Archiv für April 2010

Homosexualität und Homophobie im Fußball

An dieser Stelle möchte ich mal zwei Dokumentationen des DSF verlinken, die derzeit auf Youtube am Start sind. Die erste, „Das große Tabu – Homosexualität im Fußball“, ist von 2008 und hat damals ziemlich hohe Wellen geschlagen, nachdem sich dort DFB-Präsident Theo Zwanziger für Coming Outs von Fußballprofis ausgesprochen und Christoph Daum einige ziemlich dümmlich homophobe Sprüche vom Stapel hat. Die zweite Dokumentation heißt „Tabubruch – Der neue Weg von Homosexualität im Fußball“, ist von 2009 und beleuchtet angereichert mit zahlreichen O-Tönen von Profis, Trainer_innen und Funktionär_innen, was in diesem Bereich im Laufe des Jahres nach der Veröffentlichung der ersten Doku so alles geschehen ist. Beide Filme stammen von Aljoscha Pause, der für sie gerechtfertigterweise dieses Jahr den Adolf-Grimme-Preis bekommen hat.

Beide Dokus sind in fünf Teile zerlegt und ihr könnt euch jeweils von einem Teil zum nächsten klicken. Ich verlinke hier nur den jeweils ersten Teil:



Erneut Nazistress bei einem Spiel von Roter Stern Leipzig

Im Rahmen des Auswärtsspiels von Roter Stern Leipzig beim SV Mügeln-Ablaß kam es erneut zu Zwischenfällen mit neonazistischem Hintergrund. Das Wort Mügeln ruft natürlich sofort ungute Erinnerungen wach. Die meisten werden sich sicher noch an die pogromartigen Ausschreitungen im Umfeld eines Stadtfestes im August 2007 erinnern. Andere Vorfälle wie eine gezielte Menschenjagd auf „nichtrechte“ Jugendliche im April 2009 oder der Angriff auf das Vereinshaus „Vive Le Courage“ im August 2009 sind weniger bekannt, sprechen aber in Verbindung mit den aktuellen Vorfällen für gefestigte und gewaltbereite lokale Nazistrukturen, denen endlich aktiv entgegen getreten werden muss.

Hier eine Presseerklärung von Roter Stern Leipzig:

Das Bezirksklassespiel SV Mügeln-Ablaß gegen Roter Stern Leipzig `99 wurde am 24.04.2010 durch den Schiedsrichter in der 80. Spielminute abgebrochen. Grund hierfür waren andauernde antisemitische Schmähungen seitens der Mügelner Anhänger_innen. Seit Spielbeginn riefen diese Parolen wie „Ein Baum, ein Strick, ein Judengenick“ und „Eine U-Bahn bauen wir, von Jerusalem bis nach Auschwitz“. Daneben gab es auch homophobe und nazistische Äußerungen: „Schwule, Schwule, Schwule“, „Scheiß Schwuchteln“, „Zecken vergasen“ und „Frei, Sozial und National“.

Wir sind entsetzt über die offen zu Tage tretende menschenverachtende Gesinnung Mügelner Anhänger_innen. Genannte Äußerungen wurden auch seitens Vereinsvertreter_innen nicht unterbunden.

Die Tatsache, dass Mügelner Verantwortliche den Roten Stern für den Spielabbruch verantwortlich machen wollen, beweist eine völlige Fehleinschätzung der Situation. Ausdruck dessen war die Durchsage des Stadionsprechers über die Lautsprecheranlage, der Rote Stern hätte feige gehandelt.

Darauf angesprochen, meinte er, man müsse über so etwas hinweg schauen. Oliver Kahn wäre schließlich auch mit Bananen beworfen worden und hätte darüber nur gelacht.

