Einmal im Leben Champions League

Turbine PotsdamÅland United 6:0

13.10.2010, 16:00 Uhr, Karl-Liebknecht-Stadion, UEFA Women’s Champions League

Mein erstes Champions League-Spiel und im Gegensatz zu Bremen braucht es in Potsdam auch keinen Boykott wegen zu hoher Eintrittspreise. Sechs Euro für einen Stehplatz in Europas höchster Spielklasse gehen voll okay. Entsprechend gut gefüllt für einen Mittwochnachmittag war auch das Karl-Liebknecht-Stadion im Potsdamer Stadtteil Babelsberg. 1450 Zuschauer_innen sind es offiziell. Darunter auch einige aus der autonomen finnischen Provinz Åland. Åland ist eine Inselgruppe in der Ostsee zwischen Finnland und Schweden, auf der ein schwedischer Dialekt gesprochen wird. Åland United wiederum ist erst 2005 aus einer Fusion der stärksten Frauenteams Ålands entstanden und amtierender finnischer Meister. Das Hinspiel jedoch hatten die Finninnen jedoch bereits mit 0:9 verloren und hätten damit mindestens ein 10:0 gebraucht um weiter zu kommen.

Obwohl Turbine Potsdam schon quasi sicher im Achtelfinale stand, ließ Trainer Bernd Schröder sein Team in Bestbesetzung antreten. Prompt gingen die Potsdamerinnen dann auch bereits in der ersten Minute durch die überragend aufspielende Lira Bajramaj mit 1:0 in Führung. Keine drei Minuten später markierte Neuzugang Wesely bereits das 2:0. Danach schaltete Turbine einen Gang zurück, während die Åländerinnen endlich aufzuwachen schienen. Das Spiel war nun mehr oder minder ausgeglichen und auch United kam zu einigen Möglichkeiten. Die Gastgeberinnen behielten jedoch stets das Heft in der Hand und waren alles in allem einfach einen Tick aggressiver und durchsetzungsfähiger. Das 3:0 durch Keßler in der 30. Minute kam dann aber doch etwas unerwartet mitten in einer Potsdamer Torschussflaute. Dafür war es umso ansehnlicher. Schöner Schuss aus der Halbdistanz irgendwo nähe rechtes Strafraumeck und mit Umweg über den linken Innenpfosten ins Netz. Zehn Minuten später konnte Anja Mittag, nachdem Torhüterin Emilie Karström zuvor ihren Schuss toll pariert hatte, per Nachschuss dann sogar noch das 4:0 markieren.

Nach der Pause brachte Turbine dann Yuki Nagasato für Mittag und der ansehnliche japanische Fanblock auf der Tribüne drehte frei. In der 59. Minute wird Nagasato dann sogar fälschlicherweise als Torschützin ausgerufen, doch wer näher dran stand konnte sehen, dass sie an dem Schuss von Bianca Schmidt gar nicht mehr dran war. Doch auch ohne Tor bot sie eine gute Leistung und sorgte mit sieben Torschüssen und massig Bewegung im Strafraum für jede Menge Alarm. Dass Keßlar dann in der 68. Minute noch per Kopf nach Ecke von rechts das 6:0 erzielte war beinahe schon egal. Bei allen Bemühungen und sympathischen Niemalsaufgeben der Åländerinnen war Turbine auf ganzer Linie einfach mindestens eine ganze Klasse besser und ist somit verdient eine Runde weiter.

Beim Abpfiff war dann auch die Sonne, die fast das ganze Spiel über die Stehplätze angenehm erwärmt hatte, beinahe verschwunden und so hielt mich nicht mehr viel in Babelsberg. Noch zu erwähnen wäre, dass ich mal wieder wie so oft in den letzten Tagen Gerd Dembowski begegnet bin und dass der Potsdamer Support auf interessante Weise retro ist. Nett auch die zwei Herren in den besten Jahren hinter mir, die das ganze Spiel über anstehende und vergangene Partien von EM-Qualifikation bis Chemitz oder Dresden fachkundig durchdeklinierten. Dit is Fußball!

PS: Noch ein Zitat aus Jean-Paul Sartres Vorwort zu Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“, das mir auf dem Hinweg ins Auge gefallen ist: „Wir werden zu dem, was wir sind, nur durch die innere und radikale Negation dessen, was man aus uns gemacht hat.“