Archiv für April 2011

Topspiel mit Niveaulimbo im Gästeblock

SV Babelsberg 03SG Dynamo Dresden 1:1

Freitag, 29.04.2011, 18 Uhr, Karl-Liebknecht-Stadion, 3. Liga (Männer)

Rechenkünstler_innen im Zentralkomitee des SVB hatten ermittelt, dass der Verein nicht mehr absteigen konnte. Entsprechend gut gelaunt und entspannt war die Stimmung beim Potsdamer Stadtteilverein. Die SGD aus dem Freistaat Sachsen hingegen stand unter höchster Anspannung, denn für sie ging es nach wie vor um den dritten Aufstiegsplatz hinter Braunschweig und Rostock. Vor diesem drittletzten Spieltag standen sie auf dem vierten Platz punktgleich mit Erfurt vor und Wehen Wiesbaden hinter ihnen. Da die direkte Konkurrenz erst Tags drauf antreten würde, konnte Dresden vorlegen und die anderen Teams damit unter Druck setzen. Zumal Wehen Wiesbaden gegen Hansa Rostock im Ostseestadion vor vor einer wirklich alles andere als leichten Aufgabe stand.

Im Gegensatz Zum Spiel gegen Jena schien es diesmal keine größeren Probleme bei den Einlasskontrollen zum Gästeblock zu geben. Jedenfalls war dieser schon lange vor Anpfiff proppenvoll und die Schalparade bei der Dresdener Vereinshymne absolut sehenswert. Die Gegenseite konterte mit einer schönen Glitzerchoreo im Ostblock zum Anpfiff, über die mensch sich kaum richtig ausgiebig freuen konnte, weil das Spiel sofort nach dem Anpfiff richtig losging. Keinerlei Abtasten oder Abwarten. Vor allem Dresden machte mächtig Druck und hätte schon nach zwei Minuten durch einen Freistoß von Christian Fiel in Führung gehen können. Die Babelsberger hielten dem Druck jedoch stand und hatten in der 10. Minute durch Hahne und der 11. durch Kocer selbst zwei ganz große Möglichkeiten. In der Folge erarbeitete sich die SGD jedoch wieder eine deutliche Feldüberlegenheit, während Babelsberg sich vor allem auf die Defensive und gelegentliche Konter konzentrierte. Die größte von vielen Chancen für die Gäste vergab jedoch in der 33. Minute Koch, der nach einem guten Freistoß, der wieder von Fiel kam, von der Strafraumgrenze einfach mal draufhielt und Keeper Unger zu einer Glanzparade nötigte. Auf den Rängen war in der ersten Hälfte alles, so wie es sein sollte. Laut aber fair supporteten die Fans ihr jeweiliges Team, ohne groß ausfallend oder beleidigend zu werden. Das änderte sich jedoch in der 43. Minute, nachdem es im Babelsberger Strafraum zu Geschubse gekommen war. Aus dem Ostblock kamen „Scheiß Dynamo“-Rufe, die vom Gästeblock mit dem Lied über die asozialen Zecken umgemünzt auf asoziale Preußen und schließlcih mit dem Ruf „Ihr habt bezahlt, ihr kriegt auf’s Maul“ quitiert wurden. Danach war erstmal Pause und die Gemüter konnten sich ein wenig abkühlen und erholen von einer sehenswerten ersten Hälfte.

