Die blockierte Südkurve, Marx und der Hauch der Geschichte

Die Blockade der Südkurve des Millerntorstadions in Protest gegen Repressionen von Seiten der Polizei (und auch der Verbände), die sich vor allem aber eben nicht nur gegen Fans aus dem Ultraspektrum richtete, ist jetzt ziemlich exakt eine halbe Woche her. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, um noch einmal darüber nachzudenken, was da jetzt eigentlich genau passiert ist und vor allem was das denn im Endeffekt bedeutet oder zu bedeuten hat.

Die Reaktionen von Seiten des Vereins, der Medien und vor allem von Seiten der Fans (s. St. Pauli Fanforum) sprechen eine recht deutliche Sprache: Das, was eigentlich vermittelt werden sollte, nämlich ein Bewusstsein für die allseitige Bedrohung durch immer stärkere Repression gegenüber Fußballfans und auch für die Notwendigkeit der Solidarität gegenüber den Betroffenen (selbst wenn diese zu Hansa Rostock gehen), ist ganz offensichtlich bei den meisten Adressaten nicht angekommen. Die Kommunikation ist offenbar vollkommen fehlgeschlagen.

Als Ursache für das Fehlschlagen der Kommunikation schickt der Fanclubsprecherrat des FC St. Pauli die Vermutung, dass „der Solidaritätswillen der Fans auf der Südtribüne überschätzt“ wurde ins Rennen. Wahrscheinlich liegt er damit sehr nahe an der Wahrheit. Ultras und andere aktive Fans haben anscheinend unterschätzt, wie wenig Bedeutung die Art Fankultur, die sie selbst leben, für die überwiegende Mehrheit der Anhänger ihres Vereins (und wahrscheinlich auch die Mehrheit der Fußballfans überhaupt) hat.

Für die Mehrzahl derer, die sich mehr oder weniger regelmäßig ins Stadion begeben, spielen die Repressionen, um die es bei diesem Protest ging, keinerlei Rolle. Sie betreffen sie allerhöchstens in dem Maße, in dem unter dem Fehlen von Gästefans die Stimmung und die Athmosphäre im Stadion leiden. Denn eines darf nicht vergessen werden: In den meisten Fällen geht der Repression ja durchaus ein kritikwürdiges Verhalten von Seiten der betroffenen Fans voraus. Jedenfalls ist das der Eindruck, der unter den weniger Organisierten unter des Fußballfans entstehen muss. Allgegenwärtig sind die Bilder von den Rasen stürmenden Herthaner_innen, St. Paulianer_innen und Rostocker_innen auf Kriegsfuß rund um das Ostseestadion oder dem Nazimob, der in Brandis Jagd auf die Anhänger_innen von Roter Stern Leipzig machte. Es passiert ja wirklich jede Menge Scheiße in und um die Stadien der Republik. Da auf übermäßig viel Solidarität und Verständnis von Seiten der Durchschnittsfans, die solcherlei Geschehnisse fast ausschließlich aus den Medien kennen, zu hoffen ist illusorisch.

Wenn nicht von Vornherein davon ausgegangen werden kann, dass eine Aktion für alle Beteiligten und Betroffenen aus sich selbst heraus verständlich ist, dann ist es von enormer Bedeutung, dass Inhalt und Hintergrund der Aktion bestmöglich vermittelt werden. In diesem Fall hätte das bedeutet, dass bereits im Vorfeld (z.B. vor dem Stadion) über die Aktion informiert wird. Wenn dabei die Akzente auf die richtigen Facetten des Problems gelegt worden wären, wäre das Verständnis sicher bei sehr vielen derer, denen unter gegebenen Umständen das Recht auf die ersten fünf Minuten des Spiels wichtiger war als die politische Bedeutung des Protestaktes, deutlich größer gewesen. Es ist ja nicht so, dass das, was die Polizei bei diesem Spiel den Fans von Hansa Rostock gegenüber abgezogen hat, business as usual war. Wir waren ja am Wochenende Zeug_innen einer enormen Verschärfung der Repressionspolitik. Anders als bei etlichen anderen Fällen von Beschränkungen der Zahl der Zuschauer_innen der jüngeren Vergangenheit handelte es sich ja nicht um eine sportrechtliche Bestrafung für gewesenes Fehlverhalten seitens der Fans, sondern um einen präventiven Ausschluß zur Gefahrenabwehr. Sollte diese Praxis üblich werden, würde gerade der FC St. Pauli, bei dem unter anderem auf Grund seiner Unbeliebtheit auf dem rechten Seitenflügel der Gesellschaft gefühlt jedes dritte Spiel von der Polizei als sicherheitsrelevant erachtet wird, dies deutlich zu spüren bekommen. Bei Auswärtsspielen durch die fehlende Unterstützung von den Rängen und bei Heimspielen durch die verminderten Einnahmen als Folge halbleerer Gästeblocks. Dass diese Scheiße zum Himmel stinkt, dürfte für viele Stadionbesucher_innen ersichtlich sein. Doch wurde ihnen das nicht oder nicht ausreichend vermittelt, was jedoch nicht heißt, dass deshalb die ganze Aktion falsch war. Wenn überhaupt, so wurde eine durchaus richtige Aktion zum Teil falsch ausgeführt.

