Vom Nordwind verweht


SC Borea Dresden – Tennis Borussia Berlin 1:0

Sonntag, 05.06.2011, 13.30 Uhr, Sportanlage am Jägerpark, Oberliga Nordost Relegation (Männer)

Dank des Kirchtags im Elbflorenz war die Autobahn zwischen Berlin und Dresden vollgestopft mit autofahrenden Christ_innen. So schmolz der Zeitvorsprung unserer Reisegruppe immer weiter dahin und die ersehnten Pommes vor dem Anpfiff rückten in immer weitere Ferne. Doch was waren schon unsere Sorgen im Vergleich zu denen der beiden Teams, die heute hier aufeinander treffen würden. Beide kämpften gegen den Abstieg und am Ende würde nur eines die Klasse halten können. Rein sportlich hatten weder TeBe noch der SC Borea sich in der regulären Saison für Höheres empfehlen können. Dass sie nicht direkt abgestiegen sind ist in beiden Fällen nicht wirklich ihr Verdienst, sondern logische Folge der Tatsache, dass andere Teams es irgendwie geschafft hatten, noch schlechter oder zumindest erfolgloser zu spielen.

Entsprechend groß war der Druck, der auf den Schultern der Spieler lastete und auch die Anspannung im Stadionrund war mit den Händen greifbar, wobei die Gastgeber_innen im Allgemeinen etwas lockerer zu sein schienen. Das mag daran liegen, dass Tennis Borussia ein Traditionsverein mit großer Geschichte ist, während die Oberliga für den SC Borea bisher das höchste aller Gefühle war. Die Kräfteverhältnisse auf den Rängen des schönen und von Bäumen umwucherten Naturstadions in Dresdens Norden waren recht eindeutig. Etwa ein Drittel der fast 700 Zuschauer_innen fieberte mit den Gästen, hatte aber stimmugnstechnisch die absolute Oberhoheit. Ein Heimsupport, der über das Klatschen nach Torraumszenen und bei Auswechslungen hinausgehen würde, fand nicht statt. Da halfen auch die relativ zahlreichen Anhänger_innen der SG Dynamo nichts. Der Anhang des Dresdner SC auf Seiten der Gäste war da sicher die größere Verstärkung. Ohnehin waren auf Seiten TeBes etliche Unterstützer_innen zugegen, die sonst eigentlich zu anderen Vereinen gehen. Vielleicht ein weiteres Indiz dafür, wie wichtig dieses Spiel war…

Die hohe Bedeutung des Spiels schien dann auch die Spieler auf dem Feld ein wenig zu lähmen. Erst nach 20 Minuten kam es zu der ersten Situation, die überhaupt das Wort Torchance verdient hätte. Die Dresdner vergaben jedoch. Mehr Glück war ihnen in 38. Minute beschieden, als Oliver Genausch das verdiente 1:0 erzielte. Zwei Minuten später hatten die Dresdner Spieler die Arme bereits schon wieder zum Jubel erhoben und Applaus dröhnte durch das Stadion, doch hatte der Schiedsrichterassistent zum Glück für die Gäste auf Abseits entschieden. So ging es mit einer knappen Führung für den SC Borea in die Pause.

Die zweite Hälfte begann wie die erste begonnen hatte. Beide Teams neutralisierten sich größtenteils und es dauerte beinahe 20 Minuten bis etwas Erwähnenswertes passierte. Es war in der 64. Minute, als Tennis Borussia die bisher erste und gleichzeitig beste Chance des Spiels hatte und vergab. Ein Freistoß von rechts donnerte ans linke Lattenkreuz. Torhüter Ron Linke hätte sicher keine Chance gehabt, den Ball zu erwischen, doch es hatte wohl nicht sollen sein. In der 77. Minute waren es dann die Gastgeber, die gleich eine drei Chancen auf das 2:0 vergaben. Erst scheiterte einer von ihnen aus kurzer Distanz an Keeper Filatow, dann ging der Nachschuss an den linken Fosten und schließlich der zweite Nachschuss links vorbei. Dresden war zu diesem Zeitpunkt und eigentlich das ganze Spiel über die klar stärkere Mannschaft. Vor allem die rechte Abwehrseite der Borussen war eine Katastrophe. Arne Reetz stand dort bis zu seiner Auswechslung mitte der zweiten Hälfte alle paar Minuten immer wieder völlig frei und es ist nur der Blindheit seiner Mitspieler zu verdanken, dass daraus nicht das eine oder andere Tor entstanden ist. Die Spieler von Tennis Borussia wirkten über weite Strecken des Spiels von dem Druck, der auf ihnen lastete, völlig paralysiert und schienen sich selbst einfache Pässe nicht zuzutrauen. Dass der eingewechselte Cubukcu in der 86. Minute die Großchance zum ach so wichtigen Ausgleich vergab und den Ball an den linken Pfosten setzte, passte da nur zu gut ins Bild.

Es ist nicht so, dass das Team der Berliner kein Potential hätte. Eigentlich löuft sogar vieles richtig. Die Probleme scheinen eher im mentalen Bereich zu liegen. Das Team wirkt ein wenig wie jemand, der im Regen steht und anstatt den Schirm aufzuspannen, den er die ganze Zeit in der Hand trägt, lieber wahlweise mit den Göttern hadert oder den Kopf schüttelt und sich fragt: „Wieso passiert das ausgerechnet mir?“

Doch noch ist die Relegation nicht gelaufen. Zwar hat Dresden jetzt die bessere Ausgangssituation, denn TeBe muss schon mindestens 2:0 gewinnen und sollte nach aller Möglichkeit kein Tor kassieren. Doch vielleicht ist das ja auch alles nur Taktik und Trainer Schatte und seinen Schützlingen ist es erfolgreich gelungen, den SC Borea für das Rückspiel die Favoritenrolle aufzudrücken. Ob sie dieser dann ohne jegliche eigene Fanszene vor der zu erwartenden Rekordkulisse von vielen Hundert bis in die Zehenspitzen motivierten lila-weißen Teilzeitultras dann werden Stand halten können, müssen sie erst noch unter Beweis stellen. Diejenigen Menschen in ihrem Stadion jedenfalls, die andere mit „Arbeit macht frei!“ verabschieden, haben eigentlich nicht einmal Landesliga verdient. Am 12.06.2011 ist es soweit. Das Imperium schlägt zurück!