Archiv für Oktober 2010

Anker gegen Punker?

Tennis Borussia BerlinFC Anker Wismar 0:2

Freitag, 15.10.2010, 20:00 Uhr, Mommsenstadion, Oberliga Nordost Nord (Männer)

Dank eines kurzen Zwischensprints am S-Bahnhof Charlottenburg kam ich trotz voheriger Umzugshelferei in Neukölln gerade noch rechtzeitig im Stadion an, um der Präsentation des neuen vom LSVD gestifteten Banners „Fußball ohne Ausgrenzung – für Respekt und Toleranz“ beizuwohnen. Danach hätte ich dann vielleicht erstmal wieder nach Hause fahren sollen. Dann hätte ich vielleicht auch die zwei Gegegntore nach Standardsituationen verpasst, die bereits nach einer Viertelstunde den späteren Endstand markierten. Da nützte es auch nichts, das TeBe die restliche Zeit eine wirklich ordentliche Partie spielte und sich zahlreiche Chancen erarbeitete, die jedoch immer wieder vom glänzend aufgelegten Wismarer Keeper Höcker vereitelt wurden. Schade. Ein anderes Wort fällt mir dafür nicht ein…

Die mitgereisten rund zwei Dutzend Wismarer_innen im Gästeblock waren natürlich ordentlich am Feiern mit zahlreichen Winkelementen, Böllern und Pyros. Der Rauch, der sich über das Stadion legte war eigentlich ganz idyllisch. Trotzdem kam die Polizei und geleitete die „Übeltäter_innen“ aus dem Block, aber nicht aus dem Stadion. Vielmehr hielt sie den ganzen Haufen irgendwo nahe der Gästekasse bis weit nach Abpfiff in einer Ecke. Seltsame Polizeitaktik… Scheiße natürlich für TeBe, denen bei sowas eine Strafe droht, aber wirkliche Gefahr geht bei einem nahezu menschenleeren Block von so ein bißchen Gezündel mal echt nicht aus. Pyrotechnik ist kein undsoweiter…

Hinterher ging es dann noch bis sechs Uhr morgens zum Clash of the Giants in der Scharni, die dort gemeinsam mit dem EKH aus Wien ihren Zwanzigsten feierte. Kicker. 90er Jahre Techno. Wildes Rumgezappel. War ’ne lange Nacht…

PS: Anker Wismar ist der beste Vereinsname der Liga! Ahoi!

Männermob für Männerkultur

In der aktuellen Jungle World findet ihr einen Artikel zur Demo „Zum Erhalt der Fankultur“ in Berlin am vergangenen Wochenende. Den ganzen Artikel findet ihr [hier] und hier gibt’s einen Appetithappen:

Für Samstag hatten die drei großen Fanorganisationen Pro Fans, Baff (Bündnis aktiver Fußballfans) und Unsere Kurve zu einer Demonstration »zum Erhalt der Fankultur« aufgerufen. Insgesamt kamen mehr als 4 000 Fußballanhänger nach Berlin, um nach Vereinen sortiert unter anderem gegen personalisierte Tickets, Verbote von Fanutensilien und Choreografien sowie eigener Fanzines zu protestieren.

Doch ebenso interessant wie die Frage, wer alles da war, war auch die, wer aus welchen Gründen nicht gekommen war. Gleich mehrere Ultragruppierungen hatten öffentlich angekündigt, nicht an der Demonstration teilzunehmen. So erklärten etwa Ultras aus Leverkusen, Ahlen und Mönchengladbach, dass sie es scheinheilig fänden, in Berlin gemeinsam mit Gruppen auf die Straße zu gehen, von denen sie erst vor kurzem noch angegriffen und beraubt worden seien. Auch auf der Demonstration selbst war die Gewalt in der Ultraszene eines der großen Themen. So forderte ein Vertreter der Herthaner Ultragruppe Harlekins in seinem Redebeitrag von den Anwesenden, mehr Verantwortung zu übernehmen und einen Selbstreinigungsprozess einzuleiten. Ähnlich äußerte sich auch Steffen Toll, der Pressesprecher der Demonstration. Für die Absage einzelner Gruppen äußerte er Verständnis, doch würden viele der anwesenden Gruppen deren Kritik im Grunde teilen. Es scheint jedoch mehr als wahrscheinlich, dass gerade die Absagen einiger Gruppen sehr dazu beigetragen haben, szene­interne Diskussionsprozesse in Gang zu setzen…

Süddeutsche Zeitung – Va Fanculo!!