Die Diskussion, ob es in Ordnung war, die Eingänge zu blockieren, erinnert mich doch ziemlich an die Diskussionen, die alle Jahre wieder an den blockierten Türen bestreikter Universitäten geführt werden. Ich habe selbst vor Jahren auch einmal als Streikposten an verschiedenen Türen auf dem Campus der Universität Hamburg gestanden. Ohne hier über die Sinnhaftigkeit der letzten Bildungsstreiks diskutieren zu wollen, lassen sich doch deutliche Parallelen finden. In beiden Fällen stellten diejenigen, die streiken wollten, eine kleine Minderheit der Grundgesamtheit dar. In beiden Fällen waren diejenigen, die streiken wollten, im Schnitt sehr, sehr viel besser über das jeweilige Thema informiert als der jeweilige Durchschnitt. Und in beiden Fällen haben die Streikwilligen die subjektive Empörung ihrer Mitmenschen über objektiv extrem kritikwürdige Vorgänge gnadenlos überschätzt.

Hier greift einmal mehr die marxsche Unterscheidung zwischen objektiven und subjektiven Interessen der Arbeiter_innen bzw. halt der Studierenden oder Fußballfans. Auf diese auf falschem Bewußtsein beruhenden Diskrepanz lässt sich, wenn mensch bedenkt, dass mensch selbst ja auch unter den jeweiligen Formen des Unterdrückung leidet und von daher ebenfalls objektiv ein Interesse an deren Ende hat, nur eine einzige Antwort finden: Im eigenen Interesse und im Interesse aller Betroffenen (und potentiell Betroffenen) muss der Unterdrückung Einhalt geboten werden. Im Zweifelsfall auch gegen den auf falschem Bewußtsein beruhenden Willen anderer.

Streikbrecher_innen sind Arschlöcher! Immer und überall! Wer bereit ist, um des eigenen Vorteils willen – sei es der Lohnaufschlag, der Streikbrecher_innen gezahlt wird, oder fünf Minuten eines Fußballspiels – andere an einem Akt des Widerstands gegen Ungerechtigkeiten zu hindern oder deren Widerstand zu untergraben, hat keine Sympathie und kein Mitgefühl verdient.

Wenn, wie in der Südkurve geschehen, Menschen, vor allem alte Menschen und Kinder, im Gedränge unzumutbare Einschränkungen erleiden, weil andere Menschen versuchen, durch die Blockade durchzudrängeln, dann ist das nicht in erster Linie Schuld der Blockierenden, sondern Schuld derer, die gegen sie gegen drängeln und drücken. Indem sie versuchen die Blockade zu durchdringen und dabei keinerlei Rücksicht auf diejenigen nehmen, die dort einfach nur warten wollen, bis die fünfte Spielminute verstrichen ist, machen sie genau den gleichen Fehler, den sie den Blockierenden (die nebenbei erwähnt nicht nur Menschen von USP waren) vorwerfen: Sie gehen stillschweigend davon aus, dass sie Interesse aller handeln. Dabei gerieren sie sich als Avantgarde im Kampf um die Durchsetzung eines vermeintlichen aber nicht vorhandenen Konsenses, die Blockade zu durchbrechen. Dass sie dabei Menschen Schmerzen zufügen oder in Platzangst und Panik versetzen nehmen sie offenbar billigend in Kauf. Kein besonders guter Ausgangspunkt, um im Nachhinein den Moralischen zu markieren.

