Archiv für April 2010

Tief im Westen

Hertha BSC IITennis Borussia Berlin

Freitag, 02.04.2010, 14.00 Uhr, Amateurstadion, Regionalliga Nord (Männer)

Eigentlich war ich ja ausnahmsweise mal pünktlich am Stadion, doch dank des kläglichen Versuchs einer Fantrennung – die im Übrigen in einem krassen Kontrast zu den nicht vorhandenen Taschenkontrollen stand – durfte ich dann noch noch einmal einen Ausflug rund um das gesamte Olympiastadion machen und war am Ende dann doch wieder erst nach Anpfiff im Stadion. Die eine oder andere alliierte Fliegerbombe richtig plaziert in Herz der Naziarchitektur hätte mir heute, rund 65 Jahre später, wahrscheinlich einiges an Weg erspart. Immerhin waren die Blumen am Wegesrand passend zum Spiel ganz in lila.

Die ersten rund vierundvierzigeinhalb Minuten verstrichen bei strahlendem Sonnenschein nahezu unbemerkt. Doch gerade als die Schiedsrichterin Riem Hussein schon im Begriff war, die erste Halbzeit abzupfeifen, gelang Timur Özgöz das wirklich sehenswerte 1:0. Tebe hatte bis dahin wohlwollend kalkuliert genau drei vernünftige Spielzüge mit Zug zum Tor zustande bekommen. Doch da Herthas zweite sich bis dahin auch nicht gerade Fleißkärtchen verdient hatte, ging die Führung durchaus in Ordnung. In der zweiten Hälfte bot sich dann ein gänzlich anderes Bild. Hertha machte ordentlich Druck, meist zentral über Knoll oder über links durch den frisch eingewechselten Kargbo. Der Ausgleich durch Kevin Stephan in der 67. war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Spätestens mit dem Ausgleich verlegte Tebe sich fast gänzlich aufs Beton Anrühren und kam nur noch selten zu meist eher käglich anmutenden Kontermöglichkeiten. Die Tebeler kämpften verbissen, verdankten am Ende den einen Punkt jedoch zu einem großen Teil ihrem Keeper Mirko Langen, der bis auf einen beinahe fatalen Aussätzer wie schon letzte Woche gegen St. Pauli II bravourös hielt. Beim Schlußpfiff dann war der Jubel ungefähr genau so ungleich verteilt wie zuvor der Support. Die Herthaner_innen, die allemal Respekt dafür verdienen, dass sie bei der derzeit desolaten Lage ihres Clubs sogar noch an Karfreitag zu einem Spiel ihrer Regionalligamannschaft gehen, schwiegen sich aus, während der Gästeblock tobte. In Anbetracht der Tabelle zählt bei den Lila-Weißen zur Zeit jeder Punkt und mit Blick auf den Spielverlauf kann Tebe sich mit Fug und Recht als Derbysieger der Herzen fühlen.

Auf dem Heimweg gab es dann noch einen kleinen Umweg über Friedrichshain und mit zwei Kugeln veganem Schokoladeneis bei Caramello in der Wühlischstraße habe ich dann auch endlich mal meine persönliche Eissaison eröffnet. Einziges Manko des Nachmittags: Aufgrund der fehlenden Taschenkontrollen konnte ich bei den Ordner_innen nicht mit meinem stilsicher mitgeführten Buch zur „Kritik der politischen Ökonomie“ von Michael Heinrich punkten. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig…

Die blockierte Südkurve, Marx und der Hauch der Geschichte

Die Blockade der Südkurve des Millerntorstadions in Protest gegen Repressionen von Seiten der Polizei (und auch der Verbände), die sich vor allem aber eben nicht nur gegen Fans aus dem Ultraspektrum richtete, ist jetzt ziemlich exakt eine halbe Woche her. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, um noch einmal darüber nachzudenken, was da jetzt eigentlich genau passiert ist und vor allem was das denn im Endeffekt bedeutet oder zu bedeuten hat.

Die Reaktionen von Seiten des Vereins, der Medien und vor allem von Seiten der Fans (s. St. Pauli Fanforum) sprechen eine recht deutliche Sprache: Das, was eigentlich vermittelt werden sollte, nämlich ein Bewusstsein für die allseitige Bedrohung durch immer stärkere Repression gegenüber Fußballfans und auch für die Notwendigkeit der Solidarität gegenüber den Betroffenen (selbst wenn diese zu Hansa Rostock gehen), ist ganz offensichtlich bei den meisten Adressaten nicht angekommen. Die Kommunikation ist offenbar vollkommen fehlgeschlagen.

