
Die Gesellschaft zeigt sich betroffen und schockiert. Philipp Lahm, Kapitän der DFB-Auswahl, rät in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau schwulen Fußballprofis davon ab sich zu outen.
Christine Lüders von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zum Beispiel gibt sich enttäuscht bis vorwurfsvoll: „Wir hätten uns gewünscht, dass Herr Lahm motiviert hätte, solche Tabus zu brechen und gesagt hätte: Outet Euch, wir als Team fangen euch auf. Das wäre ein Symbol gewesen.” Auch der schwule Ex-NBA-Profi John Amaechi, meint Lahm angreifen zu müssen, als er von deutschen Journalist_innen darauf angesprochen wird: „Er muss doch ein Vorbild sein in seinen Äußerungen, oder er muss den Mund halten.“ Dutzende andere stoßen in das gleiche Horn. Was jedoch nahezu niemand tut, ist sich oder andere oder am besten Lahm selber nach seinen Beweggründen zu fragen.
Philipp Lahm engagiert sich seit Jahren gegen Homophobie und für die Aidshilfe. Es hat sich damit für einen Fußballprofi sehr weit aus dem Fenster gelehnt, denn für gewöhnlich engagieren die sich nur für schnelle Autos und hübsche Modelfreundinnen. Jedenfalls die, die es bis in die Zeitungen schaffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lahm, wenn er schwulen Profis von einem Coming Out abrät, aus eigener Erfahrung spricht ist doch sehr hoch. Egal wie hetero er auch sein mag, für echte Mackertypen ist er mit seinem Engagement gegen Homophobie schon viel zu schwul. Dass er selbst schon homophob beleidigt wurde, kann als sicher angenommen werden. Wer bei Google „Philipp La…“ eingibt bekommt als einen der ersten Vorschläge „Phillip Lahm schwul“ angeboten. Ein Mann muss nicht schwul sein, um unter Homophobie zu leiden. Homophobie richtet sich genauso gegen nicht-schwule Männer, die nicht in die Passform hegemonialer Männlichkeit(en) passen oder passen wollen.
Wenn Philipp Lahm sagt, er würde keinem seiner Kollegen zum Coming Out raten, dann nehme ich das ernst. Sehr viel ernster jedenfalls als wenn Theo Zwanziger oder irgendwelche Politiker_innen sensationslüstern nach dem ersten schwulen Fußballprofi in Deutschland rufen. Im Gegensatz zu ihnen weiß Philipp Lahm nämlich wovon er spricht, denn immerhin bewegt er sich als Fußballprofi selbst jeden Tag in der homosozialen, männerbündischen Welt des Männerfußballs. Er hört, was in der Kabine geredet wird. Er wird auf dem Spielfeld beleidigt. Er sieht, wie im Fußball Hackordnungen durch Härte, Stärke und anderen Männlichkeitskram organisiert werden.
Vielleicht hat er ganz einfach recht. Vielleicht ist die Zeit wirklich noch nicht reif für einen schwulen Fußballprofi in diesem Land. Mensch denke nur an die „Schwule, Schwule“-Gesänge Tausender Hansa-Fans gegen St. Pauli (und sicher auch bei X anderen Spielen), die im Fernsehen mehr als deutlich zu hören waren, aber von niemandem bei DFB oder in den Medien groß thematisiert wurden. Ganz so als gehörte so etwas halt dazu. Oder als würde es weg gehen, wenn nicht drüber geredet wird… Wenn es so ist, wenn die Zeit wirklich noch nicht reif ist, dann ist Philipp Lahm jedenfalls einer der letzten, die dafür verantwortlich ist. Verantwortlich sind nicht die Schwulen und nicht die, die sich gegen Homophobie engagieren. Verantwortlich sind die homophoben Menschen in den Vereinen und Verbänden, auf dem Spielfeld und auf den Rängen der Stadien.