27.01. St. Pauli: Holocaustgedenkveranstaltung

Im Cluheim des FC St. Pauli findet am 27.01, dem internationalen Holocaustgedenktag aka. Jahrestag der Befreiung des KZs Auschwitz, eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus statt:

Am 27.​01.​2012 um 18 Uhr ver­an­stal­tet der Fan­la­den St. Pauli im Club­heim des FC St. Pauli zum drit­ten Mal eine Ver­an­stal­tung zum in­ter­na­tio­na­len Ho­lo­caust­ge­denk­tag. Der the­ma­ti­sche Schwer­punkt wird in die­sem Jahr auf der Ver­fol­gung Ho­mo­se­xu­el­ler lie­gen.

Zu Be­ginn der Ver­an­stal­tung re­fe­riert der His­to­ri­ker Mo­ritz Ter­floth über Ho­mo­se­xu­el­len­ver­fol­gung im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Da­nach be­rich­tet der Spre­cher des Netz­wer­kes Queer Foot­ball Fan­clubs Dirk Brüllau über Dis­kri­mi­nie­rung im heu­ti­gen Fuß­ball all­ge­mein und über den FC St. Pauli im spe­zi­el­len.

Nach den Vor­trä­gen be­steht die Mög­lich­keit, an die Re­fe­ren­ten Fra­gen zu stel­len sowie an­ge­regt und offen zu dis­ku­tie­ren. An­schlie­ßend wol­len wir ge­mein­sam an der Ge­denk­ta­fel für die Opfer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus vor der Süd­tri­bü­ne einen Kranz nie­der­le­gen sowie eine Schwei­ge­mi­nu­te ein­le­gen.

Zum Ab­schluss laden wir zu einem ge­müt­li­chen Bei­sam­men­sein bei Tee und Glüh­wein wie­der­um ins Club­heim ein.

Andreas Rüttenauer for DFB-Präsident!

Beim DFB wird das Präsidentenamt ja traditionell eher vererbt bzw. bestimmt der scheidende Präsident seinen Nachfolger (fast hätte ich hier unpassenderweise gegendert, elender Männerhaufen…). Auch diesmal gibt es eigentlich schon einen designierten Nachfolger, denn der amtsmüde Theo Zwanziger, dessen größtes Verdienst es für immer bleiben wird, dass er im Gegensatz zu seinem Vorgänger Mayer-Vorfelder kein Nazi war, hat mit Generalsekretär Wolfgang Niersbach bereits einen Nachfolger auserwählt. Der ist auch immerhin fünf Jahre jünger als Zwanziger und dürfte damit für einen generationellen Umbruch nahezu ideal sein…

Doch aus der Tiefe des Raumes ist ein Gegenkandidat aufgetaucht: Andreas Rüttenauer, vielen bekannt als Sportredakteur der taz.

Unterstützt wird seine Kandidatur u.a. von Jörg Thadeusz und Gesine Lötzsch, und wie es sich für einen solchen Anlass gehört, gibt es auch ein Manifest, das den schönen Titel „Fußball für alle! – Das Manifest des deutschen Fußballs 2020″ trägt:

Wir sind Fußballerinnen und Fußballer. Wir sind Fans. Wir interessieren uns für den Fußballsport. Wir gehen regelmäßig ins Stadion oder beobachten das Spiel, wenn ein großes internationales Turnier ansteht. Wir sind laut. Wir drücken heimlich einem Team die Daumen. Wir, die den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen entstammen, haben eines gemeinsam: Wir lieben den Sport.

Wir machen uns Sorgen!
Wir haben das Gefühl, der Fußball könnte uns entgleiten. Eine Handvoll Funktionäre bestimmt über unsere große Liebe, über unseren Sport. Das wollen wir ändern. Wir wollen den Fußball wieder zu einer Graswurzelbewegung machen. Der Fußball braucht echte Demokratie. Er muss von unten nach oben organisiert werden. Die Vereine, die Mitglieder, auch die der kleinen Klubs, sollen entscheiden können, wer im deutschen Fußball das Sagen hat. Es muss um den Sport gehen nicht um die Interessen einzelner Konzerne. Die ungebremste Kommerzialisierung darf den Fußball nicht auffressen. Im Amateursport schlägt das wahre Fußballherz. Der Hartplatz braucht im Wettstreit mit den Arenen mehr Gewicht.

