Fußball muss wie Plenum sein!?


Fußball ist und bleibt in meinen Augen die beste und interessanteste Teamsportart der Welt. Was an ihm stört ist eigentlich nur eins: Die sogenannte Fankultur.

Es ist nichts oder wenig dagegen einzuwenden, wenn Menschen für ein oder mehrere Teams eine besondere Sympathie pflegen und versuchen möglichst häufig die Spiele des- bzw. derselben zu verfolgen. Problematisch wird es offenbar erst, wenn dies in Gruppen passiert.

Fußball, zumindest Männerfußball, wird noch immer mehrheitlich von Männern geguckt. In organisierten Fankreisen ist ihre Dominanz sogar noch größer als beim Rest. Wie sich Männer in größeren Gruppen verhalten, zumal wenn dann noch Alkohol am Start ist, ist weithin bekannt. Jeder scheiß Junggesellenabschied und jeder bekackte Vatertagsausflug sind mahnende Bilder des Schreckens. Männergruppen unter Alkoholeinfluss sind in den allerseltensten Fällen erträglich, selbst wenn sie aus an sich vollkommen sympathischen Individuen bestehen. Solange sie dabei unter sich bleiben, ist das auch völlig in Ordnung bzw. ihr Bier. Im Fußballstadion und auf dem Weg dahin und von da zurück, wird mensch dann allerdings fast zwangsläufig mit ihnen konfrontiert und kann dabei zusehen wie Hemmschwelle und Niveau um die Wette purzeln. Der nette junge Mann, der eben noch eloquent über Adorno parlierte, beschimpft dann plötzlich den Schiedsrichter als Hurensohn, und der Typ mittleren Alters mit dem Schal von Anno Dazumal brüstet sich mit Heldengeschichten von als der Schal noch neu war und alles viel echter und gefährlicher und besser sowieso. Er sagt „Scheiß Kommerzialisierung!“ und meint damit wahrscheinlich steigende Bierpreise…

Bei Heimspiel lässt sich all dem auch häufig noch entgehen. Auf Auswärtsfahrten sieht es aufgrund der meist notgedrungen gemeinsamen An- und Abreise und der in vielen Stadien nicht eben geräumigen Gästeblocks meist etwas anders aus. Vor allem die Rückreise ist meist nur ein einziger Alkoholexzess mit einer Extraportion Niveaulimbo. Entweder muss der Sieg gefeiert werden oder die Niederlage verdrängt oder das Unentschieden… ja was eigentlich? Das Geld, das bei einem durchschnittlichen Fünft- oder Sechstligisten vom Anhang rund um die Spiele des Teams in Bier investiert wird, dürfe locker ausreichen um einen regionalligatauglichen Kader zu finanzieren. Aber vielleicht wäre das auch scheiß Kommerzialisierung…

Da all das noch nicht kacke genug ist, kommt oben drauf noch mal ein großer Haufen Gewalt und Identitätsgeprolle. Bei fast jedem Verein, der irgendwie relevant ist, finden sich Menschen (fast nur Männer komischerweise…), die bereit dazu und oft sogar regelrecht geil darauf sind, sich für ihren Verein zu kloppen. Archaischen und vormodernen Konzepten wie „Ehre“ folgend verteidigen sie mannhaft ihren Verein, dessen Farben, ihre Stadt, ihren Stadtteil, ihr Bundesland, ihr Land oder was auch immer sonst grad zu verteidigen ist. Schals und Banner zocken und an Zäunen verbrennen ist da schon lange nicht mehr das Ende der Fahnenstange. Die Fans des BFC Dynamo haben gerade mal wieder gezeigt, wie toll sie im Stürmen von Gästeblocks sind und darin wahllos alles zu vertrimmen, was ihnen vor die Flinte kommt, während sich Ultras des Halleschen FC und Eintracht Frankfurts darum battleten, wer denn jetzt martialischer sei. Von Hallenser Seite wurde das Ganze natürlich wie üblich noch mit einer ordentlichen Portion Antisemitismus gewürzt… Offenbar sind sogar extra Leute aus Halle nach Frankfurt gefahren, um dort ein Eintracht-Graffiti zu crossen. Die Botschaft ist angekommen. Frankfurter Ultras fühlten sich provoziert und mackerten zurück. Es ist immer dasselbe. Ehre, Treue, Fahneneid… Beim Fußball hört es mit der Aufklärung halt auf und das Patriarchat zeigt allen progressiven Ansätzen den Mittelfinger. Wieso regen sich hierzulande eigentlich Menschen ernsthaft über „Ehrenmorde“ auf, wenn das beschissene Konzept „Ehre“ bei der Sportart Nummer 1 hierzulande offenbar auch noch immer wichtig genug ist, als dass Menschen bereit sind dafür Gewalt anzuwenden?