Die zweite Hälfte begann, verglichen mit der ersten, etwas verhaltener. Dresden war jedoch weiterhin am Drücker. Die Gastgeber brauchten fast eine Viertelstunde, bis sie überhaupt mal gefährlich vor das Dresdner Tor kamen. Offenbar war den Dynamo-Fans auch etwas langweilig. Jedenfalls entschieden sie sich, das geistige Niveau noch einmal enorm zu senken und präsentierten ein Spruchband, das verkündete: „Sexismus ist ein Fangesang, ihr Fotzen!“, was offenbar auf die vereinseigene Kampagne „Rassismus ist kein Fangesang“ gemünzt war. Als Bonus dazu gab es in Richtung auf den nahen Babelsberger Fanblock den – im übrigen von fast allen Dresdner_innen gegrölten – Ruf „Warum seid ihr Huren so leise?“. Intellektueller Anspruch sieht anders aus… Der gescholtene Babelsberger Block in der Gegengerade begann kurz darauf mit einer kleinen pyrotechnischen Einlage, die offenbar dazu gedacht war, den Inhalt des entrollten Spruchbands „Licht an – Vorstand raus“ optisch zu untermalen. Der Gästeblock sah das offensichtlich als Herausforderung an und begann ebenfalls mit einer kleinen Feuershow. Allerdings ging es hier wohl eher um Machtdemonstration und Reviergehabe. Passend dazu kletterten Dutzende Mackerfans – teils vermummt – auf die Zäune oder kletterten wie die Äffchen in den Ballfangnetzen umher. Schiedsrichter Weiner, der übrigens eine sehr gute Leistung ablieferte, sah sich gezwungen, das Spiel für einige Minuten zu unterbrechen, auch weil aus dem Dresdenblock mittlerweile Bengalos aufs Spielfeld geworfen wurden. Nach dieser kleinen Showeinlage hatten die Dresdner_innen dann leider kein Feuerwerk mehr um den sportlich hochverdienten Führungstreffer durch Koch in der 77. Minute gebührend zu feiern. Lange feiern konnten sie aber eh nicht, denn in der 87. Minute erzielte der eingewechselte Engler aus kurzer Distanz den Ausgleich. Als dann Torjäger Schahin nach einem Zusammenprall mit Torhüter Unger auch noch kurz vor Abpfiff mit Gelg-Rot vom Platz flog, war der Tag für den Dresdner Anhang gelaufen. Statt des erhofften Siegs und bester Aussichten auf Platz 3 gab es einen gehörigen Dämpfer im Aufstiegsrennen und einen Platzverweis, der bitter weh tut. Entsprechend ungehalten gebärdete sich der Gästeanhang. Ob das allerdings ein versuchter Platzsturm sein sollte oder ob die paar Leute, die sich plötzlich vor den Füßen der Ordner_innen wiederfanden, einfach nur besoffen vom Zaun gefallen waren, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Jedenfalls haben die Fans der SGD ihrem Ruf als zwar lautstarke, aber auch äußerst unangenehme Fangruppe alle Ehre gemacht.

Den Babelsberger_innen kann es egal sein. Dank gesichtertem Klassenerhalt und bereits erteilter Lizenz für die kommende Saison, können sie ganz entspannt in die letzten zwei Runden der Meisterschaft gehen. Aus sportlicher Sicht die interessanteste Frage wird sicher sein, ob und in welchem Maße der Verein und Trainer Demuth die Mannschaft werden zusammenhalten können. Aber das ist eine andere Geschichte…

Der gefühlte C-Bereich

1. FC Union Berlin IITennis Borussia Berlin 6:2

Sonntag, 25.04.2011, 14 Uhr, Stadion an der Alten Försterei, Oberliga Nordost Nord (Männer)

Die Ausgangslage war glasklar. Union wird die Saison jenseits von gut und böse beenden. Für TeBe geht es um alles oder nichts. Noch ist der Klassenerhalt nicht ganz verspielt, aber gut sieht es nicht wirklich aus für das Team vom Eichkamp. Aus Sicherheitsgründen fand das Spiel im Stadion an der Alten Försterei statt und nicht wie sonst üblich bei Unions Zweiter am Bruno-Bürgel-Weg statt, was ja nicht eben die schlechteste Spielstätte Berlins ist. Schnell zeigte sich wie hervorragend die Akustik des Stadion ist. Der Support von rund 120 Gästefans war laut und deutlich bis in die Heimkurve zu hören. Freilich nur, wenn die rund 900 Unioner_innen nicht ihrerseits sangen oder riefen. Wirklich ein wahrer Ohrenschmaus…

