Archiv für Juli 2011

Transphobie beim Übersteiger?

Auf dem Blog „Metalust & Subdiskurse Reloaded“ wurde vor einigen Tagen ein interessanter Eintrag gepostet zu der Frage, ob der FC St. Pauli ein safe space für homosexuelle oder trans* Menschen ist. Zentral geht es dabei um folgendes Zitat von jemandem vom Übersteiger im 11 Freunde-Saisonplaner:

„(11 Freunde): Dein größter Alptraum? (Der Übersteiger): Jahreshauptversammlung 2011: Überraschend erklärt das Präsidium den Rücktritt. Der Aufsichtsrat präsentiert als Nachfolger: Lilo Wanders und Olivia Jones. Das Separee von Susis Showbar wird ab sofort in der Halbzeit live auf der Videowand übertragen, und Beate Uhse wird neuer Sponsor. Außerdem kann man ab sofort Astra per Spritze im Fanshop erwerben.“

11 Freunde Bundesliga 2011/12, S. 99., Berlin 2011

Besonders interessant ist allerdings auch die seitenlange Diskussion, die in den Kommentaren vonstatten geht. Wichtig ist aber vor allem, dass sich überhaupt jemand öffentlich über so’ne Kacke echauffiert. Alles nachlesen [hier]!

Lila-rote Invasion


Tennis Borussia BerlinRoter Stern Leipzig 2:1

Samstag, 23.07.2011, 16 Uhr, Wally-Wittmann-Sportanlage, Freundschaftsspiel (Männer)

Wahrscheinlich wissen relativ wenige Menschen, dass die Nebenplätze des Mommsenstadions nach Wally Wittmann benannt sind und wahrscheinlich wissen genauso wenige, wer Wally Wittmann eigentlich war. Wally „Gundel“ Wittmann war eine in den späten 1920ern und frühen 1930ern erfolgreiche Charlottenburger Leichtathletin mit zahlreichen Titeln und Weltrekorden im Rucksack. Eine sehr gute Handballerin war sie wohl auch noch. Wieder eine Bildungslücke geschlossen…

Auch wenn vielleicht nicht alle so ganz genau wussten, wo sie jetzt eigentlich hin sollten, haben doch etliche den Weg auf den Sportplatz gefunden. 280 zahlende Zuschauer_innen sind wirklich nicht schlecht für ein Testspiel zweier unterklassiger Teams. Aber es waren ja auch nicht der Berliner SC und Borea Dresden, die hier aufeinander trafen, sondern TeBe und der Rote Stern aus der Messestadt. Beide Teams waren mit ganz unterschiedlichen Ausgangslagen angetreten. Während der Rote Stern als Aufsteiger antrat und auf eine gewachsene Mannschaft bauen konnte, war TeBe gerade erst in die Berlinliga abgestiegen und hatte gerade mal zehn Spieler im Kader, von denen etliche in der letzten Saison noch woanders kickten. Hinzu kamen an diesem Tag noch zahlreiche Testspieler, die sich empfehlen wollten.

Das Spiel begann eher ruhig. Rund zehn Minuten geschah erstmal nix. Die erste Chance hatten die Gäste durch einen indirekten Freistoß, die zweite die Gastgeber durch einen direkten. Aus dem Spiel raus ging nicht viel. So war es dann in der 25. Minute dann auch eine Standardsituation, die für Zählbares sorgte. Eine Ecke von rechts segelte erst an Freund und Feind vorbei, landete dann aber vor den Füßen von Alexander Greinert, der trocken abzog und den Ball in der rechten unteren Ecke versenkte. 1:0 für Tebe. Die Gastgeber machten jetzt weiter Druck, waren das klar bessere Team in dieser Phase und trafen in der Folge noch zweimal Aluminium. Die Gäste aus Leipzig kamen nur zu einem Abseitstor und dafür kann mensch sich ja bekanntlich nichts kaufen…

Nach der Pause blieb TeBe am Drücker. Erst scheiterte irgendwer (bei so vielen unbekannten Gesichtern, komm ich nicht mehr mit…) mit einem tollen Drehschuss, dann nutzte Kaan Ergün einen Torwartfehler aus und traf aus kurzer Distanz zum 2:0 (58. Minute). Kaum zwei Minuten später hatte er sogar noch das 3:0 auf dem Fuß, scheiterte aber in einer Eins-gegen-Eins-Situation am Leipziger Keeper. Die Gäste kamen erst in Fahrt, als sie mitte der zweiten Hälfte den Schiedsrichterassistenten einwechselten. Der war noch gar nicht richtig im Spiel, da fiel auch schon der Anschlusstreffer durch Mario Glaser (74. Minute), der vom Leipziger Anhang mit exzessivem Konfettiregen bejubelt wurde. Kurz darauf verletzte sich ein TeBe-Spieler nach einem Foul und musste raus. Da allerdings schon alles und jeder eingewechselt worden war, mussten die Gastgeber folglich die letzte Viertelstunde in Unterzahl über die Bühne bringen, was den Sternen weiteren Rückenwind gab. In der 88. Minute vergaben diese eine Großchance zum Ausgleich und auch in der Nachspielzeit gab es noch zwei Hochkaräter, die jedoch beide vom Keeper der Berliner abgewehrt wurden. So blieb es am Ende beim 2:1.

