Archiv für März 2012

FC St. Pauli klagt für die Fans des FCH

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle einen Kommentar dazu verfassen, wie gut, richtig und wichtig es ist, dass der FC St. Pauli sich dazu entschieden hat gegen die Untersagungsverfügung der Polizei zu klagen, die jeglichen Ticketverkauf an Anhänger_innen des FC Hansa Rostock für das Spiel der beiden Vereine am 22. April verbietet. Nach der Südkurvenblockade vor zwei Jahren die zweite richtige Geste in Richtung Ostseestadion, bei der auf vorhandene Feindschaften geschissen wird, weil es immerhin um Präzedenzfälle geht, die alle Fans in der Bundesrepublik etwas angehen. Eigentlich wollte ich noch irgendwas dazu schreiben, dass solche Feindschaften eh ziemlicher Mumpitz sind, auch wenn ich genau so gut wie die meisten, die das hier lesen werden, weiß, dass manche Spiele halt doch irgendwie etwas Besonderes an sich haben und das FCSP vs. FCH ganz klar in diese Schublade gehört. Ja, eigentlich wollte ich da machen, aber etwas Besseres als den Kommentar im Blog des Übersteigers würde ich so oder so nicht hinbekommen, also kann ich auch einfach auf ihn verweisen:

…Und doch: All dies darf kein Grund sein, einer kompletten Fanszene die Anreise zu einem Fußballspiel zu verwehren, sonst sind wir tatsächlich schon in einem Polizeistaat angekommen.
Ohne Rücksprache mit dem DFB und der DFL, ohne Rücksprache mit den beiden beteiligten Vereinen, ohne Einbeziehung der Fanprojekte, will die Polizei hier “verfügen”. Exekutive und Judikative will die Polizei damit bereits in einer Person sein, in der Hoffnung, dass niemand die Legislative anruft.

Die Polizei spielt hier ganz klar auf den Faktor des derzeit in Deutschland herrschenden Medienhypes über die angeblich zunehmende Gewalt im Fußball, ungeachtet der Tatsache, dass dies eher in Wechselwirkung mit der seit 2005 stark zunehmenden Zahl an Polizei-Einsatzstunden einhergeht, wie u.a. im 11FREUNDE – Heft 11/2011 sehr ausführlich von Christoph Biermann und Ron Ulrich ausgearbeitet und nachzulesen. Vom zunehmenden Einsatz des Pfeffersprays und damit verbundener höherer Verletztenzahlen ganz zu schweigen…

Mehr gibt es [hier].

Dresden in anders?

auf addn.me und Indymedia findet sich ein lesenswerter Artikel zu einer Diskussionsveranstaltung, die sich mit der SG Dynamo Dresden und ihren Fans auseinandersetzte. Es geht darum vor allem um ein aus Sicht der Veranstalter_innen notwendiges Update der Außenwahrnehmung der Dresdener Szene, die für viele neben Hansa Rostock und in geringerem Maße auch einigen unterklassigen Ostclubs noch immer als der Inbegriff rechter Barbar_innenhorden gilt. Hier ein Auszug:

…Die von der Fangemeinschaft schon vor etlichen Jahren gemeinsam mit der Geschäftsführung verabschiedete und mittlerweile von 50 der 140 offiziellen Fanclubs unterzeichnete so genannte Fancharta beinhaltet Regeln und Normen, wonach sich beispielsweise der Verein SG Dynamo Dresden e.V. und seine Fans aktiv gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aussprechen. Vorfälle wie zuletzt nach dem Auswärtsspiel in Bochum sollten den Anhängerinnen und Anhängern von Dynamo klarmachen, dass sie damit nicht nur das Bild des Vereins in der Öffentlichkeit dauerhaft schädigen und die jahrelange Arbeit von Faninitiativen vor Probleme stellen, sondern auch den Erfolg einer multikulturellen Mannschaft ad absurdum führen…

Linke Fankultur in Minsk darf nicht sterben

Von Seiten des Roten Sterns aus Leipzig erreicht uns folgender Aufruf zur Solidarität mit den Fans MTZ-RIPO bzw. FC Partizan Minsk in Weißrussland, dem wir hiermit gerne zu weiterer Verbreitung verhelfen wollen:

Linke Fankultur in Minsk darf nicht sterben:

Aufruf zur Solidarität!