Das Spiel auf dem Rasen nahm nach etwa zehn Minuten des gegenseitigen Abtastens dann auch an Fahrt auf. In der 11. Minute hätte Soltanpour um ein Haar die Führung für Union erzielt, hätte er nicht im Abseits gestanden. Vier Minuten später ist es dann aber soweit. Hollwitz erzielt das 1:0 für Union per direktem Freistoß, der rechts unten im Tor einschlägt. In der 23. Minute tunnelt Soltanpour dann Filatow und macht doch noch sein Tor. Es ist sein 50. Pflichtspieltor für Union. Alle hochkarätigen Chancen für Union aufzuzählen würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Die Köpenicker waren in allen Belangen deutlich überlegen und mindestens eine Klasse besser. Das Einzige, was TeBe entgegenzusetzen hatte, war Kampfgeist und die konsequente Weigerung aufzugeben. Überraschend aber nicht unverdient kam dann in der 31. Minute der Anschlusstreffer, den Isik aus kurzer Distanz erzielte, nachdem Torhüter Pruschke einen Schuss von Taflan noch hatte abwehren können. Die aufkeimende Hoffnung wurde jedoch keine drei Minuten später brutal niedergeschlagen. Skrzybski taucht alleine vor Filatow auf, legt den Ball rechts vorbei und es steht 3:1. Wer jetzt dachte, das sei schon alles gewesen, sah sich getäuscht, denn quasi mit dem Halbzeitpfiff gelang TeBe aus dem Nichts heraus der erneute Anschlusstreffer. Behnert war es, der Pruschke tunnelte und wieder lief der Angriff über die deutlich stärkere rechte Seite der Borussen.

Die zweite Hälfte begann dann genau so, wie die erste aufgehört hatte, nämlich mit einem Tor. Allerdings waren es diesmal wiederum die Unioner_innen, die jubeln durften, nachdem Uaferro nach einer Ecke den Ball flach ins lange Eck hämmerte (47. Minute). Union gab sich jedoch mit der schon deutlichen Führung nicht zufrieden. In der 69. Minute machte der eingewechselte Dietrich noch das 5:2 und in der 78. erzielte abermals Skrzybski den 6:2-Endstand. Die Lila-Weißen hielten bis zum Abpfiff tapfer dagegen, doch fehlten ihnen an allen Ecken und Enden die Mittel. Es war erschütternd mit ansehen zu müssen, wie immer und immer wieder ein einziger simpler Pass die gesamte Abwehr aushebeln konnte. Wäre Filatow nicht ein so guter Torhüter oder die Unioner auch nur ein bisschen treffsicherer, hätte es auch locker zweistellig werden können. Neutrainer Schatte hat noch eine Menge Arbeit vor sich, wenn der Klassenerhalt noch irgendwie erreicht werden soll. Aber immerhin ist Einsatz zu erkennen und das Team hat sich noch nicht aufgegeben.

Auf den Rängen blieb es, von dem üblichen Ost-West-Gediss mal abgesehen, verhältnismäßig ruhig. Anders als beim Hinspiel waren von Unioner Seite keine antisemitischen Hassgesänge zu hören und auch sonst wirkte alles recht enspannt, was aber auch daran liegen könnte, dass zwischen beiden Fankurven das gesamte Spielfeld lag und es somit keine Berührungspunkte gab. Rund um das Stadion schlichen allerdings etliche erlebnisorientierte Köpenicker Kleingruppen herum und hofften offenbar auf Beute. Die reichlich vorhandene Polizei schaffte es jedoch die Fantrennung konsequent durchzusetzen. Offenbar hatte die Einsatzleitung aus dem Hinspiel gelernt, was sich auch daran zeigte, dass das Gros der TeBe-Fans sowohl bei der An- als auch bei der Abreise konsequent unter Polizeischutz stand. Dass die eingesetzten Beamt_innen dabei nicht immer den freundlichsten Umgang an den Tag legten, gehört wohl einfach zu ihrem Beruf. Ein bisschen mehr Freiraum beim Abreißen der unsagbar vielen Naziaufkleber in Schöneweide, wo der ganze Tross umsteigen musste, wäre allerdings nett gewesen. „Ausländer raus!“ am Laternenpfahl muss echt nicht sein…

