Es gibt Wichtigeres als Fußball…

Torgelower SV GreifTennis Borussia Berlin 4:0

Samstag, 04.09.2010, 14:00 Uhr, Gießerei-Arena, Oberliga Nordost Nord (Männer)

Treffpunkt für die gemeinsame Auswärtsfahrt per Bus war mal wieder die Masurenallee, an der sich zu so früher Stunde nicht nur Millionen (mindestens!) von IFA-Besucher_innen tummelten, sondern auch ein ganzer Haufen Herthaner_innen rund um die Harlekins, die offenbar genau den gleichen Treffpunkt für ihre Auswärtsfahrt zum Testspiel in Auerbach (4:0 für Hertha) gewählt hatten. Abgesehen von einigen argwöhnischen Blicken passierte jedoch rein gar nichts. Im TeBe-Bus passierte vor allem Einstudieren neuen Liedguts und Diskutieren über diverse andere Vereine zwischen Altona und Fulham. So ging es weiter gen Norden und vorbei an militärischen Sperrgebieten und immer neuen Kasernen rein nach Torgelow hin zu dem kleinen, idyllisch in einem Waldstück gelegenen Stadion, das jetzt mal Name hin Name her echt absolut gar nichts von einer Arena hat. Das einzig Moderne waren die Klos, die in dieser Liga sicher ihresgleichen suchen. Torgelow – Toilettenmeister der Herzen!

Am Einlass suchten die extra angeheuerten Ordner (nix mit _innen…) von Baltic Secur in ihren Hosen von Thor Steinar und Erik & Sons akribisch nach allen Transparenten und Fahnen, die irgendwie politisch oder provozierend sein könnten und stellten fest: „Fahnen mit ‚Judensternen‘ kommen hier nicht rein!“ Menschen, die sich schon durch ihre Kleidungs- und Wortwahl derart disqualifiziert haben, zu erklären, dass Tennis Borussia eine lange jüdische Tradition hat und Fahnen mit Davidsternen daher durchaus einen Fußballbezug haben, brachte selbstredend auch nichts. Glücklicherweise gelangten diverse „verbotene“ Fahnen und Tapetenrollen trotzdem irgendwie ins Stadion und konnten so zu Beginn der zweiten Halbzeit entrollt und präsentiert werden. So konnten die Anwesenden auf zwei Tapetenrollen „Grüße nach Dortmund… Gegen jeden Naziaufmarsch !!!“ lesen und je eine Antifa- und eine Israelfahne bewundern. Als dann die Ordner anrückten war alles ganz schnell wieder eingeholt und sie mussten sich wieder verziehen, weil ja nichts „Verbotenes“ mehr gezeigt wurde. Als dann jedoch irgendwann einige der Heimfans nicht mehr nur „Lila-Weiße Westberliner Scheiße“, sondern auch noch „Zick Zack Zigeunerpack“ riefen, war das Maß voll und es wurden erneut Fahnen herausgekramt. Unter anderem eine mit dem altbekannten Faust-zerschlägt-Hakenkreuz-Motiv und eine von Ajax Amsterdam, die u.a. auch eine Israelflagge mit drauf hat. Wieder kamen die Ordner, aber diesmal wurde diskutiert. Als nach einer Viertelstunde Diskussion darüber, ob die Ajaxfahne jetzt politisch sei, weil so ein ‚Judenstern‘ halt provozierend wirken kann, oder halt nur eine explizit erlaubte Fußballfahne, gaben sie irgendwann auf, weil eh keine zehn Minuten mehr zu spielen waren. Sie drohten dann nocht eine Anzeige gegen den Verein an, zu der die anwesenden, sehr zurückhaltenden Polizist_innen nur meinten: „Ich seh da nichts Verbotenes…“, und verzogen sich. Im Heimblock gab es nach Abpfiff dann noch zwei laute Böller und auch mindestens einen Hitlergruß (s. Foto). Was war auch anderes zu erwarten von einer Gegend, in der die NPD 2006 bei der Landtagswahl mit rund 15% und damit sogar noch doppelt so viele Stimmen wie im Landesdurchschnitt bekommen konnte. Zum kotzen… Dass die TeBe-Fans dann sogar noch in ihrem Block den Müll eingesammelt haben, während die guten Jungs von nebenan rumböllerten, dürfte die Einheimischen wenigstens verwirrt haben… An dieser Stelle sollte aber der Fairness halber noch erwähnt werden, dass sich die vereinseigenen Ordner_innen und auch die Polizeibeamt_innen sehr korrekt verhalten haben. Traurig, wenn die Bullen diejenigen sind, mit denen mensch vor Ort noch am ehesten reden kann…

