Archiv für Juni 2010

Innerer Reichsparteitag

Nachdem sich die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein gestern Abend in der Halbzeitpause des WM-Vorrundenspiels zwischen der DFB-Elf und der Auswahl Australiens mit dem Kommentar „Und für Miroslav Klose: ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft“ hervortat, sind binnen Minuten die Gemüter hochgekocht, im Internet und anderswo [Spiegel Online].

Doch wie so oft im Web 2.0 passiert das eigentlich interessante in den Kommentarspalten. Hier einige Highlights aus den Kommentaren zu einem Artikel der Onlineausgabe der Welt, in dem Autor Tilman Krause feststellt, dass das alles gar nicht schlimm sei, weil der Ausdruck „innerer Reichsparteitag“ ja damals immer ironisch gewesen sei. Aha, wie auch immer dem sei:

„…Dumm nur, das die Welt einen Tag lang brauchte um dies auch offiziell darzustellen, nachdem sich die kritischen linksalternativen Bessermenschen bereits den ganzen tag über darüber auslassen durften…“

„…Die Leute, die sich jetzt wieder mal künstlich aufregen, sollten endlich mal ihre Komplexe bezüglich der deutschen Nazi-Vergangenheit ad acta legen. die Sch….. ist lange vorbei…“

„…In jedem Land mit gesundem Nationalbewusstsein hätte eine ähnliche ausgerutschte Äußerung allenfalls für eine Randnotiz gereicht und wäre damit erledigt gewesen. Doch in Deutschland hat die sogenannte “Vergangenheitsbewältigung” mit ihrem Schuldkult nicht zu einer Bewältigung, sondern zu einer Pathologisierung der Geschichte geführt – mit unübersehbaren Auswirkungen auf die politische Diskussion. Insofern ist es auch keine Überraschung, dass dauerbetroffene Gutmenschen auf Kosten einer Moderatorin ein Missgeschick ausnutzen, um sich wohlfeil als gute “Antifaschisten” und Retter vor einem “Vierten Reich” aufzuspielen. Zur Diskussion sowohl aktueller als auch kommender Probleme wie dem tagtäglichen Abtreibungsmassenmord, dem nicht mehr finanzierbaren “Sozialstaat”, der demografischen Katastrophe, dem Werteverfall sowie der schleichenden Islamisierung sind diese Leute in ihrer ideologischen Verblendung gar nicht in der Lage. Der Wahnsinn ist epidemisch. Deutschland hat fertig…“

„…Es gab noch nie so viele nichtdeutsche Nationalspieler in der Elf wie derzeit…Wenn das der koksende DTV-Talker Michel Friedman in den Hals bekommt, im übrigen hat er auch heute noch eine eigene Show und provoziert nach wie vor seine Gäste öffentlich im Fernsehen…Ermahnen wir immer die Amerikaner : Ausrottung der Indianer. ermahnen wir immer die Spanier : Ausrottung der Inka…“

„…Mir ist das alles scheiss egal, ich kanns nicht mehr hören. sobald ich diese Anti Deutschland Propaganda im TV sehe, schalte ich um. Diese Gehirnwäsche mache ich seit langem nicht mehr mit…“

„…Da empfinde ich die genehmigte oder erzwungene offizielle Leugnung der amerikanischen Tieffliegerangriffe auf zivile Flüchtlinge an den Elbwiesen 1945 beispielsweise als weitaus und unvergleichlich größeren Skandal…“

Diese paar Zitate sind ganz sicher nur der Gipfel des Eisbergs. Vielleicht sammel ich beizeiten noch einmal mehr davon. Und ach übrigens: Wusstet ihr, wo Frau Müller-Hohenstein ihre journalistische Karriere begann? – Bei Radio Gong in Nürnberg, der Stadt der Reichsparteitage [Wikipedia]. Und sie ist bekennende Anhängerin des 1. FC Nürnberg, dessen Stadion in unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligen Reichsparteitagsgeländes liegt. Wollte ich nur mal so erwähnt haben…

Antinationales Fußballgucken im ://about blank

Wer in Berlin gemeinsam mit anderen Spiele der Männer-WM in Südafrika ohne den üblichen Hurrapatriotismus schauen möchte, kann das gerne im ://about blank am Ostkreuz tun:

alle spiele. alle tore. keine hymnen.

trachtenfreies herrenfußballgucken im antinationalen ambiente.