Wir fordern eine lebendige Diskussionskultur!
Nur so kann der Fußball wirklich an der Lösung gesellschaftlicher Probleme mitwirken. Der Fußball mit seinen 6,5 Millionen organisierten Mitgliedern muss mitgenommen werden, wenn über Chancengleichheit und soziale Teilhabe gesprochen wird. Er kann gesellschaftliche Debatten auch befeuern, indem bestehende Probleme offen angesprochen werden. Antisemitismus, Rassismus und Homophobie werden noch allzu oft geduldet in den Kurven etlicher Stadien. Die Unterwanderung von Fußballvereinen durch Neonazis wird oft erst dann problematisiert, wenn sie von Medien skandalisiert worden ist. Wir wollen, dass Fußballstadien angstfreie Räume werden, und wir wissen, dass das nicht einfach wird.

Der Fußball braucht eine neue Ehrlichkeit!
Wir können die Schlagzeilen über die Machenschaften korrupter Funktionäre im internationalen Fußball nicht mehr hören! In deren Spiel wollen wir nicht mitmachen! Wer Reformen im Weltfußball anmahnt, braucht Glaubwürdigkeit. Der deutsche Fußball gewinnt nur dann an moralischem Gewicht, wenn er an sich selbst die höchsten Maßstäbe anlegt. Wir fordern ein Ende der Gutsherren-Mentalität im deutschen Fußball und ein Höchstmaß an Transparenz und Demokratie in der Verbandsarbeit. Wir wollen Licht in die Funktionärshinterzimmer bringen.

Der Fußball muss sich öffnen!
Wir wollen die machohafte Männerherrlichkeit, die in vielen Kurven und Kabinen herrscht aufbrechen. Fußball darf keine Männersache bleiben. Ein Verband, in dessen Präsidium nur eine Frau sitzt, darf den Fußball nicht repräsentieren. Fußball ist für alle Menschen da! Wir wollen allen Menschen das Gefühl geben, beim Fußball gut aufgehoben zu sein!

Wir wollen: Fußball für alle!

Philipp Lahm und die Homophobie


Die Gesellschaft zeigt sich betroffen und schockiert. Philipp Lahm, Kapitän der DFB-Auswahl, rät in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau schwulen Fußballprofis davon ab sich zu outen.

Christine Lüders von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zum Beispiel gibt sich enttäuscht bis vorwurfsvoll: „Wir hätten uns gewünscht, dass Herr Lahm motiviert hätte, solche Tabus zu brechen und gesagt hätte: Outet Euch, wir als Team fangen euch auf. Das wäre ein Symbol gewesen.” Auch der schwule Ex-NBA-Profi John Amaechi, meint Lahm angreifen zu müssen, als er von deutschen Journalist_innen darauf angesprochen wird: „Er muss doch ein Vorbild sein in seinen Äußerungen, oder er muss den Mund halten.“ Dutzende andere stoßen in das gleiche Horn. Was jedoch nahezu niemand tut, ist sich oder andere oder am besten Lahm selber nach seinen Beweggründen zu fragen.

Philipp Lahm engagiert sich seit Jahren gegen Homophobie und für die Aidshilfe. Es hat sich damit für einen Fußballprofi sehr weit aus dem Fenster gelehnt, denn für gewöhnlich engagieren die sich nur für schnelle Autos und hübsche Modelfreundinnen. Jedenfalls die, die es bis in die Zeitungen schaffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lahm, wenn er schwulen Profis von einem Coming Out abrät, aus eigener Erfahrung spricht ist doch sehr hoch. Egal wie hetero er auch sein mag, für echte Mackertypen ist er mit seinem Engagement gegen Homophobie schon viel zu schwul. Dass er selbst schon homophob beleidigt wurde, kann als sicher angenommen werden. Wer bei Google „Philipp La…“ eingibt bekommt als einen der ersten Vorschläge „Phillip Lahm schwul“ angeboten. Ein Mann muss nicht schwul sein, um unter Homophobie zu leiden. Homophobie richtet sich genauso gegen nicht-schwule Männer, die nicht in die Passform hegemonialer Männlichkeit(en) passen oder passen wollen.

