Nie wieder Brandis!

FSV BrandisRoter Stern Leipzig 0:2

Mittwoch, 07.04.2010., 18:15 Uhr, Sportplatz „Lange Stücken“ Beucha, Bezirksklasse Staffel 2 (Männer)

Obwohl wir nicht ganz pünktlich in Berlin aufgebrochen waren, kamen wir doch pünktlich zur Demo in Brandis an. Die Demonstration war mit etwa 350 Menschen recht gut besucht – immerhin war es ein früher Mittwochabend – und ziemlich bunt gemischt. Von Punks über Ultras bis zu Autonomen und (post-)antideutschen Antifas war alles vertreten, was sich auch in der Diversität der gerufen Sprechchöre ausdrückte, die in Niveau und Aktualität doch stark schwankten. In meinen Augen ist es zu begrüßen, dass bei einer Demo nach einem solchen Vorfall ein relativ breites und buntes Bündnis Präsenz zeigt und die Provinz nicht vollkommen der Barbarei überlässt. Auch erfreulich war die Anwesenheit vieler Menschen mit Insignien ganz unterschiedlicher Fußballvereine. Neben dem Roten Stern Leipzig waren auch Abordnungen der Roten Sterne aus Berlin und sogar Flensburg vor Ort. Ferner gesichtet wurden FC St. Pauli, Tebe Berlin, Hapoel Tel Aviv, BSG Chemie Leipzig, Babelsberg 03, Dresdner SC und sicher noch einige mehr. Auf Grund des Zeitverzugs zog die Demo recht zügig durch das beinahe menschenleere Brandis. Hier und da streckten Menschen ihre Köpfe – teil wohlwollend, teils eher nicht so – aus ihren Fenstern oder über ihre Gartenzäune, und dann und wann stand auch mal ein Grüppchen jüngerer Menschen in weiterer Entfernung herum. Die Polizei hielt es zwar für nötig, den Aufzug nach sage und schreibe ganzen zehn Metern wieder anzuhalten (Vermummung?!), verlegte sich aber sonst vor allem aufs passive Rumprollen und Solariumsbräune zur Schau stellen. Merke: Polizist_innen in Sachsen sind auch nicht schöner als Polizist_innen in Berlin. Nach der Abschlußkundgebung vor dem Tatort/Stadion ging es dann rasch per Bus und Privat-KFZ Richtung Ortsteil Beucha, wohin das Spiel mangels Flutlichtanlage in Brandis verlegt worden war. Dass es in Beucha auch kein Flutlicht gibt, ist wohl niemandem aufgefallen…

Bevor ich zum Spiel selbst komme, noch einige Zwischenbemerkungen: Der FSV Brandis und der sächsische Fußballverband haben sich nach dem Übergriff im Oktober größte Mühe gegeben nach bewehrtem, deutschem Muster das Geschehene herunterzuspielen und zu verharmlosen. Doch das Bild, das sich uns in Brandis bot, spricht (genau wie die Erkenntnisse auf tatortbrandis.blogport.eu) eine andere Sprache. Nicht nur, dass in Brandis die NPD mit einem Abgeortneten im Stadtrat sitzt, auch Autonome Nationalist_innen bzw. Frei Kräfte scheinen in Brandis fest verwurzelt zu sein. An zwei Bushaltestellen am Bahnhof, wo die Demo losgehen sollte, sowie am Stadion von Brandis waren Sprühereien mit Wortlaut „Nationaler Sozialismus jetzt“ und „Fuck RSL“ angebracht, entlang der Demoroute hingen mehrfach (offenbar teilweise recht frisch geklebte) Naziplakate ,und -Sticker und Anwohner_innen berichteten sogar von einer Flugblattaktion vor der Demo, bei der vor den Lügen, die auf der Demonstration, die nur aus linken Gewalttäter_innen bestünde, gewarnt wurde. Ein bereits völlig vergilbter Aufkleber der Kameradschaft Siegerland an einem Laternenpfahl nahe des Bahnhofs dokumentiert zum einen eine vorhandene Vernetzung zu anderen „freien“ Strukturen der Naziszene, zum anderen aber auch, dass ein solcher Aufkleber in Brandis lange genug hängen kann, um zu vergilben. Während Brandis sich ähnlich wie Mügeln oder Wurzen (um in der Region zu bleiben) als Opfer einer Schmierenkampagne sieht und partout nicht einsehen will, wie tief die Stadt in der braunen Scheiße steckt, lässt die Ortsbegehung nur einen Schluß zu: Brandis ist eine Täter_innenstadt, in der Nazis mehr oder weniger frei agieren können, weil die deutsche Mehrheit schweigend zusieht, sofern sie nicht sogar Sympathien pflegt.