ab 11. juni an allen spieltagen und bei jedem wetter im ://about blank garten (bei regen drinnen oder überdacht)

von zeit zu zeit werden hochkonkurrierende spezialarbeiter namens fußballprofis nach leistungs- und staatsangehörigkeitskritierien zusammengewürfelt und in repräsentativer absicht als nationale elfen gegeneinander aufs feld
geschickt. wer trotz dieser unschönen ausgangsbedingungen freude daran empfindet, sich die mitunter sehenswerten ballkünste anzuschauen, ist gezwungen, sich mit den patriotischen motiven dieser veranstaltung auseinanderzusetzen. der hierzulande mit deutschland- und bierfahne zelebrierte fußballnationalismus, der stets ein besonderer bleibt, weil er nicht nur „deutsche siege“ feiert, sondern immer auch das recht der deutschen auf von den verbrechen des nationalsozialismus unbelasteten nationalen taumel reklamiert, macht auch vor der fernsehmoderation nicht halt, während die drastischen auswirkungen der wm im ausrichtenden land kaum eine meldung wert sind. so auch in diesem sommer, so auch im bezug auf südafrikas gegenwart und geschichte wie z.B. den support von wm-sponsor daimler benz für das regime der apartheid. um den freundinnen und freunden einer nationenfreien welt aber wenigstens vor den bildschirmen eine umgebung mit zivilisatorischen mindeststandards zu schaffen, bietet der garten des ://about blank für alle spiele eine antinationale oase, inklusive bar, cocktails, grill und panini-bilder tauschbörse und veranstaltungen, die sich mit nationalismus, männlichkeit und kolonialismus im kontext mit der wm auseinandersetzen.

://about blank

17.06. Berlin: Männlichkeitsbilder im Fußball

Am 17.06. um 20.30 Uhr findet im Bandito Rosso eine Veranstaltung zum Thema „Männlichkeitsbilder im Fußball“ statt. An der Podiumsdiskussion werden Elke Wittich von der Jungle World Vertreter_innen von Ultragruppen aus Babelsberg (Filmstadtinferno), Jena (SenoritHAs) und St. Pauli (USP) teilnehmen.

Dazu gibt es Vokü, Longdrinks und zu späterer Stunde Musik vom Band.

Zur Einstimmung könnt ihr [hier] eine pdf des Textes „If I were a boy…“ der SenoritHAs Jena runterladen und lesen.

Die Veranstaltung wird unterstürzt von RASH-Berlin-Brandenburg, North East Antifascists, Scortesi und Jungle World.


senorithas

Die WM steht vor der Tür

Die Fußball-WM der Männer in Südafrika steht vor der Tür und der Mob bringt sich schon so langsma in Stimmung mit schwarz-rot-gelben Bierdosen, Fahnen überall und abgrundtief schlechter Musik. Eine gute Gelegenheit um zu hoffen, dass die frommen Wünsche von vor vier Jahren vielleicht diesmal in Erfüllung gehen und die DFB-Auswahl schon bereits nach der Vorrunde die Koffer packen kann.

Zur WM in Deutschland gab es vor vier Jahren auch eine vielbeachtete Kampagne der Natufreundjugend Berlin unter dem Motto „Vorrundenau 2006s“, auf die an dieser Stelle noch einmal hingewiesen soll. Auf der Website der Kampagne finden sich allerlei interessante Texte rund um Nationalismus, Sexismus und diverse andere Scheiße, die mit so einer Fußballweltmeisterschaft einhergeht. Noch immer sehr empfehlenswert!


Vorrundenaus 2006

Ausstellung „Kicker, Kämpfer und Legenden“

Die Ausstellung „Kicker, Kämpfer und Legenden“, die derzeit in der Geschäftsstelle des Bündnisses für Demokratie und Toleranz in Berlin zu sehen ist, wurde verlängert bis zum 12. Juli diesen Jahres:

“Kicker, Kämpfer und Legenden“ zeichnet die Karrieren und Lebenswege der großen Männer des jüdisch-deutschen Fußballs nach. So zum Beispiel die von Kurt Landauer, dem jüdischen Präsidenten und dem jüdischen Trainer Richard „Little“ Dombi des FC Bayern München. Als sie 1932 zum ersten Mal den deutschen Meistertitel für ihren Verein errangen, wurden sie wie Helden gefeiert. Nur ein Jahr später endete ihre Karriere schlagartig: Die Nationalsozialisten veranlassten, dass jüdische Sportler, Trainer und Funktionäre aus den Vereinen ausgeschlossen wurden. Walther Bensemann, der 1900 die ersten internationalen Spiele organisiert, bei der Gründung des DFB mitgewirkt und die Fußballzeitschrift „Der Kicker“ ins Leben gerufen hatte, wanderte daraufhin in die Schweiz aus. Ihr Schicksal teilten alle Juden in Deutschland, nicht nur Berufssportler, mit ihnen: Bis November 1938 durften Juden nur noch in jüdischen Vereinen spielen. Danach wurden alle Sportaktivitäten für sie verboten.
Unvergleichlich deutlich macht die Ausstellung die Mechanismen der planvollen Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen unter dem NS-Regime. “Kicker, Kämpfer und Legenden“ erweckt ein Bild der Geschichte des Fußballs zum Leben und regt gleichzeitig zur Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte an. Die Ausstellung leistet damit nicht nur einen Beitrag zur Erinnerung und Würdigung legendärer Fußballikonen, die so ihren verdienten Platz in der Historie einnehmen. Sie führt auch den Nationalsozialismus in seinem falsch verstandenen Deutschtum und seiner Absurdität vor

Die Ausstellung ist zu finden in der Friedrichstraße 50 in Berlin-Mitte. Mehr Informationen gibt es [hier].

Erinnern heißt kämpfen!

Kicker, Kämpfer und Legenden

Aktiv im Abseits

Im Rahmen der Kampagne „love sports hate neonazism“ findet in den nächsten Wochen eine ganze Reihe von Veranstaltungen rund um das Thema Fußball in der Tristeza in Berlin-Neukölln statt:

Nationalfahnenbewimpelte Autokorsos, kaum eine Kneipe ohne Großbildleinwand, König Fussball beherrscht die Welt. Man kennt das von der WM 2006 in Deutschland. Es geht um mehr als ein Stück aufgepumptes Leder im Netz, denn nichts scheint die Schicksalsgemeinschaft so zu bewegen wie elf Paar behaarter Männerbeine. Deutschland ist „Schwarz-Rot-Geil“, Nationalismus ist Partyzwang. Doch im Abseits dieses Taumels geht es um mehr als Rundes und Eckiges. Fussball ist mehr als ein gesellschaftliches Spiegelbild, denn als der Erde liebster Sport, baut auch er fleissig mit an Diskriminierungen und Ausgrenzungen. Nicht der Ball grölt rassistisch aus der Kurve, beschimpft Spieler als „schwul“ und nimmt Frauenfussball kaum ernst, sondern seine Fans und Funktionäre. Doch existiert auch Gegenläufiges: Faninitiativen und kleine Vereine, die sich anders gestalten möchten. Wir wollen dem, was andernorts wenig beleuchtet wird, mit dieser Veranstaltungsreihe einen Raum geben, die Themen aus dem feierwütigen Abseits zu holen. Sei dabei, wenn dem Zwang mitzufeiern Hausverbot erteilt wird und genieß eine nationalfahnenbefreite Zone, um über Dinge diskutieren, bei denen andere nur abwinken!

Die Veranstaltungen im einzelnen:

Di, 15.06. Südafrika zu zeiten der WM
Befreiungskampf in der Verlängerungsphase

Do, 24.06. Homophobie im Fussball
mehrheitlich abgelehnt und doch toleriert

Di, 29.06. Fans im Fussball
gewollt und doch gehasst

Mi, 07.07. Rassismus im Fussball
Deutschsein als Alltag

Fr, 09.07. Antifa heisst Anpfiff!
Antinationale Fussballrallye

Di, 13.07. Freizeit- und Amateurvereine
Situation und Probleme

Anpfiff ist immer um 19.30 Uhr und mehr Informationen gibt es [hier].


In Demuth nach oben

SV Babelsberg 03FC St. Pauli II 4:1

Samstag, 29.05.2010, 13.30 Uhr, Karl-Liebknecht-Stadion, Regionalliga Nord (Männer)

Während in Fürth und Nürnberg demonstriert wurde, um an den beinahe tödlichen Angriff eines Neonazis auf einen jungen Antifaschisten mit kurdischem Migrationshintergrund am 28.04. dieses Jahres zu erinnern, machte ich mich zum ersten Mal überhaupt auf den Weg nach Babelsberg. Der Verein stand schon längst als Aufsteiger und Meister der Regionalliga Nord fest, und dass der Gast aus Hamburg sich nur würde durch Lizenzentzüge anderer Vereine in der Liga halten können auch. Somit standen die Zeichen auf dem Spielfeld ganz auf Sommerfußball. Abseits des Spielfeldes standen die Zeichen zum einen auf Feiern, zum anderen aber auch auf Antifaschismus. Nicht nur, dass an diesem Wochenende in Potsdam das Ultrash-Festival stattfand, auch in beiden Fanblöcken hingen große Transpis in Solidarität mit den Opfern von Nazigewalt in Nürnberg, Moskau, Berlin und anderswo.

