Der gefühlte Abstieg

FC St. PauliSV Werder Bremen 1:3

Samstag, 23.04.2011, 15.50 Uhr, Millerntorstadion, Bundesliga (Männer)

Eigentlich hätte alles so schön sein können. Die Sonne schien nach Kräften, das drohende Geisterspiel war abgewendet worden und beim letzten Spiel in Wolfsburg war St. Pauli klar das bessere Team gewesen. Doch dann kam alles ganz anders…

Vor dem Spiel und vor dem Stadion hatte erneut eine Aktion gegen den Schwarzhandel mit Eintrittskarten stattgefunden. Während die ersten Aktionen dieser Art vor Jahren noch von einem einzelnen Fanclub (G.A.S.) in Guerillamanier durchgeführt worden waren, steht heute sogar der Verein selbst dahinter und unterstützt die Initiative aus Fankreisen organisatorisch und auch ideell. Überall hingen Plakate, stapelweise Flyer wurden verteilt und in der Stadionzeitung wurde eine halbe Seite dem Thema Schwarzmarkt gewidmet. Offenbar findet es auch der Verein nicht mehr witzig, wenn Stehplatzkarten bei Topspielen teilweise für dreistellige Eurobeträge gehandelt werden.

Im erwartungsgemäß ausverkauften Millerntorstadion ging es dann vom Start weg flott zur Sache, wobei die Gäste von der Weser klar den Ton angaben. Wichtiger als jede Torchance in der Anfangsphase war jedoch ein an sich harmloser Zweikampf zwischen Fabian Boll und Marko Marin in der 18. Minute, bei dem Boll, der ohnehin seit einigen Spieltagen mit einem Bänderriss spielte, sich so schwer verletzte, dass er umgehend ausgewechselt werden musste. Für ihn ins Spiel kam Daube. Marin auf der anderen Seite entschuldigte sich gleich mehrfach und schien ernstlich betroffen zu sein. Den Fans war es egal. Bis zum Abpfiff wurde jede seiner Aktionen vom Anhang der Gastgeber mit Pfiffen bedacht. Quasi direkt im Anschluss fiel dann wie aus dem Nichts mit der ersten vernünftigen Offensivaktion überhaupt das 1:0. Gunesch auf Bartels. Mertesacker hebt das Abseits auf. Schuss ins lange Eck. Wiese chancenlos. Das Millerntor tobt. Der Rest der ersten Hälfte verlief ausgeglichen, aber unspektakulär und so konnte St. Pauli mit der Führung im Rücken in die Kabine gehen.

Nach dem Seitenwechsel schien Bremen dann wie ausgewechselt und erarbeitete sich Chancen im Minutentakt. Ihre Mühen wurden in der 50. Minute belohnt, als Thorandt Bargfredes Schuss aus unfassbar spitzem Winkel unglücklich ins eigene Tor beförderte. So viel Pech St. Pauli in der Szene auch gehabt haben mag, so verdient war der Ausgleich. Die Bremer spielten in dieser Phase die Hanseaten buchstäblich an die Wand. In der 52. Minute hätte Asamoah dann die erneute Führung erzielen können, als er völlig frei und allein auf weiter Flur vor dem in mintgrün spielenden Wiese auftauchte, doch der Bremer Schlussmann parierte bravourös. Von da an lief bei St. Pauli immer weniger zusammen, während Bremen immer besser ins Spiel kam. Das 2:1 von Pizarro nach Ecke von Fringe (73. Minute) fiel beinahe zwangsläufig. Endgültig das Rückgrat gebrochen wurde den Gastgebern nur eine Minute später, als Pizarro, der auf Höhe der Mittellinie gestartet war, Marins schönen Steilpass zum 3:1 verwandelte und Pliquett dabei fast so alt aussehen ließ wie die komplette Abwehr der Gastgeber, denen er mühelos enteilt war. Bei diesem Ergebnis blieb es bis zum Abpfiff. Der Gästeblock feierte. Die Heimfans trauerten sprachlos. Für viele bedeutete diese Niederlage den gefühlten Abstieg ganz egal, was die Mathematik dazu sagte. Das Mönchengladbach später am Abend dann noch den Tabellenführer aus Dortmund schlagen und St. Pauli damit auf den letzten Platz abrutschen würde, war da noch nicht einmal klar, aber irgendwie passte es auch ins Bild.

Aus sportlicher Sicht bleibt die Erkenntnis, dass die Abwehr ohne die Langzeitverletzten Oczipka und Zambrano einem Hühnerhaufen gleicht, Pliquett kein Bundesligatorwart ist und wahrscheinlich auch niemals einer sein wird und dass leider auch vom Rest des Kaders viel zu viele Spieler nicht das Format haben, um auf diesem Niveau mithalten zu können. Schade, aber Paderborn ist ja auch ganz schön…

So bleiben als schönste Erinnerungen an dieses Spiel vielleicht nur die Bilder der beiden Fankurven mit den schönen „Flora bleibt!“-Transpis [info] auf beiden Seiten und dem „1. Mai Nazifrei“-Transpi [info] auf Bremer Seite. Die Bremer Fanszene ist wirklich eine der angenehmsten und politisch fortschrittlichsten der ganzen Republik. So etwas hat Paderborn dann wahrscheinlich wiederum nicht zu bieten…


4 Antworten auf „Der gefühlte Abstieg“


  1. 1 Jan Delay 25. April 2011 um 23:21 Uhr

    Die Bremer Fanszene ist nicht fortschrittlich, sondern träumt vom Schanzenviertel, der Coolness St.Paulis und lechzt förmlich danach ein bisschen was abzubekommen vom alternativsten Flecken der Weltstadt Hamburg.
    Und da der Klassenerhalt sicher ist und der kleine FC St.Pauli ganz brav die Punkte abgibt, kann man sich voll auf das Anbandeln konzentrieren. Vorher nochmal die aktuellen Probleme rund um die Fanszene und Viertel gecheckt und ein/zwei einfühlsame Transpis gemalt und: läuft!

    Wehe aber es liegt Schnee und man fliegt aus dem Pokal, dann könnte sowas wie echte Fußballatmosphäre entstehen.

  2. 2 derherrvomkiez 26. April 2011 um 0:22 Uhr

    An deinem Geschreibsel sieht mensch genau, das du dich noch nie mit der Bremer Szene auseinander gesetzt hast! Es sind fließende Übergänge in die Antifaszene und alles andere als aufgesetzt. Also: Schnabel halten.

  3. 3 mazel 26. April 2011 um 16:11 Uhr

    @ jan delay ? gehts noch ?
    leute wie du sind der grund, warum hamburg fußballirisch nicht ernstzunehmen ist. bist du hßv´er ?

  4. 4 Störtebeker 04. Mai 2011 um 12:41 Uhr

    Egal ob der Zweikampf harmlos war oder Marin sich entschuldigt hat – wer „Boller“ raustritt hat nunmal einen schweren Stand am Millerntor. Da hat er einfach Pech gehabt. Das sollte man aber nicht persönlich nehmen… :)

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