Wenn Philipp Lahm sagt, er würde keinem seiner Kollegen zum Coming Out raten, dann nehme ich das ernst. Sehr viel ernster jedenfalls als wenn Theo Zwanziger oder irgendwelche Politiker_innen sensationslüstern nach dem ersten schwulen Fußballprofi in Deutschland rufen. Im Gegensatz zu ihnen weiß Philipp Lahm nämlich wovon er spricht, denn immerhin bewegt er sich als Fußballprofi selbst jeden Tag in der homosozialen, männerbündischen Welt des Männerfußballs. Er hört, was in der Kabine geredet wird. Er wird auf dem Spielfeld beleidigt. Er sieht, wie im Fußball Hackordnungen durch Härte, Stärke und anderen Männlichkeitskram organisiert werden.

Vielleicht hat er ganz einfach recht. Vielleicht ist die Zeit wirklich noch nicht reif für einen schwulen Fußballprofi in diesem Land. Mensch denke nur an die „Schwule, Schwule“-Gesänge Tausender Hansa-Fans gegen St. Pauli (und sicher auch bei X anderen Spielen), die im Fernsehen mehr als deutlich zu hören waren, aber von niemandem bei DFB oder in den Medien groß thematisiert wurden. Ganz so als gehörte so etwas halt dazu. Oder als würde es weg gehen, wenn nicht drüber geredet wird… Wenn es so ist, wenn die Zeit wirklich noch nicht reif ist, dann ist Philipp Lahm jedenfalls einer der letzten, die dafür verantwortlich ist. Verantwortlich sind nicht die Schwulen und nicht die, die sich gegen Homophobie engagieren. Verantwortlich sind die homophoben Menschen in den Vereinen und Verbänden, auf dem Spielfeld und auf den Rängen der Stadien.

Nachbericht zum Fankongress 2012


Über 500 Teilnehmende plus 75 Referent_innen und noch einmal so viele Vertreter_innen der Presse sprechen eine recht deutliche Sprache. Der Fankongress in Berlin am vergangenen Wochenende war eine ziemlich dicke Sache. Dass DFB, DFL und Sky ebenfalls mit mehr als nur Nebenfiguren vor Ort waren, verstärkt den Eindruck. Umso stärker fiel das Fernbleiben der Polizei auf. Deren Vertreter von der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze ließ sich leider kurzfristig entschuldigen. Schade, denn immerhin stellt Polizeigewalt doch eines der gravierendsten Probleme dar, mit denen der Fußball bzw. seine Fans sich gegenwärtig herumärgern müssen.

Doch lässt mensch die Zahlen und auch die hervorragende Organisation des Events durch Pro Fans für einen Augenblick in den Hintergrund treten, so bleibt der Eindruck, dass trotz allem wenig erreicht wurde in Sachen Faninteressen. Bei den entscheidenden Punkten, allen voran Pyrotechnik, Stadionverbote und Anstoßzeiten, gab es von institutionalisierter Seite nicht einmal den Hauch eines Einlenkens. Der Eindruck, der bereits im Vorgang durch die lächerliche Pseudostudie des DFB zum Thema Pyrotechnik entstanden war, bestätigte sich hier leider. All die guten und richtigen Argumente, die vorgebracht wurden, etwa dass es aller Panikmache zum Trotz beim Fußball heute nicht mehr sondern weniger Gewalt gibt als früher, werden so leider wie so oft mehr oder weniger ungehört verhallen, weil die Adressat_innen einfach wenig Interesse daran haben sich ihr schönes Geschäft Fußball von irgendwelchen dahergelaufenen Fans vermiesen zu lassen und zudem ein derart klischiertes Bild von Fankultur haben, dass sie die Wahrheit wahrscheinlich nicht einmal sehen würden, wenn sie selbst in der Kurve stehen müssten statt in der VIP-Lounge zu sitzen.

Dabei bot sich auf Fanseite selbst für kritische Beobachter_innen ein überwiegend positives Bild. Anhänger_innen ansonsten erbittert verfeindeter Vereine diskutierten miteinander und hingen friedlich zusammen herum, die Gänge des Veranstaltungsortes Kosmos waren erfüllt von einer offenen und freundlichen Atmosphäre und selbst die Frauenquote war für Ultraverhältnisse ziemlich hoch. Wenn auch auf niedrigem Niveau…

