Archiv für August 2011

Die FDP und die „Einheitsliga“


Es ist mal wieder Wahlkampf in Berlin und nicht nur die NPD versucht mit unwahrscheinlich bescheuerten Plakaten zu punkten, auch die FDP hat wohl mal wieder ein paar Flitzpiepen mit der Konzeption ihrer Wahlplakate beauftragt.

Klar, die gelbe Spaßpartei muss dick auftragen, denn momentan weist alles darauf hin, dass sie nicht wieder ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen wird. Auch in Mecklenburg-Vorpommern zwei Wochen zuvor stehen die Chancen schlecht. Nach dem Höhenflug, der sie bis in die Regierung getragen hat und die Möllemannschen 18% beinahe greifbar erscheinen ließ, ist die Partei gerade mit Volldampf auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Eigentlich war es ja auch schon immer äußerst merkwürdig, dass mehr als 5% eine Partei wählen, die ganz explizit Politik im Interesse von deutlich weniger als 5% der Bevölkerung macht. Dahinter konnte nur geschicktes Marketing stecken. Das und eine gehörige Portion Verrat an liberalen Idealen…

Neben einem mehr als nur subtil fremdenfeindlichen Plakat, das von Schrippen und Croissants spricht und dabei nichts anderes meint als „Die Ausländer sollen sich gefälligst anpassen!“, gibt es noch ein anderes Plakat, das inhaltlich ziemlich fragwürdig erscheint. Auf diesem erklärt die Partei, sie sei gegen die „Einheitsschule“ wie sie auch beim Fußball gegen eine „Einheitsliga“ wäre. Dabei geht es mir weniger darum, dass ein mehrgleisiges Schulsystem nicht eben gut zu den ursprünglichen liberalen Werten und Idealen von gleichen Rechten und Chancen für alle passt. Dass die FDP mit derlei Menschlichkeiten nichts am Hut hat, ist ja landläufig bekannt. Es geht mir viel mehr darum, dass die FDP den Fußball offenbar für ein adäquates Gesellschaftsmodell hält.

Die FDP findet also offenbar, dass in einer Gesellschaft, in der eigentlich alle das gleiche Spiel spielen, diejenigen in unteren Spielklassen für höchstens eine kleine Aufwandsentschädigung auflaufen sollten, während diejenigen in der Bundesliga mit Fug und Recht ein Vielfaches dessen für die gleiche Tätigkeit bekommen. Sie findet demnach auch, dass es richtig ist, wenn ein Teil der Gesellschaft kommerziellen Vermarktungsinteressen untergeordnet wird, während der Großteil der Beteiligten nicht die geringste Chance hat, an den daraus gezogenen Profiten teilzuhaben. Vielmehr sollten diese, während sie in unteren Klassen selbst gegen den Ball treten, die Profis in den höheren Ligen sogar noch finanzieren, indem sie Geld dafür bezahlen ihnen bei ihrer Tätigkeit zusehen zu dürfen.

Ganz einfach ausgedrückt: Was die FDP möchte, ist eine Gesellschaft, in der oben sehr viel mehr verdient wird als unten und in der diejenigen, die unten sind, dieses Mehr für die, die oben sind, erwirtschaften. Das ist doch wenigstens mal ehrlich!

Dass die FDP alles strikt und erbarmungslos hierarchisch und nach dem Leistungsprinzip ausrichten möchte, dürfte niemanden wundern. Dass sie jedoch wirklich für eine strikte Geschlechtertrennung eintritt, wie es ihre Allegorie logischerweise nahelegt, scheint ihr dann doch nicht so ganz zuzutrauen. Wahrscheinlich haben die Verantwortlichen in der FDP wie so oft und eigentlich fast immer nicht richtig nachgedacht. Dann wären sie ja aber auch wahrscheinlich gar nicht mehr bei der FDP…

Wenn der Himmel brennt


FC St. PauliMSV Duisburg 2:1

Montag, 22.08.2011, 20.15 Uhr, Millerntorstadion, 2. Bundesliga (Männer)

