Schade Magdeburger Jungs…

FC St. PauliSC Paderborn 1:2

Sonntag, 09.05.10, 15:00 Uhr, Millerntor-Stadion, 2. Bundesliga (Männer)

Besser als so kann die Fahrt zu einem Fußballspiel in einer anderen Stadt eigentlich beginnen. Schon auf dem Weg zur Abtrampe in Tegel treffe ich ein bekanntes Gesicht aus der Hansestadt, das ich zuletzt im Februar in Dresden gesehen hatte, und habe damit einen Tramppartner gefunden mit dem auch das ewige Warten an der Jet-Tankstelle zu einem angenehmen Erlebnis wird. Die Fahrt selbst mit einem wissenschaftlichen Mitarbeiter im Fachbereich Soziale Arbeit an der HAW in Hamburg, der gerade von einem Free Jazz-Konzert kommt ist dann auch angenehm kurzweilig und die Diskussionen über Kritische Theorie, Politik und die Welt bilden einen willkommenen Gegensatz zu all dem fußballerischen Stumpfsinn, der uns in Hamburg erinnern würde. Dass wir dann direkt vor der Eisbande rausgelassen werden und ich mir erstmal zwei Kugeln veganes Eis (Schniggers und Mousse au Chocolat) reinhaue, ist dann schließlich die Kröhnung und das Ende des relativ fußballfreien Tages. Ab jetzt regiert König_in Fußball!

Vor dem Jolly Roger die Kolleg_innen mit dem Ticket eingesammelt, die Tasche untergestellt und dann los in die Gegengerade. Ich war echt lange nicht mehr bei einem Heimspiel… Hinter uns diskutieren noch ältere Semester über „Größen“ der Geschichte des Vereins wie Kay Stisi oder Hysen Zmijani. Das waren noch Zeiten! Aber sicher nicht die besten… Das Spiel selbst ist zerfahren und das Heimteam spielt, als hätte es die Woche über alkoholunterstützt durchgefeiert. Es häufen sich beschissene Abspielfehler und ohne die blitzsauberen Reflexe von Benedikt Pliquett wäre die Niederlage wohl verdientermaßen noch höher ausgefallen. Schade bis bitter, wo doch Lautern zeitgleich torlos gegen Augsburg spielt und ein Sieg die Meisterschaft bedeutet hätte…

Noch schader ist allerdings, dass unter diesen Umständen der Funke zur Party nicht wirklich gleich zünden wollte. Schon während des Spiels war es auf den Rängen eher ruhig und alles andere als ein Millerntor Roar gewesen und auch nach dem Abpfiff war der Jubel eher höflich als frenetisch. Dabei hatte die Mannschaft sich echt viel Nettes ausgedacht. Es gab ein Best Of-Video unterlegt mit „Looking for freedom“ von David Hasselhoff, ein Freunschaftspiel St. Pauli gegen St. Pauli in Trikots von Erstligavereinen inklusive perfekter Jarolim-Persiflage und viel Gesinge, Getanze usw. Die Aufstiege gegen Nürnberg und Homburg waren da von der Emotionalität her schon irgendwie intensiver. Nächstes Mal machen wir es einfach erst wieder am letzten Spieltag klar… Der emotionalste Moment, der mir echt die Tränen in die Augen getrieben hat, war, als Walther Frosch, vom Krebs gezeichnet und im Rollstuhl, vor der Gegengerade auf dem Weg nach draußen anhielt und winkte. Vielleicht habe ich ja was falsch verstanden, aber das ist mir zehnmal wichtiger als jeder Aufstieg…

Nach dem Stadion ging es dann noch mal eine Runde durch den Stadtteil inklusive Kleine Pause, Jolly Roger, Fanladen und viele alte Bekannte treffen, bevor es dann zur offiziellen Party ins Schmidt’s Tivoli ging, wo das Team sich gerade auf dem Balkon von zigtausenden Fans auf dem Spielbudenplatz feiern ließ. Alle waren sie da: Die Mannschaft, die Menschen hinter den Kulissen, Bela B., Negeger Kalle (der jetzt nur noch Kalle heißt), den Skinheads St. Pauli und sonst noch allerlei Leute, die sich über Astra, Wasser und Prosecco für lau hermachten. Ziemlich verrückt, wenn auch musikalisch grenzwertig auch die Party der Spieler selbst. Gelungener Ausflug in die Hansestadt…

Nachtrag: Ich persönlich finde erste Liga ja scheiße. Noch mehr unpolitische und unkritische Idiot_innen, viel zu große Stadien und noch mehr Kommerz. Dazu steigt auch die zweite Mannschaft höchstwahrscheinlich aus der Regionalliga ab, und statt fünf Mal St. Pauli in Berlin wie in diesem Jahr gibt es dann gar kein Spiel mehr in der Hauptstadt. Und auf so homophobe Kackbratzen, wie die Typen, die mit Astrakasten in der Hand „Bruno nimmt die Troche ran…“ lallend vor dem Spiel durch die Detlev-Bremer-Straße zogen, kann ich auch mal doppelt verzichten. Scheiß Mackerscheiße! Und das wird in der ersten Liga eher schlimmer als besser werden…



3 Antworten auf „Schade Magdeburger Jungs…“


  1. 1 Frodo 11. Mai 2010 um 15:47 Uhr

    Ohne die „Kackbratzen“ groß verteidigen zu wollen, aber „Bruno nimmt die Troche ran!“, ist nicht homophob sondern einfach nur flach, da damit keinesfalls eine homoerotische Beziehung zwischen Labbadia und Pjotr gemeint ist… es bezieht sich eher auf das (in Hamburg offene) Geheimnis einer Liason zwischen Labbadia und Trochowskis Lebensabschnittsgefährtin.
    Ob man das jetzt zwingen in einen besoffenen Gesang auf der Aufstiegsfeier des FC St.Pauli kleiden muss, ist aber natürlich eine ganz andere Frage und sicher auch eine des Niveaus.
    Beste Grüße!

  2. 2 fussballvonlinks 12. Mai 2010 um 1:42 Uhr

    okay, ich gestehe: ich habe keinen blassen schimmer vom privatleben des personals des vorortvereins ;)

    danke für die aufklärung!

    kacke find ich’s trotzdem…

  3. 3 Stefan 12. Mai 2010 um 7:40 Uhr

    Du hast mich fotografiert ;)

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