Viel wichtiger als des Ergebnis schien vielen Zuschauer_innen jedoch das Socializing am Spielfeldrand und auf der Party in der Innenstadt im späteren Verlauf des Abends. Sogar die legendären Biberstand Boys waren am Start. Aber das ist eine andere Geschichte…

Ultrà Sankt Pauli Supportboykott in Frankfurt

Die sanktpaulianische Ultragruppe USP hat in einem Statement angekündigt, am kommenden Montag bei Zweitligaauswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt keinen organisierten Support an den Start zu bringen. Diese Aktion soll ein Protest sein gegen die aktuelle Tendenz bei DFB und DFL Fans auszusperren. Beim ersten „Heimspiel“ in Lübeck war der FC St. Pauli selbst davon betroffen und auch in Frankfurt dürfen nur 19.000 Menschen ins Stadion. Darüber würde manch Zweitligist sich sicher freuen. Für Frankfurter Verhältnisse ist es jedoch ziemlich wenig… Aber lest selbst:

Liebe Sankt Pauli Fans, liebe AuswärtsfahrerInnen!
Am Montag, 25.07., tritt der FC Sankt Pauli in Frankfurt zum ersten Auswärtsspiel der neuen Saison an. Nach langer Diskussion und dem Skandal, dass bereits unser Spiel in Lübeck unter dem Zeichen unverhältnismäßiger Strafsanktionen des DFB stand, haben wir uns dazu entschlossen, beim Spiel in Frankfurt auf organisierte Unterstützung zu verzichten. Die Mannschaft wurde beim Training am Dienstag von Vertretern unserer Gruppe über diese Entscheidung informiert.
Dinge, die für uns als Fans selbstverständlich sind (wie das Recht auf den Besuch aller Spiele unseres Vereins) und die in einer Besorgnis erregenden Entwicklung zunehmend der Repression unterliegen, waren hierbei ausschlaggebend, obwohl sie in diesem Fall nicht auf uns gerichtet sind. Der Platzsturm der Frankfurter Fans am 07.05. beim Heimspiel gegen Köln ist dabei nicht der Aufhänger des Protests, denn um seine Legitimität, Verständlichkeit oder Ablehnung geht es hier gar nicht. Es sind vielmehr die unverhältnismäßigen Sanktionen, die mit der Sperrung einer ganzen Fankurve darauf folgten. Die Verbände gehen dabei so vor, dass sie nicht- planmäßiges und ein vom gesitteten Bürgertum abweichendes Verhalten per se als unerwünscht deklarieren. War es bei unserem Spiel in Lübeck noch der Fall, dass jedem die Möglichkeit geboten wurde an eine Karte zu kommen, trifft diese Maßnahme gezielt jenes den Institutionen unliebsame Publikum in den Stehplatzkurven. Und der Blick in die Zukunft verheißt nichts Gutes, denn es wird von oberster Stelle versucht, solche Maßnahmen salonfähig zu machen, zu etablieren und ihre Folgen unter dem Deckmantel des „sauberen Fußballs“ nicht nur zu verschleiern, sondern Akzeptanz für sie zu schaffen. Das Modell dieses sauberen Fußballs existiert dabei schon seit Jahren, doch die Maßnahmen mit denen es durchgesetzt werden soll, werden immer drastischer. Daher richtet sich unsere Kritik gegen diese Entwicklung, den Fußball zu entemotionalisieren und durch drakonisches und kollektives Strafen diese Entwicklung auf Kosten vieler vorantreiben zu wollen.
Doch auf das Mimen des unbetroffenen Dritten haben wir keine Lust, wir wollen das Spiel nicht mitspielen, nur weil es in diesem Fall nicht ganz konkret um uns geht. Wir sehen uns bei diesem Spiel nicht in der Aufklärungspflicht, allerdings entscheiden wir, ob wir für die Funktionäre und Vermarkter der Liga als Objekt ihrer Unterhaltung und für ihr „Event“ herhalten – oder eben nicht. Dieser „Fußball ohne Fans“ verkörpert nicht unser Sinnbild oder unsere Auffassung eines Stadionbesuchs, er steht aber bereits warnend vor der Haustür der hiesigen Fankultur. Ein Spiel ohne Stimmung, zudem noch am Herz der DFB- Zentrale in Frankfurt, könnte ein mahnendes Signal in Richtung der Verantwortlichen senden.
Daher wird Ultrà Sankt Pauli in Frankfurt keine Unterstützung der Mannschaft organisieren. Es ist natürlich jedem selbst überlassen, sich spontanen Gesängen anzuschließen und natürlich wird jeder mit der Hoffnung auf den ersten Auswärtssieg mitfiebern. Wir appellieren dennoch an alle Frankfurt- FahrerInnen, sich diesem Zeichen anzuschließen und an diesem Tag auf die gewohnte Atmosphäre zu verzichten.
Wo auch immer du von Sicherheit und Ordnung hörst, da stirbt ein Teil Fußballkultur und dort werden Menschen gedemütigt!