Die rot leuchtenden Wolken für dem blauen Abendhimmel hatten etwas Apokalyptisches. Beachtung fanden sie jedoch wenig unter den Zuschauer_innen im ausverkauften Millerntorstadion. Dafür war das Spiel einfach zu gut und zu spannend. Aber der Reihe nach…

Der Tag hatte bis dahin schon wenig zu wünschen übrig gelassen. Ein Besuch bei den Homies im Grand Hotel Van Cleef-Büro. Veganes Eis bei der Eisbande mit Spontantourist_innen aus Bremen. Lecker Mock Duck vom Asia Imbiss am Neuen Pferdemarkt. Treffen mit netten Menschen aus Großbritannien, Chile und Wilhelmsburg. Gutes Wetter sowieso… Im Stadion dann jede Menge Anti-Sport 1-Stuff in Südkurve und Hauptribüne, während die Duisburger_innen mit Tapeten und einer Zaunfahne einem der Ihren gedachten, der Tags zuvor verstorben war. Es gibt halt Momente, da ist Fußball zweitrangig…

Auf dem Rasen jedoch ging es vom Start weg gut zur Sache. St. Pauli macht sofort Druck und kommt vor allem über mit Bruns über links immer wieder zu guten Chancen. Neuzugang Schindler vergibt jedoch knapp zwei Hochkaräter (13. und 22. Minute). Doch auch die Duisburger spielen deutlich besser als ihre nur zwei Punkte aus vier Spielen vermuten lassen würden. Der Lattenschuss von Gjasula in der 16. Minute ist mehr als beeindruckend. Mitte der ersten Hälfte sieht es ein wenig so aus, als würden die Gäste den St. Paulianern tatsächlich das Heft aus der Hand nehmen können. Doch dann kam abermals Bruns über links und passt flach zu Schindler, der von der rechten Strafraumecke trocken abzieht und links unten einnetzt (33. Minute). Der Pass oder die Flanke oder was auch immer war eigentlich nicht genau genau gewesen, doch wahrscheinlich hat gerade das die gut stehende Duisburger Abwehr ausgehebelt. Wie dem auch sei. Die Freude wehrt eh nicht lange. Kaum fünf Minuten später schlägt Wolze einen Freistoß halbhoch in den Strafraum, von wo aus ein anderer Duisburger per Kopf geschickt auf Bajic verlängert, der keine Probleme hat den Ball aus kurzer Distanz reinzumachen. Wenn das Ganze so geplant und nicht bloß Glück war, dann alle Achtung!

Die zweite Hälfte knüpft nahtlos an die erste an. St. Pauli macht Druck und erarbeitet sich Chance um Chance, Duisburg bleibt jedoch durch Konter weiterhin gefährlich. Als dann jedoch Pliatsikas in der 69. Minute mit Gelb-Rot vom Platz muss, bleibt den Duisburgern nur noch der Betonmischer. Auch wenn die Entscheidung von Schiedsrichter Dingert ziemlich hart war, müssen sich die Duisburger das Ganze selbst zuschreiben. Ihr ganzes Auftreten an diesem Tag ist von Unfairness und Unsportlichkeiten begleitet. Zeitspiel, Meckern, Rudelbildung, Schubsen, Pöbeln. Alles. Entweder leidet das Team nach dem verkorksten Saisonstart an einem Fall von Bielefeditis oder wir haben es hier mit der Handschrift von Trainer Sasic zu tun, an dem Peter Neururer in einem Interview mit der Hamburger Morgenpost kein gutes Haar gelassen hatte. Ich jedenfalls, würde den Trainer sofort entlassen. Wer aus einem Haufen derart guter Einzelspieler nur so wenig herausholt, ist nicht (mehr) der Richtige für den Job…