Kritik an der Aktion und an dem Verhalten der Blockierenden ist legitim und vielleicht auch teilweise angebracht. Doch wer diese beschimpft und von den Streikbrecher_innen schweigt, muss sich den Vorwurf der Voreingenommenheit und der Scheinheiligkeit gefallen lassen. Diejenigen, die sich über die ach so schlimme Blockade aufgeregt haben anstatt sich mit ihr zu solidarisieren oder sie zumindest zu akzeptieren, haben die große Chance vertan, in würdiger Weise an einem wahrhaft historischen Moment teilzuhaben: Fans des FC St. Pauli zeigen sich mit einer bisher absolut besispiellosen Aktion solidarisch mit den Fans ausgerechnet des FC Hansa Rostock. Eigentlich ist das die Kategorie Erlebnis von denen mensch noch irgendwessen Enkeln erzählt. Aber manchen Menschen fehlt da offenbar das Gefühl für. Sollte St. Pauli wie erhofft aufsteigen, werden sie wahrscheinlich auch anstatt zu feiern darüber meckern, dass sie wegen der ganzen Fans auf den Straßen jetzt Probleme haben mit dem Auto durchzukommen…


8 Antworten auf „Die blockierte Südkurve, Marx und der Hauch der Geschichte“


  1. 1 kiezpirat 01. April 2010 um 7:29 Uhr

    Die gute und in der Diskussion zu selten genannte Problemanalyse dieses durchaus lesenswerten Beitrages ist m.e. diese:

    Ultras und andere aktive Fans haben anscheinend unterschätzt, wie wenig Bedeutung die Art Fankultur, die sie selbst leben, für die überwiegende Mehrheit der Anhänger ihres Vereins (und wahrscheinlich auch die Mehrheit der Fußballfans überhaupt) hat.

    Allerdings halte ich die darauf folgende Gedanken für grundfalsch. Unorganisierte Fans als uninformierte Fans abzutun und Ultras zu Wahrern der einzig Selig machenden Wahrheiten zu machen ist überheblich, ignorant und erfüllt genau das Klischee vom arroganten Besserfan Ultra. Auch wenn sich Ultras das wohl schwer vorstellen können, gibt es auch auf Seiten der unorganisierten gut informierte Menschen, die aber bei selben Kenntnisstand zu anderen Bewertungen die Lage gekommen sind und den Protest in dieser Form und mit Stoßrichting Corny nicht mittragen woll(t)en.
    Für genauso falsch halte ich das Bild vom Streik. Da es hier wohl nicht um Arbeitnehmerbelange ging, müsste man das ganze als politischen Streik einordnen. Diese sind in Deutschland verboten. Und selbst wenn ich das außen vor lasse, sind die Ultras in keiner Form eine Fanvertretung, haben keine Urabstimmung abgehalten und sind für ihre Handlungen durch nichts legitimiert, außer durch die eigene Hybris. Die Bezeichnung von Blockadegegners als Streikbrecher ist sonit rein polemisch und diffamiert (mal wieder bewusst) Andersdenkende.

  2. 2 momorulez 01. April 2010 um 8:32 Uhr

    „Hier greift einmal mehr die marxsche Unterscheidung zwischen objektiven und subjektiven Interessen der Arbeiter_innen bzw. halt der Studierenden oder Fußballfans.“

    Das funzt nicht, so wie Du das begründest.

    Du begründest das über den Umweg der „Expertenkultur“, also ein „mehr wissen“ und „besser informiert sein“. Dann könnte man auch sagen, alle Blockierer haben eine schwere Neurose, und ein Psychiater kommt aufgrund seiner Expertise an und sagt, dass das objektive Interesse derer, die blockiert haben, eben darin bestünde,dauerhaft stationär behandelt zu werden. Die Polizei kann dann auf objektive Informationsstände bezüglich der Vorgänge in der Rostocker Fanszene verweisen und so auch deren Aussperrung begründen wollen, weil dieses sogar im objektiven Interesse der Ausgesperrten liegen könnte, weil die eben keinen übergeknüppelt bekommen, wenn sie weg bleiben.

    So kriegst Du das Problem Teilnehmer/Beobachterperspektive nicht aufgelöst. Hatte einst auch mein erstes Semester ein Streiksemester, 1988 war das, und damals stellte sich die Frage gar nicht wirklich, zumindest nicht allzu extrem, weil die Solidarität tatsächlich vorhanden war, so dass es gar nicht störte, wenn ein paar Leute in die Seminare gingen. Die waren schlicht die objektiven Deppen.