MTZ Ripo ist ein Fußballklub aus der weißrussischen Hauptstadt Minsk, der seit 2009 unter dem Namen Partizan spielt. In den vergangenen Jahren entwickelte sich bei dem Verein eine starke antifaschistische Fan- und Ultra-Szene. Damit ist der Klub nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion, sondern im gesamten Ostblock einzigartig.

Natürlich gibt es auch bei anderen Vereinen Ansätze einer progressiven Fankultur, doch bei MTZ Ripo steht eine Masse dahinter. Einige Hundert, zumeist junge Leute, zählen zur Fanszene, darunter viele Angehörige antifaschistischer Subkulturen (u.a. Punkrock, Hardcore, Veganismus). Die Fans widersetzen sich nicht nur der krassen Repression des autoritären Staates, sondern konnten im Laufe der Zeit die Dominanz faschistischer und neonazistischer Hooligans (u.a. vom Traditionsklub Dinamo Minsk) brechen – das Klima in der Stadt hat sich gewandelt. Der Verein mit seiner Fanszene bildet eine enorm wichtige Gegenkultur zum autoritären und extrem rechten Mainstream in der Gesellschaft. Die Ausstrahlungskraft reicht weit über die Landesgrenzen hinaus und zeigt, dass auch unter schwierigsten Bedingungen eine Alternative möglich ist.

Unterstützen wir die Rettung MTZ Ripo Minsk!

Im letzten Jahr konnte MTZ Ripo den Aufstieg in die höchste Spielklasse feiern, was die positiven Entwicklungen weiter beförderte.Im Dezember 2011 hat sich allerdings der Klubbesitzer und Sponsor Vladimir Romanov zurückgezogen. Die Suche nach neuen Sponsoren war nicht erfolgreich, die Mannschaft stellte den Spielbetrieb ein und es drohte ein endgültiges Aus.

Mit einer Rettungskampagne wollen die Fans und Ultras ihren Verein retten und zumindest die 2. Liga ermöglichen.

Der Verein benötigt insgesamt ca. 80.000 EURO für die Registrierung zur 2. Liga, die Stadionmiete und den Bürobetrieb. Bis zum April müssen die ersten 10.000 EURO gesammelt werden. Um diese Aufgabe zu stemmen, wurde eine Genossenschaft gegründet, bei der jede/r TeilnehmerIn (bisher 400, Stand 23.02.2012) einen monatlichen Betrag zahlt. Dieser Schritt zur Selbstorganisation gewährleistet, dass alle TeilhaberInnen ihres Klubs werden und die zukünftigen Entwicklungen – wie beispielsweise Personalentscheidungen – mitbestimmen können.

Für uns kann es nur heißen, diesen Klub mit seiner einzigartigen Fankultur zu unterstützen. Helfen wir mit, dass sich auch in Zukunft die antifaschistische Fankultur in Minsk im Speziellen und die progressiven, sowie antifaschistischen Subkulturen im Allgemeinen weiter entwickeln können!

Auch werden wir während der nächsten Spiele am Eingang/Grillstand/Bus für den MTZ Ripo Minsk und die dortigen antifaschistischen Strukturen Spenden sammeln.

Also Augen offen halten und Kleingeld mitbringen.

PayPal: szymon666@poczta.onet.pl (Betreff: MTZ)

Infos: mtz-ripo-soli@riseup.net

Soli-Internetblock und Spendenkonto sind in Planung

Eigentlich sollte hier ein Bombenkrater sein


Hertha BSC BerlinSV Werder Bremen 1:0

Samstag, 03.03.2012, 15.30 Uhr, Olympiastadion, Bundesliga (Männer)

Mir war gar nicht bewusst gewesen, wie lange ich es nicht mehr in auch nur irgendein Stadion geschafft hatte. Über zwei Monate war ich auf Entzug gewesen dank privaten Stresses und für mich unpassender Spielansetzungen. Da nahm ich die Einladung in die Bremer Kurve für das Spiel gegen die Berliner Hertha natürlich gerne an, denn immer nur Fußball in der Kneipe gucken ist halt doch nicht dasselbe.