Durch die Anwesenheit von BAFF, FSE, FARE, Fußballfans gegen Homophobie und die Tatort Stadion-Ausstellung blieben anders als bei der Fandemo vor geraumer Zeit auch politische Themen nicht vollkommen außen vor. Es war jedoch auffällig, dass sich die organisierte Fanszene in den vergangenen Jahren gewandelt hat. War BAFF vor einigen Jahr noch der einzige nennenswerte Zusammenschluss von Fans oberhalb der Vereinsebene, so sind inzwischen durch Gruppen wie Pro Fans oder auch Unsere Kurve erheblich größere Teile der aktiven Fanszenen in den Diskurs eingebunden. Das Ganze hat allerdings den Preis, dass Themen wie der Einsatz gegen verschiedene Formen der Diskriminierung oder auch einfach nur eine klare Positionierung gegen Neonazis und andere extreme Rechte oftmals deutlich hinter fanpolitischen Themen wie der Pyrotechnikfrage zurücktreten müssen. Eine Tatsache, die es natürlich weiter zu kritisieren gilt.

Dennoch ist es durchaus ein Erfolg, dass sich heute mehr Fans und Fangruppen aktiv an solchen Diskussionen beteiligen und sich auch organisieren. Zum einen erhöht das die Chance bei DFB und DFL vielleicht doch irgendwann einmal Gehör zu finden. Zum anderen ist Teilhabe an gesellschaftlichen Prozesses – selbst wenn es „nur“ um Fußball geht – eine verdammt wichtige Sache. Die reibungslose Durchführung des Kongresses hat einmal mehr unter Beweis gestellt, dass die Fanszene im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends unserer Zeitrechnung ein ganz anderer Schnack ist als vor zwanzig oder dreißig Jahren. Sie kann nicht mit der gleichen Nichtbeachtung oder sogar Missachtung behandelt werden wie die unorganisierten Kurven der 1980er. Sie ist besser organisiert, besser vernetzt und um ein Vielfaches selbstbewusster als ihre Vorläufermodelle. Es wird Zeit, dass das auch auf institutionalisierter Seite wahrgenommen wird. Die organisierte Fanszene in Deutschland und Europa ist ein Faktor, der von den Verbänden, Vereinen und Ligen ernst genommen werden sollte, denn Fußball kann genauso wenig ohne Fans wie Fans ohne Fußball.

Pressemeldung von BAFF

Jetzt meldet auch das Bündnis aktiver FußballFans sich zu Wort in der Causa Schweinske Cup:

Das Bündnis Aktiver Fußballfans verurteilt den erneuten Einsatz von Pfefferspray in einer Menschenansammlung und kritisiert die Form der Berichterstattung zum Abbruch des Hamburger Hallenfußballturniers.

Bis auf wenige Ausnahmen wurden in den Medien statt selbst recherchierter Erkenntnisse lediglich Informationen der Polizei abgedruckt und nicht entsprechend gekennzeichnet oder der Text von Presseagenturen übernommen. Der durch die Verbindung von Halbwahrheiten mit Zahlen aus dem Polizeibericht entstandene Eindruck weicht deutlich von den Schilderungen der Betroffenen und Augenzeug_innen ab.

Weder die Rolle der Polizei noch eine Verantwortung des Veranstalters werden thematisiert und teilweise werden Abläufe nicht korrekt wiedergegeben.
Statt den Angriff der Vfb Lübeck- und HSV-Fans als solchen zu benennen, ist die Rede von einer zwischen allen drei Fanszenen verabredeten Auseinandersetzung im Hooligan-Style und ein politischer Hintergrund des Konflikts wird ebenso wie die diskriminierenden und judenfeindlichen Rufe der „Gäste“ komplett ausgeblendet. Auf die offizielle Stellungnahme des FC Sankt Pauli schließlich reagieren Teile der Presse mit Skepsis und einer Interpretation von einseitiger Schuldzuweisung.
Abgesehen davon, dass hier weder Boulevardmedien noch vermeintlich seriöse Zeitungen ihrem Auftrag nachgekommen sind, führt eine derartige Berichterstattung zu weiterem Misstrauen gegenüber der Presse.
Für besonders perfide erachten wir in diesem Zusammenhang – und dies nicht zuletzt unter den Eindrücken um die sog. Zwickauer Neonazi-Zelle und vor dem Hintergrund der Forderung couragierten Auftretens gegen Rechtsextremismus-, dass einzelne Medien die Aussage des Organisationsleiters und Sicherheitschefs vom FC Sankt Pauli, Nazis sollten im Sankt Pauli-Block durchaus auch „das Gefühl haben“, „gesundheitlichen Schaden“ zu nehmen, als allgemeine Legitimierung von Gewalt deuten.