Als Ursache für das Fehlschlagen der Kommunikation schickt der Fanclubsprecherrat des FC St. Pauli die Vermutung, dass „der Solidaritätswillen der Fans auf der Südtribüne überschätzt“ wurde ins Rennen. Wahrscheinlich liegt er damit sehr nahe an der Wahrheit. Ultras und andere aktive Fans haben anscheinend unterschätzt, wie wenig Bedeutung die Art Fankultur, die sie selbst leben, für die überwiegende Mehrheit der Anhänger ihres Vereins (und wahrscheinlich auch die Mehrheit der Fußballfans überhaupt) hat.

Für die Mehrzahl derer, die sich mehr oder weniger regelmäßig ins Stadion begeben, spielen die Repressionen, um die es bei diesem Protest ging, keinerlei Rolle. Sie betreffen sie allerhöchstens in dem Maße, in dem unter dem Fehlen von Gästefans die Stimmung und die Athmosphäre im Stadion leiden. Denn eines darf nicht vergessen werden: In den meisten Fällen geht der Repression ja durchaus ein kritikwürdiges Verhalten von Seiten der betroffenen Fans voraus. Jedenfalls ist das der Eindruck, der unter den weniger Organisierten unter des Fußballfans entstehen muss. Allgegenwärtig sind die Bilder von den Rasen stürmenden Herthaner_innen, St. Paulianer_innen und Rostocker_innen auf Kriegsfuß rund um das Ostseestadion oder dem Nazimob, der in Brandis Jagd auf die Anhänger_innen von Roter Stern Leipzig machte. Es passiert ja wirklich jede Menge Scheiße in und um die Stadien der Republik. Da auf übermäßig viel Solidarität und Verständnis von Seiten der Durchschnittsfans, die solcherlei Geschehnisse fast ausschließlich aus den Medien kennen, zu hoffen ist illusorisch.

Wenn nicht von Vornherein davon ausgegangen werden kann, dass eine Aktion für alle Beteiligten und Betroffenen aus sich selbst heraus verständlich ist, dann ist es von enormer Bedeutung, dass Inhalt und Hintergrund der Aktion bestmöglich vermittelt werden. In diesem Fall hätte das bedeutet, dass bereits im Vorfeld (z.B. vor dem Stadion) über die Aktion informiert wird. Wenn dabei die Akzente auf die richtigen Facetten des Problems gelegt worden wären, wäre das Verständnis sicher bei sehr vielen derer, denen unter gegebenen Umständen das Recht auf die ersten fünf Minuten des Spiels wichtiger war als die politische Bedeutung des Protestaktes, deutlich größer gewesen. Es ist ja nicht so, dass das, was die Polizei bei diesem Spiel den Fans von Hansa Rostock gegenüber abgezogen hat, business as usual war. Wir waren ja am Wochenende Zeug_innen einer enormen Verschärfung der Repressionspolitik. Anders als bei etlichen anderen Fällen von Beschränkungen der Zahl der Zuschauer_innen der jüngeren Vergangenheit handelte es sich ja nicht um eine sportrechtliche Bestrafung für gewesenes Fehlverhalten seitens der Fans, sondern um einen präventiven Ausschluß zur Gefahrenabwehr. Sollte diese Praxis üblich werden, würde gerade der FC St. Pauli, bei dem unter anderem auf Grund seiner Unbeliebtheit auf dem rechten Seitenflügel der Gesellschaft gefühlt jedes dritte Spiel von der Polizei als sicherheitsrelevant erachtet wird, dies deutlich zu spüren bekommen. Bei Auswärtsspielen durch die fehlende Unterstützung von den Rängen und bei Heimspielen durch die verminderten Einnahmen als Folge halbleerer Gästeblocks. Dass diese Scheiße zum Himmel stinkt, dürfte für viele Stadionbesucher_innen ersichtlich sein. Doch wurde ihnen das nicht oder nicht ausreichend vermittelt, was jedoch nicht heißt, dass deshalb die ganze Aktion falsch war. Wenn überhaupt, so wurde eine durchaus richtige Aktion zum Teil falsch ausgeführt.

