Von Klassenunterschied und Klassenerhalt

SV Babelsberg 03FC Carl Zeiss Jena 4:1

Dienstag, 19.05.2011, 19 Uhr, Karl-Liebknecht-Stadion, 3. Liga (Männer)

Bei schönem Wetter und noch immer Sonnenschein stauten sich auch um 18.59 Uhr noch immer viele Dutzend Menschen vor den Toren des Karl-Liebknecht-Stadions. Wer rechtzeitig drin war, hatte Glück, denn schon die ersten Minuten boten Spektakuläres, denn die Babelsberger Fanszene ist in Aufruhr und dass obwohl der Verein gerade eine beachtliche Erfolgsserie am Laufen hat. Es ging dabei aber nicht, wie Leser_innen der Boulevardpresse vermuten könnten, um Süleyman Koc, das 21-Jährige Nachwuchstalent, das nicht nur in dieser Saison schon zwei Tore für die Blau-Weißen erzielt hat, sondern auch Tags zuvor als Kopf einer Räuberbande, die sich auf das Ausräumen von Casinos in und um den Berliner Wedding spezialisiert hatte, festgenommen wurde. Nein, es ging viel mehr darum, dass der Vorstand des Vereins für das Schlagerspiel gegen Dresden den Gästefans ein größeres Kartenkontingent zur Verfügung stellen möchte, als er es von Rechtswegen her müsste. Der Vorstand hofft auf Geld in den nicht eben üppig gefüllten Kassen. Die Fans fürchten ein Auswärtsspiel im eigenen Stadion. Vor allem aber sind sie empört darüber, dass der Vorstand sie nicht in die Entscheidungsfindung eingebunden hat. Aus Protest blieb der fragliche Teil der Gegengeraden auch nach Anpfiff einige Minuten leer und auch der verbale Support fand in diesen ersten Minuten nicht statt. Nach geschätzten fünf Minuten strömten dann die üblichen Massen in den Block angeführt von einem „Vorstand raus!“-Transparent. Auch die Ultras in der Nordkurve begannen jetzt mit den üblichen lautstarken Anfeuerungsrufen, allerdings nicht ohne auch hin und wieder verbal den Abgang des Vorstands zu fordern.

Die Nachzügler_innen aus der Gegengeraden kamen damit gerade noch rechtzeitig um das frühe 1:0 in der 11. Minute durch Kocer zu sehen, das beinahe logische Konsequenz aus der totalen Feldüberlegenheit der Gastgeber war. In der 20. Minute hätte nach einer Ecke eigentlich auch schon das 2:0 fallen müssen, doch Öztürk rettete auf der Linie. So mussten die Babelsberger_innen sich noch acht weitere Minuten gedulden, bis sie abermals jubeln durften. Makarenko hatte abgestaubt, nachdem ein spektakulärer Fallrückzieher nach einer Ecke erst einmal abgewehrt worden war. Kurz darauf kam Jena dann endlich zu ersten Strichen auf dem Chancenzettel, scheiterte jedoch mit einem guten Freistoß als auch mit der darauf folgenden Ecke. Stattdessen krönte Kocer seine Topleistung in der ersten Hälfte in der 41. Minuten mit dem 3:0, dass er nach herrlichem Sololauf erzielte und dabei Torhüter Nulle, der von seiner Abwehr völlig im Stich gelassen worden war, keinerlei Chance ließ.

In der zweiten Hälfte bemühte Jena sich nach Kräften noch einmal ins Spiel zu kommen und nachdem Nikol in der 51. Minuten per Foulelfmeter das 1:3 aus Sicht der Gäste gelang, witterten sie tatsächlich noch einmal Morgenluft. Vor allem Smeekes sorgte vorne immer wieder für Druck, während Voigt hinten die Abwehr in Haudegenmanier zusammenhielt. St. Pauli-Leihgabe Pichinot, der in der Zwischenzeit ins Spiel gekommen war, blieb hingegen weitgehend unauffällig. Auch der Anhang der Gäste, der in der Zwischenzeit den Support gänzlich eingestellt hatte, meldete sich jetzt wieder zu Wort, allerdings nicht wie zu Beginn mit ultraesquem Gehüpfe und Fahnengewedel, sondern auf old school ostdeutsche Manier mit Gröhlen, Pöbeln und Gegenstände Werfen. Wirklich lautstark waren sie allerdings nur selten. Auf dem Spielfeld eröffneten die Offensivbemühungen des FCC den Gastgebern jedoch auch zunehmend gute Konterchancen, doch endeten ihre Kick and Rush-Angriffe ein ums andere Mal in den Reihen der Jenaer Abwehr. In der 65. Minute wäre um ein Haar der Anschlusstreffer gefallen, doch Babelsbergs Torhüter Unger parierte glanzvoll. Die Babelsberger waren jetzt wenn, dann eher nach Standards gefährlich. So ging in der 75. Minute ein Freistoß aus zentraler Position vor dem Strafraum nur an den Pfosten. Es zeichnete sich jedoch immer stärker ab, das Jena heute einfach nicht die Mittel hatte dieses Spiel hier noch zu drehen. Mit fortschreitender Zeit ließen dann auch noch sichtlich die Kräfte nach. Stattdessen machte in der 87. Minute sogar noch der eingewechselte Herrem das alles entscheidende 4:1. Der Rest war Jubel in Blau-Weiß und Frust in Blau-Gelb.

Babelsberg hat mit diesem Sieg endgültig ein ziemlich dickes Punktepolster zwischen sich und die Abstiegsränge gebracht. Sie müssen sich jetzt schon arg dumm anstellen, wenn der Klassenerhalt noch misslingen soll, was allerdings bei der Klasse, die das Team derzeit auf dem Rasen zeigt, kaum zu erwarten ist. Jena hingegen, das heute über weite Strecken mindestens eine Klasse schlechter war als die Gastgeber, könnte, wenn Ahlen zu Hause gegen Regensburg gewinnen sollte, wieder bedrohlich nah an die Abstiegszone geraten. Trainer Wolfgang Frank wird das allerdings höchstens vom Fernseher aus erleben, denn er wurde nach der Niederlage in Babelsberg umgehend gefeuert… Überhaupt dürfte die Abstiegsfrage neben der nach dem Relegationsplatz wohl die spannendste an den verbleibenden Spieltagen der 3. Liga bleiben, nachdem Braunschweig schon sicher aufgestiegen ist und Rostock mit einem Heimsieg gegen Sandhausen heute bereits nachziehen kann und aller Voraussicht nach auch wird.

Dem Babelsberger Anhang dürfte das ziemlich schnuppe sein. Sie sangen an diesem Abend immer wieder „Nie mehr vierte Liga“ und dürften damit wohl zumindest für diese Saison auch Recht behalten.

Noch lobend zu erwähnen bleiben die 500,- Euro, die Gisela Müller in der Halbzeitpause der Babelsberger Faninitiative spendete. Klingt seltsam? Mehr Infos gibt es [hier]!