Was den fußballerischen Teil angeht, so hatten wir die erste Halbzeit verpasst, als wir nach einer mittleren Odyssee durch blühende Landschaften endlich auf dem Sportplatz von Beucha, idyllisch gelegen am Rande des kleinen Waldstücks, ankamen. Zum diesem Zeitpunkt führte Roter Stern ebreits mit 1:0 und auch auf den nicht vorhandenen Rängen waren die Sympathien ganz klar verteilt. Von den 780 Zuschauer_innen dürften grob geschätzt 650-700 auf Seiten des Sterns gestanden haben. Supportmäßig ging trotzdem recht wenig, wenn auch immer noch für diese Spielklasse unsagbar viel. Das hier ist immerhin achte Liga… Vielleicht war vielen aber auch einfach zu bewusst, dass wir uns in Feindesland befanden und dass viele derer, die dort auf Brandiser Seite standen schon im Oktober dabei gewesen waren, ob nun aktiv oder passiv. Insofern war es nicht nur sportlich hochverdient, dass Roter Stern durch einen wunderschönen Schuß aus etwa 17 Metern zum 2:0-Endstand erhöhte. RS Leipig – vor den Vorfällen von Brandis souveräner und ungeschlagener Tabellenführer, der in der Folge jedoch sechs Mal verlor – bleibt damit im gesicherten Mittelfeld der Tabelle, während Brandis weiterhin abgeschlagener und hoffnungsloser Tabellenletzter ist. Dass bei Spielern, Betreuer_innen und Fans von Roter Stern spätestens seit Brandis bei jedem Auswärtsspiel die Angst mtireist und sicher keine positiven Auswirkungen auf die Leistungen hat, dass bei jedem dieser Spielen eine Hundertschaft der Polizei vor Ort sein muss, um weitere faschistische Hetzjagden unmöglich zu machen, dass es eine Frechheit des Verbands war, das Spiel überhaupt wiederholen zu lassen, anstatt es für Roter Stern zu werten, und dass Brandis so oder so ein braunes Drecksnest bleibt, all das lässt sich durch diesen Sieg nicht ungeschehen machen, aber trotzdem tat es verdammt gut, die Nazifreunde aus Brandis vom Platz zu fegen!

Beim Zwischenstopp in Leipzig auf dem Rückweg mit Champions League im Fischladen und Falafel plus arabisches alkoholfreies Bier mit Apfelgeschmack (interessant!) vom Imbiss um die Ecke, konnten wir dann noch feststellen, wie fest Roter Stern Leipzig offenbar in der lokalen linken Szene verwurzelt ist und wie sympathisch hier doch alles wirkt. Als Bonus dann noch alte Bekannte aus Hamburg und Flensburg getroffen, die hier mittlerweile residieren, und zumindest ich habe mir ziemlich fest vorgenommen, möglichst bald wiederzukommen.

Omas, Opas, Mandys, Andis – Alles Nazis hier in Brandis!


8 Antworten auf „Nie wieder Brandis!“


  1. 1 leipziger 08. April 2010 um 14:14 Uhr

    Top Artikel!

  2. 2 matthew 08. April 2010 um 18:48 Uhr

    sehr gute einschätzung des tages und der verhältnisse in der provinz. besten dank für den support!!

  3. 3 RSLer 08. April 2010 um 19:45 Uhr

    Schöner Artikel, aber der Stern spielt in der 8. Liga.
    Die Pauschalverurteilung alá „Omas, Opas, Mandys, Andis – Alles Nazis hier in Brandis!“ finde ich persönlich nicht gut und ist m.M. auch nicht im Sinn unserer Vereinsfassung.

  4. 4 Nordertor 09. April 2010 um 18:13 Uhr

    grüße aus flensburg :)

  1. 1 Vielen Dank an alle Unterstützer_innen « Brandis Pingback am 08. April 2010 um 13:54 Uhr
  2. 2 Twitter Trackbacks for Nie wieder Brandis! « fussball von links [blogsport.de] on Topsy.com Pingback am 08. April 2010 um 16:38 Uhr
  3. 3 Brandis brennt… « URS – Ultras Roter Stern Pingback am 09. April 2010 um 17:12 Uhr
  4. 4 Brandis. Die Nachwehen | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie Pingback am 12. April 2010 um 22:35 Uhr
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