Bereits Mitte der ersten Halbzeit wurde das Spiel längere Zeit unterbrochen. In unserem Fanbereich kam es zu diesem Zeitpunkt zu einem aus unserer Sicht unverhältnismäßigen Polizeieinsatz, so dass mehrere Personen auf das Spielfeld flüchteten. Bei diesem Einsatz wurden mindestens fünf Anhänger_innen des Roten Stern verletzt. Noch vor Ort wurden mehrere Anzeigen gegen Polizeibeamte erstattet.

Eine zweite Presseerklärung, erschienen am Folgetag, findet sich [hier].

Walking on sunshine

Türkiyemspor BerlinFC St. Pauli II 3:3

Sonntag, 25.04.10, 14:00 Uhr, Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, Regionalliga Nord (Männer)

Das Fußballwochenender hatte ja mit dem 6:1 von St. Paulis erster Mannschaft und dem gleichzeitigen Sieg der Rostocker in Kaiserslautern, der den tabellarischen Druck auf den FSV Frankfurt immens erhöhte, äußerst gut angefangen aus braun-weißer Sicht. Da traf es sich doch mal wirklich gut, dass ich irgendwann so gegen 13 Uhr, als ich gerade auf dem Flohmarkt am Mauerpark herumstromerte, telefonisch gefragt wurde, ob ich nicht gleich im Stadion nebenan die Partie von St. Pauli II gegen Türkiyemspor schauen wolle. Wollte ich. Und nahm ich dann etwa eine Stunde später, pflichtbewusst erst kurz nach Anpfiff, meinen Sitzplatz in der prallen Sonne ein und genoss das gute Wetter.

Das Geschehen auf dem Rasen passte hervorragend zu den meteorologischen Begebenheiten. Das Gebotene lässt sich am besten mit dem Wort Sommerfußball charakterisieren. Ungeachtet der tabellarischen Situation gingen beide Teams ausgesprochen fair zu Werke und übertrafen sich gegenseitig in der Ansehnlichkeit ihres gepflegten Offensivfußballs. St. Pauli ging früh durch Pichinot (7. Minute) in Führung und erhöhte in der 22. Minute locker durch den in jedem Sinne des Wortes überragenden Sako auf 2:0. Der Rest der ersten Hälfte gehörte dann Türkiyemspor, die noch vor dem Pausenpfiff durch nicht minder schön anzusehende Tore durch Lichte (27. Minute) und Amachaibou (36. Minute) zum verdienten Ausgleich kamen. Nach der Pause bei Pommes und Cola war es dann Koc, der für St. Pauli auf 3:2 ehöhte (55. Minute), bevor Winkel in der 77. Minute den 3:3-Endstand markierte. Die gesamte letzte halbe Stunde waren die Gastgeber überlegen und hätten der Dreier vollkommen verdient gehabt, doch irgendwie blieben ihre Angriffsbemühungen immer wieder in den Reihen der in Rot spielenden St. Paulianer hängen. Schade, denn auch wenn mein Herz seit jeher für St. Pauli schlägt, möchte ich auf keinen Fall, dass ein so sympathsicher Verein wie Türkiyemspor Berlin, der sich wie wenige andere gegen Rassismus, Antisemitismus und ähnliche Scheiße engagiert, absteigt und dann vielleicht (so wird gemunkelt…) sogar vor noch größeren Schwierigkeiten stehen wird. Ich werde jedenfalls, soweit es mir möglich ist, Türkiyemspor bei den letzten Heimspielen der Saison supporten!

Alles in allem ein extrem angenehmes Spiel mit netten Leuten auf beiden Seiten der Tribüne, wobei die St. Paulianer_innen wohl knapp in der Überzahl gewesen sein dürften. Polizist_innen habe ich ganze zwei Stück gezählt. Dazu noch Mitte der zweiten Hälfte das Endergebnis aus Frankfurt (1:1), das den Aufstieg von St. Paulis Erster in greifbare Nähe rückte… So soll Fußball sein!

