Ganz Hamburg steht Kopf

FC St. PauliHamburger SV 1:1

Sonntag, 19.09.2010, 15:30 Uhr, Millerntorstadion, Bundesliga (Männer)

Das erste Derby seit fünfzig Jahren am Millerntor! Dafür kann mensch auch mal extra aus Berlin anreisen. Also um acht Uhr Aufstehen, Katzenfrühstück und um neun Uhr in Tegel an der Straße stehen mit einem Pappschild „A24/HH“. Nach rund einer Stunde nahm mich dann auch jemand mit direkt bis nach Hamburg, der auch noch die gleichen fußballerischen Präferenzen hatte für diesen Tag. Allerdings im Gegensatz zu mir keine Karte…

In Hamburg staute es sich dann von Reeperbahn und Heiligengeistfeld aus zurück bis in die Neuststadt. Also bin ich lieber bei der Handwerkskammer, wo gerade „Deutschland sucht den Superstar“ gastierte, raus aus dem Auto und ab durch Planten und Blomen. Vor dem neuen Glöe in der Detlev-Bremer-Straße traf ich dann beim Pommes Essen noch einen alten Bekannten, der mir mit Fingerzeig auf ein zertrümmertes Fenster erzählte, dass HSV-Hools gerade das Tippel 2 direkt gegenüber angegriffen hätten. Na, das fängt ja gut an. In Altona soll es auch schon ungewollte physische Kontakte gegeben haben und auf der Reeperbahn war die Polizei mit ihren Wasserwerfern an rund 2000 HSVer_innen zu Gange. Dann doch lieber ab ins Stadion…

Rund eine Stunde vor Anpfiff war das Stadion mal abgesehen von der Haupttribüne schon fast vollständig besetzt und die Luft knisterte förmlich. Die Ultragruppen in beiden Kurven entrollten die ersten von unzähligen Spruchbändern und sorgten damit für einige Heiterkeit. Während die HSVer_innen sich wunderten: „Ihr hier? Wer trinkt denn dann jetzt Latte Macchiato auf der Schanze?“, konterte USP mit „Na, letzte Nacht wieder in unserem Viertel gefeiert?“. Meine persönlichen Highlights waren allerdings „St. Pauli grüßt die Freezers“ auf der Süd- und „Lieber HSV, Willkommen in Hamburg“ auf der Haupttribüne. Die Choreos beim Einlauf waren dann auch auf beiden Seiten mehr als derbywürdig. Während beim HSV mit einer verkehrt herum ausgebreiteten Blockfahne und einem kurz darauf entrollten Spruchband „Ganz Hamburg steht Kopf für den HSV“ geschickt mit Erwartungshaltung und Rezeption seitens des Heimpublikums gespielt wurde, war der Alarm mit Konfetti und Hastenichgesehn auf der Südtribüne einfach Wahnsinn. Das halbe Spielfeld sah danach aus wie Sau! Das Spiel selbst freilich konnte mit der Leistung auf den Rängen leider nicht mithalten. Zwar war St. Pauli leicht überlegen, aber wirklich gute Torraumszenen waren doch eher die Ausnahme. Einzig David Jarolim, altersschwacher Ex-Kapitän der Rothosen sorgte für etwas Stimmung, indem er bei jeder noch so leichten Berührung zu Boden ging und so den Zorn des Publikums auf sich zog.