    Insofern frage ich mich seit Sonntag auch eher, wie es einem Häufchen von hundert Leuten ergangen wäre, wenn die sich auf einer ansonsten leeren Südkurve wieder gefunden hätten … wat hätten die sich blamiert!

    Es muss halt doch erst die Theorie die Massen ergreifen. Leider.

  3. 3 jurij 01. April 2010 um 9:17 Uhr

    Guter Beitrag. Ich denke auch, dass den meisten nicht bewußt ist, was dieser vorauseilender Gehorsam der Vereinsführung bedeutet. Es wird in Zukunft nämlich alle Fans betreffen. Bei TeBe durften ALLE GÄSTEFANS einigermaßen absurde Maßnahmen – heute aber schon alltägliche Repressionen – wie Schuhe ausziehen und Labello abgeben, über sich ergehen lassen. Und das war nicht einmal ein sogenanntes Sicherheitsspiel, sondern ein aufeinandertreffen zweier vereine mit befrendeten fans…

  4. 4 Kiki 01. April 2010 um 14:00 Uhr

    Ein Bis zum 7. Absatz war ich größtenteils bei Dir. Danach stolperst Du offenbar über Deinen „blinden Fleck“ und endest schließlich in billiger Polemik. Schade, denn an sich hast Du die Situation ganz gut zusammengefasst.

    Aber es geht hier nicht nur um mangelhafte Kommunikation seitens der Blockadebefürworter. Es geht auch um die Blockade in deren Köpfen: Ihr könnt Euch vorstellen (oder zumindest widerwillig akzeptieren), daß es da draußen St. Pauli Fans gibt, die sich nur für das Spielgeschehen interessieren und nicht für die Begleitumstände. Okay. Aber was offenbar nicht in Eure Köpfe oder – damit ich hier nicht in die Falle der Verallgemeinerung laufe, die mich selbst immer so maßlos ärgert – in Deinen Kopf geht: Es gibt Menschen, die sich aus Überzeugung Eurem Boykott nicht anschließen mögen, obwohl bzw. weil sie sich umfassend informiert haben. Sie sind eben nicht passiv-desinteressiert sondern gezielt anderer Meinung als die Blockadebefürworter. Und Du sprihst ihnen die Legitimation ab diese Meinung zum Ausdruck zu bringen, indem sie die Blockade durchbrechen, bzw. sich lautstark darüber empören, vor Ort bzw. im Forum oder andernorts.

    Streikbrecher_innen sind Arschlöcher! Immer und überall! Wer bereit ist, um des eigenen Vorteils willen – sei es der Lohnaufschlag, der Streikbrecher_innen gezahlt wird, oder fünf Minuten eines Fußballspiels – andere an einem Akt des Widerstands gegen Ungerechtigkeiten zu hindern oder deren Widerstand zu untergraben, hat keine Sympathie und kein Mitgefühl verdient.

    Und hier wende ich mich schaudernd ab. „Kein Mitgefühl verdient“? Das riecht nach Zwängen, nach Diktatur, nach dem Ende der Meinungsfreiheit. Das ist die Sprache derer, die es zu bekämpfen gilt und die eigentlich gemeint sind, zumindest meinem Verständnis nach, wenn skandiert wird: Nie wieder Faschismus!

    Wenn, wie in der Südkurve geschehen, Menschen, vor allem alte Menschen und Kinder, im Gedränge unzumutbare Einschränkungen erleiden, weil andere Menschen versuchen, durch die Blockade durchzudrängeln, dann ist das nicht in erster Linie Schuld der Blockierenden, sondern Schuld derer, die gegen sie gegen drängeln und drücken.

    Hier machst Du Täter zu Opfern. Wer mich zu etwas zwingen will, wer mir mit Gewalt bedeutet, das sei ja nur zu unser aller, und auch zu meinem Besten, auch wenn ich das jetzt gerade nicht erkennen könne, der muß mit meinem Widerstand rechnen. Ich leiste Widerstand, wenn ich entmündigt werden soll. Ich leiste Widerstand, wenn mir eine andere Meinung, aus welch lauteren Motiven auch immer, übergestülpt werden soll. Und ich erziehe meine (Paten)kinder mit dem Satz: „Stellt Autoritäten infrage, immer.“ Das heisst nicht, grundsätzlich und lautstark gegen alles zu sein, was von Oben oder von der Mehrheit kommt bzw. getragen wird. Aber genauso wenig wie alle Bullen Schweine sind, hat die Gegenseite automatisch das Recht für sich gepachtet. Gewalt macht immer unfrei, egal von jede Seite. Seinen eigenen Kopf zu bemühen und ggf. zu anderen Schlussfolgerungen zu kommen als die vermeintlich „Guten“ und sich ggf. auch gegen seine Freunde zu stellen, das erfordert Mut und Rückgrat.