Nachtrag FC St. Pauli – SV Werder Bremen

Wirklich ärgerlich bis widerlich war mal wieder der Stand mit den Pseudo-Fanschals nahe der Budapester Straße. Vor allem der Schal über dem „Fuck Hamburg!“-Motiv (s.u.) ist so was von unter aller Sau. Was der Mensch von dem Stand vor anderen Stadien verkauft, würde mich doch schon mal interessieren. Wahrscheinlich „Scheiss St. Pauli“, „Deutschland“ in schwarz-weiß-rot und „Kategorie C“. Ich würde mir ernsthaft wünschen, dass diesem Vollpfosten mal ein Mob mit 200-300 äußerst schlecht gelaunten Ultras über den Weg läuft…

Der gefühlte Abstieg

FC St. PauliSV Werder Bremen 1:3

Samstag, 23.04.2011, 15.50 Uhr, Millerntorstadion, Bundesliga (Männer)

Eigentlich hätte alles so schön sein können. Die Sonne schien nach Kräften, das drohende Geisterspiel war abgewendet worden und beim letzten Spiel in Wolfsburg war St. Pauli klar das bessere Team gewesen. Doch dann kam alles ganz anders…

Vor dem Spiel und vor dem Stadion hatte erneut eine Aktion gegen den Schwarzhandel mit Eintrittskarten stattgefunden. Während die ersten Aktionen dieser Art vor Jahren noch von einem einzelnen Fanclub (G.A.S.) in Guerillamanier durchgeführt worden waren, steht heute sogar der Verein selbst dahinter und unterstützt die Initiative aus Fankreisen organisatorisch und auch ideell. Überall hingen Plakate, stapelweise Flyer wurden verteilt und in der Stadionzeitung wurde eine halbe Seite dem Thema Schwarzmarkt gewidmet. Offenbar findet es auch der Verein nicht mehr witzig, wenn Stehplatzkarten bei Topspielen teilweise für dreistellige Eurobeträge gehandelt werden.

Im erwartungsgemäß ausverkauften Millerntorstadion ging es dann vom Start weg flott zur Sache, wobei die Gäste von der Weser klar den Ton angaben. Wichtiger als jede Torchance in der Anfangsphase war jedoch ein an sich harmloser Zweikampf zwischen Fabian Boll und Marko Marin in der 18. Minute, bei dem Boll, der ohnehin seit einigen Spieltagen mit einem Bänderriss spielte, sich so schwer verletzte, dass er umgehend ausgewechselt werden musste. Für ihn ins Spiel kam Daube. Marin auf der anderen Seite entschuldigte sich gleich mehrfach und schien ernstlich betroffen zu sein. Den Fans war es egal. Bis zum Abpfiff wurde jede seiner Aktionen vom Anhang der Gastgeber mit Pfiffen bedacht. Quasi direkt im Anschluss fiel dann wie aus dem Nichts mit der ersten vernünftigen Offensivaktion überhaupt das 1:0. Gunesch auf Bartels. Mertesacker hebt das Abseits auf. Schuss ins lange Eck. Wiese chancenlos. Das Millerntor tobt. Der Rest der ersten Hälfte verlief ausgeglichen, aber unspektakulär und so konnte St. Pauli mit der Führung im Rücken in die Kabine gehen.

Nach dem Seitenwechsel schien Bremen dann wie ausgewechselt und erarbeitete sich Chancen im Minutentakt. Ihre Mühen wurden in der 50. Minute belohnt, als Thorandt Bargfredes Schuss aus unfassbar spitzem Winkel unglücklich ins eigene Tor beförderte. So viel Pech St. Pauli in der Szene auch gehabt haben mag, so verdient war der Ausgleich. Die Bremer spielten in dieser Phase die Hanseaten buchstäblich an die Wand. In der 52. Minute hätte Asamoah dann die erneute Führung erzielen können, als er völlig frei und allein auf weiter Flur vor dem in mintgrün spielenden Wiese auftauchte, doch der Bremer Schlussmann parierte bravourös. Von da an lief bei St. Pauli immer weniger zusammen, während Bremen immer besser ins Spiel kam. Das 2:1 von Pizarro nach Ecke von Fringe (73. Minute) fiel beinahe zwangsläufig. Endgültig das Rückgrat gebrochen wurde den Gastgebern nur eine Minute später, als Pizarro, der auf Höhe der Mittellinie gestartet war, Marins schönen Steilpass zum 3:1 verwandelte und Pliquett dabei fast so alt aussehen ließ wie die komplette Abwehr der Gastgeber, denen er mühelos enteilt war. Bei diesem Ergebnis blieb es bis zum Abpfiff. Der Gästeblock feierte. Die Heimfans trauerten sprachlos. Für viele bedeutete diese Niederlage den gefühlten Abstieg ganz egal, was die Mathematik dazu sagte. Das Mönchengladbach später am Abend dann noch den Tabellenführer aus Dortmund schlagen und St. Pauli damit auf den letzten Platz abrutschen würde, war da noch nicht einmal klar, aber irgendwie passte es auch ins Bild.

