XIV. Mondiali Antirazzisti – Ein Nachbericht

Irgendjemand dort in Casalecchio di Reno brachte es ganz gut auf den Punkt mit der Feststellung, dass die Mondiali Antirazzisti eigentlich zwei Veranstaltungen in einem ist, die beide nicht unbedingt viel miteinander zu tun haben. Zum einen ist da das Fußballturnier mit 204 Teams aus diversen Ländern, das vom Team Luxembourg against Racism gewonnen wurde. Zum anderen ist da die allabendliche Ultraparty mit Bengalos zünden, Fahnen schwenken und auf Tischen tanzend Fangesänge singen, wie es die Fischerchöre nicht besser könnten. Dementsprechend wurde auch auf dem Zeltplatz in Schichten geschlafen. Während der Gesangsverein in die Kojen torkelte, standen die Sportler_innen schon wieder auf, um bei über 40° C in der Sonne zu schwitzen. Die ganz Harten schafften es auch irgendwie beides zu kombienieren und sowohl auf dem Pitch als auch im Bierzelt zu glänzen. Und natürlich gab es hüben wie drüben einen beachtlichen Männerüberschuß…

Überhaupt lässt sich feststellen, dass fast alles, was an der Mondiali kritikwürdig ist auch auf sehr ähnliche Art und Weise am Fußball generell kritisiert werden kann. Da wäre zum einen die testosteronschwangere Atmosphäre, die eine Mitreisende zu der Feststellung veranlasste, sie verstehe zum ersten Male in ihrem Leben wirklich, warum manche Menschen gerne in FrauenLesbenTrans*-Zusammenhängen leben wollen. Zum anderen und vor allem auf den Fußballplätzen wäre da das Konkurrenzverhalten Einzelner oder ganzer Teams, die so sehr damit beschäftigt waren zu gewinnen, dass sie dabei das Gebot der Fairness vergaßen und so hart zur Sache gingen, als wären sie in der Premier League. Zwar taten die Veranstalter_innen Vieles, um dagegen anzugehen, und schufen über die Jahre ein Regelwerk, dass eben solches Verhalten sanktioniert und auf ein Miteinander an Stelle eines Gegeneinanders ausgelegt ist, doch so ganz funktioniert es leider (noch) nicht. Was an dieser Stelle auch zu bemängeln wäre, ist dass keinerlei Quote für nicht-männliche Spieler_innen gibt. Von den über 200 Teams waren sicher mindestens die Hälfte de facto reine Männermannschaften, auch wenn hier und da eine Quotenfrau am Rand sitzen durfte. Natürlich gab es auch Ausnahmen wie das rein weibliche Team Lez-Bo aus Bologna, FC Xplosion aus Berlin, die Ahoi Antifa Kickers aus Bremen oder den Roten Stern Leipzig, der auch aus eben diesem Grund die diesjährige Antisexismus-Trophäe entgegennehmen durfte, aber der männlich dominierte und streng heteronormative Grundtenor blieb jedoch erhalten und wird wohl auch noch eine Weile bleiben…

Wenn mensch jedoch den Großteil dessen, was nervt, ein wenig ausblendet, gab es auch viel Tolles und Interessantes zu entdecken und stapelweise nette Menschen zu treffen, wie etwa die Brigadas Amarillas aus Cádiz oder die Abordnung vom Wiener Sportclub bzw. Sportklub. Das Highlight waren allerdings aus meiner Sicht Proodeutiki/Ekriksi (aka. Progressive FC), einem erst kürzlich von Anarchxs und Hausbesetzer_innen übernommener Verein aus Thessaloniki, der gleich mit rund 50 Leuten (und einem ballverliebten Hund) angerückt kam. Ähnlich wie in der BRD die Roten Sterne versteht sich der Verein als ein Versuch anders zu sein und Fußball ohne den üblichen Scheiß zu schaffen. Schön zu sehen, dass Versuche wie diese derzeit an ganz verschiedenen Orten gestartet werden.

Das musikalische Rahmenprogramm war eher mäßig. Die meisten Bands waren langweiliger Reggae, Ska oder Punkrock, die DJ_ane-Sets waren meist nicht unbedingt nach meinem Geschmack und Los Fastidios am ersten Abend waren zwar ein Erlebnis, aber doch eher wegen dem bekloppten, fanblockartigen Gehampel vor der Bühne. Es ist schon ein interessanter Anblick, wenn ein paar hundert Ultras zu „Antifa Hooligans“ abgehen, Bengalos und Fahnen schwenken und übereinander her purzeln. Die Poster mit den stumpfen „Boycot Israel!“-Aufrufen wären auch nicht nötig gewesen und warum Anarchoprimitivist_innen einen Infostand bei einem Fußballturnier machen, ist mir auch eher schleierhaft. Aber ich muss ja auch nicht alles verstehen…

Der Vollständigkeit halber muss natürlich noch erwähnt werden, dass die Reise nach Italien auch kulinarisch ein Genuss war. Zumindest außerhalb des Mondialigeländes… Leckere Foccacia, wirklich guter Kaffee, Lemon Soda, hammergeile vegane Puddings und Joghurts von Valsoia, Tomaten, die diesen Namen noch verdienen, und billiges Sojaeis aus dem Supermarkt. Ohne den sportlichen Ausgleich hätte ich sicher ordentlich zugelegt in den paar Tagen…

P.S.: Busse in Bologna klingen wie Vuvuzelas. Aber das nur am Rande…


4 Antworten auf „XIV. Mondiali Antirazzisti – Ein Nachbericht“


  1. 1 alles ist politisch 15. Juli 2010 um 23:27 Uhr

    Ich finde, wenn man die Anwesenheit von Anarchoprimitivist_innen auf der Mondiali anzweifelt, hat man deren Ausrichtung nicht ganz erfasst. Nämlich die Vermischung von Fußball und Politik nicht zu verhindern, sondern auf emanzipatorische Art und Weise zu forcieren. Ein Gespräch mit diesen Personen hätte schnell die Vebindung zum Fußball aufgezeigt. Die Boykott-Aufrufe bzw. das genrelle Abfeiern von National-Flaggen fand ich allerdings auch sehr störend (hatte aber nichts mit den Anarchoprimitivist_innen zu tun – man könnte das so rauslesen).

  2. 2 fussballvonlinks 16. Juli 2010 um 3:50 Uhr

    was ich meinte, war, dass fussball der zivilisation bedarf und deshalb eine antizivilisatorische position auf einer fussballveranstaltung schon irgendwie nicht so ganz einhundertpozentig passend ist. um es mal vorsichtig auszudrücken… ich versuch ja auch nicht „vegan“-t-shirts auf ner fleischereifachmesse zu verkaufen ;)

  3. 3 alles ist politisch 16. Juli 2010 um 16:27 Uhr

    Die Positionen unterschieden sich inhaltlich nicht wesentlich von denen der Menschen aus Proodeutiki/Ekriksi. Zumindestens was die englische Literatur angeht, die dort verschenkt wurde.

  4. 4 fussballvonlinks 16. Juli 2010 um 20:11 Uhr

    also die anarchxs, die ich meine hatten nur italienische literatur und die war schon teilweise ziemlich anticiv…

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