Doch zurück zum Spiel. Das war ja noch nicht zu Ende. St. Pauli brauchte jedoch bis zur Schlussphase um sich erneut wirklich gute Chancen zu erarbeiten. In der Nachspielzeit schlägt dann die Stunde des beinahe überragend spielenden Florian Fromlowitz. Erst pariert er Bartels Schuss per Fuß, dann klärt er gegen Hennings bei dessen Nachschuss per Fallrückzieher. Wenn es so etwas wie eine „Parade des Monats“ gäbe, das wäre sie gewesen. Doch dann – die reguläre Nachspielzeit ist eigentlich schon um, der Schiedsrichter lässt jedoch wegen Duisburger Zeitspiels noch etwas länger spielen – kommt St. Pauli noch einmal zu einem letzten Angriff. Daube kommt schnell über rechts und passt punktgenau auf Bartels, der den Ball reinmacht. Der Rest ist Jubel. Oder Trauer. Je nachdem…

St. Pauli bot an diesem Abend eine beinahe durchweg überzeugend Leistung. Vor allem Bruns und Bartels waren hervorragend, aber auch Boll füllte seine Kapitänsrolle mit Bravour aus und sorgte mit engagierten Sprints immer wieder für Impulse. Das Team war extrem schnell beim Umschalten von Defensive auf Offensive, sehr passsicher und vor allem über Außen stark. Einziger Wermutstropfen vielleicht war die Tatsache, dass das Spiel an Saglik mehr oder weniger vorbeilief, was diesen auch zumindest zeitweise sichtlich frustrierte. Seine Stärke ist halt eher das Spiel durch die Mitte und da ging an diesem Tag nicht sonderlich viel. Wenn es Trainer Schubert und den Seinen gelingt, daran noch etwas zu feilen und dadurch im Sturm noch unberechenbarer und flexibler zu werden, dann könnte diesen Team am Ende der Saison weiter oben stehen, als es vor Saisonstart auch nur irgendwer vermutet hätte. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg…

Schwulenfeindlich, na und?

Es geschieht eher selten, dass bei n-tv ein Kommentar kommentarlos stehen gelassen werden kann. Deshalb hier und zur Feier des Tages ganz unkommentiert ein Kommentar von Christian Bartlau zu Roman Weidenfäller, Torhüter des BVB und homophobes Arschloch vor dem Herrn:

Dortmunds Roman Weidenfeller hat ein Problem. Er fühlt sich von Joachim Löw zum wiederholten Male übergangen. Statt des Torhüters vom Meister erkor der Bundestrainer den Youngster Ron-Robert Zieler von Hannover 96 für die nächsten Spiele zur Nummer drei des Nationalteams. Die Entscheidung für den Perspektivspieler ist sportlich so gut nachvollziehbar wie die Wut des 31-Jährigen, der seit Jahren eine verlässliche Stütze für das Meisterteam ist. Doch die Art und Weise, wie er seinem Ärger Luft machte, ist schlicht unerträglich. Noch schlimmer ist eigentlich nur die Reaktion der Medien und Fans, die den Vorfall einfach ignorieren.

„Vielleicht sollte ich mir einfach die Haare schneiden. Oder etwas zierlicher werden“, zitiert der „Spiegel“ den Torhüter, und entblödet sich nicht anzufügen, dass der Torhüter seine Aussage nicht weiter erläutern wollte. Dabei weiß der Autor genau, worauf der Dortmunder Kapitän mit dieser Aussage anspielt: auf die Gerüchte, der Bundestrainer sei schwul. Der „Kicker“ bezog die „Boshaftigkeit“ gar auf Ron-Robert Zielers Frisur. Dabei hatte Weidenfeller, wohl um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, gleich noch eine zweite Bemerkung parat: „Ich hatte dazu früher schon immer einen Spruch auf den Lippen, der sehr böse ist. Den verkneife ich mir jetzt lieber“, versprach der Torhüter, lieferte aber passenden Ersatz: „Vielleicht gibt es ja bald in irgendwelchen Jugendcamps noch weitere junge Torhüter.“ Bis zur kruden Verbindung von Homosexualität und Pädophilie, mit der Christoph Daum noch in Diensten des 1. FC Köln glänzte, war es kein weiter Schritt mehr.

Den ganzen Kommentar gibt’s [hier].