Achja, Fußball gespielt wurde auch. In der ersten Hälfte war das Spiel auch noch recht ausgeglichen und TeBe hätte sogar durch einen schönen Volleyschuss von der Strafraumgrenze in Führung gehen können, doch leider erzielte Pankau in der 27. Minute das 1:0 für die Gastgeber. In der zweiten Hälfte konnten die Lila-Weißen zunächst auch weiterhin mithalten, doch als Pankau in der 64. Minute erneut einnetzte und Joker Beck nur neun Minuten später sogar auf 3:0 erhöhte, war das Spiel entschieden. TeBe gab sich nicht auf und kämpfte weiter um jeden Ball, aber am Ende stand es dank Nawotke (78. Minute) sogar 4:0 für Torgelow. In der Höhe war das Ergebnis vielleicht etwas zu hoch, aber der Sieg war dennoch verdient. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Punkte für den Klassenerhalt wohl eher gegen Ende der Saison gesammelt werden müssen, weil das Team einfach noch nicht soweit ist. An den Fans hat es jedenfalls nicht gelegen. Immerhin rund 50 Menschen waren der Mannschaft über den Rand der zivilisierten Welt hinaus gefolgt und feuerten das Team nach Kräften an, während von der Heimtribüne außer Applaus nach Toren und gelegentlichen Beleidigungen nichts zu hören war. Da war ja in Lichterfelde mehr los… Aber das liegt ja auch nicht in einem quasi national befreiten Kartoffelghetto…

Die sportliche Niederlage tut weh, aber lässt sich verkraften, im Angesicht der rechten Scheiße, die eine_n in solchen Abrissgebieten der Gesellschaft, um die Nase weht, wo ‚Judensterne‘ verboten sind und die bloße Positionierung gegen Nazis, die andernorts selbst von der CDU mitgetragen wird, als Problem angesehen wird. Stadtumbau West übernehmen sie!


6 Antworten auf „Es gibt Wichtigeres als Fußball…“


  1. 1 Der Richard 07. September 2010 um 22:49 Uhr

    Bei Weitem nicht alle Menschen dieser Region sind so eingestellt wie hier beschrieben. Glaubt uns das auch wir dir Wahlergebnisse und sonstigen Ereignisse als Schande empfinden. Eure Verallgemeinerung der regionalen Bewohner und die Beschreibung eurer Anreise ist übrigens auch alles als tolerant.

    Ich möchte hier nichts beschönigen und verharmlosen, jedoch gerade der Hinweis auf das Foto mit ausgestrecktem Arm ist echt dämlich.

    Ich war nicht im Stadion, nicht in der Nähe und weiß auch nicht was das gezeigte sein soll. Bei vielen Stadiongesängen werden wie Arme ausgestreckt. Hier ist weder festzustellen auf welcher Grundlage diese Bewegung erfolgte( Schlachtruf, singen, vielleicht hat derjenige auch eine Kamera in der Hand), noch ob es überhaupt der hier angesprochene gruß sein kann, der für mich absolut nicht erkennbat ist ob es sich um eine Faust oder ausgestreckte Hand handelt.

    Abschließend möchte ich sagen das mir meine Heimat sehr am Herzen liegt und dort nicht nur Faschisten und Antisemiten beheimatet sind. Vielleicht findet ja der Ein oder Andere von euch mal die Zeit auch abseits des Fußballs gen Norden zu fahren und Land und Leute mal persönlich kennen zu lernen.

    Macht`s gut und alles Gute bei der Rettung eures Vereins.

  2. 2 fussballvonlinks 08. September 2010 um 16:48 Uhr

    zu dem letzten foto: es wurde nach spielende geschossen. niemand hat gesungen. alle anderen auf dem foto machen mit ihren armen andere dinge. in der anderen hand trägt der mensch ein kleidungsstück, so dass er auch gar nicht klatschen oder sonstwas kann. das ganze ist schon sehr eindeutig.

    es gibt andere menschen, die den hitlergruß gesehen haben. ich wollte nur die rauchentwicklung nach dem ersten böller dokumentieren. dass ich den gestreckten rechten arm mit draufhabe ist ein reiner glückstreffer.

  3. 3 Der Richard 09. September 2010 um 20:46 Uhr

    Gut, ich merke du willst den Sinn meines Beitrags nicht erkennen und das sehen was du sehen möchtest.

    Ich habe nicht behauptet das es sich hier nicht um den H-Gruß handelt sondern nur zu bedenken gegeben das auf Grund dieses Bildes wirklich nichts eindeutiges zu erkennen ist.

    Ich behaupte ja auch nicht, dass die vierte Person von links auf Bild Nummer vier den H-Gruß zeigt, nur weil der Arm eine derartige Stellung hat.

    Grüße Richard

  4. 4 fussballvonlinks 09. September 2010 um 22:35 Uhr

    @ richard: ich sehe deinen punkt. die vierte person von links auf bild vier hat zwar auch eindeutig den ellenbogen angewinkelt, aber dasrum geht es nicht. du hast recht, dass das bild alleine nicht als beweis ausreicht. es gibt jedoch auch diverse zeugen. sonst hätte ich sowas auch nicht behauptet…

  5. 5 Javier Siegrist 17. September 2011 um 12:50 Uhr

    Frueher war mir Fussball das wichtigste Ding in meinem Leben. Aber ich hatte unrecht.

  1. 1 Türkische Invasionen und „weiße Kurven“ « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 09. September 2010 um 11:18 Uhr
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