemlich überall auf wenig Gegenliebe stoßen würde. ACABAB und so…

PS: Auch lesenswert zum Thema sind u.a. Übersteiger, magischerfc und metalust!


1 Antwort auf „Ganz Hamburg und Rostock hassen die Polizei“


  1. 1 zimtstern 24. April 2012 um 11:23 Uhr

    waren eigentlich nasen auf der demo?
    hab auf der süd noch (4-5)rostocker gesehen,die sahen jedoch korrekt aus.

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