Wenn St. Pauli II am Mittwoch schon wieder in Berlin gastiert, um hoffentlich Hertha II eine ordentliche Klatsche zu verpassen, werde ich nicht dabei sein, sondern lieber den 65. Jahrestag der Befreiung Neuköllns vom Nationalsozialismus feiern. Am Freitag geht es dann nach Schöneweide, gegen die Nazikneipe „Zum Henker“ und Samstag ist dann erster Mai mit Auswärtsspiel Roter Stern Nordost, Nazidemo Verhindern und dem üblichen Pipapo. Am Sonntag dann Greuther Fürth gegen St. Pauli und hoffentlich der Aufstieg. Das wird ne harte Woche…

Schickeria-Interview auf Spiegel Online

Auf Spiegel Online gibt es gerade ein ziemlich interessantes Interview mit einem Vertreter der Schickeria aus München. Hier ein Auszug:

…SPIEGEL ONLINE: Ein Corpsgeist wie bei den Ultras.

Christian R.: Stimmt. Aber ich kann doch nicht meinen besten Kumpel verpfeifen. Ich kann aber dafür sorgen, dass er sich das nächste Mal benimmt. Und bevor hier ein völlig falsches Bild entsteht: Ich verzichte rein aus Überzeugung auf Gewalt und auch meine Statur bietet sich nicht gerade für Gewaltanwendung an. Trotzdem wurden nach der Sache mit der Busfahrerin 500 Leuten erst mal die Dauerkarte entzogen. Das darf man dann wohl schon als Kollektivstrafe bezeichnen.

SPIEGEL ONLINE: Es scheint, dass sich Ultras gern als verfolgte Unschuld darstellen. Warum sollten Polizeibeamte denn am freien Wochenende friedliebende Fußballfans drangsalieren?

Christian R.: Das fragen wir uns auch. Aber warum passieren dann solche Sachen wie bei der Fahrt zum Spiel in Mainz? In unserem Zug wurden einige Aufkleber ins Klo geklebt, das haben ein paar Beamte der Spezialeinheit mitbekommen. Am nächsten Bahnhof, in Würzburg, wurden dann drei Leute aus dem Zug gezogen…

Das ganze Interview findet ihr [hier].

Fußball ist scheiße! Manchmal…

1. FC Union BerlinFC St. Pauli 2:1

Samstag, 17.04.2010, 13:00 Uhr, Stadion an der Alten Försterei, 2. Bundesliga (Männer)

Da ich zu diesem Spiel zusammen mit anderen angereist bin, bin ich auch tatsächlich zum erstem Mal überhaupt in diesem Kalenderjahr pünktlich zum Anpfiff im Stadion gewesen. Leider waren wir aber trotzdem zu spät für eine gemeinsame Anreise mit dem Mob aus Hamburg. Da soll die Polizei ja St. Pauli-Lieder aus ihrem Lautsprecherwagen gespielt haben. Das hätte ich ja schon gerne miterlebt…

Im Stadion angekommen, war ich dann auch erstmal etwas erschlagen von den schieren Menschenmassen. Ich gehe ja sonst eher zu Spielen in unteren Spielklassen, zu denen eher so zehn bis tausend Leute gehen und nicht neunzehntausend, wie an diesem Tag in der Alten Försterei. Als wirklich angenehm empfinde ich so viele Menschen auf einem Haufen ja nicht… Als noch unangenehmer empfand ich jedoch das große Transpi am Zaun der Haimkurve, auf dem in großen Lettern „Mit Stolz im Herzen kämpfen für Berlin“ stand. Da zitiere ich doch gerne mal wieder die Kassierer, die im Intro zu ihrem „Bochumer Asseln-Lied“ so schön sagen: „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz“. Und dass jetzt unbedingt Union Berlin repräsentieren würde, halte ich auch für eine äußerst steile These. Für mich steht Union für Köpenick, Heimat der NPD-Bundeszentrale, wo nach dem Spiel auch gerne mal die Hell’s Angels vor dem Stadion auftauchen…