Die Stimmung im Stadion und auch vor dem nahen Fanladen war den Umständen und dem sonnigen Wetter entsprechend gut und die vollkommene Abwesenheit von Polizei oder Fantrennung tat ihr Übriges dazu. So wurde teilweise fröhlich zwischen den Blöcken hin- und hergewechselt und Wechselgesänge zwischen den Blöcken hin- und hergerufen. Babelsberg und St. Pauli – das passt irgendwie schon wie Arsch auf Eimer!

Das Spiel selbst war schon Mitte der ersten Halbzeit nach zwei Toren von Goalgetter Frahn (9. und 24. Minute) und einem von Moritz (26. Minute), die allesamt schön herausgespielt waren, mehr oder weniger im Sack, was vor allem daran lag, dass St. Pauli erst nach dem 3:0 aufzuwachen schien. Bis dahin hatten sie sich – gute Gäste, die sie nun einmal sind – eigentlich vollkommen aus dem Spiel herausgehalten. Die letzte Viertelstunde der ersten Hälfte spielten sie dann aber doch mit und waren wenigstens bemüht, gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Doch falls sie sich in der Halbzeitpause vorgenommen hatten, jetzt tatsächlich noch einmal an dem Spielstand etwas grundlegend zu ändern, so wurden alle Hoffnungen darauf keine zwei Minuten nach Wiederanpfiff zunicht gemacht, als Ergirdi den Ball irgendwie mit dem Oberkörper ins Tor lief. St. Pauli kam zwar in der 55. Minute durch Marc Lange noch zum Ehrentreffer, aber das war eigentlich auch schon egal. Irgendwann war dann Abpfiff und Pitch Invasion und großer Jubel überall. Dietmar Demuth hatte mal wieder einen Aufstieg klar gemacht. „In Demuth nach oben“ hiess es 2001 auf St. Pauli und ja ich habe geweint damals. So war es irgendwie passend, dass heute ausgerechnet die Anhänger_innen des Hamburger Stadtteilvereins mitfeierten, als er mal wieder einen der wenigen wirklich sympathsichen Vereine eine Etage noch oben hievte.


Ballack, Knöchel, Jungle World

Nachdem wieder Erwarten Kevin-Prince Boateng nicht auf die Bühne des Eurovision Song Contests in Oslo gestürmt um Lena Meyer-Landsrut umzugrätschen, war ich ja fast ein wenig enttäuscht. Aber auch so ist die Empörung hierzulande gegen den Spieler aus dem Wedding groß. Weil aber fast alles, was ich dazu schreiben könnte, schon viel besser von Boris Mayer in der Jungle World geschrieben wurde, schreib ich da jetzt nichts mehr zu, sondern verlinke einfach seinen Artikel:

Seit dem 17. Mai steht fest, dass Michael Ballack nicht an der WM in Südafrika teilnehmen kann. Die Diagnose – Bänderriss im Knöchel – kam zwei Tage, nachdem Ballack im FA-Cup-Finale von Kevin-Prince Boateng gefoult worden war und, nach einem kurzen Versuch, weiterzuspielen, ausgewechselt werden musste.

Wie immer, wenn irgendein Thema die Schlagzeilen beherrscht, dauerte es auch nach Bekanntwerden von Ballacks WM-Ausfalls nur wenige Minuten, bis bei Facebook die ersten Gruppen gegründet wurden. Üblicherweise schon auf niedrigstem Stammtischniveau, boten sie in diesem Falle Hetze ungeahnten Ausmaßes. Immerhin, Gruppen, die Boateng mit Mord drohten, wurden nach einigen Tagen gelöscht, aber andere, in denen der Pöbel rassistische Klischees und Hass verbreitete, bleiben trotz zahlreicher Beschwerden bestehen, wie »SCHEISS Kevin-Prince Boateng!!!!«. Das werde »eine Anti-Boateng-Bewegung!!« freute sich der Initiator der Facebook-Group über die mehr als 12 000 Mitglieder, die mit Beiträgen wie »Seine Familie hat wahrscheinlich Hartz IV bekommen, das undankbare Schwein« oder »Für was haben wir die Kommando Spezialkräfte. So ein Silizium-Vollmantelgeschoss kostet vielleicht 1 bis 2 Euro« glänzten…

Den ganzen Artikel gibt es [hier].