    Sie gehen stillschweigend davon aus, dass sie Interesse aller handeln. Dabei gerieren sie sich als Avantgarde im Kampf um die Durchsetzung eines vermeintlichen aber nicht vorhandenen Konsenses, die Blockade zu durchbrechen. Dass sie dabei Menschen Schmerzen zufügen oder in Platzangst und Panik versetzen nehmen sie offenbar billigend in Kauf. Kein besonders guter Ausgangspunkt, um im Nachhinein den Moralischen zu markieren.

    Äh, nein. Du gehst davon aus, daß sie davon ausgehen, daß… merkst Du was? Die allermeisten Menschan handeln in ihrem ureigenen Interesse, verstehen es allerdings, das so zu verpacken, als ob es ums Gemeinwohl ginge. Grundsätzlich ist das auch nicht völlig verkehrt, denn natürlich hat jeder Mensch zunächst für sich selbst die Verantwortung. Wenn ich nicht gesund bin, kann ich mich nicht besonders gut um andere kümmern. Es kan nur der geben und teilen, der hat. Und natürlich werden Eltern immer zuallererst ihren Nachwuchs und ggf. die Älteren bzw. Großeltern schützen. So ist der Mensch angelegt und diese Art gesunden Egoismus’ ist völlig legitim und notwendig.

    Wie egoistisch ist es hingegen, Menschen in einem engen Tunnel zu drangsalieren, ggf. Herzinfarkte oder Platzangsattacken in Kauf zu nehmen bzw. achselzuckend unter „selbst schuld“ zu verbuchen, nur um in Zukunft auch weiterhin seinem Hobby, dem Fussballspiel frönen zu dürfen? Gesundheit und Wohlergehen Einzelner einerseits gegen den Freizeitspaß von Vielen aufzuwiegen? Der zitternde alte Herr, den Sven Brux in seiner Stellungnahme erwähnt hat, wüßte dazu sicher einiges zu sagen. Und wenn der Übersteiger schreibt, man sei quasi selbst schuld, wenn man seine Kinder zu einem solchen Spiel mitbringe, obwohl die gegnerischen Fans gar nicht vor Ort sein würden – was sagt das bitte über die Geisteshaltung der „organisierten Fans” aus?

    Ultras und andere aktive Fans haben anscheinend unterschätzt, wie wenig Bedeutung die Art Fankultur, die sie selbst leben, für die überwiegende Mehrheit der Anhänger ihres Vereins (und wahrscheinlich auch die Mehrheit der Fußballfans überhaupt) hat.

    „Aktive Fans“ möchte ich das nicht nennen, denn jeder, der ins Stadion geht, ist ein aktiver Fan. Ultra bedeutet ja auch nicht aktiv, sondern eben ursprünglich „darüber hinaus“. Es ist eine vergleichsweise winzige Gruppe, die zwar dasselbe Ziel wie die anderen Fans hat, nämlich den Erfolg der Mannschaft, aber deren Mittel deswegen nicht als geheiligt angesehen werden sollten. Und ja, auch ich weiß, daß die Ultras nicht die einzigen waren, die den Aufruf zum Boykott unterschrieben haben. Aber sie sind/waren die sichtbarste aller Fangruppierungen (die, alle zusammengenommen, immer noch eine verchwindene Minderheit aller Fans darstellen!). Die „Cheerleader“ wie sie die ZEIT so schön genannt hat, haben kein Problem damit im Rampenlicht zu stehen, solange es um ihre Choreographien und ihre Gesänge geht. Da wird der Rest des Stadions mal schnell als schnarchige Schnittchentruppe abgekanzelt, weil sie nicht auf die italienischen Momente im Leben stehen, sondern vielleicht eher auf die englischen, spielbezogenen Anfeuerungsbekundungen. Und nach allem was man so im Forum und anderswo liest, empfanden ja nicht wenige diesen „oldschool” Support als geradezu wohltuend im Vergleich zum monotonen Dauergesang, an den man sich in den letzten Jahren gewöhnt hat. Das ist natürlich Geschmackssache, klar.