Ultrà Sankt Pauli, 21.07.2011

Union Berlin-Präsident war bei der Stasi


Wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, läuft Gefahr hinaus zu fallen. Das ist eine ebenso alte wie wahre Weisheit. Das bekam jetzt auch Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union Berlin, zu spüren. Sein Verein umgibt sich seit langem mit einer Aura vermeintlicher Andersartigkeit und legt Wert darauf, zu DDR-Zeiten eher oppositionell gewesen zu sein. Da ist mit ziemlicher Sicherheit auch etwas dran. So gibt es viele Geschichten und Geschichtchen über Kontakte von Union-Fans zu Hools der West-Berliner Hertha und auch polizeiliche Berichte über Ausschreitungen und Provokationen. So richtig ins Bild passen mag es da nicht, dass Zingler, wie verschiedene Zeitungen berichteten, seinen Armeedienst ausgerechnet beim Wachregiment des Ministeriums für Staatssicherheit abgeleistet hat.

Nun wäre es nicht wirklich fair, ihm daraus einen Strick zu drehen. Immerhin waren nicht wirklich wenige Menschen irgendwie mit der Stasi verzwurbelt. Im Schnitt kam auf 180 DDR-Bürger_innen ein_e hauptamtliche Stasimitarbeiter_in. Hinzu kommt noch eine beständig im sechsstelligen Bereich liegende Zahl informeller Mitarbeiter. Dass es da immer wieder, wie zuletzt mehrfach in Brandenburg, zu Stasi-Outings kommt, ist nicht verwunderlich. Noch weniger, da die selbsternannte Mitte der Gesellschaft in der DDR gerne etwas sieht, was fast genauso schlimm wenn nicht schlimmer war als der Nationalsozialismus. In einem solchen gesellschaftlichen Klima die eigene Stasi-Vergangenheit einzuräumen verlangt schon Mut… Außerdem ist Zinglers Argumentation, er sei eben jenem Armeeteil nur beigetreten, weil er andernfalls nicht in Berlin hätte bleiben können, was für ihn, der damals schon Union-Fan war, die Hölle gewesen wäre, jeder_m Fußballfan eigentlich einleuchten sollte.

Was sich aus der Geschichte jedoch lernen lässt, ist, dass Union auch nur ein Verein wie jeder andere Verein mit DDR-Vergangenheit ist. Das ist weder schlimm noch tragisch. Nur sollte der Verein um seiner eigenen Glaubwürdigkeit Willen nicht versuchen, seine Weste noch blütenweißer zu waschen, als sie ist. Denn eines ist doch klar: Verglichen mit Vereinen wie dem BFC war Union zu DDR-Zeiten ein wahrer Hort widerständigen Gedankenguts. Und auch heute noch stehen trotz der fußballbedingt hohen Idiot_innenquote noch immer etliche sympathische Menschen hinter dem Verein. Die militanten Antikommunist_innen, für die die Stasi beinahe die SS war, gehören allerdings nicht dazu…

23.07.: TeBe vs. Roter Stern Leipzig (Saisoneröffnung)

Am 23.07. findet bei Tennis Borussia Berlin die offizielle Saisoneröffnung statt. Um 16 Uhr zu Gast an der Wally-Wittmann-Sportanlage in der Waldschulallee (S-Bhf. Messe Süd) ist niemand geringeres als der Rote Stern Leipzig.

Um 20h gibt es dann noch eine After-Match-Party in den Räumen des Subversiv e.V. mit Basil Squire und den legendären Biberstand Boys gefolgt von Tanzmusisk aufgelegt von tigerXpaws, Knut und seine Atze und Kobold #1. Auf eine schöne Saison in der Berlinliga!

