Tradition gegen Homophobie


Das Transpi der Kampagne „Fußballfans gegen Homophobie“ ist auf dem Weg zu RB Leipzig und die Fußballwelt steht Kopf. Auf die Ankündigung auf Facebook hin begann postwendend das Gepöbel. Wie könne das denn überhaupt angehen? Immerhin sein RB Leipzig ja bloß ein Marketinginstrument des Red Bull-Konzerns und sogar noch schlimmer als die TSG Hoffenheim. Ein Verein ganz ohne Tradition, ein Verein der „keine fans sondern kunden“ hat, kurz: Ein exponierter Vertreter des „modernen Fußballs“, gegen den momentan so viele sind. Besonders weit trieb es der Blog Mange Frei:

…Ich könnte viele Personen verstehen, die nun mit dieser Initiative brechen. Klar gilt auf das Problem „Homophobie im Fußball“ aufmerksam zu machen, aber nach einem bisher so erfolgreichen Verlauf gibt es sicher andere Mittel und Wege, sie auch weiter fortzuführen, ohne seine Ideale aufzugeben. Irgendwo kommt mir hier der Vergleich mit den „Nationalen Sozialisten für Israel“ in den Sinn,d er sicher etwas weit gegriffen ist, aber wo sich auch völlig kontroverse Aussagen ineinander vermischten.

RedBull hat in Leipzig nichts verloren, sondern RedBull geht gilt es zu boykottieren – auch von der Fußballfans gegen Homophobie – Initiative.

Offenbar gibt es viele Menschen, denen die Verteidigung des traditionellen Fußballs wichtiger ist als Engagement gegen Homophobie. Dass ihre Argumentation dabei kompletter Humbug ist, fällt ihnen wahrscheinlich nicht auf. Der Unterschied zwischen RB Leipzig, Bayer Leverkusen, Arminia Bielefeld oder dem FC St. Pauli ist allenfalls graduell. Jeder Verein ab einem gewissen Niveau aufwärts muss sich vermarkten und verkaufen, um in der Konkurrenz mithalten zu können. Es geht hier schließlich nicht nur um Sport, es geht um Unterhaltungsindustrie. Profifußball gibt es seit mittlerweile weit über hundert Jahren, auch wenn es in Deutschland sehr viel länger gedauert hat, bis diese Errungenschaft sich durchsetzen konnte. Fußall ist ein Markt und natürlich geht es da um Geld. Was sollten wir in einer kapitalistisch verfassten Gesellschaft auch anderes erwarten?

Der Rückgriff auf den ideologisch aufgeladenen Begriff der Tradition erinnert ein wenig an den Nationalismus sozial abgehängter Milieus, die da sie weder Reichtum, noch Bildung, noch irgendetwas anderes vorzuweisen haben, was ihnen Anerkennung bringt, sich zurückziehen auf das eine, was ihnen niemand nehmen kann: Ihre Nationalität respektive ihre ethnische Zugehörigkeit oder Hautfarbe. Dabei ist der Begriff der Tradition nicht nur höchst problematisch, da viele Dinge die vollkommen beschissen sind eine ziemlich lange Tradition haben, sondern auch stetiger Veränderung unterworfen. Vor einigen Jahren galten die Werksclubs aus Leverkusen und Wolfsburg (und Krefeld, aber das ist eine andere Geschichte…) als das ultimative Böse. Heute sind sie fester Bestandteil der Bundesliga, sportlich mehr oder minder erfolgreich und haben sehr aktive Fanszenen, von denen manch „Traditionsverein“ nur träumen kann. So wird es bald vielleicht auch mit Hoffenheim und, sofern das Projekt erfolgreich sein wird, auch mit RB Leipzig sein. Vielleicht verschwinden die Vereine auch bald wieder in untere Ligen und bleiben nur eine Fußnote der Fußballgeschichte wie Borussia Neunkirchen oder Tasmania Berlin. Fakt ist: Auch sie werden bald Tradition haben! Wahrscheinlich wird, falls nicht alle zu Vernunft gekommen sind, der Volkszorn dann bereits weitergezogen sein zu irgendeinem neuen Grundübel, das sich vor allem durch eines auszeichnet: Es hat viel Geld, das ihm aus irgendwelchen Befindlichkeiten heraus nicht gegönnt wird.