Nachdem es im letzten Jahr bei Fußballspielen mehrfach zu Verletzungen durch den Einsatz von Pfefferspray in Menschenmengen kam – exemplarisch seien hier die Begegnungen Rot-Weiß Erfurt / Darmstadt 98, Hannover 96 / FC Bayern München und SGE Frankfurt / Karlsruher SC genannt –, stellen die Vorgänge in der Alsterdorfer Sporthalle einen neuen Negativrekord dar.
Vorgeblich als Distanzmittel zur Abwehr von „Störern“ und als Mittelweg zwischen körperlicher Abwehr durch Schlagstockeinsatz und Schusswaffengebrauch gedacht, wurde am Freitag in Hamburg Pfefferspray häufig präventiv und in Verbindung mit Schlagstöcken auch gegen vermeintlich nicht angreifende Menschen eingesetzt. Fehlende Zielgenauigkeit führte dazu, dass neben den angeblich abzuwehrenden Gewalttäter_innen auch Kinder, ältere Menschen und die Beschäftigten an den Verkaufsständen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Sowohl in der Halle als auch bei den Toiletten wurde Pfefferspray eingesetzt, das bis in den Umlauf zog. Beim Abtransport der FCSP-Fans wurde in einen voll besetzten S-Bahn-Wagen ebenfalls Pfefferspray gesprüht.
Mag es vom Standpunkt der Polizei aus noch nachvollziehbar sein, dass „gewalttätige“ Fußballfans durch solche Einsätze gesundheitlichen Schaden erleiden können, zeugt die Aussage Rüdiger Reedwischs von der Deutschen Polizeigewerkschaft zu den gesundheitlichen Risiken für Kranke von menschenverachtendem Zynismus: „ Wir können nicht jeden fragen, ob er irgendwelche Medikamente nimmt. Wer sich ordnungsgemäß verhält, kriegt kein Pfefferspray ab.“ (Neues Deutschland vom 9.11.2011)
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum bereits vor Beginn des Turniers eine derart hohe Anzahl an Krankenwagen vor der Halle stand.

Bedauerlicherweise führte die Expertenanhörung des Innenausschusses zum Einsatz von Pfefferspray im November letzten Jahres zu keinem positiven Ergebnis, so dass von weiteren willkürlichen Einsätzen auszugehen ist, bei denen lebensgefährliche Verletzungen von der Polizei in Kauf genommen werden.

Stellungnahme des FC St. Pauli

Es kommt selten vor, dass eine offizielle Stellungnahme sich noch drastischer liest als die Augenzeug_innenberichte zuvor, ddch in diesem Fall ist es mal so. Mit viel Akribie haben die Verantwortlichen beim FC St. Pauli einen Text verfasst, der eine detailiertere Übersicht über das Geschehene bietet als jeder andere Text zuvor. Es ist schlicht unfassbar, wie beschissen sich die Polizei verhalten hat und wie blind diverse Medien jeden Scheiß reproduzieren auf der Suche nach der wilden Fußballrandale (ganz schlecht heute auch die Süddeutsche Zeitung…). Der Verein findet da zwar andere Worte für, aber das gehört wohl dazu. Hier ein paar Auszüge:

…Es kam zu Schmährufen wie „Schwule, Schwule“, „Judenkinder“, „Zick Zack Zigeunerpack“ und Ähnliches. Ein Vorgehen seitens des Veranstalters oder der Polizei gegen diese Sprüche war nicht erkennbar. Auch hier müssen wir der o.g. Polizeimeldung widersprechen: Von Fans des FC St. Pauli wurde zu diesem Zeitpunkt keine Konfrontation mit den Lübecker Fans gesucht. Vielmehr hörten u.a. Journalisten auf der Westtribüne Gespräche Lübecker Fans mit, in denen diese sich gegenseitig darüber informierten, gar darüber lustig machten, wie einfach es sei, die Sperren zu umgehen und zu den St. Pauli-Fans zu gelangen. Diese Beobachtungen wurden der Polizei gemeldet, jedoch offensichtlich ohne einen erkennbaren Effekt…