Aus sportlicher Sicht bleibt die Erkenntnis, dass die Abwehr ohne die Langzeitverletzten Oczipka und Zambrano einem Hühnerhaufen gleicht, Pliquett kein Bundesligatorwart ist und wahrscheinlich auch niemals einer sein wird und dass leider auch vom Rest des Kaders viel zu viele Spieler nicht das Format haben, um auf diesem Niveau mithalten zu können. Schade, aber Paderborn ist ja auch ganz schön…

So bleiben als schönste Erinnerungen an dieses Spiel vielleicht nur die Bilder der beiden Fankurven mit den schönen „Flora bleibt!“-Transpis [info] auf beiden Seiten und dem „1. Mai Nazifrei“-Transpi [info] auf Bremer Seite. Die Bremer Fanszene ist wirklich eine der angenehmsten und politisch fortschrittlichsten der ganzen Republik. So etwas hat Paderborn dann wahrscheinlich wiederum nicht zu bieten…

Von Klassenunterschied und Klassenerhalt

SV Babelsberg 03FC Carl Zeiss Jena 4:1

Dienstag, 19.05.2011, 19 Uhr, Karl-Liebknecht-Stadion, 3. Liga (Männer)

Bei schönem Wetter und noch immer Sonnenschein stauten sich auch um 18.59 Uhr noch immer viele Dutzend Menschen vor den Toren des Karl-Liebknecht-Stadions. Wer rechtzeitig drin war, hatte Glück, denn schon die ersten Minuten boten Spektakuläres, denn die Babelsberger Fanszene ist in Aufruhr und dass obwohl der Verein gerade eine beachtliche Erfolgsserie am Laufen hat. Es ging dabei aber nicht, wie Leser_innen der Boulevardpresse vermuten könnten, um Süleyman Koc, das 21-Jährige Nachwuchstalent, das nicht nur in dieser Saison schon zwei Tore für die Blau-Weißen erzielt hat, sondern auch Tags zuvor als Kopf einer Räuberbande, die sich auf das Ausräumen von Casinos in und um den Berliner Wedding spezialisiert hatte, festgenommen wurde. Nein, es ging viel mehr darum, dass der Vorstand des Vereins für das Schlagerspiel gegen Dresden den Gästefans ein größeres Kartenkontingent zur Verfügung stellen möchte, als er es von Rechtswegen her müsste. Der Vorstand hofft auf Geld in den nicht eben üppig gefüllten Kassen. Die Fans fürchten ein Auswärtsspiel im eigenen Stadion. Vor allem aber sind sie empört darüber, dass der Vorstand sie nicht in die Entscheidungsfindung eingebunden hat. Aus Protest blieb der fragliche Teil der Gegengeraden auch nach Anpfiff einige Minuten leer und auch der verbale Support fand in diesen ersten Minuten nicht statt. Nach geschätzten fünf Minuten strömten dann die üblichen Massen in den Block angeführt von einem „Vorstand raus!“-Transparent. Auch die Ultras in der Nordkurve begannen jetzt mit den üblichen lautstarken Anfeuerungsrufen, allerdings nicht ohne auch hin und wieder verbal den Abgang des Vorstands zu fordern.