Dabei ist es doch zehnmal besser, wenn Red Bull einen unbedeutenden Dorfklub in Sachsen übernimmt, als wie in Salzburg einen Verein mit lange bestehender Kultur und großer Anhängerschaft und dort dann alles, aber auch alles umkrempelt bis hin zu den Vereinsfarben. Dass sich darüber Unmut äußert, kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich möchte auch nicht, dass TeBe plötzlich in Rot-Weiß spielt oder St. Pauli in Schwarz-Blau. Ich möchte auch nicht, dass sie bald Tennis-Sterni Berlin und Ad Astra Hamburg heißen. Aber ich will das nicht, weil es Vereine sind, an denen ICH hänge. Was andere Vereine machen, kann mir doch schnurzpiepegal sein. Wenn der HSV bald in Grau-Beige aufläuft und nach seinem neuen Sponsor Ikea SV heißt, dann stört mich das höchstens in dem Maße, wie es auch die Fans des Vereins stört. Sind diese dagegen, bin ich solidarisch. Finden sie es okay, lache ich sie aus. So einfach ist das. Mir wäre nicht bekannt, dass es in Hoffenheim oder in Markranstädt großen Widerstand gegen das neue Geld und die Eingriffe ins Vereinsleben gegeben hätte. Warum soll es mich also stören? Es sind doch nicht meine Vereine…

Vor allem aber verstehe ich nicht, warum es mich mehr stören sollte als Homophobie im Stadion und anderswo. Wenn ich Kajal und Glitzer im Gesicht von der Party direkt ins Stadion gehe und dem falschen Haufen Jungmänner über den Weg laufe, dann kann ich sehr leicht auf die Fresse kriegen. DAS stört mich weit mehr als die Tatsache, dass irgendwelche Fußballvereine sich – Schockschwerenot – von Geschäftsleuten Geld geben lassen. Homophobie bedroht Leib und Leben, körperliche und psychische Unversehrtheit von Millionen von Menschen alleine hierzulande. RB Leipzig bedroht nur das Trugbild einer schönen heilen Fußballwelt, dem einige Leute anhängen…


6 Antworten auf „Tradition gegen Homophobie“


  1. 1 bronski 08. Dezember 2011 um 20:03 Uhr

    danke!

  2. 2 rbl verleiht... 08. Dezember 2011 um 21:20 Uhr

    sehr gut!

  3. 3 Michel 08. Dezember 2011 um 21:44 Uhr

    Hallo,
    zunächst sollte ich erwähnen, dass ich die Aktion gegen Homophbie bis jetzt unterstützt habe und auch weiterhin unterstützen werde.
    Der Vergleich mit den sogenannten Traditionsverein und den künstlichen Konstrukten ist zwar nicht ganz gelungen bzw. es sind zwei völlig unterschiedliche Paar Schuh, die zwar das gleiche wollen, den Erfolg!, doch kann man diese nicht in einen Topf werfen. Ich als Hamburger werde natürlich das Beispiel des HSV nennen, liegt auch am nächsten. Der HSV ist 1919 gegründet worden, um Erfolg zu haben. Dabei hat er sich in den fast 100 Jahren, die der Verein besteht, trotzdem eine Menge aufgebaut, sei es die Strukturen die Fanszene und was weiß ich, was manche noch zur Tradition dazuzählen. Dass sich der Verein der heutigen Zeit angepasst hat und sich verkauft, ist zwar nicht schön aber er hatte die Tradition, bevor er sie sich selbst genommen hat. RB-Leipzig hat und wird von mir niemals als ein Verein angesehen werden, es ist und bleibt ein Unternehmen, das einen Verein zerstört hat. Ob nur drei Rentner sind, denen ihr Heimatverein genommen wurde oder eine komplette Fanszene dranhängt spielt für mich in erster Linie keine Rolle, es geht ums Prinzip!
    Ich kann diesen Schritt nicht nachvollziehen diesen Personen die Fahne“ Fussballfans gegen Homophobie“ zu überlassen. Ich dachte diese Fahne wäre für Fußballfans von Fußballfans und Anhänger dieses Vereins sind keine Fußballfans! Man ist doch nicht mehr glaubwürdig für andere Gruppen, die wirklich diesen Sport leben. Jetzt würde ich mir das zweimal überlegen, ob ich mir das Banner an den Zaun unseres Heimbereichs hängen würde. Allein die Vorstellung, dass sich diese Kunden als Fußballfans sehen, macht es richtig abstoßend. Zwar würde ich über meinen Schatten springen und mir das Banner trotz dieses extremen Fehlgriffs an den Zaun hängen, einfach weil ich Homophobie bekämpfen möchte, doch es stimmt mich schon nachdenklich…

  4. 4 Nektarine 09. Dezember 2011 um 14:39 Uhr

    Tradition ist fürn Arsch!

  5. 5 Bernd 09. Dezember 2011 um 15:49 Uhr

    Was macht man denn gegen solche Leute, die Homophobie munter in ihren Foren verbreiten?

    http://www.fanforum-deutschland.de/index.php?page=Thread&threadID=67380

  6. 6 Blablub 14. Dezember 2011 um 18:37 Uhr

    @Michel:
    Na dann definier doch mal bitte Fußballfan.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.