…Kurz darauf trieb die Polizei die St. Pauli-Fans die Treppe hoch in den Eingangsbereich der Halle. Hierbei wurde ein 20-jähriger, der zur Toilette wollte, von einem Beamten mittels Quarzhandschuh o.ä. bewusstlos geschlagen. Andere Fans trugen den Bewusstlosen zum Rettungsdienst, der ihn ins Krankenhaus einwies, in dem er bis zum späten Abend des Folgetages verbleiben musste…

…Hier ist also festzuhalten, dass es sich bei dem in den Medien erwähnten und von Veranstalterseite beklagten „Sturm auf den VIP Bereich“ nicht um einen Versuch handelte, dort Straftaten zu begehen, sondern um eine Flucht vor der heranrückenden Polizei. Hierbei wurden auch Verletzte aus dem Hallenumlauf in Sicherheit gebracht, u.a. ein 72-Jähriger Mann, der durch Reizgas stark angegriffen war. In dieser Situation wurde auch ein Mitglied des Aufsichtsrats des FC St. Pauli von mehreren Knüppelschlägen getroffen…

…Es wird deutlich, dass sich der Gesamtablauf deutlich komplexer darstellt, als er kurz nach den Ereignissen in der Öffentlichkeit zusammengefasst wurde. Der FC St. Pauli ist der Ansicht, dass der Beginn der Auseinandersetzungen auch durch handwerkliche Fehler in Planung und Durchführung seitens des Veranstalters und der Polizei ermöglicht wurde. So hat man die verhältnismäßig kleine Lübecker Gruppe viel zu lange ungestört agieren lassen und diese sogar im Nachhinein unbehelligt wieder zum Hauptbahnhof gebracht. Hierfür fehlt uns jedes Verständnis…

Die ganze Stellungnahme gibt es [hier].

So schön könnte Hallenfußball sein

So schön hätte der ganze Schweinske Cup sein können, wenn keine rechten Hools aus Lübeck oder Stellingen vor Ort gewesen wären…

Skandal beim Schweinske Cup

Medien- und Fanberichten zufolge ist es am heutigen Abend etwa 80 Hools von VfB Lübeck und Hamburger SV in Zusammenarbeit mit der Hamburger Polizei gelungen, die Gewalt beim diesjährigen Schweinske Cup derart eskalieren zu lassen, dass das Turnier abgebrochen werden musste.

Die Polizei schaffte es erst nicht einen Angriff der Hools, die auch vorher schon durch homophobe, nationalistische, antiziganistische und wasnichtnochalles Sprüche aufgefallen waren, auf den St. Pauli-Block zu unterbinden und entschied sich danach dazu lieber auf die Anhänger des Hamburger Stadtteilvereins loszugehen während die rechten Aggroprolls freie Bahn hatten und sich einzelne St. Paulianer_innen greifen konnten bzw. dies zumindest versuchten.

Dass es danach zu weiterer Gewalt in der und auch um die Halle kam und dabei sicher auch Anhänger_innen des FC St. Pauli nicht nur defensiv agiert haben, ist nur eine logische Konsequenz daraus, dass die Polizei von Anfang an nicht geschnallt hat, von wem hier das Bedrohungspotential ausgeht. Wer – wie in diesem Fall – rechte Schläger_innen schützt und sie mehr oder weniger frei herumprügeln lässt, ist a) auf dem rechten Auge zumindest halbblind und zudem voll und ganz dafür verantwortlich, wenn die Lage eskaliert.

Dass es von vornherein eine dumme Idee war, den VfB Lübeck einzuladen, von dem leider nur zu gut bekannt ist, dass dort eine ganze Menge rechtes Pack herumlungert und das nicht erst seit gestern, kommt hinzu… Trotzdem trifft die Hauptschuld auf organisatorischer Seite ganz klar die Hamburger Polizei, die das erstens hätte kommen sehen können und zweitens wenigstens halbwegs angebracht hätte reagieren können. Kein Wunder, dass diese Truppe von uniformierten Raufbolden nicht nur von ganz Berlin gehasst wird…

Einen sehr persönlichen, aber ungemein lesenswerten Bericht gibt es auf dem Blog magischerfc, einen kurzen Kommentar bei Supra und auch die Mopo und der NDR haben schon was am Start. Da wird die Tage sicher noch einiges zu geschrieben werden…

Edit: Interessant auch der Bericht bei Sitzblogade.

Edit 2: Sehr viel Richtiges sagt auch der Artikel auf Publikative.

Edit 3: In der immer größer werdenen Welle von Artikeln sei hiermit der Kommentar des Übersteigers besonders empfohlen!