Bei der Süddeutschen Zeitung scheint derzeit mal wieder ein ganz besonderer Wind zu wehen. Nicht nur, dass die Zeitung in ihrer Wochenendausgabe zum „Tag der Deutschen Einheit“ eine großformatige Anzeige der Jungen Freiheit abdruckte und sich offenbar weigerte einen dagegen protestierenden und von vielen Menschen unterzeichneten Leserbrief abzudrucken, auch der heutige Sportteil ist mal wieder ganz weit vorne.

Dass sie in ihrem Artikel über die Ausschreitungen von serbischen Nazihools in Genua von „[r]und 400 Rechtsextreme[n] aus Serbien hatten, getarnt als Fußballfans“ sprechen, könnte mensch ja fast noch als kreuzdumme Extremismustheorie abtun, auch wenn es sogar bei der SZ bekannt sein sollte, dass Menschen durchaus Fußballfans und Faschist_innen sein können. Die Krönung ist jedoch ein Artikel über das 4:4 Österreichs gegen Belgien, bei dem in der zweiten Zeile der Überschrift die Leistung der österreichischen Spieler „deutschen Tugenden“ zugeschrieben wird. Die Süddeutsche Zeitung hat offenbar eine eher großdeutsche Vorstellung von Süddeutschland…

Einmal im Leben Champions League

Turbine PotsdamÅland United 6:0

13.10.2010, 16:00 Uhr, Karl-Liebknecht-Stadion, UEFA Women’s Champions League

Mein erstes Champions League-Spiel und im Gegensatz zu Bremen braucht es in Potsdam auch keinen Boykott wegen zu hoher Eintrittspreise. Sechs Euro für einen Stehplatz in Europas höchster Spielklasse gehen voll okay. Entsprechend gut gefüllt für einen Mittwochnachmittag war auch das Karl-Liebknecht-Stadion im Potsdamer Stadtteil Babelsberg. 1450 Zuschauer_innen sind es offiziell. Darunter auch einige aus der autonomen finnischen Provinz Åland. Åland ist eine Inselgruppe in der Ostsee zwischen Finnland und Schweden, auf der ein schwedischer Dialekt gesprochen wird. Åland United wiederum ist erst 2005 aus einer Fusion der stärksten Frauenteams Ålands entstanden und amtierender finnischer Meister. Das Hinspiel jedoch hatten die Finninnen jedoch bereits mit 0:9 verloren und hätten damit mindestens ein 10:0 gebraucht um weiter zu kommen.

Obwohl Turbine Potsdam schon quasi sicher im Achtelfinale stand, ließ Trainer Bernd Schröder sein Team in Bestbesetzung antreten. Prompt gingen die Potsdamerinnen dann auch bereits in der ersten Minute durch die überragend aufspielende Lira Bajramaj mit 1:0 in Führung. Keine drei Minuten später markierte Neuzugang Wesely bereits das 2:0. Danach schaltete Turbine einen Gang zurück, während die Åländerinnen endlich aufzuwachen schienen. Das Spiel war nun mehr oder minder ausgeglichen und auch United kam zu einigen Möglichkeiten. Die Gastgeberinnen behielten jedoch stets das Heft in der Hand und waren alles in allem einfach einen Tick aggressiver und durchsetzungsfähiger. Das 3:0 durch Keßler in der 30. Minute kam dann aber doch etwas unerwartet mitten in einer Potsdamer Torschussflaute. Dafür war es umso ansehnlicher. Schöner Schuss aus der Halbdistanz irgendwo nähe rechtes Strafraumeck und mit Umweg über den linken Innenpfosten ins Netz. Zehn Minuten später konnte Anja Mittag, nachdem Torhüterin Emilie Karström zuvor ihren Schuss toll pariert hatte, per Nachschuss dann sogar noch das 4:0 markieren.

Nach der Pause brachte Turbine dann Yuki Nagasato für Mittag und der ansehnliche japanische Fanblock auf der Tribüne drehte frei. In der 59. Minute wird Nagasato dann sogar fälschlicherweise als Torschützin ausgerufen, doch wer näher dran stand konnte sehen, dass sie an dem Schuss von Bianca Schmidt gar nicht mehr dran war. Doch auch ohne Tor bot sie eine gute Leistung und sorgte mit sieben Torschüssen und massig Bewegung im Strafraum für jede Menge Alarm. Dass Keßlar dann in der 68. Minute noch per Kopf nach Ecke von rechts das 6:0 erzielte war beinahe schon egal. Bei allen Bemühungen und sympathischen Niemalsaufgeben der Åländerinnen war Turbine auf ganzer Linie einfach mindestens eine ganze Klasse besser und ist somit verdient eine Runde weiter.