You‘ll never walk alone

In der Jüdischen Allgemeinen ist ein ausgesprochen interessanter Artikel über die Geschichte des Fußballschlagers „You‘ll never walk alone“ erschienen. Die Wurzeln des Hits von Gerry & The Pacemakers, der auf St. Pauli leider lange Zeit in der grausamen Rubbermaids-Version gespielt wurde, liegen dabei deutlich weter in der Vergangenheit, als manch eine_r vermuten mag:

Wäre es nach Brian Epstein gegangen, würde dem Fußball etwas Wichtiges fehlen. Der Mann, der als Manager der Beatles berühmt wurde, hatte 1963 auch eine zweite Band aus Liverpool unter Vertrag: Gerry and the Pacemakers. Nach zwei Beat-Hits schlug der Sänger Gerry Marsden ausgerechnet eine alte Ballade als dritte Single vor. Epstein war dagegen. »Wir wollen wieder eine Nummer eins von dir und glauben nicht, dass das stark genug ist«, sagte er. Am Ende wurde die Single doch veröffentlicht. Ihr Titel: You’ll never walk alone.

Am 2. November 1963 erreichte der Song die Spitze der Hitparade und wurde daraufhin im Stadion des Liverpool FC gespielt. Bald übernahmen die Fans You’ll never walk alone in ihr Repertoire. Anfang der 1990er-Jahre kam der Song nach Deutschland. Schnell wurde er zur wichtigsten Fußballhymne, die vereinsübergreifend in den Stadien gesungen und gespielt wird. Wenn am Freitag die Bundesliga startet, hat auch You’ll never walk alone wieder Saison.

Vielen Fans ist allerdings nicht bewusst, dass die Geschichte des Songs wesentlich weiter zurückreicht. Und dass diese Geschichte eine dezidiert jüdische ist. You’ll never walk alone stammt aus dem Broadway-Musical Carousel, das 1945 von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein geschrieben wurde. Das Musical wiederum basiert auf dem 1909 uraufgeführten Theaterstück Liliom des ungarischen Schriftstellers Franz (Ferenc) Molnár…

Den ganzen Artikel gibt es [hier].

Ein Banner geht auf Reisen

Tennis Borussia Auswärts Relegation bei Borea Dresden

Christopher Street Day Berlin

Tennis Borussia Berlin

„Cup der Angst“ Antira Turnier Altona

Altona 93

SV Arminia Hannover

Jeunesse Esch

to be continued….

Offener Brief der Frauen- und Mädchenfußballabteilung

Die Frauen- und Mädchenfußballabteilung des FC St. Pauli hat sich mit einem offenen Brief an die Öffentlichkeit gewandt, weil ihrer Ansicht nach vom Präsidium des Vereins in die Autonomie der Abteilung eingegriffen worden ist, aber lest selbst:

Uns reicht’s!

An der Frauen- und Mädchenfußballabteilung vorbei wurde kürzlich vom Präsidium und unter Mithilfe einer Einzelperson ein drittes Frauenfußballteam außerhalb der Frauenfußballabteilung, jedoch innerhalb des FC St. Pauli beim Hamburger Fußball Verband (HFV) gemeldet. Wir möchten mit diesem Brief zu dem entstandenen abteilungsinternen und inzwischen abteilungsübergreifenden Konflikt sowie zu der damit verbundenen beispiellosen Autonomieverletzung unserer Abteilung Stellung beziehen.

Wer wir sind

USP-Tapete beim Heimspiel gegen AachenDie Frauen- und Mädchenfußballabteilung besteht seit nunmehr 21 Jahren. Grundlegend ist unser Selbstverständnis (http://www.fcstpauli-frauenfussball.de/selbstverstandnis.html), das 2008 verabschiedet wird und unter anderem die Selbstverwaltung als Grundprinzip beschreibt sowie Leitlinien für das sportliche und soziale Miteinander festhält. Damit unterscheiden wir uns bewusst von anderen Vereinen.

Die sportliche Bilanz der Abteilung ist positiv: gab es 2003/2004 nur ein Mädchenteam (welches mit Unterstützung des Fanladens aufgebaut wurde) sowie ein Frauenteam, spielen mittlerweile vier Mädchen- und zwei Frauenteams sowie eine Ü30 für den FC St. Pauli.