Dieses verkackte identitäre Rumgeprolle nervt mich zutiefst und verdirbt mir regelmäßig jeden Spaß am Fußball. Vielleicht sollte ich dankbar dafür sein, weil mir so mehr Zeit für Wichtigeres bleibt (Kochen, Wolken Zählen, Zehennägel Lackieren…), aber irgendwie fällt es mir schwer diese Dankbarkeit aufzubringen…

PS: Natürlich ist körperliche Gewalt als Form bewaffneter Kritik vollkommen legitim, wenn sie sich gegen Nazis, Rassist_innen, Sexist_innen, Antisemit_innen, homophobe Hackfressen oder ähnliches richtet, aber halt weil sie menschenverachtende Ideologeme verbreiten und nicht weil sie den falschen Schal tragen…


6 Antworten auf „Fußball muss wie Plenum sein!?“


  1. 1 Ernst Kuzorra 03. August 2011 um 2:54 Uhr

    Hier wird aber für geschätzte 1-5% der „Fans“ ein ziemliches Fass aufgemacht, was den normaleren, erträglicheren und nicht-übers-Limit-alkoholisierten Leuten, die Freizeit, Geld und Herzblut investieren einfach nicht gerecht wird. Das ist mir zu pauschal und geht schon in die Richtung „Moslems sind Selbstmordattentäter“. Ich sehe mind. 25 Schalke-Spiele pro Saison im Stadion (heim&auswärts) und ich kenne diese Klientel auch, aber der weit überwiegende Teil passt eben nicht in diese Wahrnehmung, die nach wie vor von einigen wenigen geprägt wird. Es ist auch nicht so, dass man diesen Leuten zwangsläufig ständig über den Weg läuft. Dass es solche Leute gibt ist wirklich nicht schön, aber es ist nicht so, dass mensch kein Fußballspiel besuchen kann, ohne angepöbelt zu werden.
    Die „Ultra“-Pauschalisierung finde ich ebenfalls zu grob, denn auch in diesen Gruppierungen gibt es Mitglieder, die sehr viel differenziertere Meinungen zur „Scheiß-Kommerzialisierung“ haben, als es der/die AutorIn hier unterstellt.

  2. 2 Tom B. 03. August 2011 um 15:37 Uhr

    Hier wird über 51% der männlichen Fans gesprochen, und das sogar sehr treffend…

  3. 3 männlicher fan 07. August 2011 um 16:44 Uhr

    ALTER HALTS MAUL !!!!!!!

    hast du kein leben??????

  4. 4 Tom B. 28. August 2011 um 18:21 Uhr

    doch! ein leben im cyber-space so wie du…
    Die vielen Satzzeichen sprechen anscheinend für hohe Aggreszion!?
    Männlicher Fan, schon mal über eine Kastration nachgedacht, ich habe gehört, das soll den inneren Trieb, diesen bösen Schweinehund, besanftigen. Plötrzlich ist auch die Aggreszion weg und es lebt sich viel leichter…also,
    Fahr erstma auswärts!! ;)

  5. 5 Ultra 2.0 11. September 2011 um 14:40 Uhr

    Hallo, ich bin Fußballfan neuster Generation. Grundsätze des Fußballs interessieren mich nur noch wenig, da ich mich im Stadion darauf konzentriere angepisst zu sein und mein eigenes Ding zu machen. Alles anderen Fans sind doof und singen die falschen Lieder – viel zu wenig Lalalala. Es muss alles möglichst deviant sein … Da es im deutschen (Unwort? Deutschland ist ja schließlich total scheiße aber trotzdem wander ich nicht aus und beziehe Leistungen vom Staat)Fußball ja momentan sowieso nichts wichtigeres gibt, engagiere ich mich gegen Sexismus, Rassismus und Homophobie. Stadionverbote und andere Repressalien nehme ich mittlerweile einfach so hin, da es ja teil meines Estilo de Vita ist. Ohne Politik geht bei mir im Stadion garnichts mehr! Das all die Energie die ich in diese unwichtigen Aspekte stecke, meine Kurve fördern könnte, halte ich für ausgeschlossen.

  1. 1 Fußball muss wie Plenum sein!? « Schreiben für die Welt! Pingback am 05. August 2011 um 4:03 Uhr
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