Seitenwechel – Coming-out im Fußball

Wenn es eine Person gibt, die fundiert über Homosexualität im Fußball schreiben kann, dann Tanja Walther-Ahrens. Seit einer gefühlten Ewigkeit engagiert sich die ehemalige Spielerin von Turbine Potsdam und Tennis Borussia Berlin für die Belange aller im Fußball, die nicht in die heteronormative Matrix passen oder passen wollen. Sie ist bei der European Gay and Lesbian Sports Federation (EGLSF) engagiert, bei Football against Racism in Europe (FARE), der Deutschen Akademie für Fußballkultur und auch bei der Nachhaltigkeitskommission des DFB ist sie am Start. Ganz nebenbei engagiert sie noch beim Frauen/Lesben-Sportverein Seitenwechsel in Berlin, für den sie auch noch immer in der Landesliga (derzeit Tabellendritter) gegen das Leder tritt. Wie es dabei noch geschafft hat ein Buch zu schreiben, wird wohl ihr Geheimnis bleiben…

Das Buch selbst hat das Zeug zum Standardwerk. Auf rund 170 Seiten bietet es einen Parforceritt kreuz und que(e)r durch die Geschichte und Gegenwart des LGBTQIA-Sports. Walther-Ahrens ist dabei stets bemüht, ein Bild der Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit zu vermitteln. Den homosexuellen Fußball schlechthin gibt es nicht. Immer wieder spricht sie auch in aller Deutlichkeit von den Unterschieden zwischen der homophoben Diskriminierung, die Männer im Fußball erfahren und jener, die Frauen entgegenschlägt. Dass andere nicht-heterosexuelle Identitäten dabei etwas zu kurz kommen, hat sicher etwas mit der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie zu tun. Während alle Welt auf den ersten schwulen Fußballprofi zu warten scheint und dabei ignoriert, dass es offen lesbische Fußballprofis bereits gibt und sich auch eine Hand voll schwuler ehemaliger Profis nach ihrem Karriereende geoutet hat, scheint das Interesse an Trans* oder intersexuellen Menschen im Sport nach wie vor gegen Null zu gehen. Vielleicht weil Trans*-Identitäten und Intersexualität noch stärker an die Wurzel der heteronormativen und patriarchalen Männerherrschaft gehen als Homo- oder Bisexualität. Auch wenn heutzutage in Deutschland ein schwuler Außenminister oder eine lesbische Talkmasterin zum Glück kaum noch ein Problem darstellen, ist es weiterhin absolut und total unvorstellbar, dass ein Trans*-Mensch ein Minister_innenamt bekleidet oder sich ein_e Schauspieler_in aus einer Vorabendserie als intersexuell outet. Dass Walther-Ahrens dieses Thema etwas links liegen lässt, ist nicht ihr Fehler. Sie weiß sicher um die Bedeutung dieser Thematik, aber sie weiß halt auch, dass es dafür gegenwärtig (noch?) keine Lobby gibt. Aber dafür gibt es ja Rezensionen wie diese…

Abgesehen davon gibt es an dem Buch nicht viel auszusetzen. Wer noch wenig über das Thema weiß, wird hier bei der Hand genommen und behutsam eingeführt. Doch auch wer sich schon ausgiebig damit befasst hat, wird hier noch auf das eine oder andere Kapitel stoßen, dass ihr_ihm Neues zu bieten hat. Vor allem aber die zahlreichen Interviews mit bekannten Persönlichkeiten wie John Amaechi, Klaus Wowereit oder Lira Bajramaj aber auch mit ganz normalen Menschen wie etwa einer lesbischen Schiedsrichterin oder einem schwulen Fußballer aus Berlin sind größtenteils sehr gelungen und lockern den doch recht großen Berg an Information immer wieder auf. Einzig das Interview mit Steffi Jones wirkt etwas steif, was wohl daran liegt, dass diese sich offenbar, seit sie Chefin des Organisationskomitees für die WM 2011 ist, einen viel zu professionellen Umgang mit Fragesteller_innen angewöhnt hat. Auf die meisten Fragen geht sie überhaupt nicht ein und antwortet stattdessen mit schon tausendmal gehörten Allgemeinplätzen. Schade. Von hohem symbolischen Wert ist sicherlich auch das Grußwort von DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger. Selten in der Geschichte des Fußballs hat ein Personalwechsel derart nachhaltig Wirkung gezeigt wie der vom rassistische Stammtischparolen klopfenden Naziversteher Gerhard Mayer-Vorfelder hin zum im besten Sinne liberal gesinnten Zwanziger. Der relative Hype rund um das Thema Fußball und Homosexualität geht zu einem guten Teil auf sein Konto und ohne ihn würde es wahrscheinlich auch dieses Buch nicht in der Form geben, weil es dafür einfach nicht den Markt geben würde.

Ich persönlich jedenfalls bin dankbar, dass es dieses Buch gibt und habe es in einem einzigen Nachmittag verschlungen, was sonst gar nicht meine Art ist. Allen, denen das Thema am Herzen liegt, sei hiermit die Lektüre wärmstens empfohlen.

„Seitenwechsel – Coming-out im Fußball“ von Tanja Walther-Ahrens ist im Februar im Gütersloher Verlagshaus erschienen.


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1 Antwort auf „Seitenwechel – Coming-out im Fußball“


  1. 1 Seitenwechsel – Coming-out im Fußball « jan tölva Pingback am 02. März 2011 um 23:54 Uhr
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