PS: Fickpisse!

Ultras aus Trier gegen RB Leipzig


Die Ultras von Eintracht Trier, die ja neulich erst durch geistigen Tiefflug aufgefallen sind, machen mal wieder von sich reden. In einem offenen Brief an den Verein fordern sie die Absage eines Teststpiels gegen RB Leipzig.

Die Gruppe Insane Ultra bezeichnet den Verein darin als „eine Vernichtungsmaschine der Traditionsvereine“, als „traditions-und seelenlos“ und als „Traditionszerstörer“. Mal ganz abgesehen von der inhaltlichen Redundanz stellt sich doch mal wieder die Frage, was denn so großartig schützenswert an „Tradition“ bzw. „Traditionsvereinen“ sei. Für gewöhnlich, so meine persönliche Erfahrung, ist das allermeiste, was in diesem Land unter Tradition fällt, egal ob Schützenfest, Tanzverbot an Karfreitag oder pogromartige Ausschreitungen, nicht mehr und nicht weniger als ein großer Haufen Scheiße.

Zwar ist es verständlich, dass die Anhänger_innen eines Vereins wie Eintracht Trier, der gegenwärtig in der vierten Liga vor sich hin dümpelt, sich gerne an bessere Zeiten erinnern, aber unter uns gesagt ist es bei einem Verein, der erst 1948 gegründet worden ist mit der Tradition auch nicht so weit her. Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg sind da durchaus älter… Dass Eintracht Trier als ehemaliger Erstligist eine durchaus beachtenswerte Geschichte hat, soll dabei gar nicht unter den Teppich gekehrt werden. Die Frage ist nur, was das heißen soll. Auch der Eimsbüttler TV und Bremerhaven 93 waren mal erstklassig. Ein automatisches Anrecht auf sportliche Relevanz lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Es gibt in diesem Land einfach viel mehr Vereine, die irgendwann einmal eine große Zeit hatte, als es Platz in den oberen Ligen gibt. Wenn sich Insane Ultra auf die „ruhmreiche Tradition“ ihres Vereins berufen, dann ist das eher ein Zeichen dafür, dass es in der Gegenwart nichts zu holen gibt, als ein gutes gutes Argument. In einer kapitalistisch verfassten Fußballökonomie spielt Geld halt eine entscheidende Rolle und RB Leipzig spielt das Spiel halt etwas erfolgreicher als Eintracht Trier. Daran werden auch kein Boykott und kein Wutbürger_innentum was ändern. Daran etwas ändern kann und wird einzig die Überwindung des Kapitalismus. Da das aber wohl noch eine Weile dauern wird, müssen wir uns wohl oder übel vorerst damit abfinden, dass es beim Fußball auch oder sogar vor allem um wirtschaftliche Interessen geht.

Noch übler wird es in dem Schreiben jedoch, wenn die Gruppe sich ernsthaft auf „Werte wie Ehre und Tradition“ bezieht. Eigentlich fehlt da nur noch der „Ruhm“… Ein derart wertekonservatives und genuin rechtes Argumentationsmuster entlarvt Insane Ultra als das, was sie sind: Ein Haufen homophober, regressiver Volldepp_innen. Dass sie da etwas gegen einen Verein wie RB Leipzig haben, verwundert nicht. Kapitalismuskritik von rechts hat ja noch nie so richtig funktioniert und brauchte auch schon immer das personifizierte Böse, das außerhalb der eigenen Werte- und/oder Volksgemeinschaft verortet werden konnte. Früher waren es „die Juden“ und das „raffende Kapital“, heute sind es Red Bull, Hopp, die „Heuschrecken“ und die „internationalen Monopole“. Dumm bleibt halt bekanntlich dumm…

Hier passend zum Thema noch ein Video einer ultrabescheuerten Choreo beim Pokalspiel Eintracht Trier gegen TuS Koblenz:

PS: Noch ein catchy Slogan zum Mitschreiben: Ultra queer statt Ultras Trier!