Aber eigentlich ging es dann ja doch auch um Fußball, was ja in den oberen Spielklassen leider nicht mehr unbedingt eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint. St. Pauli begann furios, hätte nach neun Minuten schon drei Tore erzielt haben können, doch in der zehnten Minute stand es dann nach einem wirklich gut geschossenen Freistoß von Mattuschka plötzlich 1:0 für Union. Ein Tor, dass den Spielverlauf bis dahin auf den Kopf stellte, wie es so schön heißt. Ich habe jedoch selten ein Team gesehen, dass sich von einem Rückstand so wenig hat beeindrucken lassen, wie St. Pauli an diesem Tage. Die Jungs in Braun spielten einfach weiter ihr Spiel und wurden in der 19. Minute mit dem mehr als verdienten Ausgleich durch Takyi belohnt. Die Kurve tobt und alles ist wieder auf Ausgangssituation. Den Rest der ersten Hälfte dominiert St. Pauli und erzielt in der 43. Minute sogar den hochverdienten Führungstreffer, der jedoch vom völlig miserablen Schiedrichter Kinhöfer wegen eines herbeihalluzinierten Stürmerfouls nicht gegeben wurde. Ohnehin schien sich der Unparteiische doch arg von der Heimkulisse beeindrucken. Anders lässt sich nicht erklären, weshalb er Fehlentscheidungen zu Lasten von St. Pauli gleich im Dutzend traf. Dem Schiedsrichter die Schuld für die Niederlage des FC zu geben, wäre jedoch falsch und blauäugig, denn was die Mannschaft in der zweiten Hälfte bot, war einfach weniger als zu wenig. Abgesehen von Hain, der mindestens zweimal großartig parierte, schienen sich nur Boll, Lehmann und Morena wirklich mit ganzem Herzen gegen die immer stärker auftrumpfenden Unioner zur Wehr setzen zu wollen. Ob die anderen nicht wollten oder nicht konnten wissen sie allein. Fakt ist, dass die Berliner dieses Spiel gewonnen haben, weil sie am Ende diejenigen waren, deren Siegeswillen größer und unbedingter war. Die St. Paulianer waren eigentlich die bessere Mannschaft, technisch wie taktisch, aber sie hatten einfach weniger Biss. Warum Stanislawski nicht schon früher als eine knappe Viertelstunde vor Schluß frische Beine ins Spiel gebracht hat (und warum er nicht Sako gebracht hat, der es ermöglicht hätte, leicht mit langen Bällen das Mittelfeld zu überbrücken und somit schneller und öfter zu Torchancen zu kommen), wird wohl auch sein Geheimnis bleiben. Vielleicht wollte er damit den Spielern auf dem Feld sein Vertrauen beweisen. Was auch immer ihn bewogen haben mag, in meinen Augen hätte er sich die Einwechslungen zu einem so späten Zeitpunkt auch sparen können. Der gleiche Doppelwechsel oder vielleicht gleich alle drei Wechsel auf einmal in der 60. Minute und St. Pauli hätte vielleicht noch einmal neuen Schwung bekommen, der hätte ausreichen können, um das Ruder noch einmal rumzureißen. So aber war der Sieg für Union vollkommen verdient. Leider…

Auch auf den Rängen in der Gästekurve fehlte es irgendwie an bedingungsloser Unterstützung. Ich will hier jetzt nicht das alte Faß „Ultra gegen Englischer Stil“ aufmachen, aber irgendwie hatte ich über weite Strecken der zweiten Hälfte das Gefühl, dass die Mehrzahl der Menschen um mich herum entweder nicht wahrgenommen hat, wie nahe unser magischer FC am Abgrund steht, oder es vielleicht auch einfach nicht wahrhaben wollte. Mir schien es fast so als seien da einige schon mit dem Kopf bei der Aufstiegsfeier. Wo war der verdammte Roar, der ein Team nach vorne peitschen kann? Wo war die Energie, die sich von den Rängen auf das Spielfeld überträgt? Wo war der Support, der die Unioner denken lässt, sie seien bei einem Auswärtsspiel in der Hölle?