    Und wenn es darum geht, den Kopf hinzuhalten und für den gebauten Mist geradezustehen, wo sind die Ultras dann? Wo bleibt die Stellungnahme der Ultras, geschweige denn ihre Entschuldigung? Das selbstgerechte, jammernde Wischi-waschi-Blabla des Fanclubsprecherrats kann es ja wohl nicht gewesen sein, oder? Schweigen im Walde. Und mit solchen Feiglingen soll ich mich als Otto-Normalfan solidarisch erklären?

    Genug der bösen Worte, wir müssen wieder zueinander finden. Es ist vielleicht ganz gut, daß die Saison bald vorüber ist. Toleranz heißt nicht, das gut finden zu müssen, was die Gegenseite denkt oder tut. Es bedeutet nicht einmal, Verständnis dafür zu haben. Toleranz ist ein anderes Wort für „Erdulden“. Tolerieren wir also einander und feuern wir gemeinsam unsere Mannschaft an. Wer weiß, vielleicht kommt es ja irgend wann auch zu gegenseitigem Verständnis.

    Forza St. Pauli!

  5. 5 Kiki 02. April 2010 um 17:11 Uhr

    Die Erklärung von USP ist inzwischen draußen wie ich gerade sehe und, das kann, will und muss ich hier wirklich herzlich gerne zugeben, es ist zumindest in meinen Ohren die überzeugendste und ehrlichste aller bislang veröffentlichten Erklärungen. Auch die Entschuldigung kommt glaubhaft rüber. Danke dafür und ich hoffe jetzt auf eine angemessee Antwort seitens des Vereins und einen guten Dialog zwischen den Fans.

  6. 6 Fan aus Leidenschaft 03. April 2010 um 13:24 Uhr

    Ich habe eine Frage:
    Wer hat gegen Oberhausen, vor dem Spiel, „Who the Fuck is Hansa Rostock“ gerufen? Wer hetzt 2 Wochen vor so einem Spiel extra nochmal das Stadion auf? Wer macht damit klar, das das Spiel gegen Rostock nur in jener aggressiven Grundhaltung stattfinden kann? Warum sollten die Verantwortlichen ( Verein, Polizei, Dfl usw.) davon ausgehen, das ausgerechnet am 28.03.10 das erste friedliche Spiel dieser Vereine stattfinden könnte?
    Haben beide Vereine in der Vergangenheit nicht genügend Chancen erhalten, um zu zeigen, dass es friedlich ablaufen könnte?
    Habe beide Vereine nicht versagt?Warum können die Fans es nicht einsehen, dass diese Handhabung der Organisation nötig geworden ist? Es gibt diese Rivalitäten und es gibt diese Idioten, die diese Rivalitäten ausschöpfen, um Randale zu machen.
    Der 1. Schritt muss doch der sein, dass diese Aufhetzer aus den Kurven fliegen, denn sie sind diejenigen, die ein friedliches Spiel verhindern. Diese Leute stehn neben euch, links und rechts, über euch und unter euch.Fangt doch damit an, diese Leute aufzuklären.Denn wenn es diese Minderheit verpufft, gibt es für die Verantwortlichen auch keine Gründe irgendwelche Sicherheitsmaßnahmen auszuhandeln.
    Fragt euch mal selbst: Habe ich alles dafür getan im Vorfeld eine friedliche Atmo zu schaffen?Habe ich „Who the Fuck is Hansa Rostock“ in einem Spiel gegen einen komplett anderen Gegner gerufen?Habe ich somit Zeichen für eine gefährliche Stimmung im kommenden Spiel gesetzt?
    Bevor wir uns über das Verhalten anderer aufregen, sollten wir vielleicht in unseren Vorgarten schauen, ob unser Unkraut wirklich verschwunden ist.
    Wenn wir die eigenen Kurve nicht im Griff haben, können wir uns nicht anmaßen für andere zu entscheiden.

    Es ging nie um den Protest an sich, nur um die Durchführung.Es wurden St.Pauli-Fans von anderen St.Pauli-Fans bevormundet. Das ist der 1.Schritt zum Kontrollstaat.

  1. 1 Twitter Trackbacks for Die blockierte Südkurve, Marx und der Hauch der Geschichte « fussball von links [blogsport.de] on Topsy.com Pingback am 01. April 2010 um 5:37 Uhr
  2. 2 Ultrà Sankt Pauli 2002 » Stellungnahme zu den Geschehnissen rund um das Spiel gegen Hansa Rostock Pingback am 01. April 2010 um 23:16 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.