Neonazis greifen TeBe-Fans in Frankfurt/Oder an

Am Dienstag, dem 27.12., kam es in Frankfurt/Oder im Rahmen eines Hallenturniers zu höchst unerfreulichen Vorfällen. Einen Text dazu aus dem Kreise aktiver Fans von Tennis Borussia Berlin, der es wert ist auch hier gepostet zu werden, gibt es auf dem Lila Kanal:

Am gestrigen Abend fand das “2. Krombacher Hallenturnier” des FC Union Frankfurt/Oder statt. Aufgrund diverser schlimmer Erfahrungen bei früheren Gastspielen von TeBe und zuletzt mehrfach Babelsberg 03 bestehende Befürchtungen hinsichtlich der Sicherheitssituation erwiesen sich leider als absolut berechtigt. Auch diesmal kam es zu massiven Angriffen durch Neonazis. Da deren Anwesenheit voraussehbar war, ist das (Nicht-)Verhalten der örtlichen Polizei der eigentliche Skandal des gestrigen Abends.

Während des gesamten Turniers, welches um 17 Uhr begonnen hatte, wurden TeBe-Fans bereits vor der Halle oder am Getränkestand bedroht, immer wieder fielen rassistische und antisemitische Parolen. Personen mit eindeutig rechtsradikaler Kleidung sowie Merchandising vom Frankfurter FC Viktoria 91 hatten sich ein Kleingruppen über die ganze Halle verteilt, interessierten sich sichtlich wenig für das Geschehen auf dem Parkett und schickten immer wieder Späher in Richtung des TeBe-Blockes. Diese provozierten dort und forderten demonstrativ via Handy weitere „Kameraden“ an, dem Gesprächspartner ankündigend, dass „es hier heute Abend noch krachen wird“. Die Provokationen wurden im Laufe der Zeit immer heftiger und als sich eine größere Anzahl Hooligans des FFC Viktoria in den TeBe-Block begab und sich gleichzeitig vor dem Hallenausgang eine größere Gruppe formierte, war die Situation so bedrohlich, dass das TeBe-Team seine Teilnahme am Turnier abbrechen musste.

Um eine Attacke am Hallenausgang zu vermeiden wurden die Fans dann gemeinsam über den Innenraum der Halle durch die Spielerkabinen in Richtung Bus geleitet. Rund um selbigen sammelten sich binnen kürzester Zeit dreißig bis vierzig Neonazis, welche die Abreise des Busses zu verhindern versuchten, indem sie das Tor des Parkplatzes schlossen und die TeBe-Fans mit Steinen und pyrotechnischen Gegenständen bewarfen. Es dauerte sehr lange, bis die nach langer Zeit endlich eingetroffene und massiv überforderte Polizei die Abfahrt gewährleisten konnte und diesen anschließend aus Frankfurt/Oder herauseskortierte.

Insgesamt sind die Sicherheitsvorkehrungen als Skandal schlechthin zu bezeichnen: Um eine Situation zu vermeiden, in der sich die TeBe-Anhänger selber verteidigen müssen, hatte man bereits im Vorfeld vehement auf das durch den Anhang des FFC Viktoria ausgehende Gefahrenpotenzial hingewiesen. Die zugesicherte Polizeipräsenz fand dann aber nicht nur nicht statt, sondern die Polizei reagierte nicht einmal auf mehrere Anrufe auf der zuständigen Wache, die von einer massiven Zuspitzung der Situation berichteten und dringlichst polizeiliche Unterstützung anforderten. Erst anderthalb Stunden später, kurz nach 21 Uhr, erschien sie dann endlich vor Ort und konnte gerade noch verhindern, dass der Bus gestürmt wurde. Letztlich ist es nur dem besonnenen Handeln der Tebe-Fans zu verdanken, dass bis zum Erscheinen der Polizei niemand zu Schaden kam.

Weshalb die Polizei es für überflüssig hielt, von Anfang an zumindest in geringer Zahl Präsenz zu zeigen, ist unbegreiflich. Fast ein Wunder, dass der Angriff letztendlich keine schwereren Verletzungen zur Folge hatte. Jeder, der das rechtsradikale und gewaltaffine Umfeld des FFC Viktoria nur ansatzweise einzuschätzen weiß, konnte sich an fünf Fingern abzählen, dass dieses das Turnier natürlich dazu nutzen würde, TeBe-Anhänger anzugreifen. Lediglich die Polizei war zu dieser Lageeinschätzung entweder nicht fähig oder willens – und macht Frankfurt/Oder mit ihrer Kopf-in-den-Sand-Strategie zu einem verdammt gefährlichen Pflaster für jeden, der den ortsansässigen Nazis und Hooligans nicht in den Kram passt.



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