Ronny Blaschke – Angriff von Rechtsaußen


Ronny Blaschke ist schon lange kein unbeschriebenes Blatt mehr. Mit seinem Buch „Versteckspieler“ über den schwulen Fußballer Marcus Urban hat er vor ein paar Jahren mehr als nur eine Duftmarke hinterlassen. Es ist sicher nicht einmal großartig übertrieben, wenn ich zu behaupten wage, dass dieses Buch einen ganz gehörigen Anteil daran hatte, dass in den zurückliegenden Jahren deutlich offener über den Themenkomplex Homosexualität und Fußball gesprochen wird als jemals zuvor.

Bei seinem neuen Buch „Angriff von Rechtsaußen“ hat Blaschke sich einem anderen Problemfeld innerhalb der Welt des Fußballs zugewendet. Auf etwas über 200 Seiten ackert er sich durch die vielfältigen Erscheinungsformen rechtsextremer Ideologien auf und rund um den grünen Rasen. Er geht dabei ganz ähnlich vor wie schon bei „Versteckspieler“. Er gibt sich nicht mit Quallenanalysen und Statistiken zufrieden, sondern recherchiert selbst. Er begibt sich vor Ort, stellt Fragen, redet auch mit Neonazis, in der Hoffnung diese bloßzustellen. Heraus gekommen ist eine Sammlung reportageartiger Texte, die zusammen genommen ein ungefähres Bild dessen zeigen, was am rechten Rand der Fußballgesellschaft geschieht.

Als Aufhänger nutzt er dabei die Vorfälle von Brandis, wo vor nicht allzu langer Zeit Fans und Spieler der ersten Herrenmannschaft des Roten Stern Leipzig von mehr als 50 Neonazis angegriffen wurden. Dieser Vorfall, das weiß auch Blaschke, ist zwar bei weitem kein Einzelfall, aber im Gegensatz zu vielen anderen ist er durch Videos und Fotos gut dokumentiert. Auch die Strafverfolgungsbehörden zeigen sich im Falle Brandis deutlich aktiver als in vielen anderen. Doch so schlimm körperliche Gewalt auch ist. Sie ist nicht alles. Auch Blaschke legt großen Wert auf die Feststellung, dass es nicht oder nicht nur um rechte Gewalt, sondern vor allem auch um rechte Einstellungsmuster geht. Und diese finden sich nicht nur bei rechten Schlägern, Hooligans oder Ultras. Sie finden sich bis weit in die Mitte der Gesellschaft.

Blaschke versucht ein weites Themenfeld abzudecken. Er befasst sich mit der rechten Unterwanderung von Lok Leipzig ebenso wie mit den rechten Fußballrockern Kategorie C, mit Antiziganismus in Ungarn ebenso wie mit dem NPD-Funktionär Stephan Haase, der in Lüdenscheid als Schiedsrichter Spiele in der Kreisliga C pfeift. Auf der anderen Seite thematisiert er aber auch mögliche Gegenmaßnahmen, interviewt Sozialarbeiter_innen in Fanprojekten, spricht mit der Sportmediatorin Angelika Ribler und schreibt über die Makkabi-Bewegung. Abgerundet wird das Ganze durch gelungene Interviews mit interessanten Gesprächspartner_innen wie Halil Altintop, Theo Zwanziger oder Yves Eigenrauch.

Natürlich ist das Bild das hier gezeichnet wird unvollständig. Rassistische Ausfälle von Pofis und Funktionär_innen etwa kommen in meinen Augen zu kurz. Die Darstellungen gehen auch nicht sonderlich tief, doch das ist wohl auch gut und richtig so. Immerhin soll das Buch ja nicht nur gestandene Sozialwissenschaftler_innen und Szenekenner_innen erreichen, sondern wachrütteln und auch „ganz normale Fußballfans“ erreichen, Sensibilität schaffen für ein Thema, das allzu oft allzu gerne ausgeblendet wird. Dieses Unterfangen dürfte ihm gelungen sein. Ohne Zweifel.

„Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen“ von Ronny Blaschke ist im Mai im Verlag die Werkstatt erschienen.

Gender Trouble beim Neuen Deutschland

Bei der Tageszeitung „Neues Deutschland“ hat sich wohl mal wieder der Fehlerteufel in die Sportredaktion eingeschlichen. Oder auch das Patriarchat. Aber das ist ja auch ein Fehler…

„Keiner weiß, was er nun schon zuhause soll“… Auch wenn die Überschrift einem Zitat von Lira Bajramaj entspringt, der diese Aussage weiter unten im Text zugeschoben wird, gibt es keinen Grund, diesen grammatischen Unfug auch noch in extra großem Schriftsatz zu wiederholen. Dass keine der Spielerinnen weiß, was sie jetzt zu hause machen soll, kann ich verstehen. Wieso sie aber plötzlich männlichen Geschlechts sein soll, erschließt sich mir nicht. Vielleicht liegt es ja daran, dass beim DFB eigentlich die Männer für’s Verlieren zuständig sind…