Wechselbad der Gefühle

FSV Optik RathenowTennis Borussia Berlin 1:0

Sonntag, 29.05.2011, 14 Uhr, Stadion Vogelgesang, Oberliga Nordost Nord (Männer)

Anhänger_innen von Tennis Borussia Berlin erleben es nicht oft, dass sie bei Auswärtsspielen mit offenen Armen empfangen werden. Häufig gibt es Vorbehalte gegen die in den Augen der Einheimischen allzu alternativen und politischen Fans des Vereins. Umso größer ist dann die Freude, wenn es einmal anders ist – so wie in Rathenow. Bereits das Stadionheft kündigt an, dass „die Fans beider Gemeinschaften eine Freundschaft verbindet“ und auch im Stadion herrscht eine entspannte Atmosphäre zwischen Bierpilz, Kaffee und Kuchen. Wechselgesänge zwischen Gästeblock und Heimfans runden das Bild ab. Warum kann es nicht immer so sein?

Entscheidend ist jedoch leider nicht auf den Rängen, sondern auf dem Platz, und da war die Ausgangslage klar. Rathenow würde die Saison im soliden Mittelfeld abschließen und spielt enur noch darum, bestplatziertes Brandenburger Team zu werden. TeBe hingegen stand mit dem Rücken an der Wand. Vor dem letzten Spieltag rangierten die Lila-Weißen auf dem drittletzten Rang, der zur Relegation gegen ein Team aus der Südstaffel der Oberliga Nordost berechtigen würde. Die Reinickendorfer Füchse und Ludwigsfelde waren ihnen jedoch dicht auf den Fersen. Würde TeBe gewinnen, wäre der Relegationsplatz gesichert. Würden sie unentschieden spielen, dürfte keiner der Verfolger gewinnen. Würden sie verlieren, wären sie auf Siege des BFC Dynamo gegen Ludwigsfelde und von Union II bei den Füchsen angewiesen. Da die Beziehungen zu den Fans beider Teams nicht eben die freundschaftlichsten sind, eine durchaus pikante Konstellation. Noch jedoch hatte TeBe sein Schicksal selbst in der Hand…

Das Spiel begann, nachdem das „Schiedsrichterkollektiv“ (Zitat Stadionsprecher) pünktlich angepfiffen hatte, sofort mit viel Einsatz. Vor allem die Gäste waren sichtlich bemüht, Akzente zu setzen. Vor allem Kruschke und Kalkan schalteten sich immer wieder effektiv in die Vorwärtsbewegungen ihres Teams ein und setzten die Abwehr von Optik damit unter Druck. Optik verlegte sich vornehmlich auf schnelle Konter und doppelte die jeweils ballführenden Spieler konsequent. Es dauerte jedoch bis zur 29. Minute ehe TeBe per Freistoß zur ersten echten Chance des Spiels kam. Doch war den Gästen dabei ebenso wenig Erfolg beschienen wie bei Djans und Taflans Schüssen ein bzw. zwei Minuten später. Tennis Borussia machte Druck, konnte das Chancenplus jedoch nicht in Zählbares ummünzen. Drei Minuten vor Ende der ersten Hälfte hatte Optik dann ebenfalls eine gute Gelegenheit. Torwart Filatow konnte jedoch ohne Probleme halten.

Die zweite Hälfte begann wie die erste aufgehört hatte. Beide Teams schenkten sich nichts, blieben dabei jedoch überaus und bemerkenswert fair. TeBe hatte in der 49. Minute zwar die erste Möglichkeit der zweiten Hälfte. Optik hätte jedoch eine Minute später beinahe das 1:0 erzielt. Nur eine grandiose Rettungstat von Touré konnte hier Schlimmeres verhindern. Die Gastgeber blieben jetzt am Drücker und erarbeiteten sich immer wieder gute Möglichkeiten, scheiterten jedoch immer wieder an der dicht gestaffelten Abwehr der Gäste oder am glänzend aufgelegten Keeper Filatow. Dieser hatte dann auch keine wirkliche Chance, das Führungstor, das in der 67. Minute per Freistoß in die rechte obere Ecke fiel, zu verhindern. Der Freistoß war einfach sehr gut geschossen… Es spricht jedoch für TeBe, dass die Mannschaft auf jetzt nicht die Köpfe hängen ließ, sondern stattdessen den Druck einmal erhöhte. Trainer Schatte brachte noch einmal frische Spieler und in den letzten zehn Minuten war TeBe eigentlich permanent im Rathenower Strafraum oder gerade auf dem Weg dahin. Chancen gab es beinahe im Minutentakt. In der 81. vergab Djan. Zwei Minuten später kam irgendein Spieler nach Getümmel im Strafraum irgendwie zum Schuss. Dieser wurde jedoch genauso abgeblockt, wie Kalkans Schuss in der 86. Minute. In der 88. Minute ging ein Kopfball nach einem indirekten Freistoß knapp daneben, und in der Nachspielzeit scheiterte abermals Djan in einer Eins-zu-Eins-Situation gegen Keeper Baitz. Dann kam der Abpfiff. Tennis Borussia hatte verloren. Trotzdem hingen jubelnde Fans am Zaun oder lagen sich in den Armen. Lila Rauch stieg auf und Fahnen wurden geschwungen. Was war passiert?

Schon früh war die Meldung durchgedrungen, dass der BFC gegen Ludwigsfelde locker und uneinholbar führte. Am Ende gewannen die Ostberliner sogar mit 7:2. Von dieser Seite drohte also keine Gefahr. Reinickendorf war jedoch in der 62. Minute durch Haubitz in Führung gegangen. Das war für lange Zeit der letzte Informationsstand in Rathenow. Soltanpour hatte jedoch schon fünf Minuten später für Union ausgeglichen. Dank des um zwei Tore besseren Torverhältnisses hätte dieses Unentschieden jedoch gereicht, um die Füchse an den Veilchen vorbeizuschleusen. TeBe wäre damit direkt abgestiegen. In der 89. Minute war es dann aber Antunovic, der das 2:1 für Union erzielte und Reinickendorf damit in die Berlinliga schoss. Wie der Unionanhang darauf reagierte, dass ausgerechnet ihr Verein dem verhassten Westberliner Schnöselverein den Relegationsplatz sicherte ist nicht überliefert. Den Fans der Lila-Weißen war es dann auch irgendwie egal und den Spielern, die erst durch Rufe aus dem Gästeblock über die Sachlage informiert werden mussten, wahrscheinlich auch. Auch Fans von Optik Rathenow gratulierten und kündigten ihr Erscheinen zum Relegationsheimspiel in zwei Wochen an. Vorher würde es jedoch auf fremdem Platz zur Sache gehen. Nur auf welchem, das wusste noch niemand so recht. Je nachdem, wie der Verband in der Causa Sachsen Leipzig verbleibt, wird es wohl entweder gegen den VfL Halle 96 oder gegen Borea Dresden gehen. So oder so stehen zwei immens spannende Spiele auf dem Programm, bevor sich der Puls der TeBe-Anhänger_innen wieder die Chance hat, sich wenigstens ein bisschen zu beruhigen.