Jetzt geht natürlich das große Rechnen los. Augsburg nur noch einen Punkt hinter St. Pauli. Drei Spieltage noch. Ich bin ja eh kein Freund der ersten Liga und habe eigentlich gar keine Lust darauf, St. Pauli in der ersten Liga zu sehen, aber ich würde der Mannschaft und dem Anhang und dem Stadtteil halt den Aufstieg im Jubiläumsjahr mehr als gönnen. Es gibt kein Team, dass den Aufstieg mehr verdient hätte, denn St. Pauli hat über weite Strecken der Saison begeisternden Fußball gespielt und die Spieler haben sich den Erfolg wirklich hart erarbeitet. Manche von ihnen waren schon in der Regionalliga dabei, und auch das Trainergespann ist so sehr mit dem Club verwachsen wie sonst im Profibereich höchstens noch Thomas Schaaf bei Werder Bremen. Sie müssen es aber aus eigener Kraft schaffen und die letzten drei Spiele gewinnen. Das wird hart werden, vor allem in Fürth, aber das team hat das Potential. Es geht jetzt nur noch um eines: Um den Kopf! Ich hoffe Stanislawski und Trulsen und all die anderen werden die richtigen Worte finden, um die Köpfe der Spieler frei zu kriegen, damit sie befreit aufspielen können und sich nicht weiter selbst blockieren mit all dem Erwartungsdruck, der sich in ihnen aufstaut. Drei Spiele noch. Dreimal Hurrafußball und die Sache ist geritzt. Mit hängenden Mundwinkeln ist noch niemand aufgestiegen.

20.04. Leipzig: „Spiel mich an Kamerad“

Am 20.04. findet um 19.30h in dr Schaubühne Lindenfels in der Karl-Heine-Straße 50 in Leipzig eine Podiumsdiskussion zum Thema „Neonazis im Breitensport-Fußball“ unter dem Motto „Spiel mich an Kamerad“ statt. Hier der Text der Ankündigung:

Spiel mich an, Kamerad – Neonazis im Breitensport Fußball

- Neonazis im Breitensport Fußball

Filmbeiträge und Podiumsdiskussion

Dienstag, 20. April, 19.30 Uhr.

Filmbeiträge und Podiumsdiskussion

Mit: Günter Wallraff (Autor und Journalist), Albert Radon (Filmemacher), Christpher Zenker (Bunte Kurve), Holger Kulick (Autor des Buches „Das Buch gegen Nazis“ und Jugendfußballtrainer), Adam Bednarsky (Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport Fußball)

Moderation: Christian Werner (Journalist)

Der Fußball in Deutschland, Volkssport Nummer eins, erlebt eine nicht abreißende Welle der Popularität. Die Bundesliga genießt wegen der modernen Arenen, des großen Zuschauerinteresses und des im internationalen Vergleich soliden Wirtschaftens einen sehr guten Ruf. Doch unter der strahlenden Oberfläche trüben Gewalt und Diskriminierung das Bild. Gerade im unterklassigen und Breitensport-Fußball kanalisieren sich Rassismus, Sexismus und Homophobie. Neonazis agitieren in den Kurven und versuchen, den Sport zu instrumentalisieren. Der Leipziger Fußball ist dafür ein anschauliches Beispiel. Regelmäßig, wie zuletzt in Brandis, kommt es zu rechtsextrem motivierter Gewalt im Rahmen von Fußballspielen.Diese Probleme hat Leipzig nicht exklusiv. In der gesamten Bundesrepublik stehen Verbände, Vereine, Fanprojekte und Behörden vor großen Herausforderungen. Die Verantwortlichen reagieren häufig mit Aktionismus und beschränken ihre Forderungen auf repressive Maßnahmen und das Herstellen von Ordnung und Sicherheit. Daher möchten wir innerhalb der Koordinaten Politik, Medien, Fußball und Sozialarbeit einen Dialog führen und gemeinsam diskutieren, welche Maßnahmen im Spannungsfeld zwischen Prävention und Repression eine nachhaltig positive Entwicklung bewirken könnten.