Zu Beginn der zweiten Hälfte präsentierten dann einige auf dem Zaun hängende HSV-Hooltras ihre tollen erbeuteten St. Pauli-Fahnen und Banner und zündeten einen Rauchtopf. Vielleicht haben sie auch die Fahnen verbrannt. Ist auch egal. Kinderkacke. Dann schon lieber die Riesenchoreo von Südtribüne über Gegengerade bis zum Nord Support. Das war sehenswert! Und auch das Spiel wurde zunehmend sehenswerter. St. Pauli machte jetzt deutlich mehr Druck und zwang den HSV immer wieder zu Fehlern. Vor allem Elia, der bei der WM noch so stark aufgespielt hatte und der für mich einer der Besten aus dem Vorort ist, war ein Totalausfall. Auch Jubilar Frank Rost in seinem 400. Bundesligaspiel war nicht ließ sich zu Fehlern hinreißen. So konnte ihm Hennings in einer Szene fair und erfolgreich den Ball abnehmen, als er sich gerade an einem Abschlag versuchte. Diese Szene war im Rückblick fast so etwas wie ein Startschuss zu St. Paulis größter Angriffswelle. Als dann noch Bartels für Bruns und Asamoah für Hennings kamen, ging es richtig rund. Der St. Pauli-Debütant und Ex-Schalker war es dann auch, der in der 77. Minute quer auf Boll legte, der dann aus rund 20 Metern den Ball gezielt ins lange Eck bugsierte und damit einen der größten Torjubel ever am Millerntor auslöste. Ausgerechnet Fabian Boll, der in der A-Jugend selbst noch beim HSV spielte und jahrelang selbst in der Gegengerade stand, bevor er schließlich über die zweite Mannschaft in die erste rutschte. Da stimmte einfach alles. Zumindest für zehn Minuten… Denn fast als hätten sie so einen Weckruf erwartet, begannen die Spieler des HSV plötzlich wirklich Fußball zu spielen, engagiert in die Zweikämpfe zu gehen und sich Torchancen zu erarbeiten. Der Ausgleich durch den eingewechselten Petric in der 88. Minute, der irgendwo vom linken Strafraumeck aus einen unhaltbaren Sonntagschuss hinlegte, war dann leider auch nur konsequent. Fünf Minuten haben gefehlt. Fünf Minuten…

Da so ein Unentschieden irgendwie niemanden so richtig glücklich macht, war dann auch die Stimmung auf allen Seiten etwas gedrückt. Der HSV hätte hier bei einem personell deutlich schlechter besetzten Team, das bei weitem nicht dieselben Ambitionen hat, eigentlich drei Punkte holen müssen, um im Soll zu bleiben, und St. Pauli war halt doch ganz nah dran an der Sensation. So nah, dass sich das 1:1 am Ende doch eher wie eine Enttäuschung anfühlte, obwohl es unterm Strich eigentlich doch ein Erfolg war. Immerhin gingen fast alle Partien gegen den Vorortverein in den letzten Jahren verloren…

Für manche gehört zum Fußball ja aber auch noch eine dritte Halbzeit und die ging nur wenige Minuten nach dem Abpfiff vor der St. Pauli-Fankneipe Jolly Roger los, als Augenzeug_innenangaben zufolge mindestens zwanzig HSV-Hools versuchten den Laden, vor und in dem deutlich mehr Leute standen anzugreifen. Einer der Angreifer blieb dann auch von einer „verteidigenden Flasche“ am Kopf getroffen ab Boden liegen und verlor jede Menge Blut. Die Polizei war keine Minute später vor Ort und beschoss erstmal alles und jeden mit ihrem Wasserwerfer. Die Cops wirkten sichtlich nervös und reagierten äußerst aggressiv auf bloßes Angucken hin. Während die Bereitschaftspolizist_innen also den am Boden liegenden Menschen bewachten, war der HSV-Mob bereits weitergezogen und hatte sich als nächstes Ziel den Fanladen St. Pauli ausgesucht, wurden jedoch auch dort schnell wieder vertrieben. Als die Polizei eintraf und erstmal provisorisch alles abriegelte, war schon alles vorbei. Zurück blieben mindestens zwei verletzte St. Paulianer_innen. Das Geschehen verlagerte sich nun offensichtlich auf die Gegend rund um die Reperbahn, wo offenbar gerade Polizeifestspiele stattfanden. Jedenfalls standen rund um den Hans-Albers-Platz gleich mehrere Wasserwerfer und hunderte behelmte Cops. Trotzdem kam es wohl bis in die späten Abendstunden hinein immer wieder zu einzelnen Angriffen von HSVer_innen auf Menschen mit St. Pauli-Fanutensilien am Körper (ich weiß von mindestens einem Fall persönlich). Möglicherweise auch umgekehrt, aber davon weiß ich nichts…

