„Reclaim the game. Kein Fußball mit FaschistInnen!“ (2005)

Ich spiegel hier mal einen älteren Text mit dem Titel „Reclaim the game. Kein Fußball mit FaschistInnen!“, damit er nicht irgendwann im digitalen Nirvana endet. Der Text ist zwar von 2005, doch leider noch immer weitgehend aktuell:

Fußball ist ein Massensport. Woche für Woche werden die Spiele von der Bundesliga bis zur Kreisklasse von Hunderttausenden besucht. Vor allem von den Fans in den Stehplatzkurven geht oft eine enorme Begeisterung aus. Hierbei steht jedoch nicht bei allen der Sport im Vordergrund.

Seit den 80er Jahren gehört es verstärkt zur Strategie von faschistischen Organisationen, wie der NPD oder den sog. „Freien Kameradschaften“, die Fußballszene zu unterwandern und in ihr neue Mitglieder zu „rekrutieren“. Während es sich hierbei anfangs um weitgehend isolierte Fanclubs wie z. B. die Berliner „Wannseefront“ handelte, sind Nazis seit etwa Mitte der 90er Jahre vielerorts fester Bestandteil der Fankurven.
Besonders Spiele der deutschen Nationalmannschaft sind Anziehungspunkt für faschistische Propaganda und Gewalt. Beim Länderspiel im polnischen Zabrze im September 1996 entrollten Bremer Nazis ein antisemitisches Transparent mit der Aufschrift „Schindler-Juden, wir grüßen euch!“. Hunderte griffen gezielt polnische OrdnerInnen und ZuschauerInnen an und zogen unter Absingen des Horst-Wessel-Liedes und Zeigen des Hitlergrußes zum Bahnhof ab.

Zum WM-Spiel BRD gegen Jugoslawien 1998 im französischen Lens fanden sich ca. 800 Nazis und Hooligans zu einem Aufmarsch unter Parolen wie „Hier marschiert der nationale Widerstand“ und „Wir sind wieder einmarschiert“ zusammen. Bei anschließenden Straßenschlachten wurde ein französischer Polizist unter anderem von dem Nazikader Frank Warnecke aus Hannover lebensgefährlich verletzt.

Der gesamtgesellschaftlich stattfindende Rechtsruck findet nicht nur in den Fußballstadien der BRD in zugespitzter Form seinen Ausdruck. Besonders England, wo die militante Nazi-Organisation „Combat 18″ eine starke Rolle spielt, und Italien, wo Fans von Lazio Rom 1999 mit dem Spruchband „Auschwitz euer Vaterland, die Öfen eure Häuser“ in Erscheinung traten und bis heute um die Vorherrschaft unter den sog. „Ultras“ kämpfen, haben Vorbildfunktion für deutsche Nazis und Hooligans.

Während Mitte bis Ende der 90er Jahre rechte Fangruppen vor allem bei Hansa Rostock, dem VfB Leipzig und Hertha BSC Berlin in Erscheinung traten, sind die Schwerpunkte heute neben dem Hamburger SV und Hannover 96 die nordrhein-westfälischen Clubs, allen voran Arminia Bielefeld und RW Essen. Die Angriffspunkte variieren hierbei erheblich. Gewalt richtet sich zum Teil gegen Anhänger von Vereinen mit linkem und antifaschistischem Image, wie dem FC St. Pauli, dem SC Freiburg oder dem SV Babelsberg.
Gerade zu Spielen gegen diese Mannschaften mobilisieren auch Nazis, die ansonsten kein Teil der Fangruppen sind. Ob in Dresden, Essen, Mannheim oder Lübeck, vor allem Auswärtsfahrten sind für die Fans zuweilen ein echter Spießrutenlauf.