Beim Abpfiff war dann auch die Sonne, die fast das ganze Spiel über die Stehplätze angenehm erwärmt hatte, beinahe verschwunden und so hielt mich nicht mehr viel in Babelsberg. Noch zu erwähnen wäre, dass ich mal wieder wie so oft in den letzten Tagen Gerd Dembowski begegnet bin und dass der Potsdamer Support auf interessante Weise retro ist. Nett auch die zwei Herren in den besten Jahren hinter mir, die das ganze Spiel über anstehende und vergangene Partien von EM-Qualifikation bis Chemitz oder Dresden fachkundig durchdeklinierten. Dit is Fußball!

PS: Noch ein Zitat aus Jean-Paul Sartres Vorwort zu Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“, das mir auf dem Hinweg ins Auge gefallen ist: „Wir werden zu dem, was wir sind, nur durch die innere und radikale Negation dessen, was man aus uns gemacht hat.“

Thees Uhlmann – Das hier ist Fußball

Mitschnitt von Thees Uhlmanns Auftritt bei der Präsentation des Buches zum 100. Vereinsjubiläum. Nicht komplett, dafür mit teilweise neuem Text. Das hier ist Fußball…

Bestes Transpi auf der Fandemo!

Die Saarbrücker_innen aus der Virage Est haben da wirklich einen feinen Rip Off des alten SSD-Covers hingelegt. Respekt!

Diskussionsveranstaltung zur Fandemo in Berlin

Es gibt mal wieder eine interessante Veranstaltung anzukündigen. an diesem Freitag, dem Vorabend der Fandemo in Berlin, findet im „We save TeBe“-Büro eine Diskussionsveranstaltung zu eben jenem Thema statt:

Am 9. Oktober wollen Fußballfans aus der ganzen Republik, viele von ihnen Ultra-Gruppierungen zugehörig, in Berlin auf die Straßen gehen, um für „den Erhalt der Fankultur“ zu demonstrieren.
Die OrganisatorInnen verweisen in ihrem Aufruf zum einen auf eine zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs, wie sie sich unter anderem in überteuerten Ticketpreisen und fernsehfreundlichen, aber fanunfreundlichen Anstoßzeiten ausdrückt, zum anderen thematisieren sie Repressionen seitens der Vertreter der Verbände und der Polizei, die sich unter anderem in willkürlichen Stadionverboten zeigt.

Offen bleibt allerdings die Frage danach, was mit „Fankultur“ eigentlich gemeint ist, ob es einen solchen gemeinsamen Nenner der vielen verschiedenen Fan-Szenen überhaupt geben kann.

Nicht zuletzt nach sich häufenden Vorfällen in den letzten Monaten und Jahren, bei denen TeBe-Fans immer wieder von körperlicher Gewalt, Antisemitismus, Homophobie und ähnlichem betroffen waren, hat sich eine gewisse Skepsis breitgemacht. Denn inwiefern die teilnehmenden Gruppen der besagten Demonstration in der Lage sind, neben den berechtigten Kritikpunkten auch Selbstkritisches anzubringen, bleibt aus der Sicht vieler TeBe-Fans fraglich. Sie haben deshalb angekündigt, nicht an der Demonstration teilnehmen zu wollen.

In unserer Diskussionsveranstaltung am Vorabend der Demonstration soll es deshalb darum gehen, Differenzen aufzuzeigen und die verschiedenen Arten zu diskutieren, wie man Fußball genießen und zelebrieren kann – ohne eben diese Differenzen in einem schwammigen Begriff von „Fankultur“ untergehen zu lassen, der häufig genug mit „Ultrá“ gleichgesetzt wird.

Kann es so etwas wie eine gemeinsame „Fankultur“ mit anderen Gruppen geben?

Über dieses Thema möchten wir mit unseren Diskussionsteilnehmern sprechen. Dazu haben wir u.a. einen Vertreter von BAFF (Bündnis aktiver Fußball-Fans) sowie von der Bremer Ultra-Gruppierung „Infamous Youth“ eingeladen, weitere Gäste sind angefragt.