Gehört sowas jetzt zu einem Derby dazu? Muss das sein? Auf jeden Fall hat sich in trauriger Weise bestätigt, dass es offenbar mehr als bloße Rhetorik ist, wenn St. Pauli-Fans davon reden, dass sie ihr Viertel beim Derby verteidigen müssen. Die Polizei alleine scheint dazu jedenfalls nicht in der Lage trotz einem halben Dutzend Wasserwerfer, Reiterstaffel, Ausweiskontrollen, Polizeiketten und 1100 Beamt_innen im Einsatz. An das Rückspiel in Stellingen mag ich da gar nicht denken. So mitten in der Walachei und fernab jeglicher Zivilisation sind ja noch ganz andere Szenarien möglich. Immerhin ist es unwahrscheinlich, dass es dann, wie bei den letzten Derbys noch üblich, aus den Reihen des HSV Hitlergrüße gleich im Dutzend und das U-Bahnlied gleich dazu gibt. Die eindeutige Absage der HSV-Ultras an die Umarmungsversuche der Hamburger NPD haben Respekt und Nachahmung verdient. Ebenso wie die Spruchbänder gegen Neubürgermeister und Ex-Burschenschafter Christoph Ahlhaus auf Südtribüne und vom Nordsupport. Der „Kommunismus statt Deutschland“-Doppelhalter und das Spruchband mit dem …But Alive-Zitat waren aber auch nicht schlecht…


4 Antworten auf „Ganz Hamburg steht Kopf“


  1. 1 keny 21. September 2010 um 13:04 Uhr

    Netter Bericht. Ahlhaus dürfte aber weiter Burschi sein, das sog. Lebensbundprinzip macht diese elitären Männerbünde ja gerade aus, die Alten ziehen halt die jetzt Aktiven hoch.

  2. 2 dorfler 23. September 2010 um 21:44 Uhr

    Kannst du mir nochmal erklären, warum du gerade die beiden Spruchbänder zu deinen Highlights zählst? Vielleicht verbirgt sich mir ja auch nur noch die Ironie hinter deinen Zeilen, aber gerade der Sinn hinter dem Freezers-Spruch will sich mir (und im übrigen auch einigen St. Pauli „Freunden“) einfach nicht erschließen. Also, ich bitte doch um eine ganz ernste Erklärung!

    Die „Wilkommen in Hamburg“-Tapete ist ja ohnehin an Unkreativität und Langeweile nicht zu toppen, aber gut, Meinungen sollen ja differieren.

  3. 3 fussballvonlinks 24. September 2010 um 4:11 Uhr

    das schöne am „lieber hsv, willkommen in hamburg“ ist für mich eigentlich das „lieber hsv“. ich musste lächelnm, als ich das las…

    und wenn du das mit den freezers nicht verstehst, dann haben wir wohl einfach nicht den gleichen humor. sowas kommt vor. ist nicht schlimm…

  4. 4 Dose 25. September 2010 um 10:15 Uhr

    Ich denke mal dass an euch FCSP-Fans vorrübergegangen ist dass die aktive HSV-Fanszene seit langem die Eishockey Mannschaft des Hamburger Sportvereins unterstützt und die Bayer… ähm Freezers nicht gerade beliebt sind. Was sich zb beim Uffta nach den Spielen in Farmsen deutlich zeigte ;)

    Deshalb offenbart sich mir der Witz auch nicht, denn dass wir ähnlich wie die Freezers sind kann uns wirklich keiner vorwerfen.

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