Eine Veranstaltung von Erich-Zeigner-Haus e.V., Bürgerinitiative Plagwitz/ Lindenau „Miteinander Jetzt“und Schaubühne Lindenfels.

13.04.: Infoveranstaltung „Irrsinn der Normalität – Das Nationale in Fußball- und Popkultur“

Am kommenden Dienstag findet in der Tristeza in Berlin-Neukölln eine interessant klingende Infoveranstaltung statt:

„Irrsinn der Normalität – Das Nationale in Fußball- und Popkultur“ mit der Projektgruppe Nationalismuskritik (FF/M).

Das ungehemmte Feiern schwarz-rot-goldener Einigkeit und Normalität erschien vielen als harmlos. Doch die Reartikulation und Rekonstruktion von Nationalem eröffnet eine riskante Dimension. Die Berliner Republik kam in den nationalen Massenzeremonien während der Fußball-WM 2006 zu sich selbst, das heißt: Sie wurde als Nation normal. Seither ist der Status des „neuen“ deutschen Nationalismus auf neue Weise in der radikalen Linken fraglich geworden. Wie ist das Verhältnis von Kontinuität und Bruch mit einem altbekannten deutschen Nationalismus und der deutschen Geschichte zu denken? Wie lässt sich die Vermittlung von allgemeinen und besonderen Bestimmungen der deutschen Nation im 21. Jahrhundert begreifen? Die These der Projektgruppe Nationalismuskritik lautet, dass das Gebot der Normalität selbst das ideologische Grundmotiv des „neuen“ Nationalismus ist.

Die Veranstaltung wird gebärdengedolmetscht. Im Rahmen der Reihe „Von Lichterketten und anderen Aufständen“ präsentiert von der Tristeza-Veranstaltungs-AG.

Mehr Infos zu der Veranstaltungsreihe gibt es [hier].

Video aus Brandis und ein passender Song dazu

Hier ein kleines Video von Abpfiff in Brandis bzw. Beucha. Und dazu passend hier noch ein Downloadlink zu einem Hip Hop-Song zu Ehren von Roter Stern Nordost: GetOne! – „Kampfansage Nord-Ost“. Zwar geht es streng genommen um einen anderen Roten Stern, aber immerhin kommt auch Brandis im Text vor.

Nie wieder Brandis!

FSV BrandisRoter Stern Leipzig 0:2

Mittwoch, 07.04.2010., 18:15 Uhr, Sportplatz „Lange Stücken“ Beucha, Bezirksklasse Staffel 2 (Männer)