Die Diskussion, ob es in Ordnung war, die Eingänge zu blockieren, erinnert mich doch ziemlich an die Diskussionen, die alle Jahre wieder an den blockierten Türen bestreikter Universitäten geführt werden. Ich habe selbst vor Jahren auch einmal als Streikposten an verschiedenen Türen auf dem Campus der Universität Hamburg gestanden. Ohne hier über die Sinnhaftigkeit der letzten Bildungsstreiks diskutieren zu wollen, lassen sich doch deutliche Parallelen finden. In beiden Fällen stellten diejenigen, die streiken wollten, eine kleine Minderheit der Grundgesamtheit dar. In beiden Fällen waren diejenigen, die streiken wollten, im Schnitt sehr, sehr viel besser über das jeweilige Thema informiert als der jeweilige Durchschnitt. Und in beiden Fällen haben die Streikwilligen die subjektive Empörung ihrer Mitmenschen über objektiv extrem kritikwürdige Vorgänge gnadenlos überschätzt.

Hier greift einmal mehr die marxsche Unterscheidung zwischen objektiven und subjektiven Interessen der Arbeiter_innen bzw. halt der Studierenden oder Fußballfans. Auf diese auf falschem Bewußtsein beruhenden Diskrepanz lässt sich, wenn mensch bedenkt, dass mensch selbst ja auch unter den jeweiligen Formen des Unterdrückung leidet und von daher ebenfalls objektiv ein Interesse an deren Ende hat, nur eine einzige Antwort finden: Im eigenen Interesse und im Interesse aller Betroffenen (und potentiell Betroffenen) muss der Unterdrückung Einhalt geboten werden. Im Zweifelsfall auch gegen den auf falschem Bewußtsein beruhenden Willen anderer.

Streikbrecher_innen sind Arschlöcher! Immer und überall! Wer bereit ist, um des eigenen Vorteils willen – sei es der Lohnaufschlag, der Streikbrecher_innen gezahlt wird, oder fünf Minuten eines Fußballspiels – andere an einem Akt des Widerstands gegen Ungerechtigkeiten zu hindern oder deren Widerstand zu untergraben, hat keine Sympathie und kein Mitgefühl verdient.

Wenn, wie in der Südkurve geschehen, Menschen, vor allem alte Menschen und Kinder, im Gedränge unzumutbare Einschränkungen erleiden, weil andere Menschen versuchen, durch die Blockade durchzudrängeln, dann ist das nicht in erster Linie Schuld der Blockierenden, sondern Schuld derer, die gegen sie gegen drängeln und drücken. Indem sie versuchen die Blockade zu durchdringen und dabei keinerlei Rücksicht auf diejenigen nehmen, die dort einfach nur warten wollen, bis die fünfte Spielminute verstrichen ist, machen sie genau den gleichen Fehler, den sie den Blockierenden (die nebenbei erwähnt nicht nur Menschen von USP waren) vorwerfen: Sie gehen stillschweigend davon aus, dass sie Interesse aller handeln. Dabei gerieren sie sich als Avantgarde im Kampf um die Durchsetzung eines vermeintlichen aber nicht vorhandenen Konsenses, die Blockade zu durchbrechen. Dass sie dabei Menschen Schmerzen zufügen oder in Platzangst und Panik versetzen nehmen sie offenbar billigend in Kauf. Kein besonders guter Ausgangspunkt, um im Nachhinein den Moralischen zu markieren.

Kritik an der Aktion und an dem Verhalten der Blockierenden ist legitim und vielleicht auch teilweise angebracht. Doch wer diese beschimpft und von den Streikbrecher_innen schweigt, muss sich den Vorwurf der Voreingenommenheit und der Scheinheiligkeit gefallen lassen. Diejenigen, die sich über die ach so schlimme Blockade aufgeregt haben anstatt sich mit ihr zu solidarisieren oder sie zumindest zu akzeptieren, haben die große Chance vertan, in würdiger Weise an einem wahrhaft historischen Moment teilzuhaben: Fans des FC St. Pauli zeigen sich mit einer bisher absolut besispiellosen Aktion solidarisch mit den Fans ausgerechnet des FC Hansa Rostock. Eigentlich ist das die Kategorie Erlebnis von denen mensch noch irgendwessen Enkeln erzählt. Aber manchen Menschen fehlt da offenbar das Gefühl für. Sollte St. Pauli wie erhofft aufsteigen, werden sie wahrscheinlich auch anstatt zu feiern darüber meckern, dass sie wegen der ganzen Fans auf den Straßen jetzt Probleme haben mit dem Auto durchzukommen…