Quasi als Vorspiel hatte es am Vorabend eine antifaschistische Demonstration gegen Nazistrukturen im Berliner Stadtteil Schöneweide gegeben, der zumindest einige Scheiben eines von einem Nazi betriebenen Buchladens zum Opfer gefallen waren. Dass das Problem menschenfeindlicher Ideologien jedoch nicht nur am äußersten rechten Rand der Gesellschaft, sondern auch in ihrer mittigsten Mitte zu verorten ist, zeigte sich auf wunderbare Weise bereits in der S-Bahn Richtung Olympiastadion, als ein ganz normaler Herthaner anwesende Bremer Fans glaubte in aggressiver Weise fragen zu müssen, ob denn wirklich, wie er gehört hätte, schwul wären und sie dann anderweitig beleidigte, während im Hintergrund der halbe Wagon „Wir sind die Jungs aus der Reichshauptstadt – Ficken oder wat“ sang. Per Regionalbahn angereiste Bremer_innen hatten, wie ich später erfuhr, auch bereits auf der Anfahrt ihren Anteil an Nazistress gehabt, und in der S-Bahn Richtung Potsdam wurden drei Babelsberger_innen von Cottbusser und Chemnitzer Nazihools angegriffen. Warum genau gehen wir eigentlich noch mal zum Fußball?!?

Diese Frage konnte mensch sich, zumindest für den Profibereich, auch bei den übertriebenen Kontrollen an den Gästeblocks des Olympiastadions stellen. Um zu verhindern, dass Fans mit Tickets für den Oberrang in den Block in der Unterrang gelangen, was ja auch wirklich krass wäre, wurde heftigst kontrolliert und einige Fans sogar von den sich aggressiv gebärdenden Berliner Ordner_innen aus dem Stadion geworfen. Schön, dass in Westberlin noch alles sein gute, deutsche Ordnung hat…

Trotz der erheblichen Verzögerungen beim Einlass ging es gerade noch rechtzeitig zum Anpfiff in den Block. Eventuelle Choreos habe ich allerdings verpasst. Das Olympiastadion ist ja dank des Daches und der blauen Laufbahn ja auch gar nicht mehr ganz so hässlich wie früher. Die Akustik ist jedoch noch immer unter aller Sau. Es war optisch durchaus wahrnehmbar, dass in der Heimkurve ziemlicher Alarm war. Zu hören war jedoch nahezu nichts. Dass irgendwer auf dem Spielfeld oder gar in der anderen Kurve mehr als zwei oder drei Mal die Werderkurve gehört hat, kann ich mir auch nicht vorstellen, obwohl zumindest ein Teil der Gästefans sichtlich um Support bemüht war. Warum spielen im Jahre 2012 eigentlich immer noch Fußballteams in Leichtathletikstadien – zumal in solchen, die aufgrund ihrer historischen Bedeutung schon vor siebzig Jahren hätten weggesprengt werden sollen?