Wo: Im Büro der Fan-Initiative „We save TeBe“ in der Haeselerstr. 20 in 14050 Berlin-Charlottenburg
Wann: Am Freitag, den 8.10. um 19 Uhr

Unentschieden im idyllischen Stadion gleich neben dem Knast

Berliner AK 07Tennis Borussia Berlin 0:0

Sonntag, 03.10.2010, 14:00 Uhr, Poststadion, Oberliga Nordost Nord (Männer)

Zwanzig Jahre Anschluss der DDR an die BRD und das auch noch in der Bundeshauptstadt und ich habe überhaupt gar nichts davon gehört den ganzen Tag lang. Sehr angenehm… Sehr angenehm ist es auch, wenn der Weg zum Auswärtsspiel kürzer ist las zu einem Heimspiel. Ich würde sogar zu behaupten wagen, dass ich zu Fuß schneller im Poststadion wäre las per Bahn im Mommsenstadion. Mit dem Fahrrad und via Flohmarkt Arkonaplatz ging es bei herrlichstem Spätsommerwetter jedenfalls ausgesprochen fix. Überhaupt: Das Poststadion! Was für eine Perle der Stadionbaukunst und die überwucherten und von der Natur wiederangeeigneten Tribünen sind ein Traum. Falls der BAK mal tauschen will, ich hätte absolut gar nichts dagegen…

Auch gegen das Spiel war wenig zu haben. Obwohl hier der souveräne Spitzenreiter auf den Tabellenvorletzten traf, war das Spiel über die gesamte Distanz äußerst ausgeglichen. Überhaupt war das Spiel ganz und gar nicht die klare Sache, die die Tabellensituation hätte nahe legen können. Es glich vielmehr über weite Strecken einen echten Spitzenspiel. Beide Teams neutralisierten sich zwar weitgehend bereits im Mittelfeld, doch das auf durchaus ansehnliche Art und Weise und auf hohem Niveau. Vor allem in der ersten Hälfte kam TeBe auch zu etlichen Torchancen, während der BAK sich oft nur mit Querpässen in der eigenen Hälfte zu helfen wusste. Der Grund dafür war die vor allem im Vergleich zum Saisonbeginn sehr stabil stehende Hintermannschaft der Lila-Weißen. Wo in Torgelow oder selbst gegen Union noch Fehlpass, Querschläger und Stellungsfehler Standard waren, herrschten jetzt Übersicht, Forechecking und aggressives Zweikampfverhalten. Zwar kam TeBe in der zweiten Hälfte kaum noch gefährlich vor das gegnerische Tor, ein wirklich organisiertes Angriffsspiel konnte der BAK, der immerhin zu hause spielte, aber immer noch nicht aufziehen. Immer wieder erliefen die TeBeler sich Bälle oder unterbanden gegnerische Angriffsbemühungen schon weit vor dem Sechzehner. Und falls dann doch mal jemand durchkam, stand da immer noch der weitgehend äußerst sicher agierende Torhüter Filatow. Abgesehen von einigen Bällen, die hätte halten können, statt sie nur wegzufausten oder sie abklatschen zu lassen, gab es an seiner Leistung nicht das geringste auszusetzen. Wie auch, wenn die Null zum ersten Mal in dieser Saison bis zum Abpfiff steht? Dass es allerdings dazu kam, war am Ende auch ein wenig das Glück des Tüchtigen, denn der Kopfball, der bei der allerletzten Standardsituation nur Sekunden vor dem Abpfiff knapp am Lattenkreuz vorbeiging, hätte genauso gut auch drin sein können. Sicher sind mit diesem Ergebnis die Spieler und Anhänger_innen von TeBe zufriedener als diejenigen auf der Gegenseite, aber Fußball – und wer wüsste das besser als TeBe – ist halt kein Wunschkonzert.

Ein schönes Fußballspiel bei schönem Wetter in einem schönen Stadion. Blieben zum Schluss noch ein paar Fragen, die auch ich beim besten Willen nicht klären kann: 1. Wo hat der BAK bitteschön 800 Zuschauer_innen gezählt? 2. Hat der BAK wirklich nur diesen ein Fan mit seiner Trommel? Und schließlich 3. War das „Keine Gewalt gegen Polizisten“-Transparent zum Anpfiff wirklich ernst gemeint, leben die Verantwortlichen in Lummerland oder ist der BAK Ironieweltmeister? Wer solchen Schwachsinn verzapft – und das nur Tage nach den Polizeiausschreitungen bei Stuttgart 21 – gehört weder in die Ober- noch in die Regionalliga, sondern in den Quatsch Comedy Club…