Um den vielen nachrückenden Mädchen eine leistungssportliche Perspektive im Verein zu bieten, entscheidet sich die Abteilung, zur Saison 08/09 ein leistungsorientiertes Team zu gründen. Unter dem Trainer Kai Czarnowski wird das neugegründete 1. Frauenteam ungeschlagener Meister der Bezirksliga, steigt damit bereits in der ersten Saison in die Landesliga auf. Der Erfolg wird 2009 durch die Verleihung der bronzenen Leistungsnadel durch das Präsidium gewürdigt. In der Saison 09/10 erreicht das Team als Aufsteiger den 5. Platz. Ein Nachrücken ermöglicht den zweiten Aufstieg in Folge in die Verbandsliga, Hamburgs höchster Spielklasse. Es gelingt der Einzug ins Viertelfinale des ODDSET Pokals.

Flemming Nielsen ist seit Mitte 2006 Mädchentrainer unserer Abteilung; seit 2009 bei den A-Mädchen. Mit diesem Team gewinnt er zweimal die Staffelmeisterschaft.

Die Frauen und Mädchenfußballabteilung hat sich niemals dem Leistungsgedanken verwehrt oder diesen gar abgelehnt. Im Gegenteil: Die Abteilung hat aus sich selbst heraus die Entscheidung für leistungsorientierten Frauenfußball getroffen und im Selbstverständnis festgehalten. Warum wir nicht wie andere Vereine den sportlichen Erfolg um jeden Preis als höchstes Ziel sehen, erklärt sich von selbst. (mehr…)

Raza Brava

Fußball in Südamerika. Wer glaubt, Ultras seien bekloppt, hat noch nie etwas von den barra bravas gehört. Die barra von Colo Colo, dem Serienmeister Chiles heisst garra blanca („Weiße Kralle“) und ist eine der größten barras überhaupt. Der Film „Raza Brava“ versucht das Phänomen garra blanca zu fassen, so gut es geht. Das gelingt ihm ganz gut, doch wer einmal live in der Kurve von Colo Colo dabei war, weiß, dass es eigentlich unmöglich ist, die Über- und Durchgedrehtheit dieser Fankultur auf Celluloid zu bannen. Zu groß sind Fanatismus, die unbedingte und komplette Identifikation mit dem Verein und vor allem auch Gewaltbereitschaft. Ultras in Deutschland zocken Schals und hauen sich und anderen die Köpfe ein. barristas töten…

Fußball Yes – Macho No

Hier mal zwischendurch ein Schnappschuss eines „Graffitis“ von der Wand der Toilette in dem veganen Imbiss YoYo Foodworld in Berlin-Friedrichshain:

Fußball muss wie Plenum sein!?


Fußball ist und bleibt in meinen Augen die beste und interessanteste Teamsportart der Welt. Was an ihm stört ist eigentlich nur eins: Die sogenannte Fankultur.

Es ist nichts oder wenig dagegen einzuwenden, wenn Menschen für ein oder mehrere Teams eine besondere Sympathie pflegen und versuchen möglichst häufig die Spiele des- bzw. derselben zu verfolgen. Problematisch wird es offenbar erst, wenn dies in Gruppen passiert.

Fußball, zumindest Männerfußball, wird noch immer mehrheitlich von Männern geguckt. In organisierten Fankreisen ist ihre Dominanz sogar noch größer als beim Rest. Wie sich Männer in größeren Gruppen verhalten, zumal wenn dann noch Alkohol am Start ist, ist weithin bekannt. Jeder scheiß Junggesellenabschied und jeder bekackte Vatertagsausflug sind mahnende Bilder des Schreckens. Männergruppen unter Alkoholeinfluss sind in den allerseltensten Fällen erträglich, selbst wenn sie aus an sich vollkommen sympathischen Individuen bestehen. Solange sie dabei unter sich bleiben, ist das auch völlig in Ordnung bzw. ihr Bier. Im Fußballstadion und auf dem Weg dahin und von da zurück, wird mensch dann allerdings fast zwangsläufig mit ihnen konfrontiert und kann dabei zusehen wie Hemmschwelle und Niveau um die Wette purzeln. Der nette junge Mann, der eben noch eloquent über Adorno parlierte, beschimpft dann plötzlich den Schiedsrichter als Hurensohn, und der Typ mittleren Alters mit dem Schal von Anno Dazumal brüstet sich mit Heldengeschichten von als der Schal noch neu war und alles viel echter und gefährlicher und besser sowieso. Er sagt „Scheiß Kommerzialisierung!“ und meint damit wahrscheinlich steigende Bierpreise…