Weiter verbreitet ist aber eine rassistische Grundhaltung sowohl unter Fans wie auch bei Spielern und Funktionären. Rassistische Äußerungen wie „Husch, Husch, Husch, Neger in den Busch“ sind an der Tagesordnung. Funktionäre und Trainer wie der DFB-Präsident Mayer-Vorfelder („Der südamerikanische und der afrikanische Fußball haben genetisch andere Voraussetzungen.“) und der Trainer und Ex-NPD-Kandidat Klaus Schlappner („Der Schwarze ist undiszipliniert, verträgt den Winter nicht und hat Malaria.“) fallen immer wieder durch rechtes Gedankengut auf. Die Ex-Spieler Lothar Matthäus („Ach, auch noch Holländer? Du bist wohl vergessen worden vom Adolf.“, Oktober 1993) und Thorsten Legat, der es besonders witzig fand, eine Getränkewerbung mit seinem afrikanischen Mitspieler Thiam mit dem Zusatz „Negersaft“ zu versehen, nur einige von vielen, die regelmäßig durch durch rassistische Äußerungen auffallen.

In den letzten Jahren ist darüber hinaus eine Zunahme von antisemitischen Tendenzen zu beobachten. Anhänger von Vereinen mit jüdischen Wurzeln, wie v.a. Tennis Borussia Berlin, dessen Präsident der Holocaust-Überlebende Hans Rosenthal war, werden immer wieder Opfer von Angriffen. Die Jugendspieler des TuS Makkabi Frankfurt werden seit Ende 2000 immer wieder bei Auswärtsspielen mit Steinen beworfen und mit „Wir wollen euch brennen sehen“-Sprechchören begrüßt.
Auch bei Werder sind seit dem Pokalspiel in St. Pauli 2002 wieder Fangruppen mit „Wir bauen eine U-Bahn von XY bis nach Auschwitz“-Sprechchören zu beobachten. Die Präsenz von 100 Nazis ist bei Heimspielen in der Ostkurve die Regel.

Genauso weit verbreitet sind Homophobie und offener Sexismus. Auch hier sind Trainer und Funktionäre des DFB mehr als nur Teil des Problems. Beleg sind hierfür u.a. der Rauswurf der Spielerin Martina Voss aus der Nationalmannschaft nach ihrem lesbischen Outing im Jahr 2000, wie auch immer wiederkehrende Äußerungen der Altherrenriege des deutschen Fußballs. „Hass gehört nicht ins Stadion. Die Leute sollen ihre Emotionen zu Hause in den Wohnzimmern mit ihren Ehefrauen ausleben.“ (Berti Vogts). In den Augen vieler ist der durchschnittliche Fußballfan weiß, männlich, heterosexuell, schlagfreudig und trinkfest. FaschistInnen innerhalb der Fangruppen begreifen sich hier mit einiger Berechtigung als Speerspitze dieser Kultur von Rassismus und Diskriminierung – von der Bundesliga bis zur Kreisklasse.

Nach besonders schweren Ausbrüchen von Rassismus und Gewalt entwickeln der DFB und die Vereine zuweilen hektischen Aktionismus. Die Folge sind zumeist rein symbolische Aktionen „für Toleranz“ oder „gegen rechte Gewalt“. Kontinuierliche Aktivitäten sind von dieser Seite nicht zu erwarten. Im Gegenteil hat der DFB gerade eine drastische Ausländerbeschränkung im deutschen Fußball durchgesetzt.

Seit Anfang der 90er Jahre bilden sich verstärkt antifaschistische Initiativen im Fanspektrum, was seinen Ausdruck in diversen Fanprojekten vor Ort und dem „Bündnis Aktiver Fußballfans“ (BAFF) findet. Die Wanderausstellung „Tatort Stadion“, die 2002 rechte Umtriebe in deutschen Stadien dokumentierte, und die Durchsetzung von Antirassismusparagraphen in den Stadienordnungen einiger Vereine sind hierbei erste Erfolge. Die Grundlage für einen kontinuierlichen antifaschistischen Kampf ist gelegt. Der Weg zu einem Klima in den Stadien ohne Diskriminierung und Gewalt ist aber noch weit.

Wehrt euch gegen Nazis [im Stadion].
In diesem Sinne: Reclaim the game!

[Quelle]