Die Nachzügler_innen aus der Gegengeraden kamen damit gerade noch rechtzeitig um das frühe 1:0 in der 11. Minute durch Kocer zu sehen, das beinahe logische Konsequenz aus der totalen Feldüberlegenheit der Gastgeber war. In der 20. Minute hätte nach einer Ecke eigentlich auch schon das 2:0 fallen müssen, doch Öztürk rettete auf der Linie. So mussten die Babelsberger_innen sich noch acht weitere Minuten gedulden, bis sie abermals jubeln durften. Makarenko hatte abgestaubt, nachdem ein spektakulärer Fallrückzieher nach einer Ecke erst einmal abgewehrt worden war. Kurz darauf kam Jena dann endlich zu ersten Strichen auf dem Chancenzettel, scheiterte jedoch mit einem guten Freistoß als auch mit der darauf folgenden Ecke. Stattdessen krönte Kocer seine Topleistung in der ersten Hälfte in der 41. Minuten mit dem 3:0, dass er nach herrlichem Sololauf erzielte und dabei Torhüter Nulle, der von seiner Abwehr völlig im Stich gelassen worden war, keinerlei Chance ließ.

In der zweiten Hälfte bemühte Jena sich nach Kräften noch einmal ins Spiel zu kommen und nachdem Nikol in der 51. Minuten per Foulelfmeter das 1:3 aus Sicht der Gäste gelang, witterten sie tatsächlich noch einmal Morgenluft. Vor allem Smeekes sorgte vorne immer wieder für Druck, während Voigt hinten die Abwehr in Haudegenmanier zusammenhielt. St. Pauli-Leihgabe Pichinot, der in der Zwischenzeit ins Spiel gekommen war, blieb hingegen weitgehend unauffällig. Auch der Anhang der Gäste, der in der Zwischenzeit den Support gänzlich eingestellt hatte, meldete sich jetzt wieder zu Wort, allerdings nicht wie zu Beginn mit ultraesquem Gehüpfe und Fahnengewedel, sondern auf old school ostdeutsche Manier mit Gröhlen, Pöbeln und Gegenstände Werfen. Wirklich lautstark waren sie allerdings nur selten. Auf dem Spielfeld eröffneten die Offensivbemühungen des FCC den Gastgebern jedoch auch zunehmend gute Konterchancen, doch endeten ihre Kick and Rush-Angriffe ein ums andere Mal in den Reihen der Jenaer Abwehr. In der 65. Minute wäre um ein Haar der Anschlusstreffer gefallen, doch Babelsbergs Torhüter Unger parierte glanzvoll. Die Babelsberger waren jetzt wenn, dann eher nach Standards gefährlich. So ging in der 75. Minute ein Freistoß aus zentraler Position vor dem Strafraum nur an den Pfosten. Es zeichnete sich jedoch immer stärker ab, das Jena heute einfach nicht die Mittel hatte dieses Spiel hier noch zu drehen. Mit fortschreitender Zeit ließen dann auch noch sichtlich die Kräfte nach. Stattdessen machte in der 87. Minute sogar noch der eingewechselte Herrem das alles entscheidende 4:1. Der Rest war Jubel in Blau-Weiß und Frust in Blau-Gelb.

Babelsberg hat mit diesem Sieg endgültig ein ziemlich dickes Punktepolster zwischen sich und die Abstiegsränge gebracht. Sie müssen sich jetzt schon arg dumm anstellen, wenn der Klassenerhalt noch misslingen soll, was allerdings bei der Klasse, die das Team derzeit auf dem Rasen zeigt, kaum zu erwarten ist. Jena hingegen, das heute über weite Strecken mindestens eine Klasse schlechter war als die Gastgeber, könnte, wenn Ahlen zu Hause gegen Regensburg gewinnen sollte, wieder bedrohlich nah an die Abstiegszone geraten. Trainer Wolfgang Frank wird das allerdings höchstens vom Fernseher aus erleben, denn er wurde nach der Niederlage in Babelsberg umgehend gefeuert… Überhaupt dürfte die Abstiegsfrage neben der nach dem Relegationsplatz wohl die spannendste an den verbleibenden Spieltagen der 3. Liga bleiben, nachdem Braunschweig schon sicher aufgestiegen ist und Rostock mit einem Heimsieg gegen Sandhausen heute bereits nachziehen kann und aller Voraussicht nach auch wird.