Bei Heimspiel lässt sich all dem auch häufig noch entgehen. Auf Auswärtsfahrten sieht es aufgrund der meist notgedrungen gemeinsamen An- und Abreise und der in vielen Stadien nicht eben geräumigen Gästeblocks meist etwas anders aus. Vor allem die Rückreise ist meist nur ein einziger Alkoholexzess mit einer Extraportion Niveaulimbo. Entweder muss der Sieg gefeiert werden oder die Niederlage verdrängt oder das Unentschieden… ja was eigentlich? Das Geld, das bei einem durchschnittlichen Fünft- oder Sechstligisten vom Anhang rund um die Spiele des Teams in Bier investiert wird, dürfe locker ausreichen um einen regionalligatauglichen Kader zu finanzieren. Aber vielleicht wäre das auch scheiß Kommerzialisierung…

Da all das noch nicht kacke genug ist, kommt oben drauf noch mal ein großer Haufen Gewalt und Identitätsgeprolle. Bei fast jedem Verein, der irgendwie relevant ist, finden sich Menschen (fast nur Männer komischerweise…), die bereit dazu und oft sogar regelrecht geil darauf sind, sich für ihren Verein zu kloppen. Archaischen und vormodernen Konzepten wie „Ehre“ folgend verteidigen sie mannhaft ihren Verein, dessen Farben, ihre Stadt, ihren Stadtteil, ihr Bundesland, ihr Land oder was auch immer sonst grad zu verteidigen ist. Schals und Banner zocken und an Zäunen verbrennen ist da schon lange nicht mehr das Ende der Fahnenstange. Die Fans des BFC Dynamo haben gerade mal wieder gezeigt, wie toll sie im Stürmen von Gästeblocks sind und darin wahllos alles zu vertrimmen, was ihnen vor die Flinte kommt, während sich Ultras des Halleschen FC und Eintracht Frankfurts darum battleten, wer denn jetzt martialischer sei. Von Hallenser Seite wurde das Ganze natürlich wie üblich noch mit einer ordentlichen Portion Antisemitismus gewürzt… Offenbar sind sogar extra Leute aus Halle nach Frankfurt gefahren, um dort ein Eintracht-Graffiti zu crossen. Die Botschaft ist angekommen. Frankfurter Ultras fühlten sich provoziert und mackerten zurück. Es ist immer dasselbe. Ehre, Treue, Fahneneid… Beim Fußball hört es mit der Aufklärung halt auf und das Patriarchat zeigt allen progressiven Ansätzen den Mittelfinger. Wieso regen sich hierzulande eigentlich Menschen ernsthaft über „Ehrenmorde“ auf, wenn das beschissene Konzept „Ehre“ bei der Sportart Nummer 1 hierzulande offenbar auch noch immer wichtig genug ist, als dass Menschen bereit sind dafür Gewalt anzuwenden?

Dieses verkackte identitäre Rumgeprolle nervt mich zutiefst und verdirbt mir regelmäßig jeden Spaß am Fußball. Vielleicht sollte ich dankbar dafür sein, weil mir so mehr Zeit für Wichtigeres bleibt (Kochen, Wolken Zählen, Zehennägel Lackieren…), aber irgendwie fällt es mir schwer diese Dankbarkeit aufzubringen…

PS: Natürlich ist körperliche Gewalt als Form bewaffneter Kritik vollkommen legitim, wenn sie sich gegen Nazis, Rassist_innen, Sexist_innen, Antisemit_innen, homophobe Hackfressen oder ähnliches richtet, aber halt weil sie menschenverachtende Ideologeme verbreiten und nicht weil sie den falschen Schal tragen…