Obwohl wir nicht ganz pünktlich in Berlin aufgebrochen waren, kamen wir doch pünktlich zur Demo in Brandis an. Die Demonstration war mit etwa 350 Menschen recht gut besucht – immerhin war es ein früher Mittwochabend – und ziemlich bunt gemischt. Von Punks über Ultras bis zu Autonomen und (post-)antideutschen Antifas war alles vertreten, was sich auch in der Diversität der gerufen Sprechchöre ausdrückte, die in Niveau und Aktualität doch stark schwankten. In meinen Augen ist es zu begrüßen, dass bei einer Demo nach einem solchen Vorfall ein relativ breites und buntes Bündnis Präsenz zeigt und die Provinz nicht vollkommen der Barbarei überlässt. Auch erfreulich war die Anwesenheit vieler Menschen mit Insignien ganz unterschiedlicher Fußballvereine. Neben dem Roten Stern Leipzig waren auch Abordnungen der Roten Sterne aus Berlin und sogar Flensburg vor Ort. Ferner gesichtet wurden FC St. Pauli, Tebe Berlin, Hapoel Tel Aviv, BSG Chemie Leipzig, Babelsberg 03, Dresdner SC und sicher noch einige mehr. Auf Grund des Zeitverzugs zog die Demo recht zügig durch das beinahe menschenleere Brandis. Hier und da streckten Menschen ihre Köpfe – teil wohlwollend, teils eher nicht so – aus ihren Fenstern oder über ihre Gartenzäune, und dann und wann stand auch mal ein Grüppchen jüngerer Menschen in weiterer Entfernung herum. Die Polizei hielt es zwar für nötig, den Aufzug nach sage und schreibe ganzen zehn Metern wieder anzuhalten (Vermummung?!), verlegte sich aber sonst vor allem aufs passive Rumprollen und Solariumsbräune zur Schau stellen. Merke: Polizist_innen in Sachsen sind auch nicht schöner als Polizist_innen in Berlin. Nach der Abschlußkundgebung vor dem Tatort/Stadion ging es dann rasch per Bus und Privat-KFZ Richtung Ortsteil Beucha, wohin das Spiel mangels Flutlichtanlage in Brandis verlegt worden war. Dass es in Beucha auch kein Flutlicht gibt, ist wohl niemandem aufgefallen…

Bevor ich zum Spiel selbst komme, noch einige Zwischenbemerkungen: Der FSV Brandis und der sächsische Fußballverband haben sich nach dem Übergriff im Oktober größte Mühe gegeben nach bewehrtem, deutschem Muster das Geschehene herunterzuspielen und zu verharmlosen. Doch das Bild, das sich uns in Brandis bot, spricht (genau wie die Erkenntnisse auf tatortbrandis.blogport.eu) eine andere Sprache. Nicht nur, dass in Brandis die NPD mit einem Abgeortneten im Stadtrat sitzt, auch Autonome Nationalist_innen bzw. Frei Kräfte scheinen in Brandis fest verwurzelt zu sein. An zwei Bushaltestellen am Bahnhof, wo die Demo losgehen sollte, sowie am Stadion von Brandis waren Sprühereien mit Wortlaut „Nationaler Sozialismus jetzt“ und „Fuck RSL“ angebracht, entlang der Demoroute hingen mehrfach (offenbar teilweise recht frisch geklebte) Naziplakate ,und -Sticker und Anwohner_innen berichteten sogar von einer Flugblattaktion vor der Demo, bei der vor den Lügen, die auf der Demonstration, die nur aus linken Gewalttäter_innen bestünde, gewarnt wurde. Ein bereits völlig vergilbter Aufkleber der Kameradschaft Siegerland an einem Laternenpfahl nahe des Bahnhofs dokumentiert zum einen eine vorhandene Vernetzung zu anderen „freien“ Strukturen der Naziszene, zum anderen aber auch, dass ein solcher Aufkleber in Brandis lange genug hängen kann, um zu vergilben. Während Brandis sich ähnlich wie Mügeln oder Wurzen (um in der Region zu bleiben) als Opfer einer Schmierenkampagne sieht und partout nicht einsehen will, wie tief die Stadt in der braunen Scheiße steckt, lässt die Ortsbegehung nur einen Schluß zu: Brandis ist eine Täter_innenstadt, in der Nazis mehr oder weniger frei agieren können, weil die deutsche Mehrheit schweigend zusieht, sofern sie nicht sogar Sympathien pflegt.