Dem Babelsberger Anhang dürfte das ziemlich schnuppe sein. Sie sangen an diesem Abend immer wieder „Nie mehr vierte Liga“ und dürften damit wohl zumindest für diese Saison auch Recht behalten.

Noch lobend zu erwähnen bleiben die 500,- Euro, die Gisela Müller in der Halbzeitpause der Babelsberger Faninitiative spendete. Klingt seltsam? Mehr Infos gibt es [hier]!

Fußball und die NPD

Bei der mit 22 Menschen insgesamt ziemlich bescheidenen Kundgebung der NPD im Süden des Berliner Bezirks Neukölln, war auch ein junger Mann mit T-Shirt des BFC Dynamo Berlin anwesend. Auch die Marke Hoolywood, die u.a. T-Shirts mit dem Slogan „Marxismus-Hooliganismus“ im Angebot hat, scheint in rechten Kreisen leider ziemlich beliebt zu sein…

Da hilft nur: 3x täglich Szene Putzen!

Viva con Agua im kreativen Tiefflug

Zwar hat sich der gemeinnützige Verein Viva con Agua um den ehemaligen St. Pauli-Profi Benjamin Adrion mittlerweile von dem Poster, das unten zu sehen ist, distanziert, doch stellt sich die Frage, wie es überhaupt soweit kommen konnte. Immerhin wird doch eigentlich im Umfeld des FC St. Pauli schon hin und wieder mal Wert auf Antisexismus gelegt. Das dummdreiste, objektivierende Plakat entstand im Rahmen des Young Lions Print Wettbewers, bei dem es darum ging, ein Plakatmotiv für Viva con Agua zu entwerfen, dass dann auch wirklich plakatiert werden sollte. Das Siegermotiv mit dem programmatischen Titel „Wet T-Shirt“ stammt von Simon Sturm und Markus Peitz. Zum Sieger gekürt wurde das Motiv von dieser Jury:

Christian Wiebe (Viva con Agua-Pressesprecher), Timm Weber (Grabarz & Partner), Jan Geschke (Geschke Pufe Berlin), Thomas Heyen (Lukas Lindemann Rosinski), André Baxmann (Baxmann Kommunikation), Thorsten Langemeier (Getty Images) und Florian Weischer (WerbeWeischer).

Wie off the record so schön feststellt:

Alles Männer. Bis auf die Quoten-Frau Judith Stephan (w&v), die sich vermutlich nass geschwitzt hat in ihrem T-Shirt.

Die Jury habe das Motiv ausgewählt „gerade vor dem Hintergrund, dass eine Plakatierung im Umfeld der Hamburger Reeperbahn geplant war“, heisst es in einer Erklärung auf der Youg Lions Seite. Natürlich ist so ein Motiv im Umfeld von Sexarbeiot noch viel, viel lustiger als ohnehin schon…

Das Siegerteam wird die Bundesrepublik trotz allem beim internationalen Wettbewerb in Cannes repräsentieren. Hoffentlich ist die Jury dort etwas mehr Ahnung von Sexismus in der Werbung als die in Deutschland. Wenigstens wird auf Wunsch von Viva con Agua das Motiv nicht plakatiert werden. Das ist allerdings auch das allermindeste…

Viva con Agua ist eine gute Idee. Geschichten wie diese können da sehr viel kaputt machen. Hoffentlich passiert so etwas nicht nochmal…

Erinnerungsstück an einen großen Moment

Auf dem Flohmarkt am Mauerpark in Berlin fiel mir an einem Stand dieses gerahmte Foto ins Auge. Offenbar fand da jemand das fast schon legendäre 5:1 Englands gegen die DFB-Auswahl in München vor fast zehn jahren schön oder wichtig genug, um sich ein Bild davon an die Wand zu hängen. Dass am selben Stand auch deutsche Fanmemorabilia neueren Datums zum Kauf feil geboten wurden, gibt dem ganzen dazu noch eine sympathisch absurde Note…

Nachtrag Turbine Potsdam- FCR Duisburg

Weniger schön als das Geschehen auf dem Rasen war die Anwesenheit offensichtlicher Nazis in der Kurve. Zumindest einer der drei Männer, gab seine Gesinnung mit seinem „Vizeweltmeister ’45″-T-Shirt aus dem neonazistischen Wotan Versand (s. [hier]) zu erkennen. Um wen oder was es sich bei der „Buddelcrew“ handelt, liess sich auf die Schnelle leider nicht ermitteln. Sachdienliche Hinweise sind wie immer willkommen.

