Gabriel Kuhn – Soccer vs. The State

Gabriel Kuhn ist beileibe kein Unbekannter in der Welt des Sachbuchs. Er hat bereits Standardwerke zu Themen wie Straight Edge und Piraterie geschrieben. Dass er auch in der Welt des Fußballs zu hause ist, war bisher nicht so vielen bekannt. Dabei war er in jüngeren Jahren sogar Halbprofi beim damaligen österreichischen Zweitligisten FC Kufstein. Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis diese beiden roten Fäden sich kreuzen und in einander verheddern würden.

Mit seinem aktuellen Buch „Soccer vs. The State“ hat Kuhn wieder einmal ein gutes Gespür dafür bewiesen, welche Art Buch der Welt noch fehlt, denn trotz Tausender Bücher über Fußball und Fankultur gab es bisher kein einziges, dass Fußball, Fankultur und radikal linke Politik in ähnlicher Form zusammen gebracht hat. Er greift dabei ziemlich unterschiedliche Themenstränge auf. Beginnend mit einer Neuerzählung der Geschichte des Fußballsports aus einer genuin linken Perspektive widmet er sich darauf zunächst der von radikal linker Seite aus geäußerten Kritik an Fußball und Fußballkultur, bevor er sich ausgiebig radikalen Aneignungen und sozialen Protesten innerhalb der Fußballwelt widmet und schließlich noch ein paar Worte verliert über alternative, meist explizit anarchistisch konnotierte Formen und Wege Fußball zu spielen. Mich persönlich hat dabei sehr gefreut, dass auch der Dreiseitenfußball Erwähnung findet. Vor vielen, vielen Jahren habe ich mal einem BAFF-Treffen in Oer-Erkenschwick einen Nachmittag mit diesem Spiel verbracht und eigentlich würde ich es sehr gerne mal wieder tun…

Ähnlich wie schon bei „Sober Living for the Revolution“ lässt Kuhn in seinem Buch sehr viel Raum für die Worte anderer. Grob geschätzt die Hälfte des Buches besteht entweder aus Interviews oder aus Texten, die aus anderen, teils historischen, Quellen übernommen wurden. Ein altes Flugblatt der FAU kaum hier ebenso vor wie Zeitungsartikel aus San Francisco oder ein Brief des Subcomandante Marcos an den Präsidenten von Inter Mailand. Es ist diese Mischung, die das Buch über weite Strecken sehr unterhaltsam macht. Etliches war mir zwar schon bekannt, aber ich bin ja auch „im Thema“ und nicht unbedingt Teil der primären Zielgruppe des Buches. Wie Kuhn in der Einleitung erwähnt, richtet sich das Buch in erster Linie an ein internationales Publikum. Immerhin ist es ja auch in einem US-amerikanischen Verlag erschienen. Und wo hierzulande über den FC St. Pauli oder BAFF bereits alles mehrfach gesagt wurde, so dürften diese Themen für Leser_innen in Portland, Adelaide oder Kuala Lumpur doch nach wie vor sehr interessant sein.

Für mich persönlich waren dann auch neben den zahlreichen Anekdoten aus der Tiefe des Raumes des Fußballhistorie vor allem diejenigen Passagen interessant, die sich mit Themen oder Vereinen befassen, von denen ich bis dato gar nichts bis wenig wusste. Der FC Vova aus Litauen oder auch die Geschichte der britischen Antifascist Action (AFA) sind solche Fälle. Wer in diesem Buch nichts findet, was ihr_ihm noch unbekannt war, ist wahrscheinlich die Wikipedia, aber die kann ja gar nicht lesen…

„Soccer vs. The State – Tackling Football and Radical Politics“ von Gabriel Kuhn ist im Februar bei PM Press erschienen.


1 Antwort auf „Gabriel Kuhn – Soccer vs. The State“


  1. 1 Gabriel Kuhn – Soccer vs. The State « LOVE FOOTBALL, HATE RACISM! Pingback am 16. Juli 2011 um 14:10 Uhr
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