Auf dem Spielfeld war Werder zunächst überlegen, was sich auch in einem himmelweiten Vorsprung bei Ecken und Torschüssen abzeichnete. Vor dem Tor versagten die Bremer jedoch ein ums andere Mal, und im Mittelfeld hagelte es Fehlpässe. Dass die Hertha daraus kein Kapital schlagen konnte, lag wohl vor allem an ihrer eigenen eher defensiven Spielweise. Das, was dabei herauskam, kann mensch berechtigterweise als ein richtig schlechtes Spiel weit unter Bundesliganvieau bezeichnen. Daran änderte sich auch in der zweiten Hälfte wenig, bis Hertha in der 62. Minute durch Rukavytsya in Führung ging. Die Berliner schienen sich nun durch die weder wirklich verdiente noch wirklich unverdiente Führung beflügelt zu fühlen und spielten befreiter auf. Die Bremer setzten alles auf Angriff, versagten dabei jedoch noch mehr als vorher ohnehin schon und lieferten nebenbei auch noch den wahrscheinlich desaströsesten Freistoßversuch der gesamten Saison ab. Als dann endlich Abpfiff war, bejubelte der blau-weiße Teil des Stadions den ersten Sieg seit Anno Dazumal und die Gästefans waren wahlweise enttäuscht von oder wütend über die Leistung der Ihren. Hertha hat sich damit tatsächlich aus den Abstiegsrängen herausgekämpft. Bremen steht nur dank des 2:2 von Augsburg in Hannover noch immer auf einem UEFA-Cup-Platz. Langsam sollte an der Weser mal wieder etwas mehr Dampf auf den Kessel gegeben werden, denn so wird das nichts mit dem internationalen Geschäft.

Bremer Ultras hatten beim Verlassen des Stadions jedoch ganz andere Probleme. Ohne jede Vorwarnung und ohne jeden ersichtlichen Grund versuchten ein Trupp Berliner Bereitschaftspolizist_innen einen Bremer Ultra festzunehmen, als dieser zusammen mit den anderen den Block verließ. Überrascht von dem plötzlichen Angriff reagierten einige Anwesende mit defensiver Gewalt und versuchten sich die uniformierten Schläger_innen vom Leib zu halten. Auch Berliner Ordner_innen mischten fleißig mit. Am Ende gab es mindestens drei Gewahrsamnahmen und mehrere Verletzte auf Seiten des Fans. Was der Auslöser der Polizeiaktion gewesen war, konnte auch auf Nachfrage keiner der Beamt_innen sagen. Vielleicht ja wieder so etwas Schlimmes wie eine weitergegebene Eintrittskarte. Wirklich krasses Fehlverhalten irgendeiner Art habe ich jedenfalls während des gesamten Spiels nicht wahrnehmen können. Falls jemand da Infos hat, immer her damit!

Der einzige Vorteil des ganzen Kuddelmuddels war, dass sich viele Fans vor dem Stadion in Gruppen sammelten, warteten und diskutierten und ich dabei noch einige bekannte Gesichter von Babelsberg und TeBe erblicken konnte. Zu beiden Vereinen werde ich wohl auch in Zukunft lieber gehen als zur Hertha…

FSV Zwickau schon wieder

Nach „Sieg Heil“ in der Kabine und NSU-Gesängen in der Kurve hat jetzt, wie der Focus berichtet, Robin Hölzel, Stürmer beim FSV Zwickau eine Geldstrafe und eine vierwöchige Sperre vom Verein erhalten, weil er im Internet kundgetan hatte, dass in seinen Augen Ivy Quainoo, die Siegerin der Castingshow „The Voice of Germany“ keine Deutsche sei. Die in Berlin geborene und aufgewachsene Sängerin, deren Eltern aus Ghana stammen ist als Person of Color für den aus der Nähe der Nazihochburg Chemnitz stammenden Hölzel offenbar automatisch undeutsch. Nazis wie das Freie Netz Köln nehmen diesen Steilpass gerne auf und sekundieren dem Stürmer in seinem Rassismus.

Quainoo selbst gibt sich gegenüber der Stuttgarter Zeitung wenig beeindruckt: „Ich denke, unsere Gesellschaft ist so weit, dass die Hautfarbe bei einer Casting-Show egal ist.“ Allerdings ist sie wie gesagt in Berlin aufgewachsen und nicht in Zwickau. Gerhardt Neef aus dem Präsidium des FSV klingt da im Focus schon weniger optimistisch: „Wir können nicht im Verein nachholen, was die Gesellschaft nur halbherzig betreibt.“ Wobei halbherzig zumindest für Teile des Landes eigentlich auch schon ein wenig übertrieben optimistisch formuliert ist…