Keinen Fussball den Faschist_innen!

Der Krone ein Stück näher

Turbine PotsdamFCR Duisburg 1:0

Sonntag, 17.04.2011, 14.15 Uhr, Karl-Liebknecht-Stadion, UEFA Women’s Champions League

Schöneres Fußballwetter als an diesem Frühlingssonntag kann es fast gar nicht geben, und mehr Brisanz und Qualität dürfte im Frauenvereinsfußball auch kaum zu haben sein. Immerhin trafen hier zwei der drei stärksten Teams der wahrscheinlich stärksten Liga der Welt aufeinander. Das dritte große Team, der amtierende DFB-Pokalsieger 1. FFC Frankfurt war allerdings auch irgendwie mit dabei, denn fast genauso wichtig wie der Ausgang des Spiels dürfte für die Fans von Turbine Potsdam, der angekündigte Wechsel ihres Stars Lira Bajramaj zu eben jenem Verein aus der Mainmetropole sein. Die Ausgangssituation könnte interessanter kaum sein, denn das Hinspiel in diesem Champions League-Halbfinale endete 2:2 unentschieden. Damit waren die Gastgeberinnen zwar leicht im Vorteil, doch würde Duisburg hier das 1:0 machen, wäre alle Rechnerei für die Katz und Potsdam unter Zugzwang.

Die Bedeutung des Spiels schien allen Akteurinnen bewusst zu sein, denn vom Abpfiff an spielten beide Teams mit offenem Visier. Kein vorsichtiges Abchecken, kein taktisches Belauern. Beide Teams spielten hier auf Sieg. Die erste gute Chance hatten die Gäste, als Kozue Ando, auf deren Trikot Namen und Rückennummer kurioserweise in Form von Klebestreifen angebracht waren, in der 10. Minute. Die Japanerin scheiterte an der glänzend aufgelegten Turbine-Torfrau Anna-Felicitas Sarholz, die sich heute in absoluter Topform präsentierte. In der Folge kamen die Potsdamerinnen jedoch immer besser ins Spiel und auch immer wieder zu guten Torchancen. Es dauerte jedoch noch bis zur 40. Minute bis Yuki Nagasato einen Duisburger Abwehrfehler ausnutzte und das 1:0 erzielte.

In der zweiten Hälfte musste Duisburg kommen, denn wenn sie nicht wenigstens noch zwei Tore erzielen würden, wären sie draußen. Doch so sehr sie sich auch mühten und Chancen erspielten, am Ende landete der Ball immer bei Sarholz, an der heute einfach kein Vorbeikommen war. Auf der anderen Seite kam Turbine, auch weil Duisburg immer bedingungsloser auf Offensive setzte, vor allem gegen Ende zu etlichen hochkarätigen Chancen, die jedoch ein ums andere Mal teils kläglich vergeben wurden. Vor allem Bajramaj schien ein wenig neben sich zu stehen und vergab Möglichkeiten, die sie normalerweise im Schlaf verwandelt würde. Wahrscheinlich spielte der bevorstehende Wechsel und die gemischten Gefühle, die damit gerade an so einem Tag einhergehen müssen dabei eine Rolle. Am Ende war es jedoch egal, denn als die finnische Schiedsrichterin Kirsi Heikkinen abpfiff, kannte der Jubel der 4.600 Anwesenden – abzüglich der geschätzt 100 mitgereisten Gästefans – keine Grenzen. Am 26. Mai in London geht es für Turbine dann gegen Olympique Lyon, die sich im anderen Halbfinale gegen die Arsenal Ladies durchsetzen konnten, um die Titelverteidigung. Und für Lira Bajramaj um den krönenden ihrer Zeit in Potsdam.