Was den fußballerischen Teil angeht, so hatten wir die erste Halbzeit verpasst, als wir nach einer mittleren Odyssee durch blühende Landschaften endlich auf dem Sportplatz von Beucha, idyllisch gelegen am Rande des kleinen Waldstücks, ankamen. Zum diesem Zeitpunkt führte Roter Stern ebreits mit 1:0 und auch auf den nicht vorhandenen Rängen waren die Sympathien ganz klar verteilt. Von den 780 Zuschauer_innen dürften grob geschätzt 650-700 auf Seiten des Sterns gestanden haben. Supportmäßig ging trotzdem recht wenig, wenn auch immer noch für diese Spielklasse unsagbar viel. Das hier ist immerhin achte Liga… Vielleicht war vielen aber auch einfach zu bewusst, dass wir uns in Feindesland befanden und dass viele derer, die dort auf Brandiser Seite standen schon im Oktober dabei gewesen waren, ob nun aktiv oder passiv. Insofern war es nicht nur sportlich hochverdient, dass Roter Stern durch einen wunderschönen Schuß aus etwa 17 Metern zum 2:0-Endstand erhöhte. RS Leipig – vor den Vorfällen von Brandis souveräner und ungeschlagener Tabellenführer, der in der Folge jedoch sechs Mal verlor – bleibt damit im gesicherten Mittelfeld der Tabelle, während Brandis weiterhin abgeschlagener und hoffnungsloser Tabellenletzter ist. Dass bei Spielern, Betreuer_innen und Fans von Roter Stern spätestens seit Brandis bei jedem Auswärtsspiel die Angst mtireist und sicher keine positiven Auswirkungen auf die Leistungen hat, dass bei jedem dieser Spielen eine Hundertschaft der Polizei vor Ort sein muss, um weitere faschistische Hetzjagden unmöglich zu machen, dass es eine Frechheit des Verbands war, das Spiel überhaupt wiederholen zu lassen, anstatt es für Roter Stern zu werten, und dass Brandis so oder so ein braunes Drecksnest bleibt, all das lässt sich durch diesen Sieg nicht ungeschehen machen, aber trotzdem tat es verdammt gut, die Nazifreunde aus Brandis vom Platz zu fegen!

Beim Zwischenstopp in Leipzig auf dem Rückweg mit Champions League im Fischladen und Falafel plus arabisches alkoholfreies Bier mit Apfelgeschmack (interessant!) vom Imbiss um die Ecke, konnten wir dann noch feststellen, wie fest Roter Stern Leipzig offenbar in der lokalen linken Szene verwurzelt ist und wie sympathisch hier doch alles wirkt. Als Bonus dann noch alte Bekannte aus Hamburg und Flensburg getroffen, die hier mittlerweile residieren, und zumindest ich habe mir ziemlich fest vorgenommen, möglichst bald wiederzukommen.

Omas, Opas, Mandys, Andis – Alles Nazis hier in Brandis!

Tatort Brandis

Auf tatortbrandi.blogport.eu gibt es einige interessante Enthüllungen zu den Hintergründen des Naziangriffs auf Anhänger_innen von Roter Sern Leipzig im vergangenen Herbst. Ganz so unschuldig, wie die Vereinsoberen des FSV Brandis ihren Verein und ihre Stadt darstellen, sind sie offenbar nicht. So wurde in Dresden bei dem sogenannten Trauermarsch, der größten Nazidemonstration in ganz Europa, ein schwarze Fahne mit der Aufschrift „Brandis“ gesichtet (s. Foto) und ebenfalls ein Bus einer lokalen Fahrschule, mit der offenbar Nazis aus Brandis in die Stadt kutschiert wurden. Die besagte Fahrschule findet sich auch auf der Liste der Sponsor_innen des FSV Brandis. Außerdem scheint zumindest einer der Nazis aus dem Bus in Dresden an einem schweren Angriff auf Antifaschist_innen beteiligt gewesen zu sein. Mehr Informationen zu der antifaschstischen Demonstration in Brandis am kommenden Mittwoch, dem 07.04., und zu den braunen Umtrieben vor Ort finden sich auf dem Blog. Den vollständigen Artikel findet ihr entweder auf dem Blog oder auf Indymedia.